Nosferatu: Die Burg zum Film

Es war Zufall. Ich kurvte gerade durch das Märchenland, auch Slowakei genannt. Rechts zogen die Berge der Hohen Tatra vorbei – ich tagträumte beim Autofahren so vor mich hin. Plötzlich ertönte neben mir ein „UAAAAARRRRHH“. Ich blickte irritiert zum Beifahrersitz. Dort starrte mein Freund fassungslos auf unseren Slowakei-Reiseführer. „Ha! Weißt Du, was hier in der Nähe ist?“ (bedeutungsschwangere Pause, Auf und Ab-Bewegung des Reise-Necronomicons) „Die Burg auf der ‚Nosferatu’ gedreht wurde.“ 😯 Wusch! Nach dieser Ansage musste ich mit dem Auto erstmal die Straßenlage zurückgewinnen.

Tatsächlich behauptete unser toller Reiseführer in zwei kleinen Nebensätzen, dass circa 1,5 Stunden von uns entfernt, Fritz Lang 1921 die Szenen auf Graf Orloks Schloss gedreht habe – auf der Burg Orava. Aha. Zunächst galt es mal den Fehler zu finden. Aber solange sie im Reiseführer nur den Regisseur verwechselt haben, wollten wir über diesen Irrtum mal großzügig hinwegsehen. Überhaupt freuten wir uns viel zu sehr, dass wir diesen Drehort von „Nosferatu“ entdeckt hatten. Sonst war nämlich nirgends einen Hinweis darauf – auch in keinem anderen Reiseführer (nicht im Zweit- und nicht im Dritt-Reiseführer). Komisch. Also kamen wir unserer historischen Pflicht nach zu checken, wie viel Fleisch da überhaupt am Knochen dieser Behauptung ist. Als olle Gruselschinken-Kenner sollten wir ja in der Lage sein, das ein oder andere Eckchen auf der Burg mit dem Film in Verbindung zu bringen.

Arwaburg – gemalt von Thomas Ender (um 1860) – via Wikimedia Commons

Die Burg Orava (dt.: Arwaburg) befindet sich in der Nähe der Stadt Dolny Kubín in der Nordslowakei. Sie ist eine der schönsten slowakischen Burgen, was noch nichts Besonderes ist, denn die Slowakei verdichtet jede Menge davon in ihrem kleinen Land. Einzigartig ist ihre Lage und ihr Bau. Die Arwaburg thront weithin sichtbar auf einem steilen Kalksteinfelsen 112m über dem Fluss Orava/Arwa. Wegen ihrer grandiosen Lage wurde sie in Kriegen niemals eingenommen. Nähert man sich ihr von Osten – so wie wir – gibt sie genau dasselbe Bild ab wie in „Nosferatu“, als Hutter aus der Kutsche gelassen wird, um das letzte Stück Weg zum Burgtor zu gehen und ihn der Kutscher (Graf Orlok selbst) mit der Reitpeitsche auf die Burg weist.

Im Film: Graf Orloks Schloss/Burg – die Ähnlichkeit ist nicht zu verkennen

Foto von Milan Garbiar aus Liesek, Slovakia (Flickr) CC-BY-2.0, via Wikimedia Commons

Zu Fuße der Burg angelangt, stellten wir fest, dass sie durchaus ein Touristenmagnet ist. Mit uns warteten verhältnismäßig viele Besucher auf eine Besichtigung, die nur mit Führung möglich ist – eigentlich wie immer in der Slowakei. Fotos sind erlaubt, aber man zahlt extra (nicht viel). Führungen sind immer auf Slowakisch – wir bekamen dazu ein Infoblatt in Deutsch und eine hübsch aufgemachte Broschüre über die Burg Orava ausgehändigt. Ich durchforstete beide Materialien sorgfältig, ob dort irgendwas über „Nosferatu“, den Filmdreh oder Murnau zu finden war… aber nein. Das fand ich seltsam. Es kann eigentlich nur zwei Gründe dafür geben:

Entweder haben die Slowaken ihren Schock über den angeblichen Untoten Max Schreck bis heute nicht überwunden und ein Hinweis auf den Film wäre für die häufig sehr gläubigen Menschen eher abschreckend für einen Burgbesuch. Oder dieser alte Stummfilm ist bei den Slowaken kaum bekannt und kann deshalb nicht als Besuchermagnet fungieren. Ich tendiere zu letzterem. Stummfilme kennen ja heutzutage nur noch Liebhaber derselben – eine seltene Spezies. Jedenfalls blieb dadurch die Burg Orava als Drehort von „Nosferatu“ ein Geheimtipp. Was uns überaus gelegen kam 😀 .

