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Das gotische Paradies

Kaffeebaron, Freimaurer, Millionär – das alles müsst ihr heute nicht mehr sein, um die Quinta da Regaleira in Sintra (Portugal) zu bewundern. Dafür sind die Vorliebe für Gotik und Renaissance, mystische Symbolik, verwunschene Gartenarchitektur und unterirdische Grotten völlig ausreichend. Zum Glück schwärmte ein befreundetes Grufti-Pärchen von der Quinta da Regaleira dermaßen in den höchsten Tönen, dass wir gar nicht anders konnten als bei unserem Lissabon-Kurztrip einen Abstecher ins touristisch hocherschlossene Sintra zu machen. Wir konnten feststellen: ist das Grundstück erstmal groß genug, verteilen sich die Menschen auch gleich viel besser. Vor allem wenn es am Berg liegt und sich vieles IN diesem abspielt. Dann verschwinden die Touristen einfach, was ich als sehr angenehm empfand. Hier und da krabbelt zwar auch mal wieder einer aus dem Berg heraus, aber dafür fallen anderswo welche ins Wasser … für die natürliche touristische Auslese ist also gesorgt. 😆

Die Quinta da Regaleira ist ein gotisches Paradies – eine andere Welt. Ihr Erbauer António Augusto Carvalho Monteiro wollte mit der Gartenarchitektur eine Art Portal schaffen in die metaphysische, also übersinnliche und in seinem Sinne wohl auch okkulte Welt. Hier ist es nicht nur üppig grün, sondern die düsteren, verwunschenen Gänge, Grotten und symbolbeladenen Ecken versprühen einen mystischen Charme, der mich total verzauberte und die Phantasie beflügelte… Du bist drei Stunden drin und merkst es nicht. Magisch!

Der Ort

Villa, Palacio oder lieber gleich eine Burg? Sintra hat alles!

In das kleine Städtchen am Fuße des Sintra-Gebirges verliebten sich schon Lord Byron, Richard Strauss oder Hans Christian Andersen. Sintra ist von Wäldern umgeben, hat gute feuchte Böden, die alle Pflanzen üppig sprießen lassen und von seinen vielen Hügeln hat man bei sonnigem, wolkenfreien Himmel einen schönen Blick auf den Atlantik und den Tejo. Im Sommer weht hier immer ein kühler Atlantikwind und es ist nicht ganz so heiß wie in Lissabon. Sintra liegt nur ca. 25 km entfernt von der Hauptstadt. So wurde es im 15. Jahrhundert zur Sommerresidenz des portugiesischen Königshauses –> „Royal Retreat“ 😉 würde man heute dazu sagen. Und wo die Könige sind, ist der Adel nicht weit. Viele reiche Bürger bauten in den „Bergen“ Sintras ihre Herrenhäuser und Paläste mit prächtigen Gärten.

Diese nackte Verlockung erwartet euch auf dem Weg zur Quinta da Regaleira

Heute ist Sintra UNESCO-Weltkulturerbe. Völlig zu recht. Die Stadt ist wirklich romantisch und besitzt morbiden Charme, denn mal abgesehen von den königlichen Palästen und Villen nagt an vielen Gebäuden der Zahn der Zeit. Manche stehen auch leer und weckten die Begehrlichkeiten der Planetenkönigin. 🙂 Wir nahmen uns Zeit, die menschenleeren Ecken und Seitengassen Sintras zu entdecken. Etwas weiter entfernt vom Stadtinneren wirkt der Ort an manchen Stellen hübsch verschlafen, als würde er in der Sonne vor sich hindösen wie ein verfallendes Paradies. Touristisch überlaufen ist er wegen der royalen Sommerresidenzen – angefangen vom optisch etwas disneyhaften Palácio Nacional da Pena über den Palácio Nacional de Sintra und der Villa Palácio de Monserrate und bis zu einer maurischen Burgruine oben auf dem Berg, dem Castelo dos Mouros. Die meisten Tagesausflügler werden in Bussen zum Palácio Nacional da Pena gekarrt und für die Quinta da Regaleira bleibt ihnen dann weder Zeit noch Kraft. Von daher hält sich das Begängnis hier noch in Grenzen.

