Max Schreck – ein echter Vampir?
Jedem, der den Horrorfilm-Klassiker „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ (1921) das erste Mal sieht, brennt sich dieses Meisterwerk des deutschen Stummfilms fest ins Gedächtnis. Sicher aus verschiedenen Gründen. Den Jüngeren unter Euch schmerzen ihre kurzen Aufmerksamkeits-Spannen – aber man muss ihn ja gesehen haben, der Gothic-Bildung wegen
. Stummfilmkenner sagen „Toll, damals hat niemand nach Hollywood geschaut, sondern alle nach Deutschland.“ Ob man den Film mag oder nicht – die Erscheinung des Vampyr-Grafen Orlok bleibt auf jeden Fall in Erinnerung.
Graf Orlok – der älteste und gleichzeitig berühmteste Film-Vampir – trägt das Haar als Glatze, hat buschige Augenbrauen, tief in den dunklen Höhlen liegende Augen, einen spinnenartig dürren Körper, knochige Hände mit langen Fingernägeln, spitze Vorderzähne und ist adrett gekleidet – ganz in schwarz mit engem Mantel und einer Kappe. Gespielt wurde er von Max Schreck. Man kommt noch heute bei seinem Anblick ins Gruseln und Grübeln: Ist das jetzt wirklich ein Schauspieler? Er wirkt so authentisch, so nicht-körperlich, perfekte Bewegungen, grausige Mimik. Max Schreck als Graf Orlok prägte das Vampirbild des letzten Jahrhunderts bis heute – man schaue sich nur mal ASP an. Welch verblüffende Ähnlichkeit
!
Ein untoter Film
Bei Max Schreck war man sich damals und bis heute nicht sicher, ob er untot sei. Auf den Film selbst trifft das auf jeden Fall zu. Er war eigentlich schon tot, ja vernichtet und ist wieder „auferstanden“. Wie kam es dazu?
Die Handlung von „Nosferatu – eine Symphonie des Grauens“ ist der von Bram Stokers Roman „Dracula“ (1897) nachempfunden. Der Impuls zum Dreh eines der ersten Horrorfilme in der Geschichte ging vom Produzenten Albin Grau aus. Er übernahm auch die künstlerische Leitung und war verantwortlich für die Bauten, Deko und die Kostüme. Der auf schaurige Romane spezialisierte Henrik Galeen schrieb das Drehbuch. Grau konnte als Regisseur den talentierten und ehrgeizigen Filmemacher Friedrich Wilhelm Murnau gewinnen. Alle drei hatten die Absicht, einen wahrhaft okkulten Film zu drehen. Henrik Galeen raffte für „Nosferatu“ die Geschichte von „Dracula“, so dass sie mit „weniger Personal“ auskam. So wurde u.a. van Helsing als Vampirjäger komplett weggelassen. Außerdem wurden die Namen, die Schauplätze und der Zeitpunkt der Handlung geändert. Das alles hatte praktische Gründe, denn der Film war  eher eine low-budget-Produktion. Zudem sollte nicht so viel an “Dracula” erinnern, denn keiner hatte die Filmrechte erworben.
Finanzierung, Begeisterung und die passenden Schauspieler waren vorhanden – das Werk konnte entstehen. „Nosferatu“ wurde in der zweiten Jahreshälfte 1921 an Drehorten wie Lübeck, Rostock, Sylt und die Szenen im Schloss des Grafen Orlok auf der slowakischen Burg Orava und ringsum in der Hohen Tatra gedreht. Die Slowaken am Drehort und in der Burg fürchteten die bleiche, hagere Gestalt von Max Schreck und mieden ihn wie den Leibhaftigen. Anhand des folgenden Filmausschnittes kann man das Verhalten der Einwohner zur damaligen Zeit gut nachvollziehen.
Am 4. März 1922 fand die Uraufführung in Form eines rauschenden Balles – „Das Fest des Nosferatu“ – im Marmorsaal des Zoologischen Gartens in Berlin statt.
Doch obwohl ein Meisterwerk mit sehr positiven Kritiken, hatte der Film kaum Gelegenheit ein kommerzieller Erfolg zu werden. Denn „Nosferatu“ hatte ein großes Problem: die Witwe Bram Stokers, Florence Stoker. Diese erhob kurz nach der Uraufführung eine Urheberrechtsklage, der 1924 stattgegeben wurde. Sämtliches Filmmaterial war gemäß Urteilsspruch komplett zu vernichten. Das muss man sich mal vorstellen! Wir wüssten heute gar nichts von diesem großartigen Film, wenn nicht einige wenige Kopien bereits an Verleihe im Ausland gegeben worden wären, wenn nicht der Produzent Albin Grau das Material versteckt und später verkauft hätte. Dieser Bann der Witwe Bram Stokers hielt bis zu ihrem Tode 1938 an.