Die Arwaburg wurde im 13. Jhd auf den Grundmauern einer großmährischen Burgstätte aus dem 9. Jhd. erbaut und diente wie das Dracula Schloss Bran als Grenzfestung – hier am Handelsweg nach Polen. Im Laufe der Jahre wurde sie von ihren verschiedenen Besitzern erweitert und besteht heute aus einem unteren, mittleren und oberen Burgkomplex, wobei der oberste der älteste ist. Von dort hat man einen wunderbaren Blick auf das Orava-Tal und das umliegende Roháce-Gebirge, also die vermeintlichen Karpaten im Film „Nosferatu“.

Einer der berühmtesten Burgbesitzer war übrigens die Adelsfamilie Thurzo, die auf der Burg Orava in der 2. Hälfte des 16. Jhd. einige Burgwände mit Sgraffitofassaden versah. Georg Thurzo war damals im ungarischen Reich der Chef im Ring und setzte auch dem zweifelhaften Treiben der Blutgräfin Bathory ein Ende.

Wie aufgrund der Lage nicht anders zu erwarten: es geht steil hoch zur Burg. Das untere Tor ist extrem wuchtig, hat aber zur Verniedlichung einen eisernen Drachen als Griff erhalten. Durch dieses Tor ging auch Hutter – voller Erwartung auf einen fetten Immobiliendeal mit dem skurrilen Grafen. Natürlich gingen auch wir hindurch – voller Erwartung auf jede Menge Burg zum Film.

 

 

Das erste Tor – dahinter ist…

…das Burgreich des Grafen

Dann passierten wir das 2. Tor und sahen den Tunnel, aus dem Graf Orlok wie aus dem Dunkel hervortritt, um seinen Gast aus Deutschland zu begrüßen. Im Tunnel stand bei uns aber nicht Graf Orlok, sondern eine alte Kutsche. Die war allerdings definitiv älter als der Stummfilm.

Der Tunnel mündet in einen Innenhof, in dem 1921 und im Film zu sehen auf einer Wiese noch Obstbäume standen. Sehr idyllisch. Leider heute ohne Burgobst.

Der Burg-Innenhof 1921 in „Nosferatu“

Es ist ein komisches, aber zugleich beschwingendes Gefühl, auf den selben Steinen zu wandeln wie 90 Jahre zuvor F.W. Murnau, Albin Grau, Gustav von Wangenheim und vor allem Max Schreck. Ich gehe dadurch jeden Schritt bewusster und laufe wie durch ein großes Geschenk aus echter Geschichte und Filmhistorie –  alles hübsch eingewickelt in alte Mauern. Der Film bedeutet mir sehr viel – ich liebe ihn! Daher bin ich wohl auch aufgeregt. Ab und zu versuche ich mich im Blick des Regisseurs, Kameramanns oder Zuschauers. Wie und was würde ich hier filmen? Wie bekommt man die sonnendurchflutete Burg schaurig in Szene gesetzt? Wo ist der Keller, in dem Hutter den schlafenden Nosferatu im Sarg entdeckt? Ich habe ihn leider nicht gesehen und bei Führungen lässt sich immer sehr schlecht nach etwas „suchen“.

„Sagen Sie mal: Wo gehts denn hier zur Gruft?“

 

Was übrigens Murnau, Schreck & Co. damals nicht wussten: sie standen und drehten auf unsicherem Terrain. Im Jahr 1800 hatte es in der Burg einen großen Brand gegeben und dadurch war die Burgstatik etwas aus den Fugen geraten. Erst Mitte des 20. Jhd. wurden diese Baufälligkeiten über lange 13 Jahre hinweg wieder instand gesetzt. Aber es ist ja nichts passiert! Außer ein paar Todesfällen in der slowakischen Nachbarschaft mit Vampirbissen am Hals :roll: , die jedoch nicht der mangelnden Burgstatik anzulasten und vielleicht auch gar nicht wahr sind.

Als ob die Burg Orava als Drehort von „Nosferatu“ nicht schon genug wäre – nein, sie hat auch noch jede Menge innere Werte. Die Raumführung startete mit der Burgküche, der Rüstkammer und der Burgkapelle im unteren Burgkomplex. In der Küche war das „Auge Gottes“ über die Eingangstür gemalt, um das Gesinde vom Diebstahl des Essens abzuhalten (Big Brother is watching you). Wer weiß, wer noch so alles abgeschreckt werden sollte…

Weiter ging es mit dem mittleren Burgkomplex. Dort befinden sich sehr interessant ausstaffierte Räume. Präsentiert werden typische Kleidung, Felle, Rüstungen, Waffen, schöne alte Möbel, Rittersäle und Wohnräume. Die Burg Orava hat viele verwinkelte Gänge, Treppen und Aufstiege in kleine Zitadellen und Türmchen. Man kann gut „lost“ gehen. In einem Raum hat mein Freund ein Bild gemacht, das mir immer wieder unheimlich ist. Erkennt ihr auch das Gesicht direkt über dem Treppengeländer an der Wand? Das rechte Auge, Augenbrauen und die Nase? Ist doch krass, oder?

