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Zelten am Führerhauptquartier

Wenn ich im Urlaub bin, will ich keine Termine haben. Im Alltag gibt es genug davon. Ich finde es schön, mit dem Auto wie ein Nomade ungebunden durch ein fremdes Land zu cruisen und morgens nicht zu wissen, wo man abends schläft. Meine Urlaubspriorität liegt auf dem Entdecken (das hättet ihr jetzt nicht gedacht, was?) und gleich danach kommt gutes Essen – idealerweise ohne es selbst zu kochen. Das mache ich daheim jeden Tag. Doch was Übernachtung angeht … da bin ich pragmatisch. Am liebsten nah an der Natur, also im Zelt oder zur Not auch im Auto. Oder ein privates Zimmer irgendwo. Hostel und Hotel nur in Städten. Aber wirklich niemals hätte ich geahnt, dass ich mal in Hitlers Führerhauptquartier übernachten würde … Geplant war es nicht.

Die Wolfsschanze – Hitlers geheimes Führerhauptquartier

Was ich über die Wolfsschanze wusste passte in einen Fingerhut. Oder in vier schmale Sätze unseres Reiseführers. Ich interessiere mich nicht sonderlich für dieses schlimme Kapitel deutscher Geschichte, mir hat die Unterrichtspackung „2. Weltkrieg und Nazi-Diktatur“ in Schule und Abi völlig gereicht. Von der Wolfsschanze wusste ich nur durch meinen Vater, der meinte, dass wir uns das mal ansehen sollten. Es ist in der Nähe der Masuren, praktisch „davor“ – von Westen/Deutschland kommend. Von den Masuren hatte ich ebenfalls schon viel gehört. Nach nunmehr drei intensiven Polen-Urlauben würde ich sagen: es gibt viel, viel schönere Ecken in Polen als die Masuren! Es ist dort tatsächlich wie an der Mecklenburgischen Seenplatte, nur etwas weiter weg 😆 , doch ähnlich touristisch. Die Natur ist uriger, aber das ist sie eben überall in Polen verglichen mit Deutschland.

Wir wussten bei der Wolfsschanze also beide nicht, was uns erwartete. Bunker – das war das einzige damit verknüpfte Schlagwort in meinem Kopf. Ich mag manchmal diese „Naivität“ in mir. Nur eine jungfräuliche Großhirnrinde kann unvoreingenommen auf Eindrücke und Reize reagieren. Ich war neugierig – vor allem darauf, wie die Polen, die schwer unter den Nazis gelitten haben, mit diesem Ort umgingen. Wie sie ihn „präsentieren“. Würde es eher wie ein begehbares Mahnmal sein – nur mit Führer  😉 zu besichtigen und reich bebilderten, mahnenden Infotafeln an den Wegen? Oder würde es „vermarktet“ werden und sich die Polen spät an Hitler rächen, in dem sie Geld aus seiner Festungsanlage schlagen?

Wir spekulierten darüber ein wenig vor uns hin, als wir auf der Landstraße von Olsztyn (Allenstein) kommend in Richtung Osten nach Ketrzyn (Rastenburg) fuhren. Man kommt in Polen nicht sehr schnell voran. Es gibt gerade im Norden fast nur Landstraßen und nur wenige Autobahnen. Hitlers geheimes Führerhauptquartier liegt in einem großen Waldgebiet 8 km östlich von Ketrzyn in Richtung Masuren – in der Nähe des kleinen Örtchens Gierloz (Görlitz). Einiges an der Lage war perfekt als Standort für eine geheime Kommandozentrale, von der aus Hitler die Truppen an der Ostfront steuerte. So zum Beispiel die Eisenbahnlinie zwischen Wegorzewo (Angerburg) und Ketrzyn (Rastenburg), deren Bahnschienen durch den Wald führten und gut für den Transport des Baumaterials genutzt werden konnten. Und die Abgeschiedenheit in diesem dichten großen Forst, in dem es auch ein gespenstisches Moor gibt – nur wenige Kilometer vor der Wolfsschanze.

Moor-Landschaft im Biotop Gierloz

Das große Waldgebiet von Gierloz ist ein Naturschutzgebiet und Biotop.

