Der sterbende Friedhof

Ein Gastartikel von Schatten

Wir waren unterwegs wie jedes Jahr. Für rund eine Woche reisten wir durch Thüringen und besuchten Altstädte, (Heimat-)Museen, Schaubergwerke, Schlösser und Burgen.

Jetzt waren wir in Eckartsberga, nur für eine Rast. Eine steil ansteigende Nebenstraße brachte uns zu einer kleinen Kirche, in deren Nähe mein Vater parken konnte. Sogar eine Bank im Schatten fand sich für unser Picknick.

Um jede alte Kirche herum ist Friedhof, Gottesacker, wenngleich gar zu oft planiert und aufgeräumt. Doch hier war keine Spur von Gräbern zu finden, keine Sandsteinplatte oder wenigstens ein übriggebliebenes altes Kreuz an die Kirchmauer gelehnt.

Ein ansteigender Weg war da, das sah ich mit suchendem Blick. Er war gänzlich weggedrückt durch eine in die Breite gehende, hohe Hecke, aus deren Laub übriggebliebene Lampenmasten ragten.

Weiter oben jedoch fand ich einen freien gepflasterten Weg, der bergauf führte. Als ein gut ausgebauter Wanderweg erschien er mir und neugierig folgte ich ihm. Bald hatte ich einen hohen grünen Laubwald erreicht als mir etwas auffiel und mich innehalten ließ. Mitten im Unterholz war das typische Grau alten Sandsteins. So wich ich von Wege ab und fand meine Vermutung sogleich bestätigt: ein uralter Grabstein im Wald!

Ich habe ein Gespür für Friedhöfe, finde sie oft schlafwandlerisch – ahnungsvoll richtete ich mich auf und schaute umher: hier war nicht nur ein solcher Stein! Ich sah noch viele mehr, eingesunken in die Erde, verdeckt von Efeu…    Als wäre Eile wendete ich und lief um den Vater zu holen – und die Tasche mit dem Fotoapparat.

Wieder zurück schwenkte ich den ausgestreckten Arm und sagte zum Vater „Das ist Friedhof!“  Er war so bestürzt wie eben noch ich, stapfte ins Kraut hinein, fand Steine und Steine, sagte plötzlich:  „Irrsinn, die liegen hier alle noch.“

Zu diesem Schluss war ich inzwischen auch gekommen. Und hatte den Fotoapparat um die Grabmale festzuhalten, die langsam im Waldboden zu verschwinden drohten wie in einem grünen Moor…

Immer mehr Steine fanden wir, oft mit unvollständigen Grabeinfassungen, die meisten der Gräber kaum noch sichtbar…

Was für ein Friedhof – vergessen und versinkend!
Ein sterbender Friedhof?

Es war tatsächlich so, als würden die Totenmale nicht nur vergehen, sondern sterben. Als ob selbst der Tod nicht ewig wäre. Vergehen mit der Zeit auch Stein und Tod?

Unruhig stapfte ich durchs Grün, umrundete die findbaren Reste, wollte Schriftzüge entziffern und konnte es nicht. Fast alles war unleserlich geworden: da war kein Name mehr und keine Jahreszahl. So fotografierte ich Kraut und Steine, vor allem die wenigen noch aufrecht stehenden. Festhalten wollte ich es, wenigstens in Bildern.
Ist es nicht seltsam, dass Bilder so oft länger halten als Steine?

Trampelpfad über ein Grab…

Der Tod im grünen Gewand…

Oder ist es am Ende nicht die denkbar würdigste Zukunft eines Friedhofs schließlich selber zu erlöschen und namenlos zu verschwinden?

So wie Jene alle, die hierher getragen und bestattet wurden. Und gewiss Keiner mehr, der lebend an einem dieser Gräber stand, lebt heute selber noch.

Traurig werde ich sein wenn mein Vater stirbt, und später bin ich selbst an der Reihe. Ein Stein für uns ist längst noch nicht angefertigt. Ob der dann auch mal so bemoost und unleserlich versinkt?

 

Zunächst Tod und Trauer, dann Melancholie, dann Vergessen, dann gar nichts mehr.

Kann der Tod selber noch sterben?

Eckartsberga 2. Juli 2012 – (c) alle Bilder: Schatten –> lieben Dank!

 

Route planen – Wo liegt der sterbende Friedhof in Eckartsberga?

