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Der Berg ruft …

Ich würde nicht sagen, dass es langweilig ist durch Litauen zu fahren. Es ist sogar sehr langweilig. Noch dazu fällt es dabei schwer die gute Laune zu bewahren. Flache Landschaft mit Feldern, Bäumen, sumpfigen Wiesen in-the-mix, triste Häuser aus verwitterten Holzlatten ohne Anstrich oder aus grauen Kalk-Zement-Ziegeln ohne Putz oder ganz moderne unterkühlte Gebäude, kaum Blumen in den Gärten oder Ortschaften, Neubaugebiete schlimmer als in Rumänien und wir sahen irgendwie kaum Menschen … selbst für Gruftis war das zu viel Tristesse. Also musste es unser Reiseziel, der sogenannte „Berg der Kreuze“ nördlich der Stadt Siauliai, herausreißen. Und er riss – so viel sei vorab verraten. 😉

Traditionell waren wir spät dran. Erst gegen 19:30 Uhr erreichten wir den offiziellen Parkplatz am Informationszentrum. Gerade packten die letzten Kreuz-, Bernstein- und Souvenir-Händler ihre Sachen zusammen. Bis auf zwei weitere Autos waren wir die einzigen, aber tagsüber rummelt es hier ordentlich. Der „Hill of Crosses“ ist nämlich mittlerweile eine bekannte Pilgerstätte für Christen und Kreuz-Fetischisten. 😉 Mein erster Tipp wäre: besucht den Berg der Kreuze nach 19 Uhr! Im Sommer ist es auch sehr lange hell, denn Litauen hat +1h Zeitverschiebung.

Es war den ganzen Tag bewölkt gewesen, ab und zu hatte es auch schon geregnet. Mit Schirm, Kamera und Kapuze (oder „Hoodie“ wie es auf neudeutsch heißt) bewaffnet liefen wir los. Ohne Essen im Magen oder Wasser dabei. Wasser gab es dann aber bald von oben…

Ich war gar nicht mal soooo aufgeregt, hatte ich doch schon den „richtigen“ BERG der Kreuze in Grabarka (Polen) gesehen. Eher war ich entspannt gespannt, ob mich dieser litauische Hügel hier überzeugen würde. Als wir darauf zuliefen sah es nicht so beeindruckend aus, mich überraschte nur, wie weit die Kreuze noch nach links und rechts ausmäanderten. Das Ausmaß habe ich versucht im Video ↓ festzuhalten mit einer kompletten Drehung um meine eigene Achse.

Wir fingen rechts an – da wo auch die Kamerafahrt im Video startet – und arbeiteten uns bis zur Mitte durch. Zwischen den vielen Kreuzen befinden sich immer wieder kleine Trampelpfade und offizielle Wege, erst recht, wenn es dann auf den Hügel hoch geht. Dort oben, oder ich würde es eher als „innen“ bezeichnen, sieht man erst, dass es ein Doppelhügel ist. Dann ist man so „mittendrin im Kreuzfeuer“, dass es einen fast umhaut. Viel beeindruckender als von außen oder unten.

Mittendrin im Doppelhügel

 

Die Masse an Kreuzen und Votivgaben ist unvorstellbar! Sicher könnte man mehrere Kirchen damit ausstatten. Es gibt Stellen, da ist kein Platz mehr für ein Kreuz. Die meisten haben noch Rosenkränze oder kleine Kreuze an sich hängen. Neben der Flut an Kreuzen gibt es auch Madonnen- und Christusbilder sowie Heiligenstatuen oder kleine Kirchen aus Holz oder Blech. In eine habe ich mal hineingefilmt:

Auch wenn es dann ab und zu mal regnete, das war gar nicht so schlimm. Hier auf dem Kreuzhügel braucht man nur eins: interessanten Himmel, um die Kreuze davor zu fotografieren. Etwas bewölkt war für mich schon die bessere Stimmung als praller Sonnenschein, so wirkten die Kreuze und alles auch noch mal etwas düsterer. Mit Abendsonne kann ich es mir aber auch gut vorstellen.

