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Dead Can Dance im Tempodrom Berlin 2019

Spontan lebt sich’s besser, das ist gern mal mein Motto. Und wenn dann noch Glück hinzu kommt – in Form einer Pressekarte (Daaaanke, Marcus!) für das DEAD CAN DANCE Auftaktkonzert zur Deutschlandtour 2019 in Berlin … da bin ich doch dabei, zumal wenn ich zufällig aus beruflichen Gründen eine Woche in der Hauptstadt weile. Tja, Zufall und die richtigen Freunde haben – kann ich manchmal! 😉

So richtig mein Glück fassen konnte ich aber erst, als ich am Donnerstagabend, 16. Mai 2019, in der 4. Reihe (!) im Tempodrom-Zelt saß und den Bühnenaufbau für DCD beobachtete. Jede Menge Instrumente. Und jede Menge Menschen ringsum auf den Rängen und unten im „Parkett“. Das Tempodrom war komplett ausverkauft. Das Schöne an Berliner Konzerten sind immer die Besucher – da kann die Band noch so ‚oll‘ sein, die Leute sind es zwar vielleicht auch, aber mehrheitlich spannend, schräg und man merkt ihnen das Alter gar nicht an. 😉 Dafür gibt es in der Hauptstadt wohl einfach zu viel konkurrierenden Individualismus über alle Altersklassen hinweg. Bei Dead Can Dance war von schönen, langhaarigen Goth-Frauen in eleganten Samtröcken über Männer in weich fließenden Aladdin-Hosen und bestickter Weste bis hin zu Alt-Wavern tatsächlich alles vertreten. Da lasse ich doch gern meinen Blick durchs Publikum schweifen…

Lisa Gerrard Dead Can Dance 2019

Lisa Gerrard Dead Can Dance 2019

Nach drei Gongs – wie in der Oper – geht es auf den Punkt um 21 Uhr los. Es wird dunkel, das Glockenspiel von „Anywhere out of the world“ ertönt und läutet das Konzert ein. Nach und nach kommen alle Musiker, dann Brendan Perry und zuletzt Lisa Gerrard auf die Bühne. Wie immer ist sie in weißem Ornat, für das diesmal etwas mehr Stoff benötigt wurde… Bei der Stimme ist alles beim Alten und Göttlichen. Und auch ihr emotionaler Gesichtsausdruck beim Singen ist wieder da, den ich beim 2012er Konzert schmerzlich vermisst hatte. Sie ist wieder die „alte Lisa“.

Zu den bemerkenswerten Dingen bei einem Dead Can Dance-Konzert gehört, dass nirgendwo ein Apfel glimmt oder sonst wo ein Laptop herumsteht. Es ist alles handgemachte Musik auf höchstem Niveau. Dafür sorgen auf dieser Tour 6 leidenschaftliche Musiker, wovon mir zwei besonders auffallen: der ältere, virtuose Herr mit langem Bart an den Percussions (Brendan’s Bruder Robert), mit dem Lisa öfters sehr freundlichen Blickkontakt hält und Astrid Williamson, die Dame in weiß, die für Keyboard und Backgroundgesang zuständig ist.

Ebenfalls positiv empfinde ich die reduzierte Lichtshow und Projektion. Keine von der Musikkunst ablenkenden Bilder, die über die Leinwand zappeln, lediglich ein paar Lichteffekte glimmen auf und ab.

Dead Can Dance spielen sich quer durch ihre Alben, es bleibt bei mir fast kein Wunschtitel offen – na gut, „How fortunate the man with none“ und „Windfall“ vielleicht noch. Aber sonst ist alles dabei, sogar überraschendes wie „Bylar“ und „Indoctrination“. Außerdem eine Cover-Version von Delayaman – „Autumn Sun“, das ich noch nicht kannte, mir aber sehr gut gefällt in der DCD-Interpretation. Von der neuen EP „Dionysus“ wird gerade mal ein Stück gespielt.

Grandios ist Lisa’s Solomoment, als sie zunächst „The wind that shakes the barley“ singt und danach mein Lieblingsstück „Sanvean“. Wie sie bei diesem Stück die Töne formt, der Unterkiefer beim Singen vibriert … sie ist und bleibt einfach unerreicht. Wohin jetzt mit meiner Gänsehaut, die mir flächendeckend an den Beinen hochkrabbelt?? Daran denkt sie nicht, sondern badet erst in den Klängen und danach im gebührenden Applaus. Der ist nach jedem Dead Can Dance Stück frenetisch. Lisa genießt Berlin, lacht und strahlt, Brendan ist auf seine etwas verhaltene Art glücklich. Beide musizieren wieder miteinander, nicht nebeneinander wie bei der letzten Tour. Sie blicken sich ab und zu an, geben sich Zeichen. Bei „The Host of Seraphim“ übernehmen Brendan und der Langbärtige gemeinsam den Männerchorus. Dieses Stück bringt mich jedesmal fast zum Überlaufen und dann denke ich an meinen Tod und die Beerdigung, auf der es gespielt werden soll.