Solltet ihr nur einen Tag in der Stadt haben – so wie wir – dann lasst euch ein wenig durch das Städtchen treiben und konzentriert euch palácio-mäßig auf die Quinta da Regaleira. Nachdem ihr meinen Blogbeitrag gelesen habt, gleitet ihr sowieso auf eurem eigenen Sabber bis dahin. 😛 Hier gleich mal ein paar Bilder zum Aufwärmen…

 

Die Geschichte und der visionäre Besitzer

Ich informiere mich selten vorher über die Geschichte meiner Reiseziele – ich möchte sie gern ‚unvoreingenommen‘ auf mich wirken lassen. Daher wusste ich praktisch nix über die Anlage, außer dass sie von einem reichen Freimaurer (gab es auch arme Freimaurer?) erbaut wurde, gotische Architektur hat und dass es einen tiefen Turm in die Erde hinein gibt, den man an der Seite hinabsteigen kann, der für Initiationsriten erbaut und genutzt wurde. Der Brunnen und die Aussicht auf einen schönen Garten waren reizvoll genug. Trotzdem hätte eine Packung Geschichte vorher nicht geschadet, dann hätte ich mit den Symbolen und der Gartenarchitektur noch mehr anfangen können. Hier hat nämlich alles einen Sinn und nichts ist zufällig.

Die „Quinta da Regaleira“ hieß ursprünglich „Quinta da Torre“ – übersetzt in etwa „Anwesen mit Turm“. Türme gibt es mehrere und ich konnte leider nicht herausfinden, welcher dieser älteste Turm ist. Das Anwesen wurde umbenannt, als die 1. Baroness Regaleira, D. Ermelinda Monteiro de Almeida, das Anwesen 1840 kaufte. Die Regaleiras waren eine reiche, adlige Handelsfamilie aus Porto. Die Ermelinda nahm schon mal ordentlich Geld in die Hand und verwandelte die Quinta da Regaleira in eine elegante Sommerresidenz mit einem prachtvollen Haus und einer Kapelle.

Antonio Augusto Carvalho Monteiro (1848-1920)

Etwas mehr als 50 Jahre später – 1893 – erwarb António Augusto Carvalho Monteiro (1848-1920) das mittlerweile mit Hypothekenschulden belastete Anwesen. Antonio Carvalho Monteiro war einer der reichsten Männer, die je in Portugal gelebt haben. Schon zu Lebzeiten wurde er „Monteiro, o millionario“ (Monteiro der Millionär) genannt. Als gebürtiger Brasilianer entstammte er einer portugiesischen Handelsfamilie, die in Brasilien ein Vermögen angehäuft hatte mit Kaffee und Diamanten. Ihm verdanken wir diesen einzigartigen Augenschmaus, das symbolbeladene Paradies der Quinta da Regaleira.

Er ergänzte das Anwesen durch einige der umliegenden Grundstücke auf insgesamt 4 Hektar, um seinen Grundriss fünfseitig zu machen. Auch wenn es nicht wie ein Fünfeck aussah, so hatte die Zahl 5 für Monteiro ziemlich sicher eine Bedeutung. Die Fünf ist die Zahl der Vollkommenheit. Sie und ihr geometrisches Symbol das Fünfeck sowie das „darin befindliche“ Pentagramm sind das formbestimmende Prinzip der organisch belebten Natur. Überall sehen wir das 5er-Prinzip – angefangen von einem Kerngehäuse des Apfels (einfach mal quer durchschneiden 🙂 ) über unzählige fünfblättrige Blüten und Blätter (Kastanie, wilder Wein) bis hin zu unseren Händen mit fünf Fingern. Ist euch noch nie aufgefallen? Tja, mir bisher auch nicht. Aber ich finde es faszinierend, wo man das 5er-Prinzip überall findet. Und die Magie der Natur hatte für unseren Millionär große Bedeutung…

