Faszination Urbex – Lost Places und ihr Reiz

Wo liegt eigentlich Hoboken? Dieser Ort, der nach Frodo und irgendwo-in-Mittelerde klingt, befindet sich in New Jersey – besser gesagt, einen Steinwurf von Gotham City entfernt (= New York City). Dort lebt Roman, der eigentlich aus der Koblenzer Ecke kommt und vorher fast 20 Jahre in Mainz gewohnt hat. Trotzdem kennen wir uns bislang nur übers Internet – bei der Entfernung jetzt aber auch kein Wunder ;-).

Ich war jedenfalls total fasziniert, als ich Romans Bilder diverser Lost Places gesehen habe und als er mir dann noch erzählte, er sei kürzlich in den USA tatsächlich von der Polizei… aber ich will nicht zu viel verraten – davon wird Roman selbst in seinen zwei Gastbeiträgen berichten. Ich finde Lost Places und Urban Exploring sehr faszinös – aber habe von dieser Szene und den Beweggründen dahinter viel zu wenig Ahnung. Also habe ich Roman gebeten, seine Faszination zu erklären und diese Erklärung ist genauso beeindruckend und überzeugend geworden wie seine Fotos, die wohl zu den Schönsten hier auf dem schwarzen Planeten gehören dürften (bitte Bildrechte/copyright achten). 

Urban-Explorer-Stuhl„Als mir Shan Dark vor ein paar Tagen vorschlug, einen Gastbeitrag für ihren Blog über die Faszination von „Lost Places“ zu schreiben, nahm ich voller Begeisterung die Aufgabe an, um meine Passion einmal anderen näher bringen zu können. Allerdings musste ich beim Sortieren meiner Gedanken recht schnell feststellen, dass ich das gar nicht so in drei bis vier Worten ausdrücken kann, da die ganze Sache beim genaueren Hinsehen doch recht vielschichtig ist.

Zunächst ist zu erwähnen, dass es mittlerweile eine kleine aber feine Gemeinschaft Gleichgesinnter gibt, die sich mit auf Neudeutsch „Urban Exploring“ intensiver auseinandersetzen. Der überwiegende Teil dieser Entdecker dokumentiert die besuchten Örtlichkeiten fotografisch und veröffentlicht diese oftmals im Internet entweder auf eigenen websites, blogs oder in foto-communities. Es gibt dabei kaum eine Differenzierung zwischen den Geschlechtern: Männlein und Weiblein scheinen gleichermaßen vertreten zu sein.

Urban-Exploring-Urbex-AnzugMeistens werden die Lokalitäten wie geheime Schätze gehütet. Informationen über die genaue geografische Position und die Möglichkeiten, in die oftmals verschlossenen Anlagen hereinzukommen, sind oft nur nach Aufbau eines Vertrauensverhältnisses untereinander zu bekommen oder natürlich auch durch eigene Recherchen.

Als ich vor ca. fünf Jahren die ersten Fotografien von verlassenen und aufgegebenen Industrieanlagen, Krankenhäusern, Bunkern etc. bewusst wahrgenommen habe, war ich ziemlich schnell gefangen in meiner Faszination. Das war fast wie damals mit 16, als ich zum ersten Mal im „Logo“ in Koblenz mit den Sisters, Siouxsie, Dead Kenny’s, Bauhaus und Konsorten geimpft wurde.

Lost-places-tuerSeitdem habe ich viele (aber nie genug) solcher modernen Ruinen besucht, ausgekundschaftet und fotografiert. Wenn ich neuen Freunden und Bekannten von diesem Hobby erzähle, rümpfen viele, die damit noch nie zu tun hatten, erstmal die Nase: „Was findest Du denn an diesen Schrotthaufen?“. Wenn ich Ihnen dann ein paar Resultate meiner Entdeckungsreisen in Form von Fotos zeige, wird oft aus Verwunderung sogar Bewunderung und sie beginnen zu begreifen, was mich so fasziniert… Was ist es also, was die Sache so spannend macht?

Das, was sich insbesondere beim Betrachten von entsprechenden Fotografien offenbart, ist zunächst der scheinbare Gegensatz von Zerfall und Schönheit, der sich jedoch schnell auflöst und zu einer bizarren Kunstform verschmilzt. Viele Urban Explorer, die ich kenne, sind in der Tat gute und talentierte Fotografen, die es verstehen, genau diese Antipoden geschickt einzufangen, darzustellen und zu betonen.

Urban-Exploration-ArztstuhlAber die Sache geht denke ich weitaus tiefer.