Ich frage mich manchmal, was mich an so einer christliche Stätte so fasziniert, denn mir fehlt ja der Glaube. Zunächst ist es natürlich eine sehr seltene Erfahrung über 200.000 Kreuze auf einem Fleck zu sehen. Und irgendwie finde ich Kreuze persönlich auch „schön“. Das Kreuz an sich ist ja ein uraltes (Kult-)Symbol und hat nicht nur im Christentum Bedeutung. Kreuze gehören zu meiner kulturellen Prägung. Zudem sind sie vielseitig einsetz- und wandelbar, z.B. kann man sie ja auch umdrehen. 😈

Gerade die Vielseitigkeit von Kreuzen bekommt man hier auf dem Kreuzhügel gut vor Augen geführt. Es waren auch nicht ausschließlich Christenkreuze, zwar überwiegend, aber auch welche anderer Glaubensrichtungen. Mein Auge fotografierte tausend Details. Wenn man will, kann man hier locker 4-5 Stunden verbringen und seine Speicherkarte volllaufen lassen.

Mich ergriff ein Gefühl der Ehrfurcht und Bewunderung vor dem Glauben, den die Menschen haben, die hier ihr Kreuz aufstellten. Ähnlich einem Friedhof war es friedlich, ruhig und ich geriet in eine nachdenkliche Stimmung. Der zur Neige gehende Tag, das Zirpen der vielen Grillen und das Klimpern der aneinanderschlagenden Kreuze im Wind taten ihr übriges. Eine gewisse Aura strahlt dieser Ort tatsächlich aus, besonders wenn man hier nahezu allein ist.

Warum gibt es den „Berg der Kreuze“?

Der Hügel ist mit seinen 10m so klein, dass ich zuerst vermutete, er sei von Menschenhand aufgeschüttet. Was wohl im Mittelalter, als sich hier mal die Burg Jurgaičiai befand, zumindest teilweise der Fall war. Sie wurde im 14. Jhd. von Kreuzrittern dem Erdboden gleichgemacht. Wer nun genau hier angefangen hat Kreuze aufzustellen, dazu gibt es einige Überlieferungen, aber keine ist eindeutig nachvollziehbar. Einmal soll es ein Fürst aus Vilnius gewesen sein, der zum Dank dafür, dass er einen Prozess gegen einen anderen Fürsten in Riga gewonnen hat, auf dem Rückweg hier ein Kreuz aufstellte. Auch der Vater eines kranken Kindes soll die Vision gehabt haben, er soll hier ein Kreuz errichten, damit seine Tochter wieder gesund würde. Nach seiner Rückkehr war sie geheilt. Die einen errichteten ihre Kreuze aus Dankbarkeit, andere aus Fürbitte, im Gedenken oder als Zeichen des Widerstands. Und wenn man heute ein Kreuz hier lässt, soll das Glück bringen.

Die Gründe für das Aufstellen der Kreuze änderten sich je nach gesellschaftlicher und politischer Gegenwart. So wurde beispielsweise nach Stalins Tod 1953 der Gulag-Opfer gedacht. Später wurde der Berg ein Symbol gegen die kommunistische Herrschaft der Sowjets in Litauen. Das kommunistische Regime wollte dieser Entwicklung Einhalt gebieten und führte im April 1961 die erste Zerstörungssaktion durch. Über 2000 Kreuze fielen dieser zum Opfer. Wieder wurden Kreuze aufgestellt, wieder wurden sie vernichtet. 1973, 1974, 1975 wurden diese Aktionen durchgeführt – aber die Kreuze kamen immer wieder. Schließlich etablierte sich der Berg als Symbol des nationalen Widerstandes. (Quelle)

Und er wurde zum Wallfahrts- und Pilgerort für Christen aus der ganzen Welt. Besonders seit Papst Johannes Paul II. am 7. September 1993 hier die Heilige Messe abhielt, an der mehr als 100.000 Menschen teilnahmen. Daran erinnert ein Gedenkstein, zudem stiftete er ein Kreuz und förderte die Errichtung eines Franziskaner-Klosters hinter dem Berg der Kreuze. Seither ist der Kreuzhügel sozusagen eine Star-Pilgerstätte.

