Kälte in Sicht

Debütalbum „Weeping Winter“ von The Cold View – Review

Es beginnt als würde es enden. Die ersten zehn Sekunden des ersten Stückes „Empty November“ klingen eher aus als dass sie sich zu einem Intro erheben. Ende statt Auftakt? Das Konzeptalbum „Weeping Winter“ von The Cold View verheißt nichts Gutes für die kommenden fünf Monate. Und das ist gut so. Wer von uns braucht im Winter schon lustige Musik? Wir brauchen Rotwein und Whisky, dazu Goth und Doom! Oder besser noch: Funeral Doom. Genau mit diesem Sub-Sub-Genre wird das Album „Weeping Winter“ in Metal-Kreisen kategorisiert. Ich bin ja etwas raus aus dieser Szene, dennoch fand ich „Funeral Doom“ schon allein vom Namen her prädestiniert für meine schwarzen Gehörgänge.

„Weeping Winter“ ist ein Debütalbum mit fünf Tracks – für November bis März – entstanden 2011/2012 im düsteren Darmstadt. Und wie lautet das ungeschriebene Gesetz bei Konzeptalben: intensiv, mit Zeit und am Stück hören. Ich halte mich natürlich daran und die Musik lässt sogleich Bilder in mir auferstehen. Nicht gerade wenige. Ich denke an schleichenden Horror, an verlassene Hütten im nebligen Wald, an Kamerafahrten durch modriges Unterholz. An finstere Keller und eisige Kälte. Wird so der kommende Winter?

Nach dem niedergeschlagenen ersten kommt das zweite Stück „Dark December“ gleich etwas symphonisch-festlicher daher – zumindest im Refrain. Sofern es Bezeichnungen wie „festlich“ und „Refrain“ im Doom-Metal überhaupt geben darf. Keine Angst, zum Tanz um den Christbaum animiert in dem Song rein gar nichts. Dennoch glimmt streckenweise zwischen den Noten etwas auf, das ich nicht zu beschreiben vermag. Vermutlich ist es auch für jeden etwas anderes. „Dark December“ ist mein Lieblingsstück auf dem Album, das mich beim ersten Hören gleich packt.

#3 „Grey January“ ist aufgelockerter und abwechslungsreicher, eher nicht so stark getragen wie die ersten beiden Stücke – zumindest zu Beginn. So wie das neue Jahr nun mal beginnt, voll finsterem Tatendrang mit Klavierauftakt flaut selbiger von verschrobenen Gitarren beeinflusst alsbald wieder ab. Wie im wahren Leben. Klangmeisterisch sind beide Zustände – the rise and fall – extrem gut umgesetzt.

„Freezing February“ friert die Töne dann tatsächlich fest, schleppt und zieht sie dahin als könnten sie sich nicht bewegen. Auch die Grunzstimme scheint von noch tiefer unten zu kommen – von dort, wo man denkt, es ginge nicht mehr weiter. Stimmlich bin ich ja von derartigem Gegrunze recht schnell zu begeistern – ich mag es tief und vermurmelt, Hauptsache niemand kreischt. Wohl ein Grund, warum ich mich für Black-Metal nie erwärmen konnte, sondern immer Doom & Death vorgezogen habe.

The Cold View – Freezing February by blockstudio

Der Februar-Track scheint fast still zu stehen, als wäre er gefroren. Aus meiner Sicht das düsterste Stück des ganzen Albums, jeglicher Hoffnung beraubt, als gäbe es kein Morgen und erst recht keinen März.

Doch der folgt – erstaunlicherweise. In epischer Länge von 12:22 min. Es ist ein „Mournful March“. So nennt sich der Song, aber im Vergleich zum Februar-Abgrund klingt das letzte Stück fast wie eine Ode an die Freude. Es ertönen Klavierklangreihen, die die Stimmung langsam aus der Tiefe heben. Sozusagen auf Temperaturen kurz über Bodenfrost. Bis die Vocals einsetzen, die mich in „Mournful March“ zu Beginn an einen Dämon hinter Gittern erinnern. Langsam klingelt (ja!) der letzte Song aus, als würde die traurige Melodie versuchen, uns bessere Zeiten zu verkünden. An denen vor allem depressive Gemüter nach dem Genuss von „Weeping Winter“ zweifeln dürften.

Diese fünf Tracks muss man sich wirklich zutrauen – kein leichtes Brett.

Obwohl das Album ohne wuchtige, nach unten ziehende Riff-Attacken auskommt. Depression musste noch nie Dissonanz bedeuten. Statt doomiger Kakophonie höre ich fließenden Metal mit finsteren, gefühlsbeladenen Klangflächen. Es ist vor allem die Emotionalität, die das Album über einige Ergüsse anderer Doom-Metal-Bands erhebt. Das Innere ehrlich in Musik vertont – erfahrungsgemäß aus meiner metallischen Vergangenheit fällt genau diese emotionale Offenheit vielen Bands schwer. Da The Cold View aber ein Ein-Mann-Projekt ist, gibt es zum Glück keine Männer-untereinander-Befindlichkeiten zu befürchten, die das in Zukunft verhindern könnten. Aus den melancholischen, tiefdüsteren Melodien kriechen Schmerz, Enttäuschung, Hoffnung, Sehnsucht und Quälerei hervor.

„Weeping Winter“ erweitert den Hörhorizont – und zwar ganz nah an der kalten Erdkruste. Diesen Herbst. Diesen Winter. Hören. (Wenn ihr euch traut.)

„Weeping Winter“ könnt ihr kostenfrei herunterladen hier bei Bandcamp – aber natürlich gern auch eine freiwillige Musikspende oder ein Sharing via Social Media hinterlassen.

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2 Responses to Kälte in Sicht

  1. solitary_core 27. Oktober 2012 zu 11:18 #

    hm habs mir am Stück durchgehört, auch wenns überhaupt nich zu meine Präferenzen gehört als TechnoKiddie find ichs geil .

    Sehe auch intressante Bilder, hab eher trostlose Eiswüsten im Hirn, sporadische verfallene gothische Gebäude … gut im Grunde is es Aurelia Prime aus Dawn of War 2 Chaos Rising 😀

    Würde auch ganz gut zu dessen Story passen : Der Planet war einst eine blühende Landschaft bis ein Warpsturm den Sektor erreichte wo der Warpsturm ist ist auch das Chaos nich weit, er verursachte das die Oberfläche sich extrem abkühlte und mit Eis überzog.

    Letztendlich verschwand der ganze Planet selbst im Warpsturm und wurde ein Spielball der ruinösen Kräfte innerhalb des Dämonenreichs, es wurde Heimat eines grösseren Dämons ^^

    http://www.youtube.com/watch?v=tUF-kxD7tz4 zumindest nen kleinen Eindruck wie es dort aussieht auch eher die Landschaft im Hintergrund tritt ^^

  2. Shan Dark 28. Oktober 2012 zu 21:13 #

    DANKE, dass Du Dich darauf eingelassen und Dein Kopfkino beschrieben hast! Interessant – ich hab mir die eisige Landschaft im Video angesehen. Etwas viel Action drin (wie nicht anders zu erwarten^^), aber der eisige Planet ist eindrucksvoll.

    Es ist immer wichtig, über den Tellerrand zu hören – das zeichnet einen flexiblen Geist aus. Und das heißt wiederum noch lange nicht, dass es einem dann auch gefallen muss.

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