Da ist zum einen die Entdeckungslust, die tief in jedem Menschen drin steckt, aber nur selten in der allzu gesättigten Gesellschaft nach außen dringt, sobald man die unbeschwerten Zeiten der Jugend und „Reife“ hinter sich gelassen hat. Hinzu kommt der Thrill, etwas „Verbotenes“ und potentiell auch Gefährliches zu tun, da die Örtlichkeiten oftmals in Privatbesitz sind und konsequenter Weise auch manchmal vom Einsturz bedroht sind. Ich für meinen Teil bevorzuge allerdings meine Entdeckungsreisen mit der Erlaubnis der Besitzer oder Verwalter anzutreten, das klappt allerdings leider nur allzu selten. Tatsächlich hat es auch schon den einen oder anderen fatalen Unfall gegeben. Es ist also definitiv Vorsicht geboten, und manche Schritte sollten wohlüberlegt sein.

Eine Gefahr ganz anderer Art ist natürlich auch noch die liebe Staatsgewalt, die zuweilen das unerlaubte Betreten der Gelände ahndet, sofern man erwischt wird. Auch ich habe schon eine solche unangenehme Erfahrung gemacht, dies soll aber das Thema einer Fortsetzung dieses Artikels sein.

Urbex-Klavier

Eine ehemals von Menschen benutzte, nun aber komplett verlassene Stätte ist wie ein lebensechtes Videospiel, bei dem man durch Gänge und Räume streunt, um nach einem noch unbekannten Etwas zu suchen, ein vergessenes Relikt, das nächste Motiv.

In der Tat ist es extrem spannend sich auf den Spuren früherer menschlicher Aktivitäten und Aufgaben zu bewegen, und dabei auf zurück gelassene Ausrüstung und Maschinen oder auch Trivialitäten – die kleinen Details, wie zurück gelassene Schuhe, Bücher, usw. zu stoßen. Dabei entfaltet sich Geschichte im Kleinen, dafür aber live und in Farbe (sofern denn genug Licht vorhanden ist ;-)).

Lost-places-theaterUrban Explorer konservieren so mit ihren Fotos oftmals Vergangenheit, dokumentieren den Zerfallsprozess und hinterlassen manchmal die letzten Beweise ehemaliger Strukturen. In der Tat werden viele der alten Gebäude früher oder später abgerissen, wenn sie nicht in Museen verwandelt werden, was allerdings nur in den seltensten Fällen passiert. Allerdings gibt es neben Verwitterung und Abrissbirne leider auch noch andere destruktive Kräfte wie stupiden Vandalismus.

Dies alles sind wichtige Faktoren in der Gleichung, doch für mich ist das Hauptmotiv hinter Urban Exploring tatsächlich ein Romantisches. Der Drang zum Obskuren, die Flucht vor Rationalität, das Bewusstmachen von Vergänglichkeit (übrigens fotografiere ich auch sehr gerne auf Friedhöfen ;-)) sind klassisch romantische Themen.

urban-exploring-roehrenDiese romantischen Eindrücke sind trotz des Stigmas des Verfalls und des Maroden auch der breiten Masse eingängig, so dass tatsächlich beispielsweise verlassene Industrieanlagen mehr und mehr auch als Kulissen für Modefotografie, Kinofilme, Plattencover etc. dienen.

Und somit schließt sich der Kreis: Wir sind alle hoffnungslose Romantiker, nur die Arten, diese Gedanken und Gefühle auszuleben und auszudrücken, unterscheiden sich.

In diesem Sinne hoffe ich, dass ich Euch die Faszination von „Urban Exploring“ etwas näher bringen konnte.

Wenn Ihr mehr Resultate meiner Exkursionen sehen wollt, könnt Ihr das gerne bei www.anshitsu.eu oder unter dem Flickr Profil „Trakylos“ tun.

Fairerweise möchte ich aber auch auf die Websites einiger meiner Freunde hinweisen, die wirklich exzellente Fotos geschaffen haben:

www.seinberg.net

www.mlambrosphotography.com/abandoned-hospital-photography

http://afterthefinalcurtain.net/

www.schattenlose.de

lost-places-industrieruine-panorama

Shan Dark: Lieben Dank für diesen tollen Artikel, der mir auch zeigt, dass Gothic und Urbex durchaus eine interessante Schnittmenge an Motiven und Hintergründen haben. Man muss sicher nicht Goth sein, um an Urban Exploring Spaß zu haben – aber es hilft ungemein 😉 Ich glaub, ich hab gerade eine neue Szene für mich entdeckt… und bin total gespannt auf den 2. Teil.

