Breaking Glass (1980)

Vom Punk Rock zum New Wave

London, Anfang der 80er. Kate (Hazel O’Connor) ist im Hinterhof eines Londoner Arbeiterviertels gerade am Plakate kleben für einen Auftritt der Band, in der sie singt, als der Möchtegern-Musikmanager Danny (Phil Daniels) sie dabei aufspürt und fragt: „Was macht’n ihr für Musik? Punk? – Ach Quatsch, Punk!New Wave? – Nein. Was denn dann?Sowas ähnliches wie Punk.Lass mal hören!Was denn hier auf der Straße?Seid wann sind denn Sänger schüchtern? – OK, meinetwegen, ich sing ’n paar Zeilen. Der Song heißt GIVE ME AN INCH.

Kate legt los und singt „You’re a programme, you’re just a programme…“

Mich hat sie mit ihrer rebellischen Stimme und Ausstrahlung sofort am Haken – Danny wohl auch. Er will das mit dem „programme“ aber noch mal genauer wissen:

„Die meisten Leute nehmen freiwillig Befehle entgegen und unterwerfen sich irgendwelchen Programmen, zum Beispiel Computer-Programmen, stimmt’s? Aber das tun sie nur, weil sie meinen, keine andere Wahl zu haben. Ich find es ziemlich beschissen, wie die meisten Leute leben. Ich kann zwar nichts daran ändern, aber ich kann doch wenigstens darüber singen“, erklärt Kate.

Singen kann sie – und sie hat Ausdruck. Beides wirft Danny um, der seine und Kate’s Chance erkennt. Danny hat ‚Kontakte‘ im Musikbusiness, auch wenn er von denen (noch) nicht ernst genommen wird. Doch er spürt, dass sich das mit Kate ändern könnte. Aktuell macht er mittelmäßige Musiker ‚groß‘, in dem er im Auftrag der Plattenfirmen ihre Platten in verschiedenen Läden Londons aufkauft. So werden die Plattenverkäufe angekurbelt, die Chartpositionierung und Airplays steigen. Danny verliebt sich in Kate und ihr kreatives Musikpotential und drängt sie dazu, eine eigene Band zu gründen: Breaking Glass.

breaking-glass-cinema-programmheft Alles beginnt ein bisschen wie bei Joy Division; spielt der Film doch auch fast zur selben Zeit wie „Control“. Nur ist „Breaking Glass“ keine Retrospektive, sondern wurde 1980 gedreht. Das britische Punk & New Wave-Milieu von damals im Damals – als Zuschauer ist man mittendrin. Sieht schmuddelige Hinterhöfe und verklebte Clubs, Arbeiterjugend, Aufbruch & Randale. Sieht Oi-Punks, New Romantics und Faschos. Kann sich unvergleichbar wie in keinem anderen Film – so ging es mir zumindest – hineinfühlen in den Geist und das Lebensgefühl jener frühen 80er in England, wo alles begann: Punk und New Wave. Ein Film, in dem so zartschmelzende Sätze im Radio gesagt werden wie „Nur der Schallplattenmarkt zeigt Anzeichen von Beständigkeit.“

Kate und ihre neue Band rebellieren. Gegen die Zustände, gegen das Establishment, sind stolz auf ihre Herkunft – sie machen ‚echt anarchistische Songs‘, wie „Blackman“:

I am the blackman, you are the white
I am the deviant, you’re always right
I am the darkness, you are the light

I am the dirty, you are the clean
I live in places you’ve never been
I eat the garbage, you eat the cream

Sängerin Hazel O’Connor alias Kate schrieb speziell für „Breaking Glass“ alle 13 Songs und somit den gesamten Soundtrack selbst. Es wurde ihr erstes und blieb ihr bestes Album. Ursprünglich war sie nur für eine Nebenrolle vorgesehen, doch als die Produzenten sie bei einigen Auftritten erlebt hatten, waren sie so beeindruckt, dass sie ihr die Hauptrolle anboten.