Je nach Grusel-Gusto wähle man entweder die bessere Musik (links) oder die bessere Filmqualität (restaurierte Fassung 2007) mit Bonusmaterial (rechts). Am besten beide.
Kleine Empfehlung: Wenn ihr „Nosferatu“ zum 1. Mal sehen wollt, dann tut das mit der „richtigen Musik“. Ich bevorzuge „Nosferatu“ vom französischen Verleih und DVD-Produzenten Galeshka Moravioff. Auch wenn in der perfekt restaurierten Filmfassung von 2007 die Qualität besser und diese auch mit besonderen Extras versehen ist. Aber die Filmmusik von Galeshka Moravioff ist eine gelungene elektronische Verfremdung des Orchesters und der Streicher, eine schaurige Klangcollage. Sie ist intensiver, bedrohlicher, untermalend gruselig. Gleichzeitig hält sie sich angenehm im Hintergrund, ist nicht so dominant, laut und lebhaft wie das Original-Orchesterwerk von Dr. Hans Erdmann.
Max, der Schreckliche
Auch wenn der Plot des Filmes gemäß den Kritiken nach der Uraufführung damals wie ein „Märchen“ aufgenommen wurde, so haftete dem Hauptdarsteller doch eine gewisse „Übersinnlichkeit“ an. Einige Kritiker meinten, es wäre besser gewesen, den Vampir nur schemenhaft darzustellen um schauriger zu wirken. Ich aber finde, Max Schreck bringt trotz seines „Menschseins“ ausreichend „Unantastbares“ in seine Rolle als Graf Orlok. Er lebt, aber doch irgendwie auch nicht. Schrecklich!
Heute ist sein Name– vor allem im englischen Sprachgebrauch – schon zu einem geflügelten Ausdruck geworden. Falls man selbst oder jemand anderes einen schlechten Tag erwischt hat, hört man ab und an mal: „I / you look like Max Schreck.“ Das zeigt doch mal wieder, dass man als Schauspieler bei der Wahl seiner Rollen nicht vorsichtig genug sein kann – selbst auf lange Sicht gesehen. Doch eine Rolle als Spartacus hätte man ihm mit seiner dünnen, hochgeschossenen Gestalt sowieso nicht angeboten.
Alles menschlich, aber andersartig
Was die Geburt angeht, ist diese bei Maximilian „Max“ Schreck zumindest verzeichnet. Er kam also nicht plötzlich aus dem nächtlichen Dunkel, sondern wurde am 6. September 1879 in Berlin geboren. Gern hätte er direkt eine Ausbildung zum Schauspieler gemacht, aber damals gab es noch kein „Deutschland sucht den Superstar“ und daher meinte sein Vater, Max solle lieber was Vernünftiges lernen. Also machte er eine kaufmännische Lehre, nahm aber privat Schauspielunterricht im königlichen Schauspielhaus am Berliner Gendarmenmarkt. Er hatte enormes Talent, ja, er lebte seine Rollen. Der damals bekannte Autor und Münchner Kultur-Journalist Wolfgang Petzet schrieb über Max Schreck (Quelle: br-online.de):
“Es war etwas Absonderliches um ihn, etwas, das schwer zu beschreiben ist. Er trat in die Szene aus einer anderen Welt, und die andere Welt kam mit ihm: die Dämonen, die Geister der Natur, Gewalten, von denen Menschen im Guten und im Bösen besessen sind. Er brauchte an ihrer Gestalt nichts wegzulassen, nichts hinzuzufügen und zu unterstreichen. Sie waren da, in ihm erwacht, Wesen von drüben, Wirklichkeit wie wir, und doch nicht zu fassen und restlos zu begreifen.”
Oft wird gesagt, er sei völlig unbekannt gewesen, bevor er die Rolle von Murnau bekam. Das wird zur Argumentation herangezogen, dass er vllt. doch aus dem mysteriösen Nichts aufgetaucht sei um Graf Orlok „zu spielen“. Verglichen mit dem „Ruhm“ nach der Uraufführung des Filmes und seiner noch heute weltweiten Bekanntheit mag das stimmen. Dennoch war er auch schon vor seiner berühmten Vampirrolle ein gut ausgebuchter Theater-Schauspieler. Er wurde in den Münchner Kammerspielen entdeckt, wo er seit 1919 arbeitete.
Vor „Nosferatu“ hatte er in „Nathan der Weise“ den Tempel-Großmeister gespielt. Dieser Film galt lange als verschollen und wurde erst vor wenigen Tagen am 1. Juni 2010 auf arte uraufgeführt.