Endlich ganz oben (im Burgfenster)

Angenehm weiterfrösteln konnten wir im obersten Burgteil. Hier ist es selbst bei sommerlichen Temperaturen immer frisch, auch wenn die Fenster geschlossen sind und man nicht ganz nach draußen auf den obersten Zitadellen-Turm gehen kann. Der „Pilzturm“, den man im Film sieht (s.o.), ist für Besucher gesperrt. Die Wände und das Gemäuer ganz oben konnte ich mir sehr gut als Wand für Nosferatu’s Außenakrobatik vorstellen. Aber DAS konnte selbst Max Schreck nicht schauspielern ohne trickreiche Technik. Er stieg wohl ganz normal wie wir die vielen Stufen von oben auch wieder nach unten.

Die Führung dauerte circa 90 min. Wir waren die vorletzte Besuchergruppe und hatten wunderbare Abendsonne, was ich für Fotos sehr empfehlen kann. Märchenburg mit natürlichem Weichzeichner sozusagen.

Übrigens wurde noch jemand Berühmtes (außer mir, haha) von der Burg Orava inspiriert, nämlich Franz Kafka. Es könnte durchaus sein, dass er bei einem seiner Kuraufenthalte wegen einer Lungenkrankheit in der Slowakei und Tschechei (in Matliary, Hohe Tatra und in Spindlermühlen, Riesengebirge) auch die Arwaburg besichtigt hat. Ganz sicher ist das irgendwie nicht, aber einige Beschreibungen in seinem unvollendeten Roman „Das Schloss“ ähneln der Burg Orava ziemlich stark – wie in diesem Artikel vermutet wird.

Ich bin der Slowakei sehr dankbar für diese charmant-schaurige Burg: sie ist außen und innen wunderbar erhalten, es wurde kein Touri-Hotel hineingebaut und von einer Vampirvermarktung kann man bislang auch nicht sprechen.

Route planen zur Burg Orava / Arwaburg

GOTHIC GUIDE BURG ORAVA SLOWAKEI – Eine Seite mit den wichtigsten Infos zum Mitnehmen auf Reisen: Gratis-Download Gothic Guide Burg Orava

 

 

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6 Responses to Nosferatu: Die Burg zum Film

  1. Ma Rode 5. April 2012 zu 07:40 #

    F.W. Murnau liegt im Übrigen auf dem berühmten Stahnsdorfer Friedhof begraben – aber das weisst Du sicher und warst sicher schon mal dort. Falls nicht, unbedingt nachholen!

    Gruß,
    Ma Rode

  2. shan dark 5. April 2012 zu 10:46 #

    Danke für den Tipp, Ma Rode. Bislang wusste ich nur, dass Max Schreck auf dem Wilmersdorfer Waldfriedhof (auch in Stahnsdorf, oder?) begraben liegt. Beim nächsten Berlin-Besuch mit etwas Zeit dabei sind beide Gräber fällig. Die Friedhöfe dürften ja nicht so weit weg voneinander liegen…

  3. Wolfen 5. April 2012 zu 13:57 #

    Blitzsauberer Reisetipp. Macht Lust.

    Mehr davon!

  4. Wolfen 5. April 2012 zu 14:15 #

    Die Verfilmung von Kafkas Roman ‚Das Schloss (Maximilian Schell, Cordula Trantow; 1968)
    machte Schloss Bertholdstein zur Kulisse.
    http://www.burgen-austria.com/Archiv.asp?Artikel=Bertholdstein

  5. Ma Rode 5. April 2012 zu 14:31 #

    Stimmt, der Waldfriedhof liegt gleich daneben, in bester Nachbarschaft. Und dass Max Schreck dort begraben ist, wusste wiederum ich nicht. Sehr lehrreiches Blog hier. Kompliment!

    🙂

  6. Celina 8. April 2012 zu 17:43 #

    Ui, und das durch Zufall? Irre!
    Ich bin kein Stummfilmfan, habe aber den Nosferatu Stummfilm als Vampirfan gesehen und habe schon da die Burg bewundert. Das wäre auf jeden Fall ein Ort, den ich auch mal besuchen würde!

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