António Augusto de Carvalho Monteiro mit seinem Insektenkunde Equipment. Datiert auf den 7. August 1870. (via Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Zwar studierte Antonio Monteiro Rechtswissenschaften an der portugiesischen Coimbra Universität, aber er hatte ganz andere Leidenschaften als Paragraphen und Gesetzestexte – er interessierte sich für die Natur, besonders für Insekten, Muscheln, Schnecken und Vögel. Während seines Studiums in Portugal reiste er auch nach Dresden, um Otto Staudinger zu besuchen, den bedeutendsten deutschen Schmetterlingskundler des späten 19. Jahrhunderts. Er besaß damals die größte Insektenhandlung (!) der Welt. Das beflügelte Antonio Monteiro selbst Schmetterlinge und Motten zu sammeln, was ihm dank des nötigen Kleingelds nicht schwer fiel. Seine Kollektion sollte sich zur zweitgrößten der Welt entwickeln. In seinem Herrenhaus in Lissabon beherbergte er über 10.000 Insekten und ein riesiges Herbarium. Monteiro war ein aktives Mitglied der portugiesischen Gesellschaft der Naturwissenschaften. Neben diesen galt seine Leidenschaft auch der Literatur (er besaß eine riesige Bibliothek), der Kunst (vor allem Gemälde und Uhren) und der Musik (besonders Richard Wagner). Zu seiner Zeit galt er sowohl als altruistisch, weil er die Armen bedachte, als auch exzentrisch, weil er sich z.B. die komplizierteste Taschenuhr der Welt (Leroy 01) anfertigen ließ.

Das Hexagramm als Leuchter – es spielt als Zaubersymbol in der Alchemie eine große Rolle

Schon lange Zeit vor dem Erwerb des Anwesens setzte sich der Freimaurer mit klassischer Mythologie, Esoterik und der Hermetik, einer religiös-philosophischen Offenbarungslehre, auseinander. Besonders die „technische Hermetik“, die in Freimaurer-Kreisen sehr beliebt war, muss ihn fasziniert haben. Die alten Schriften der „technischen Hermetica“ enthalten vorgeblich göttliches Wissen über verborgene Naturgesetze, Naturkräfte und okkulte Zusammenhänge und liefern praxisbezogene Anleitungen für Astrologie, Alchemie, Magie und Medizin. In der Hermetik herrscht der Glaube, dass die drei Ebenen – die physische, die geistige und die spirituell-übersinnliche – ineinander greifen und man nur in diesem Zustand Wissen und Erleuchtung erfahren kann.

Mit dem Kauf der Quinta da Regaleira wollte Monteiro seine Vision eines Ortes realisieren, an dem der Mensch in innerer Einkehr diese drei Ebenen erspüren und sich mit ihnen verbinden kann. Zunächst kaufte er sie als Sommerresidenz, später zog er komplett mit seiner Familie nach Sintra. Klar, ständig im phantastischen Paradies wohnen … hätt‘ ich auch gemacht!

Der Architekt

Zur baulich-gestalterischen Umsetzung seiner phantastischen Konzepte musste Antonio Monteiro eine gleichgestimmte Seele finden. Nicht so einfach, selbst für Millionäre. Zuerst engagierte er den französischen Landschaftsarchitekten Henri Lusseau, mit dessen Arbeit er aber nicht ganz zufrieden war. 1895 beauftragte er den Italiener Luigi Manini mit der Detailgestaltung des Palastes. Manini war Maler und Bühnenbildner, der sich an der Mailänder Scala einen Namen gemacht hatte und ebenfalls wegen der Oper nach Portugal kam. Er hatte auch eine Leidenschaft für die Architektur und entwarf schon in relativ jungen Jahren phantastische Gebäude auf dem Papier. In Manini fand Monteiro seinen Seelenverwandten.

Das Auge Gottes in der Kapelle

Luigi Manini konnte bei der Quinta da Regaleira, dem letzten Projekt seiner Laufbahn, seiner Phantasie freien Lauf lassen bei unbegrenztem Budget und dem vollen Vertrauen Antonio Monteiros. Der Millionär und Bauherr gab lediglich konzeptionell vor, was sein Palast und der Garten widerspiegeln sollte: die Entdeckungen und Reisen der portugiesischen Seefahrer, die Natur und ihre Pflanzen und Tiere, die Ikonographie der Freimaurer, Rosenkreuzer, des Templerordens und der klassischem Mythologie sowie die „andere Welt“ und ihre mystischen Wesen.