Dann folgte also „Nosferatu“. Wohl kein anderer hätte diese Rolle so spielen können. Auch wenn Max Schreck keinesfalls schrecklich aussieht ohne Dracula-Makeup, aber es war eben seine hagere Gestalt, sein längliches Gesicht, seine furchterregend-stoische Mimik, die absolut ‚menschunähnlich’ erscheint. Wäre er nur schemenhaft dargestellt worden, dann wäre vielleicht niemand auf die Idee gekommen, es sei ein echter Schauspieler. So aber war es ein Mensch, der nicht wie einer wirkte. Noch einmal Wolfgang Petzet in seinem Nachruf auf Max Schreck:
„(…)immer war es, als ob ein Anderes in ihm schlummernd gegenwärtig sei.”
Keiner lebt mehr
Bei den Dreharbeiten zu „Nosferatu“ kam es zu mysteriösen Todesfällen. Wird behauptet, aber Fakten sind nicht bekannt. Wer starb? Woher weiß man das? Passt das vielleicht nur zur Legende von Max Schreck als „echtem Vampir“? Jedoch mutiert diese „Vampir-Vermutung“ äußerst sehenswert zum Plot eines Filmes: „Shadow of the Vampire“ von 2000. Dieser wurde produziert von Nicolas Cage und ist hochkarätig besetzt mit John Malkovich als Friedrich Wilhelm Murnau und Willem Dafoe als Max Schreck. „Shadow of the Vampire“ zeigt das Geschehen beim Dreh – oder neudeutsch „am Set“ – von „Nosferatu“ und unterstellt Murnau, er habe mit Max Schreck absichtlich einen echten Vampir engagiert, um den Film auf besondere Art „authentisch zu machen“. Max Schreck darf sich gemäß Vereinbarung mit Murnau nach Abdreh des Filmes die schöne Hauptdarstellerin Greta Schröder einverleiben. Bis dahin muss er sich von schnödem Rattenblut ernähren. Ein köstlicher, satirischer, völlig ungruseliger Film! Willem Dafoe spielt den Max Schreck großartig. Äußerst sehenswert, auch wenn man das Original noch nicht gesehen hat – dann holt man das nämlich nur wenige Tage später nach.
Jahre später postuliert die Zeitschrift „Die Welt“ – eingeordnet in die Kategorie „Grusel“
– die Aussage Den Vampir spielt am besten ein Vampir. Die Argumentation beruht darauf, dass man ja niemanden mehr zu den wahren Verhältnissen beim Dreh befragen könne – alle tot. Außer Max Schreck natürlich. Ein nettes Gruselhistörchen gräbt „Die Welt“ da aus (hihi, welch Wortspiel
), aber nicht fundiert und ohne neue Erkenntnisse. Vermutlich soll es wohl auch nur dazu dienen, auf das Buch „Max Schreck – Gespenstertheater“ von Stefan Eickhoff hinzuweisen, der versucht hat alle Fakten zu Max Schreck aufzudecken.
Max Schrecks Vermächtnis
Nur zu gern würde ich daran glauben, dass Max Schreck ein echter Vampir ist. Frau gruselt sich ja gern. Gut, glauben kann ich ja – aber glauben heißt „nicht wissen“ – wie mein Freund immer sagt. Was ich heute weiß ist, dass er ein hervorragender Schauspieler war, dem besonders das Skurrile, Andersartige, das Tragikomische zu Verkörpern im Blut lag.
Max Schreck spielte in über 50 Filmen u.a. mit solch klangvollen Titeln wie „Der zeugende Tod“ (1921), „Ramper der Tiermensch“ (1927) oder „Republik der Backfische“ (1928).
Bekannt ist aber auch seine Synchronstimme in den ersten Tonfilmtagen, z.B. für „Der Graf von Monte Christo“, „Vampyr – der Traum des Allan Grey“ oder die umgestrickte Neufassung von „Nosferatu“ mit Original-Filmmaterial, die 1930 als „Die zwölfte Stunde – eine Nacht des Grauens“ in den Kinos gezeigt wurde (als noch immer der Bann von Florence Stoker auf dem Original lag).
Neben dem Film war die Fotografie eine der großen Leidenschaften von Maximilian „Max“ Schreck. Dabei hat er sich nicht selbst fotografiert – das hätte auch wenig Sinn gehabt, denn ein „echter Vampir“ ist ja sowohl im Spiegel als auch auf Zelluloid unsichtbar
. Sondern er machte damals bereits Aktfotografien. Über die jungen Damen und Mädchen, die er 1921-22 in München fotografierte ist nichts bekannt.