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Über den Autor

Schatten wohnt heute in Marburg und stammt ursprünglich aus Leipzig. Sein selbstgewählter Name hat eine Geschichte: „Als ich Pfingsten 1999 zufällig in Leipzig die Dunkelseite entdeckte und als Zaungast ohne Bändchen da rumschlich, kam ich mir vor wie ein Schatten dieser Wunderwelt.“ Dunkelromantiker war er auch schon zuvor und besucht sehr gern die atmosphärischen Veranstaltungen der blauen Stunde.

Hiob 14,2:
Ist doch der Mensch gleich wie nichts;
     seine Zeit fährt dahin wie ein Schatten.

Schatten schlug mir über das Kontaktformular des schwarzen Planeten vor, ein Sammelsurium für finster-romantisch-mystisch-skurrile Reiseziele in Deutschland anzulegen. Nichts für lange Anfahrten, aber wenn man mal in der Nähe ist? Es müssen ja nicht immer gleich die Mumien von Palermo sein – das Düstere liegt manchmal so nah. Eine gute Idee! Das Sammelsurium startet mit diesem tollen Gastbeitrag. 😀 Also wenn ihr auch eine Empfehlung habt >> schreibt mir bitte.

 

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8 Responses to Der sterbende Friedhof

  1. Schatten 8. September 2012 zu 14:01 #

    Huch, hab mich ja erstmal gewundert wann ich denn einen Gastartikel verfasst haben soll 😀

    Guter Beitrag sehr interessant geschrieben, Namensvetter! 🙂

  2. Tialda 8. September 2012 zu 15:11 #

    Wunderschöner Text und noch tollere Bilder *schmacht*

  3. Madame Mel 10. September 2012 zu 11:52 #

    Mystische Orte öffnen sich nur für diejenigen, denen sie sich offenbaren wollen. Für alle anderen werden sie immer ein Geheimnis bleiben. Der Tod wird auf Dauer unbedeutend, nichtig. Es stirbt nichts, alles geht nur in den ewigen Kreislauf ein. Die großzügige Gabe der Natur wird eines Tages wieder zurückgefordert. Du hast jedenfalls die Magie wunderbar in deinen Bildern eingefangen und elektronisch für die Nachwelt konserviert. Zumindest nur solange, bis das www stirbt 😉

  4. Schatten 14. September 2012 zu 21:15 #

    @Schatten
    Hallo Namensvetter, ich freu mich wenn Du nicht ärgerlich bist wegen der Namensdopplung. Kennt jemand noch das Blackscreen-Forum ? Dort hieß ich ein paar Jahre lang so, und nun fiel mir kein anderer Name wieder ein.

    @Madame Mel
    Auf den Gedanken war ich selber nicht gekommen und finde ihn faszinierend: Wenn nun dieser Waldfriedhof eines Tages unauffindbar ist und dann auch die Bilder die ich auf einer Festplatte habe auch verloren sind – so gibt es noch das www von dem wir gehört haben es würde nichts vergessen !

  5. Schatten 16. September 2012 zu 03:11 #

    Nein, das nehm ich dir keineswegs übel 😉
    Im Gegenteil freut mich wenn jemand der den gleichen Namen trägt einen so schönen Artikel hervorbringt 🙂

  6. Mosje Macabre 16. Oktober 2012 zu 18:41 #

    Da ich aus Thüringen komme und auf dem Weg nach zur Fototour nach Kutna Hora und Olsany sowieso in die Richtung unterwegs war, musste ich mir das natürlich anschauen 🙂

    Die Gräber scheinen wirklich zu versinken und geben ein tolles Bild ab, wie sie da zwischen dem Moos, Efeu und Dickicht herausragen. Nur..ganz so mystisch, wie im Artikel beschrieben, fand ich die Lage bzw. den Weg dorthin nicht, da man eigentlich genau auf den neuen Friedhof zuläuft und die alten Gräber links und rechts des Weges in den schmalen Waldstücken liegen.

    Das Grab auf dem vorletzten Bild, wurde in der Zwischenzeit auch wieder gepflegt und mit frischen Blumen bepflanzt 🙁

    Wenn ihr in der Nähe seit, lohnt sich eine Rast auf jeden Fall und im Nachbarort Gernstedt gibt es noch eine sehenswerte kleine Kapelle im neugotischen Baustil.