Die Kate im Film schreibt rebellisch gute Songs, die Band passt, das Equipment ist billig aber das macht nix – nur Auftritte zu bekommen ist nicht so einfach. In den Londoner Musikclubs sind sie bald als Band bekannt, die rebellische Jugendliche anzieht, die sich nicht benehmen können und Billardkugeln im Klo versenken. Die provokative Show auf der Bühne überträgt sich aufs Publikum – es gibt des öfteren Schlägereien.

Danny ist überzeugt, dass Kate & Band es nicht verdienen, im Gegröhle von Betrunkenen unterzugehen. Er will mehr aus Breaking Glass machen, einen Plattenvertrag und eine Tour an Land ziehen. Kate will dagegen lieber unabhängig bleiben: „Ich brauch keinen Manager! Such Dir nen anderen Idioten mit dem Du Kohle machen kannst“, fährt sie Danny an.

breaking-glass-new-wave-film

Letztendlich nehmen sie doch ein Demoband auf und landen einen 2-Jahres-Vertrag beim Plattenlabel „Overlord Records“, die ihnen Auftritte und Promotion verschaffen. Natürlich nur mit radio-verträglichen Stücken und Texten. Dann beginnt das, was wir alle kennen und an der Musikindustrie hassen: Anpassung statt Aggression. Airplay statt Anarchie.

„Dieses ganze Spiel mit der Aggression… dabei geht’s ihnen auch nur ums Geld“, sagt ein Mitglied der Plattenfirma über Breaking Glass, die gerade im Studio ihre erste Platte aufnehmen. Doch Breaking Glass waren keine Ausnahme, selbst die führenden Punk-/New-Wave-Bands wie Sex Pistols, The Clash, The Stranglers oder die Talking Heads ließen sich von Majorlabels unter Vertrag nehmen und konnten nur solange ihre rotzigen Songs loswerden, wie die Labels sie als neu und rebellisch verkaufen konnten. Dabei ist Punk sofort tot, wenn er auch nur für eine Sekunde am Geld schnüffelt. Außerdem ließ sich Punk sowieso nicht so gut vermarkten, daher betitelte man Bands, die etwas rebellisch-rockiges hatten, Synthesizer und elektronische Elemente hinzufügten, Ende der 70er/Anfang 80er einfach mit dem Label ‚New Wave‘. Das war wertfreier, neu und vor allem war es (meist) ohne Ideologie.

Die Begriffe ‚Punk Rock‘ und ‚New Wave‘ bedürfen einer Erläuterung. Ohne Zweifel ist der Begriff ‚Punk Rock‘ der engere. […] er hat auch soziale und gesellschaftliche Implikationen. Die Formulierung ‚New Wave‘ ist neutraler und ‚wertfreier‘. ‚New Wave‘ bezeichnet eine neue Mode, deren Form und Inhalt austauschbar sind. Die Verwendung des Begriffs ‚New Wave‘ entkleidet den Punk Rock somit seiner sozialen und gesellschaftlichen Implikationen.
(Eugene Wiener: New Wave – Analyse einer Verkaufsstrategie | Wikipedia)

Das Buch zum Film - erschienen Mai 1981 im Rowohlt Verlag

Das Buch zum Film – erschienen Mai 1981 im Rowohlt Verlag

Breaking Glass arbeiten also an ihrem ersten Album, zwischendurch werden sie von der Plattenfirma zu Auftritten geschickt und ‚imagegerecht‘ eingesetzt. Sie spielen u.a. bei Demonstrationen, die damals in London an der Tagesordnung waren. Bei einer solchen stirbt ein Demonstrant, Kate ist daran nicht ganz unschuldig. Das Erlebnis wirft sie psychisch aus der Bahn – doch unter dem Druck des Plattenlabels müssen Breaking Glass weiter machen. Ab diesem Zeitpunkt beginnt ihr innerer Abstieg, der äußerlich jedoch ein Aufstieg ist. Danny macht dem erfolgreichen Musikproduzenten Bob Woods (Jon Finch) Platz und verliert damit nicht nur die Band sondern auch seine Liebe.