Sicher war nichts an ihm gewöhnlich, weshalb Max Schreck in der Lage war, diese ungewöhnlichen Nicht-von-dieser-Welt-Charaktere zu spielen. So gut, dass mehr als 90 Jahre später die Menschheit – oder zumindest „Die Welt“
– noch immer rätselt, ob er nicht vielleicht doch ein echter Vampir war. Was für ein Vermächtnis!
Doch er starb tatsächlich – leider und überraschend am 19. Februar 1936 in München. Am Nachmittag seines Todes hatte er noch am Münchner Schauspielhaus die Rolle des Großinquisitors in „Don Carlos“ gespielt. Nachts wurde er von „Unwohlsein“ befallen und verstarb daraufhin. Bestattet ist er auf dem Wilmersdorfer Waldfriedhof in Berlin Stahnsdorf. Anlässlich seines 75. Todestages am 19. Februar 2011 wurde sein bisher anonymes Urnengrab im Feld U mit einer Gedenkstele versehen – eine späte Ehrung.
Es ist nicht bekannt, dass Max Schreck jemals von den Toten auferstanden ist. Aber ein „Ausflug“ zum Grabe des Grafen Orlok wäre interessant. Wenn ich das nächste Mal in Berlin bin, muss ich mal sehen, ob man es findet.
Durch seine Rolle in „Nosferatu“ ist Max Schreck unvergessen. Und auf diese Art wiederum auch unsterblich. Also ist er doch untot, aber (leider) kein Vampir.
Nach ihm folgten viele gute Vampir-Darsteller – welche findet ihr „unsterblich“? Hat einer davon Max Schreck jemals erreicht? Was meint ihr?









Auch so lange zeit nach dem Film kann man immer noch nur in Ehrfurcht erstarren. Genial!
Habe eigentlich nach ihm nur noch einen “Lieblingsvampir”: Bela Lugosi. Er ist anders, nicht besser aber auch nicht schlechter.
Also das mit der dominanten Musik bei der 2007er-Fassung ist mir gar nicht so aufgefallen. Ich fand den Film auch so ok. Die andere Version kenne ich noch gar nicht.
@neverstop – Den ’31er Dracula mit Bela Lugosi finde ich als Tonfilm-Dracula (im O-Ton) bisher auch den gruseligsten. Vielleicht deswegen, weil er so sparsam mit Musik unterlegt ist.
Der Film ist wirklich ein Klassiker.
Wenn man Max Schreck in dieser Rolle gesehen hat, kann man den Twilight-Schönling nur belächeln.
Ich kann nur empfehlen Nosferatu im düsteren Herbst/Winter zu schauen. Einfach ein Genuß.
“Deutschland sucht den Super-Vampir” – das wär doch mal eine Idee!
Besser eine Festlegung auf fiese Rollen, als gar keine Karriere. Guter Typ, der Schreck.
Ich befürchte, wenn Twilight so weiter boomt, bleibt uns DSDSV nicht erspart.
hm is zwar kein Vampir im eigentliche Sinne, aber ich fand Doug Bradley als Pinhead klasse, Robert England ist auch der einzig wahre Fredddy, so nebenbei =P
Und eigentlich gehört Christopher Lee hier unbedingt noch rein …. oder?
Nosferatu ist mit Abstand der beste Vampir Film. Obwohl ich die Coppola Verfilmung auch gut fand, weil diese recht nah am Buch war.
Nosferatu ist wirklich ein sehr imposanter Film, den ich trotz des ungewohnten Fehlens von Ton gern gesehen habe. Shadow of the Vampire muss ich mir unbedingt mal ansehen, der Trailer scheint interessant.
Anbei noch eine kleine Anekdote zum Thema Vampir(schauspieler)-Mythen:
Manche Quellen berichten Bela Lugosi habe Christopher Lee vor seinem Tode den Ring vermacht den er in Dracula trug, um ihn als den nächsten Dracula zu kennzeichnen
Na, wenn das mal kein (schöner) Mythos ist… Hat Christopher Lee je bestätigt, diesen Ring zu besitzen? Seine Rolle bei “Herr der Ringe” als Bestätigung zu deuten, wäre wohl bisschen zu weit hergeholt ;-p
Dürfte ein von Hammer-Studios ins Leben gerufener Mythos sein, denn als Lugosi 1956 starb war er in Vergessenheit geraten und Lee noch lange nicht im Horrorfilmbusiness, außerdem befindet sich der Ring heute in Besitz eines kalifornischen Sammlers.
Wobei ich zugeben muss, dass das schon eine schöne geschichte wäre würde es stimmen
es gibt keinen nachfolger für max schreck. er ist der- nosferatu-