Nach ca. anderthalb Stunden Klangfaszination verlassen sie die Bühne – werden aber problemlos wieder hervorapplaudiert zur Zugabe. Brendan kommt zunächst allein mit einem Cover eines Songs, der mir bekannt ist – mir aber nicht einfallen will. Ich rätsele mir einen ab, aber daheim kommen wir dann gemeinsam drauf: This Mortal Coil – Song to the Siren. Ich wusste aber nicht, dass das auch nur ein Cover ist und das Original von Tim Buckley. Wieder was gelernt!

Es folgt eine zweite Zugabe – man merkt die Spielfreude von Dead Can Dance. Mit „Severance“ als letztem Stück, stehenden Ovationen vom Publikum sowie einer gelungenen wir-fassen-uns-alle-an-den-Händen-Abschiedsverneigung gehen Dead Can Dance nach 2 Stunden Spielzeit von der Bühne.

Was war das für ein grandioser Auftritt! Und welch Unterschied zum letzten Dead Can Dance Konzert 2012 von dem ich etwas enttäuscht war. Das offensichtlich fehlende Band zwischen Brendan und Lisa und ihr perfektes, aber emotionsloses Gesicht – da hatte ich schon zwei viel bessere Auftritte zuvor erlebt. Deshalb hatte ich mich auch nicht um Karten für diese Tour bemüht. Ich hatte Angst, dass ein erneuter, weniger guter Auftritt in mir am Image der Künstler kratzt. Allen, denen es ähnlich geht, kann ich nach diesem Dead Can Dance Konzert sagen: Sie sind wieder großartig und fungieren als wunderbare Einheit. Ich bin daher absolut froh, dass ich diese unverhoffte Chance bekam, sie live zu sehen. Auf Frankfurt könnt ihr Euch alle schon vorfreuen und für Bochum gibt es sogar noch paar Tickets… der Weg lohnt sich auf jeden Fall!

Weitere Impressionen von diesem Konzert findet ihr hier bei t-arts.

 

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2 Responses to Dead Can Dance im Tempodrom Berlin 2019

  1. Shan Dark 18. Juni 2019 zu 23:52 #

    Hallo Yvonne,
    hab vielen Dank für Deinen feinen Kommentar & Bericht – es ist schön, dass wir es ähnlich empfunden haben – und auch für die Einblicke ins DCD-Treffen am Bühnenausgang. Ich musste echt schmunzeln über Deine Beschreibung von Lisas Garderobe.

    Möge das Konzert noch lange in Dir nachwirken – und bloß nicht Hände waschen! ;P

    Liebe Grusels
    Shan Dark

    PS: Dass es Brendans Bruder war habe ich noch in meinem Bericht ergänzt.

  2. Yvonne 17. Juni 2019 zu 21:09 #

    Danke für den tollen Bericht. Ich war gestern in der Alten Oper in Frankfurt. Nachdem ich schon deinen Bericht von 2012 gelesen habe und dieser total mit meinen Eindrücken übereinstimmte, kann ich auch hier bestätigen, dass ich mich in Frankfurt so gefühlt habe, wie du in Berlin. Der Kuckhermann hat wieder begonnen, was einen deja vu Effekt verursachte, aber ansonsten waren die Musiker wie ausgetauscht im Vergleich zu 2012. Sie scherzten, tanzten und lachten. Ich hatte einen Platz außen im Parkett und konnte tanzen. Leider war es bei den dynamischen Liedern zu laut. Egal. Der Jubel war frenetisch. Mein emotionaler Moment war bei in Power We entrust the Love Advocate. Nach dem Auftritt wartete ich am Bühnenausgang. Ein Superfan erzählte, dass der bärtige Musiker Brendans Bruder Robert ist. Wir sprachen mit ihm; ein absolut liebenswürdiger, fresher Zeitgenosse. Als Lisa im Mutti-Outfit raus kam, – von der Bühnenhochzeitstorte, die sie war, blieb nur noch Frisur und Make-up übrig – belagerten sie gleich zwei Fans mit tausend Autogrammwünschen und Fotos. Ihre persönliche Assistentin war etwas genervt, Lisa nett, aber bestimmt. Ich konnte leider nicht mit ihr sprechen. An Brendan wagte ich mich trotz derselben aufdringlichen Autogrammmenschen auf einen Meter heran. Er sah sehr stylisch aus und gab mir die Hand. Ich sagte ihm, wie viel und wie lange mir die Musik schon bedeutet und wie toll Konzert und setlist waren. Er dankte mir für mein Kommen und gab mir erneut seine warme Hand, deren Energie ich lang bewahrte. Jetzt fühl ich mich selig. Das war ganz toll und ich werde den zauberhaften Abend nie vergessen.

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