  7. Morg 23. Februar 2016 zu 14:50 #

    Solche mystischen Orte gibt es jetzt wahrscheinlich noch genug. In einigen Jahrzehnten wird jedoch alles verfallen sein und vielleicht kann der eine oder andere dann noch erahnen, dass dies einmal ein Friedhof war. Irgendwann wird man mit Sicherheit nichts mehr erkennen. Solche Friedhöfe sollten gepflegt und erhalten werden. Ich meine damit nicht die Bepflanzungen sondern die Erhaltung der Bausubstanz. Es kann ja ruhig mit Moosen und Flechten bewachsen sein, aber nur so, dass auch noch andere Generationen solche Orte noch sehen können.
    Nebenbei gesagt werden Friedhöfe immer mehr missbraucht. So z.B. ist joggen, Fahrradfahren, picknicken, Nordic Walking, Sonnenbad nehmen usw. gang und gäbe (z.B. Frankfurt, grössere Städte des Ruhrgebiets, München usw.) Auch mit den Hinterlassenschaften einiger Vierbeiner können unangenehme Bekanntschaften gemacht werden.
    Auch werden jetzt die sonst sehr strengen Friedhofssatzungen (von Stadt zu Stadt unterschiedlich) gelockert. In einem Teil der Freidhöfe können Muslime nun nach ihren Gepflogenheiten bestattet werden. Also zuerst waschen, dann in ein Tucheinwickeln und das Gesicht gen Mekka drehen. Dazu lassen Muslimische Geistliche die von Christen „entweihte“ Erde abtragen und durch andere ersetzen. Bei späteren Grabbesuchen wurde bekannt, dass diese Familien oft bis zum Grab mit dem Auto vorfahren!
    In letzter Zeit erfreuen sich auch sog. Ruheforste wachsender Beliebtheit. Es gibt dort im Wald ausschliesslich Urnenbestattungen. An einem Baum in der Nähe befindet sich ein kleines Schildchen mit einem Hinweis auf den Toten.
    Es gäbe noch viele andere Beispiele der allmählichen Vernichtung, teilweise jahrhundertealter Friedhofskultur. Ich wollte nur aufzeigenn, dass andere Generationen immer weniger schöne, und v.a. mystische Friedhöfe mehr sehen werden.
    Für die Gefallenen beider Weltkriege gibt es die Kriegsgräberfürsorge, die sich um die Erhaltung der Gräber kümmert. Leider gibt es solch eine Vereinigung für alte, ehemalige Friedhöfe meines wissens nicht.

  8. Shan Dark 23. Februar 2016 zu 18:35 #

    @Morg: Da sagste was Wahres, ich verstehe Dich und empfinde es genauso traurig, dass für Friedhofsrestauration und Pflege so wenig Geld da ist. Meist geht das Engagement von den Friedhöfen selbst aus, die Grabpatenschaften ausschreiben oder freiwillige Helfer übernehmen dann die Grabpflege. Das ist allerdings lokal organisiert und kein überregionaler „Volksbund“ wie die Kriegsgräberfürsorge. Aber dennoch kann man sich für den Friedhof seines Herzens regional engagieren. „Friedhofsfreunde“, die sogenannten Taphophilen, engagieren sich häufig in Fördervereinen.

    Ich sehe das wie Du: das Verwitterte und Verfallene ist zwar schön, aber so bleibt es nicht erhalten. Auch wenn mir manches Mal das Herz aufgeht bei ’sterbenden Friedhöfen‘ – so rein optisch – ist es doch auch irgendwie schade, dass die Nachwelt davon nichts mehr haben wird. Oder immer weniger. Deshalb möchte ich ja z.B. auch eine Gruft oder ein Grab mit Statue, dass die Nachkommen auch noch was anzusehen haben. 😉

    Friedhofsverlust ist auch immer Kulturverlust. Die Friedhofsverwaltungen wöllten auch mehr tun, aber haben mit knappen Mitteln zu kämpfen. Und mit dem Desinteresse der Bevölkerung in der modernen Gesellschaft ebenfalls. Wir leben in einer Zeit, in der das Alte, Historische nicht so viel wert ist, wie das früher ein mal war, wo Erbe, Geschichte etc. gehegt und gepflegt und geschützt (!) wurde. Alles muss modern sein, wird schnell abgelöst, kann man neu kaufen oder neu machen (weil dann noch mehrere daran verdienen). So kommt es, dass schon Marketing für Friedhöfe gebraucht wird, denn gestorben wird zwar immer noch, aber eine für Friedhöfe ertragbringende Bestattung gibt es nicht mehr so oft und so geht die Spirale immer weiter nach unten. 🙁
    Aber wie gesagt, ich denke im kleinen, regionalen Bereich kann jeder schon etwas für den Erhalt der Friedhofskultur tun.

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