Soweit ich weiß sind der bekannte Hill of Crosses in Siauliai und der weniger berühmte Berg der Kreuze in Grabarka (Polen) die beiden einzigen in der Welt. Ich habe jedenfalls noch von keinen weiteren gehört, gelesen oder bei Recherchen entdeckt. Jeder „Berg der Kreuze“ könnte metaphorisch einen Bezug zum Berg Golgota haben, dem nicht identifizierten Hügels außerhalb des Jerusalems der Antike, zu dem Jesus von Nazareth sein Kreuz getragen hat. Golgota ist hebräisch und heißt übersetzt „Ort des Schädels“.

Für die Kirchenväter hatte der „Ort des Schädels“ verschiedene Bedeutungen: Origenes z. B. führt den Namen auf den angeblich dort begrabenen Schädel Adams zurück, Hieronymus auf die Schädel der Verurteilten, andere Autoren auf die Form des Hügels. (Quelle: Wikipedia)

Ort des Schädels?!? Interessant. 😛 Memento Mori sahen wir auf dem Kreuzhügel zwar kaum, dafür aber viele verwitterte Jesus-Köpfe und -Körper, die Schädel und Gebein glichen.

Gibt es Unterschiede zwischen dem polnischen und dem litauischen Berg der Kreuze?

Ja, die gibt es. In gewisser Hinsicht ist Grabarka in Polen der kleine Bruder des Kreuzhügels bei Siauliai.

Der heilige Berg der Kreuze in Grabarka ist kaum touristisch, befindet sich auf dem Gelände eines Klosters auf einem richtigen, wenn auch nicht allzu hohen Berg mit einer heiligen Quelle an seinem Fuße, aus der man trinken sollte. 😉 Es sind viel weniger (etwas mehr als 10.000) und auch einfachere Kreuze, meist nur aus Holz. Ich fand die Stimmung hier aber besser = gruseliger, da die Kreuze in einem Wald stehen.

Kreuz im Kopf, na ob das Glück bringt…?

Der Berg der Kreuze bei Siauliai ist touristisch fast schon überlaufen und auf einem kleinen Hügel auf freiem Feld. Die Stimmung ist also nicht sooo atmosphärisch, dafür hat der Kreuzhügel in Litauen ein Vielfaches mehr an Kreuzen zu bieten, die auch vielseitiger gestaltet sind. Zudem gibt es eben Bilder und Statuen, woran ich mich in Grabarka nicht erinnern kann. Außerdem ist Siauliai gesegnet mit dem Papstbesuch von Joh. Paul II. und zwei gestifteten Kreuzen ehemaliger Päpste (Joh. Paul II. und Benedikt XVI.).

Beide sind meiner Meinung nach einen Besuch wert – und liegen auch „nur“ 6,5 Autostunden voneinander entfernt.

Warte bis es dunkel ist …

Nach ca. 2 Stunden im Kreuzgewimmel meldete sich mein Körper mit leichten Kreislaufproblemen, Hunger und Durst. Ich suchte M.Synthetic und drängelte ihn zum Heimweg.

M.Synthetic mit Sonnenkreuz

 

Auf dem Weg zurück schmiedeten wir den Plan, im Auto etwas von unseren polnischen Köstlichkeiten einzuwerfen und die Dunkelheit abzuwarten. Die Möglichkeit, den Kreuzhügel bei Nacht zu erleben kam nicht so schnell wieder! Die heilige Stätte wird nachts auch nicht abgesperrt, sondern ist rund um die Uhr geöffnet und wird unaufdringlich angestrahlt. Wir hatten auch sonst heute nichts mehr vor, außer uns noch einen Schlafplatz zu suchen, aber zur Not ging schlafen auch im Auto.