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11 Responses to Faszination Urbex – Lost Places und ihr Reiz

  1. Stefan 24. März 2011 zu 08:05 #

    Solche verlorenen Orte üben einen starken Reiz aus, das ist wahr. 🙂
    Falls Du die Seite noch nicht kennst: Auf http://www.geschichtsspuren.de/ (ehemals lostplaces.de) gibts jede Menge Berichte zu solchen Orten. Auch auf englishrussia.com wird oft über solche Orte (in Russland) berichtet.

  2. Guldhan 24. März 2011 zu 09:15 #

    In einem Wort: Wahnsinn.

    […]Meistens werden die Lokalitäten wie geheime Schätze gehütet. Informationen über die genaue geografische Position und die Möglichkeiten, in die oftmals verschlossenen Anlagen hereinzukommen, sind oft nur nach Aufbau eines Vertrauensverhältnisses untereinander zu bekommen oder natürlich auch durch eigene Recherchen.[…]

    Gerade dieser Abschnitt macht für mich die komplette Faszination dieses »Hobbys« aus.
    Man erhält die Unschuld dieser Gegenden. Erweckt diese nur kurzzeitig und borgt sich lediglich deren Atmosphäre. Anstatt sie danach vollends ins Rampensicht zu zerren und damit der unweigerlichen Vernichtung auszusetzen.

    Auch wenn Staatsgewalt und Privatbesitzer das anders sehen, aber einen größeren Respekt kann man diesen Lokalitäten nicht erweisen. Man formt mittels der Bilder behutsam eine Totenmaske, ohne dass die Totenruhe gestört wird.

  3. Madame Mel 24. März 2011 zu 09:39 #

    Diese besonderen Bilder von besonderen Orten sind der absolute Hammer. Selten so tolle atmosphärische Fotos gesehen. Die „Geisterhand“ an den Tasten des alten Klaviers finde ich genial! Werde mir die angegebenen Websites bei Gelegenheit näher in Augenschein nehmen. Macht Lust, mal wieder mit der Kamera bewaffnet ungewöhnliche Orte aufzusuchen.

  4. Pooly 25. März 2011 zu 19:59 #

    Das erinnert mich ein wenig an meine Kindheit.
    Wir haben öfters in einem verlassenen Lokschuppen gespielt, dessen Inneneinrichtung allerdings noch vorhanden war… bis auf die Loks natürlich 😉

  5. clerique noire 26. März 2011 zu 09:46 #

    Sehr schön & stilvoll in Szene gesetzt. Macht Lust auf mehr.

  6. Alexandra 26. März 2011 zu 18:10 #

    Toller Gastbeitrag zu einem faszinierenden Thema!
    Als Hobby-Fotografin fotografiere ich meistens Menschen, Blumen und Katzen (;-)) aber „Urbex“ übt schon geraume Zeit eine starke Anziehungskraft aus.

  7. Sandra 28. März 2011 zu 14:24 #

    Interessanter Artikel O_O
    Immer wenn ich Gotham City höre muss ich an Batman denken XD
    Lol – der Thrill, etwas „Verbotenes“ und potentiell auch Gefährliches zu tun –> spricht mir aus der Seele XD
    🙂

  8. shan dark 30. März 2011 zu 21:52 #

    @Guldhan: Wie du nur immer zu solchen Worten findest… sehr schön ausgedrückt mit Totenmaske ohne die Totenruhe zu stören und auch wahr ist, dass es nur eine geborgte Atmosphäre ist, die man einfängt.

    In einigen Urban Explorern stecken auch noch „Geo-Cacher“, die Urbex zusätzlich mit dem Thrill der „Schatzsuche“ verbinden (auch wenn es nur Filmdöschen sind). Und diese haben genauso wenig Interesse daran, dass die Locations=Verstecke bekannt oder eben „ins Rampenlicht gezerrt“ werden.

  9. Guldhan 31. März 2011 zu 10:31 #

    […]Wie du nur immer zu solchen Worten findest[…]

    Ich besaß wohl gute Lehrmeister.

  10. Heuni 5. April 2011 zu 13:13 #

    Absolut faszinierend und wirklich reizausübend.
    Bitte mehr davon. Bin sehr gespannt auf Teil 2!

  11. Schattenloser 5. April 2011 zu 22:50 #

    Der Artikel ist tatsächlich excellent!
    Ganz großes Kompliment an Roman für Fotos UND Bericht 🙂

    Als Lost-Places-Fotoästhet (;-)) stimme ich inhaltlich absolut zu.
    Da mir Roman leider als Tour-Begleiter nicht mehr zur Verfügung steht, freue ich mich über neue Kontakte für interessante Fototouren.

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