Manini verwandelte den Ort innerhalb von 10 Jahren zusammen mit zahlreichen Bildhauern, Steinmetzen und Handwerkern in ein landschaftliches „Bühnenbild“. Er nutzte beim Garten was die Natur bereits geschaffen hatte und setzte mit Türmen, Brunnen, Bänken, Weihern, Wasserfällen und gewundenen Wegen bauliche Akzente. Das alles wurde reich verziert mit Symbolen, Statuen, Tierwesen. Im Berg baute er vorhandene Grotten aus und legte unterirdische Seen und Labyrinth-Gänge an, erschuf Höhlen und kleine Wasserfälle. Wie ein Puzzle, dass sich zusammensetzt zu einer ganz eigenen Welt.

Monteiro und Manini verwendeten in der Quinta da Regaleira verschiedene Stile in-the-mix, auch Eklektizismus genannt: Gotik, Renaissance, Mittelalter, römische Antike und Manuelinik tanzen hier miteinander. Die Manuelinik ist ein prunkvoller Architekturstil, der nur im Königreich Portugal des frühen 16. Jahrhunderts auftrat. Benannt ist der manuelinische Stil nach König Manuel I. (reg. 1495–1521), der während der wirtschaftlichen und kulturellen Blütezeit Portugals an der Macht war. Es ist ein ganz eigener Architekturstil, der Elemente aus Gotik und Renaissance vermischt und auch die von den berühmten Seefahrern entdeckten Stile in anderen Ländern aufnimmt, z.B. indische und oder afrikanische Elemente. Die Manuelinik verwendet häufig gedrehtes Tauwerk und Seemannsknoten, aber auch maritime Motive wie Muscheln, Korallen, Wellen oder exotische Früchte und groteske, antike (Sagen-)Figuren wie Nixen, Sirenen, Uroboros (Kreis aus einer Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt). Viele dieser Motive findet man in der Quinta da Regaleira und schade, dass mir das alles bei meinem Besuch noch nicht so bewusst war. Wahrgenommen habe ich es natürlich trotzdem. Es gibt dort so viel zu sehen, dass es einem wirklich nicht langweilig wird. Wir nahmen uns ausreichend Zeit und brauchten drei Stunden insgesamt – sie vergingen ohne dass ich es bemerkte.

Der Garten

Ist das noch Mönchspfeffer oder schon was anderes?

Monteiro konzipierte den Garten nach dem Vorbild mittelalterlicher Initiationswege, die verschiedene Stationen zur inneren Einkehr – Brunnen, Bänke, Türme, Plateaus – miteinander verbinden. Die Bauten zwischen all dem Grün regen gut die Phantasie an, mal wollen sie beunruhigen, mal zum Staunen anregen. Es ist geheimnisvoll und ständig erwartet einen etwas Neues.

Mein Pflanzenherz hüpfte und ich konnte mich nicht sattsehen an dem vielen schönen Grün und den großen, alten Bäumen. Viele Eichen gibt es hier. Und was aussieht wie mutierter Mönchspfeffer mit den riesigen lila Blütenkolben (siehe Bild) ist keiner, sondern „Madeira-Natternkopf“. Natürlich auch Palmen und – fast unglaublich – sogar Baumfarne, die ich in Neuseeland lieben gelernt habe und in Europa bisher vermisste. Dass die hier wachsen! Es ist wirklich wie im Paradies. Hier plätschert ein kleiner Wasserfall, dort flimmert ein Weiher in der Sonne vor sich hin und da summsen Insekten im Blütentaumel.