Kate: „Menschen verändern sich eben, Danny, genau wie die Musik.“

Kate ist in den Fängen des Musikbusiness, das aus ihr eine weichgespülte, „beschissene Schlagermieze“ (Danny) macht. Waren ihre Songs früher voller Wut und Verzweiflung sind sie jetzt eher ruhig und auch vom Text her massenkompatibel. Sie unterwirft sich den Erfolgszwängen und verkauft sich, ohne es zu begreifen. Es geht schnell, während sie selbst gegen Depressionen und Ängste kämpft – ohne einen echten Freund an ihrer Seite. Die Band und alles um sie herum wird zweitrangig – sie wird zum internationalen New Wave Idol; allein ihr Haarschnitt wird tausendfach von Fans kopiert. Auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs hat Kate kaum noch Kraft und schafft ihre ausverkauften hochstilisierten Shows – jetzt mit new-wavigen Laserbeams – nur noch durch Pillen, Drogen, Aufputsch-Spritzen. Die alten rebellischen Songs passen nicht mehr zu der ferngesteuerten Marionette, die da auf der Bühne steht. Vom Punk Rock zum New Wave Star – Kate bezahlt dafür.

Eine Story, wie sie im Musikbusiness oft passiert. Früher nicht seltener als heute und zur Abwechslung war es früher auch bloß nicht besser. Ein Film, der zeigt, dass man im Musikgeschäft viel charakterliche Stärke und Festigkeit braucht, um sich nicht zu verkaufen und den Durchhaltern wie Drogen & Pillen zu widerstehen. Ein Musikdrama, nach dem man sich sagt: OK, ich finanziere und vermarkte meine Platten lieber selbst oder suche mir ein Unterground-Label (schon schwer genug!), die mir zwar vielleicht nicht den großen Durchbruch verschaffen, aber mich mein Ding machen lassen.

Letztendlich ein Film, den man als New-Wave-Fan gesehen haben muss! Die Zeit, die Musik, die Leute – alles ist authentisch und pulsiert im Rhythmus der frühen 80er.

Vom Film zum Musikstar: Hazel O’Connor

Breaking Glass Albumcover = Soundtrack (LP, Vinyl)

Breaking Glass Albumcover = Soundtrack (LP, Vinyl)

Die flippige Hazel O’Connor aus Coventry war vor „Breaking Glass“ kaum bekannt, hatte aber mit ihren damals 25 Jahren schon ein recht bewegtes Leben hinter sich. Ein Scheidungskind war sie und lief mit 16 von zu Hause weg. Hazel kam ziemlich weit herum in der Welt, meist weil sie sich in Männer verliebt hatte, denen sie einfach hinterher reiste. Sie arbeitete in Amsterdam als Au-Pair (für einen Typen, der mit Waffen dealte), spielte Straßentheater in Paris und tanzte in einem Cabarett in Tokio („Ich konnte überhaupt nicht tanzen, aber sie suchten nur jemand, der eine gute Figur hatte und sexy aussah.“). Zurück in London verdiente sie sich ihren Lebensunterhalt mit Malen, Restaurieren von Antiquitäten und teilweise auch als Topless-Modell. Doch mit der Zeit kristallisierte sich immer stärker heraus, dass sie Sängerin werden will. Bei der guten Stimme wäre alles andere auch verschenkt! Noch dazu hat sie schauspielerisches Talent, wie sie in „Breaking Glass“ beweist. Der Film lebt von ihr, ihrer speziellen Art und Aussehen, ihren Bewegungen. Bis heute ist Hazel O’Connor als Sängerin und Songwriterin tätig; sie lebt mittlerweile in Irland. Doch den Erfolg von Breaking Glass konnte sie nicht wiederholen, auch wenn es auf ihren anderen 7 Alben noch einige gute Stücke zu entdecken gibt.

Auch die Bravo brachte eine Doppelseite zum Filmstart - nur ist die Headline mal wieder völlig falsch. O-Ton mein Freund: "Bravo halt. Mitmischen, aber keine Ahnung haben."