Mit uns hatten noch drei andere Leute/Autos diesselbe Idee. Wir fuhren etwas näher an den Hügel heran und parkten auf dem Seitenstreifen. Gegen 22:30 Uhr gingen die Lichter an und wir zogen erneut los. Nachts war das noch mal eine ganz andere Nummer! Es kam mir noch mehr wie auf einem Friedhof vor, nur kam jetzt noch eine leicht gespenstische Komponente hinzu. Wir durchkreuzten den Hügel bis nach Mitternacht – was für ein Erlebnis!

Mein Dank gilt allen, die hier in gutem Glauben ein Kreuz aufgestellt haben und an die Franziskaner im Kloster dahinter, die für den Berg sorgen.

Route zum Berg der Kreuze in Litauen planen

In Google Maps findet ihr den Berg der Kreuze unter „Kreuzhügel, Jurgaičiai, Litauen“ – also 10km nördlich von Siauliai. Mein Gothic Guide dazu folgt noch.

Folgende Tipps von mir:

  • spät abends kommen und bis zum Einbruch der Dunkelheit bleiben
  • wappnet Euch gegen Mücken, die sind nicht nur bei leichtem Regen da – Litauen ist ein Mückenland!
  • was zu trinken einpacken (man ist länger auf dem Hügel als man zuvor denkt)
  • volle Foto-Batterien und leere Speicherkarte mitnehmen 😉
  • wer dran glaubt: ein eigenes Kreuz präparieren zum Hinterlassen

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4 Responses to Der Berg ruft …

  1. Hubert Plischke picpli 23. Juli 2018 zu 01:15 #

    Gut geschrieben und sehr informativ.

  2. Helleborus 23. Juli 2018 zu 12:57 #

    Wenn ich die ‚Schwarze Tracht‘ anlege, dann stets mit einem Pentagram oder einem Kreuz. Dieses Kreuz verbinde ich nicht mit der christlichen Botschaft. Ich glaube, als Kinder nannten wir das Ding ‚Friedhofskreuz‘ weil wir es von dort her kannten.

    So als Erstklässler sah ich den an den Schulhof angrenzenden Friedhof mit einem kalten Schauder, mit einer fremden tiefen Beklemmung. Da war mir sowas wie eine leise, tiefe Drohung. Daß dieser Anblick auch etwas mit meinem eigenen völlig unendlichen Leben zu tun haben könnte, schien mir damals abwegig. Und keiner den ich je gesehen hatte, war gestorben oder schien das irgendwann vorzuhaben. Doch wozu gab es so einen Friedhof und was war dort passiert? Am meisten beeindruckte mich ein altes Holzkreuz an einer verwahrlosten Stelle nahe der Mauer.

    Da sah ich ein bedeutungsschweres gruseliges Symbol für ein endgültiges Vergehen, einen unausweichlichen dunklen Abgrund, ein Ende von allem. Eine angstmachende aber auch faszinierende Verheißung für mein eigenes Leben wo – seit ich denken konnte – immer nur lauter Anfang war. Dieses Symbol der dunklen Tiefe, der Endlichkeit von allem was ich jemals mit Namen zu nennen vermag – dieses Symbol habe ich als ‚Grufti‘ erworben. Mein Kreuz aus Zinn ist ebensowenig Modeschmuck wie es die Frohe Botschaft zeigt. Es spricht nur vom eigentümlichen Schauder des Todes.

  3. Burgdame 25. Juli 2018 zu 20:23 #

    Die Fotos, vor allem die Nachtfotos sind einmalig. Litauen ist nun ganz weit nach oben auf meiner To-See-Liste gerückt. Ich muss gestehen, ich weiß so wenig über Litauen, aber hinfahren muss ich irgendwann unbedingt. Schließlich war es mal ein Königtum mit Polen und der größte polnische Dichter war ein Litauer. Aber was Du über die triste Gegend schreibst, ist schon etwas erschreckend.

    Danke für die Inspirationen!

  4. Ogami 25. Juli 2018 zu 21:26 #

    Es scheint fast, als würde dieser Ort erst zur Abendzeit wirklich erwachen. Zumindest wirken die deutlich atmosphärischen Nachtbilder so. Nice 🙂

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