Die Natur bleibt trotz all der faszinierenden Symbolik omnipräsent. Man kann sich wie auf einer Reise durch den Garten treiben lassen, während man sich selbst, die Natur und das Phantastisch-Übersinnliche entdeckt. Ab und zu müssen wir aber doch zur Orientierung mal auf den Plan schauen. Es ist scheinbar alles miteinander verbunden, aber wenn man nicht aufpasst, läuft man rein in den Berg, raus aus dem Berg, woanders rein in den Berg und an der vorherigen Stelle wieder raus aus dem Berg. 🙄

Im Wasser hinter der Brücke sind die verhängnisvollen Trittsteine zu sehen

Man kann auch noch weniger Glück, sozusagen richtig Pech haben: Wir wollten einen kleinen Teich mit Entengrütze überqueren, um in die Grotte am anderen Ufer zu gelangen. Es gab nur einen Weg mit Trittsteinen im Wasser hin und zurück. Gerade waren Menschen auf den Steinen unterwegs und wir warteten, um unsererseits zu überqueren. Kurz vor unserem Ufer rutschte eine Frau plötzlich von einem der Steine ab, verlor das Gleichgewicht und fiel nach hinten über in das Entengrützen-Wasser. Ich hätte gedacht, das Wasser ist so max. 30 cm tief – aber nein, es war mindestens doppelt so tief. Sie versank praktisch im Teichschmodderwasser. Ihr schockiertes Gesicht sprach Bände! Zwei Männer, die vor mir standen, halfen ihr aus dem Wasser. Was tat sie mir leid! Also ihr Sintra-Besuch war gelaufen. Sie war komplett durchnässt und tropfte aus allen Löchern. Am liebsten hätte sie geweint, das konnte ich ihr ansehen, aber weil so viele zusahen… ich hoffte für sie, dass jemand in ihrer Reisegruppe war, der ihr ein paar Klamotten ausborgen konnte. Denn bei dem kühlen Wind wurde es in den nassen Sachen sicher schnell sehr kalt… ich hatte genug gesehen und traute mich danach nicht mehr über die Steine. Nur M.Synthetic ließ sich nicht abschrecken und kam trittsicher rüber. Ich will euch jetzt nicht raten, beim Sintra-Besuch noch eine zweite Garnitur trockene Klamotten einzupacken… aber ein großes Handtuch wäre gut und sollte man auf Reisen durch die Galaxis ja eh immer dabei haben. 😛

Der Brunnen

… ist gar keiner, denn als Wasserspeicher wurde er nie genutzt. Stattdessen soll Monteiro ihn für freimaurerische Initiationsrituale erdacht haben, daher heißt er „Initiation Well“. Alles an diesem ‚Brunnen‘ ist symbolisch. Er wird auch „Inverted Tower“ genannt, ein umgedrehter Turm, der 27 Meter in die Erde ragt und vermutlich die Axis Mundi (Weltachse) verkörpern soll, die den Himmel mit der Erde verbindet. An seinen Seiten befinden sich 139 Treppen, um den Brunnen hinab oder hinauf zu steigen. Wenn man die drei Zahlen addiert (1+3+9) erhält man die Zahl 13, die für Transformation steht und in esoterischen Philosophien häufig den Tod und die Wiedergeburt symbolisiert. Der Brunnen hat 9 Etagen – zum Verschnaufen, wenn man ihn nach oben läuft – vom Dunkel ins Licht, zur Erleuchtung sozusagen. Diese 9 Etagen sollen sich auf Dante’s Göttliche Komödie beziehen und symbolisieren die neun Kreise der Hölle, die neun Bußbezirke des Fegefeuers und die neun Himmelsphären, die das Paradies bilden. (vgl. Wikipedia „Göttliche Komödie“ – auch so ein Buch, was ich noch lesen müsste…)

Ganz die Gruftis liefen wir natürlich lieber nach unten in Richtung Hölle. Das war auch weniger anstrengend. Unten ist ein Kompass über einem Templerkreuz in den Boden einmarmoriert. Ich habe als Planetenkönigin zwar ein Siegel, aber könnte an Symbolen schon noch eine Schippe drauf legen, wenn ich mir so den Monteiro angucke. Gleich mal finstere, symbolbeladene Literatur wälzen… 😉 Wenn man ein Stück weiter in den Berg hineinläuft kommt man durch dunkle Gänge vorbei an einem unterirdischen See. Dort fand ich einen (leider beigen) warmen Schal, den wohl so ein Selfie-Instagram-Mädchen fürs Foto abgelegt und dann vergessen hatte. Kam wie gerufen, denn ich war definitiv zu luftig gekleidet für diese Untergrundmission.