Mein Freund hat die Bravo aufgehoben, die eine Doppelseite zum Filmstart Ende April 1981 in Deutschland brachten. Links das große Bild war auf dem deutschen Filmplakat. Mit „in der … Punkszene verheizt“ lagen sie allerdings falsch. „Bravo halt. Mitmischen, aber keine Ahnung haben.“ (O-Ton M.Synthetic)

 

Im folgenden Video wird sexy Hazel O’Connor 1982/83 von der stets stylischen (und zu diesem Zeitpunkt von Bob Geldof schwangeren) Paula Yates in ihrer Musiksendung „The Tube“ interviewed.

Eine persönliche Filmgeschichte

Die Erstausgabe auf DVD von 2002 wird heute für über 200 € gehandelt.

Die Erstausgabe auf DVD von 2002 wird heute für über 200 € gehandelt.

Diesmal zur Abwechslung nicht meine, sondern die meines Freundes. Als Jugendliche im Tal der Ahnungslosen (DDR) hatte ich, bis ich meinen Freund kennenlernte, noch nie etwas von „Breaking Glass“ gehört. Er selbst war 1980 auch noch zu jung, um von dieser Punk-Wave-Perle in den Kinos oder TV irgendetwas mitzukriegen. Über seine damalige Freundin erfuhr er Anfang der 90er von „Breaking Glass“, war begeistert von dem Soundtrack und wollte ihn unbedingt sehen. Aber wie sollte er an den Film kommen – möglichst in deutsch? In den Läden gab es solche Underground-Filme kaum zu kaufen und wenn nur in englisch – auf Deutsch wurde er nie veröffentlicht. Und null Internet damals. Wollte man an Raritäten rankommen, musste man sich als Film- und Musikjäger schon etwas einfallen lassen.

1994 lief „Breaking Glass“ endlich im Fernsehen und sogar in deutsch – aber leider im Österreichischen Rundfunk und den ORF empfängt man nicht am Rhein.  🙁 Mein Freund kannte niemanden in Österreich, aber im Zillo (früher noch lesbar) standen immer Kleinanzeigen drin – mit Telefonnummer. Dort suchte er nach einem Gruftie aus Österreich, fand Marko aus Gaschurn in Vorarlberg und rief ihn an! Damals durfte man nicht kontaktscheu sein. Marko selbst hatte allerdings keinen Videorecorder, aber seine Schwester in Wien besaß so ein Teil und sie nahm „Breaking Glass“ zur vorgesehenen Sendezeit für meinen Freund auf und schickte die Videokassette nach Mainz. Grenzüberschreitende Gruftie-Hilfe! 😉
Marko hatte sich ein paar Tage später den Film bei seiner Schwester angesehen und fand ihn und „besonders die Lieder“ echt gut. Als Revanche überspielte ihm mein Freund den „Breaking Glass“-Soundtrack auf einer qualitativ besseren Musikkassette (MC).

Sentimentales Erinnerungsstück an die Deutsch-Österreichische Freundschaft: Marko's Brief an meinen Freund

Sentimentales Erinnerungsstück an die Deutsch-Österreichische Freundschaft:
Marko’s Brief an meinen Freund

 

So kommt es, dass bis heute nur sehr wenige Menschen im Besitz einer deutschen Fassung von „Breaking Glass“ sind – vielleicht nur Marko, seine Schwester und mein Freund. Im deutschen TV lief der Film vermutlich nie, eventuell zu kritisch oder zu anspruchsvoll?!
Update 12.01.2014: Danke an Gabi (s.u.) und ein paar Andere, die sich erinnerten, dass „Breaking Glass“ doch Anfang der 90er im deutschen Fernstehen (ARD) gelaufen ist. Es wäre an der Zeit, den aus’m Archiv zu kramen und in remastered Qualität in deutsch zu zeigen. Damit man auch mal was für den Rundfunkbeitrag bekommt…

Heute könnt ihr den Film auf DVD oder BluRay (über eBay) ganz einfach online kaufen – allerdings nur in Englisch. Dafür aber digitally remastered in einer Neuauflage von 2012.

 

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51 Responses to Breaking Glass (1980)

  1. Rene Dutz 12. Mai 2019 zu 21:31 #

    Danke Stefan „filmfreund“!

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