Der Brunnen in Orvieto – nur zum Vergleich

Ich habe irgendwo gelesen, dass es der einzige Brunnen sein soll, an dem man seitlich nach unten laufen kann. Das stimmt nicht! Wir sind in unserem Italien-Urlaub in Orvieto (Toskana) einen doppelt so tiefen Brunnen hinab- und hinaufgestiegen, den Pozzo di San Patrizio. Dieser wurde wirklich als Wasserspeicher genutzt, damit die Stadt im Falle einer Belagerung unabhängig ist. Er ist nicht so „verspielt“ und praktisch-schlicht von der Bauweise, aber wirklich tief. Der Brunnen und überhaupt das schöne Orvieto lohnen einen Besuch, denn dort gibt es auch die allerallerbeste Pizza der Welt (Pizzeria Antica arte napoletana).

Der Palast

Egal, von welchem Spot aus ich den Palácio da Regaleira beim Durchstreifen des Gartens sah – mir löste sich jedesmal der Unterkiefer. Sensationell! Und wie beim Essen hebt man sich das Beste bis zum Schluss auf.  😎 Die Fassade des Palastes ist sehr gotisch mit manuelinischen Elementen geschmückt: Zinnen, Türmchen, Wasserspeiern und einem 8-eckigen Turm. Und der Palast hat 5 Etagen. Zufall? Einer der Balkone wird von 4 in der Alchemie bedeutenden Tieren bewacht: Eidechse, Adler, Fledermaus, Hase. Man kann sich nicht sattsehen. Die Räume sind intensiv dekoriert und voller Natursymbolik.

One wall bears the alchemical adage “Visit the Interior of the Earth, and Rectifying (Purifying), you will find the Hidden Stone (True Medicine).” Nearby, a quote from an unknown source reads: “Lead me from illusion to reality, from darkness to light, from death to immortality.” (artsy.net)

Auch wenn Antonio Carvalho Monteiro nicht unsterblich war, so ist es die Quinta da Regaleira, die bis heute die Menschen inspiriert, fasziniert und motiviert sich selbst durch das Erleben der Natur zu entdecken und zu erleuchten. Ich kann jedenfalls sagen, dass ich ein tiefinnerliches glückliches Gefühl hatte am Ende des Rundgangs. Ich war wie vollgesogen mit dem vielen Grün und den herrlichen Pflanzen, den wunderschönen Bauwerken, der friedlichen und verwunschenen Atmosphäre. Und kam mir vor als würde ich strahlen. Zufrieden und gesättigt mit Eindrücken und dem Wissen, heute alles richtig gemacht zu haben, fuhren wir zurück nach Lissabon.

 

Das Grabmal

Monteiro und Manini blieben in Freundschaft verbunden. Sie waren beide im selben Jahr geboren, aber Manini lebte noch ganze 16 Jahre länger als Monteiro. Der Millionär ließ den Architekten auch sein Grabmal bauen, was man auf dem Cemiterio dos Prazeres bewundern kann. Das Grab ist nicht zu übersehen und es ist genauso eine Wucht wie die Quinta da Regaleira – nur eben etwas kleiner. 😀 Aber recht hoch und üppigst dekoriert, mit Statuen, Engeln, Eulen und einem wunderbar gearbeiteten Schädel auf Gebein (hinten). Der Türknauf an der Vorderseite zeigt laut Wikipedia eine Biene mit einem Totenkopf. Was für ein Unsinn, das ist ein Totenkopfschwärmer! Das sieht man schon an den Flügeln, die auch nicht zu einer Biene passen. Ein schönes Symbol jedenfalls für die Grabplatte des Schmetterlingsliebhabers Antonio Monteiro.

Wir haben einige Bilder von den Details des Grabmals gemacht, ohne zu wissen, dass hier der berühmte Millionär liegt. :mrgreen: In die Tür zur Gruft passt angeblich (auch laut Wikipedia) derselbe Schlüssel wie zum Palacio da Regaleiro und zu seinem Herrenhaus in Lissabon in der Rua do Alecrim. Den müsste man haben…

Route planen nach Sintra

Kurz vorm Bahnhof Sintra vom Zug aus entdeckt!

Wie ihr da hinkommt? Das ist ganz einfach: setzt euch in Lissabon am Bahnhof Rossio in den Zug bzw. die S-Bahn-Linie „Linha de Sintra“ und in 40 Minuten seid ihr völlig stressfrei in Sintra. Dabei bekommt ihr auch gleich das Vorstadtleben von Lissabon mit. Viele Portugiesen können sich ein Leben in der Stadt nicht leisten und fahren täglich mit dieser Linie in die Hauptstadt zur Arbeit. Man sieht gut, wie sich die Bevölkerungsgruppen von Station zu Station verändern. Sehr interessant.

Die Züge fahren alle 20 Minuten und günstig ist es auch noch – ca. 2,50 € pro Person/Fahrt.

Wenn ihr die Quinta da Regaleira touristenfreier genießen wollte, empfehle ich entweder sehr früh dort zu sein – die Quinta öffnet um 9:30 Uhr – oder in den Sommermonaten gegen 17 Uhr zu starten, es ist bis 20 Uhr geöffnet. In den Abendstunden werden es merklich weniger Menschen.

Alles Wichtige auf einer Seite zum Ausdrucken:

+++ GOTHIC GUIDE QUINTA DA REGALEIRA kostenlos hier herunterladen +++

Tipps zur Kleidung

1. Festes Schuhwerk ist gut, am besten trittsichere Wanderschuhe o.ä. Die Wege sind teilweise feucht und rutschig. Ich hatte normale Stadtschuhe an und war damit nicht so souverän unterwegs.

2. Dear Ladies, lieber etwas wärmer anziehen! Ein Schal und eine dickere Jacke/Pulli sind angebracht, denn im Berg ist es kühl und draußen wehen die Atlantikwinde. Ich hatte (Ende April) nur ein Tuch und ein Sommerjäckchen und habe gefroren.

Quellen: Wikipedia + artsy.net + cronologia sintrense + ruth-m-fuchs Blog

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7 Responses to Das gotische Paradies

  1. Shan Dark 10. Februar 2019 zu 22:33 #

    Hallo, ich danke Euch sehr für Eure Kommentare und freue mich, wenn ich inspirieren konnte! Den Tipp mit dem Sonnenschutz könnte ich noch aufnehmen… insbesondere im Sommer sicher sehr wichtig, die Sonne steht da wohl in einem fiesen Winkel in Portugal. 😉

    Liebe Grusels
    Shan Dark

  2. Ogami 5. Februar 2019 zu 15:19 #

    Tolles & vor allem so vielseitiges Reiseziel. Vielen Dank für die Inspiration 😉

  3. Kitsune-tsuki 5. Februar 2019 zu 01:15 #

    Toller Bericht.
    Jaa, Sintra ist schon was besonderes. War mit meiner Klasse im Sommer (erste Juniwoche) dort. Auch Lissabon war echt ein Fest für die Sinne. Wunderschöne Architektur. Man weis garnicht wo man zuerst hinschauen soll und die Speicherkarte kann nicht groß genug sein, ständig nur am knippsen.
    Leider waren wir nur eine Woche da und unsere Ausbilder haben viel zu viel eingeplant, weshalb wir die Eindrücke nicht so richtig geniesen konnten.
    Da mein Vater Afroamerikaner ist, hab ich normalerweise nie Probleme mit Sonnenbränden, aber in Portugal hatte ich das erste mal in meinem Leben (27) einen Sonnenbrand, mit Blässchen und sich abschälender Haut -_- Also besser guten Sonnenschutz, selbst bei eher dunkler Haut!

  4. Andreas 3. Februar 2019 zu 08:18 #

    Danke für den interessanten, echt super geschriebenen Beitrag! Beim Lesen dachte ich fast, ich bin mit Euch zusammen unterwegs. 🙂 Sehr beeindruckend, dieses gotische Paradies!

  5. Shan Dark 2. Februar 2019 zu 19:20 #

    Ich danke Dir – und muss feststellen: Du hast ja auch einen interessanten Blog. Hab ich gleich mal in der Blogroll festgenagelt. 😉

  6. octapolis 2. Februar 2019 zu 19:08 #

    Großartiger Post, schöne Bilder. Danke für den Ausflug! ;o)

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