 

Gegen 15 Uhr erreichten wir die Wolfsschanze. Der Eintritt kostete 15 Zloty pro Person (ca. 3,50 €) und 10 zloty fürs Parken (ca. 2,50 €). Vom nicht allzu großen Parkplatz aus sieht man als erstes ein flaches Gebäude in unappetitlichem Blaugrün mit der Aufschrift „Restauracja“ und davor eine Ausleihstation mit alten Militärfahrzeugen und -Motorrädern. Damit konnte man die Wolfsschanze erkunden. Sicher aber nur als Beifahrer. Das hätte mir ein Hinweis auf die Größe der Anlage sein können. Aber ich schaltete nicht. Ein paar Bunker halt, unterirdisch, das war meine Erwartung. In 2 Stunden sind wir hier durch. 😎

Wir folgten dem Weg „hinein“ ins Führerhauptquartier, also in den grünen, sommerlichen Wald mit hohen Kiefern und alten Laubbäumen. Vorbei am blaugrünen Flachbau, in dem sich übrigens nicht nur ein Restaurant befand, sondern auch das Hotel „Wilczy Szaniec“, wo schon zu Hitler’s Zeiten die SS- und RSD-Offiziere auf Besuch beherbergt wurden. Okaaayy… 😯

Zunächst kamen wir an einem Souvenir-Kiosk vorbei, der hatte aber geschlossen. Ich möchte gar nicht wissen, was es da zu kaufen gab. Gleich daneben kam wieder ein Flachbau, früher war hier das SS-Begleitkommando untergebracht, heute das Museum. Endlich ein Museum – also rein und Wissen tanken. Es war nicht sehr groß und relativ spartanisch. Barackenflair. In Dauerschleife lief ein Film – soweit ich mich erinnere nur auf Polnisch – und an den Wänden in einem großen Raum gab es reihum Infotafeln, die Geschichte(n) erzählten. Jede Menge zu lesen, aber auf Deutsch und sehr interessant. Dazwischen ein paar wenige Schaukästen aus Glas mit Modellansichten von der Wolfsschanze. Und es gab auch einen „Museums-Shop“ mit Schirmen, Tassen, Basecaps, Shirts, Aschenbechern und dem Symbol der Wolfsschanze darauf. Also doch etwas Vermarktung. Wir kauften stattdessen etwas sehr Wichtiges: einen Faltplan der Anlage – mit vielen Infos und Bildern von früher darauf. Erst da wurde mir die Größe des Führerhauptquartiers bewusst! Und … dass die Wolfsschanze sämtlich nur aus überirdischen Bunkern bestand.

Investiert unbedingt in solch einen super Faltplan, sonst seid ihr „lost“!

 

Die Wolfsschanze ist das größte der 12 Führerhauptquartiere (FHQ), die für Hitler, seine Minister, Offiziere und Stab an strategisch wichtigen Orten geschaffen wurden. Sie lagen vor allem im damaligen Reichsgebiet, aber auch in Belgien, Frankreich und der Ukraine. Einige davon wurden nie benutzt, andere nur ein paar Tage oder wenige Wochen. Nur in vier FHQs verweilte Hitler länger: in seinem „Berghof“ auf dem Obersalzberg in Berchtesgaden, im „Werwolf“ in der Ukraine, in der Berliner Reichskanzlei und in der „Wolfsschanze“ in Ostpreußen. Hier war Hitlers militärische und auch politische Machtzentrale des dritten Reiches von 1941-44.

Geplant wurde die Wolfsschanze im Juli 1940, als es erste Pläne für einen Krieg gegen die Sowjetunion gab. Den Befehl zum Bau der Wolfsschanze gab Hitler kurz vor Weihnachten 1940, am 19. Dezember.

Der Bau fand unter hohem zeitlichen Druck mit Blick auf die bevorstehende Osterweiterung statt und wurde aufs Strengste vor der Bevölkerung geheim gehalten. Offiziell baute man hier eine Fabrik, die Chemischen Werke „Askania“. Der wirkliche Name „Wolfsschanze“ stammt von Hitler selbst. Er nutzte dafür sein Pseudonym „Herr Wolf“. Die Bauarbeiter waren Deutsche aus dem gesamten Reichsgebiet, aber auch aus der Umgebung. Sie arbeiteten hier maximal 3 Monate und auch immer nur in einem kleineren Bauabschnitt, damit sie sich keine Vorstellung von der Größe und Art der Anlage machen konnten. In nur 8 Monaten wurde ein großer Teil der Bunker, Holz- und Backsteinbaracken fertiggestellt. Zudem entstand ein dichtes Netz von Wegen und Zufahrtsstraßen, eine unterirdische Verkabelung für den Strom und Fernmeldedienst, Kanalisation, ein unterirdisches Heizwerk, Wehranlagen und ein breiter Minengürtel im Wald rund um die Anlage.

So sah Hitlers Bunker in der Wolfsschanze aus (Modell).

So sah Hitlers Bunker in der Wolfsschanze aus (Modell).

 

Neben dem Führer hatte jeder der Herren aus Hitlers Spitzenkomitee von Staat, Polizei und Wehrmacht seinen eigenen Bunker, u.a. Hermann Göring (Luftwaffe), Wilhelm Keitel (Chef des Oberkommandos der Wehrmacht) und Martin Bormann (Reichsminister und Privatsekretär Hitlers). Insgesamt 7 an der Zahl. Diese „Schwerbunker“ waren mit Klimaanlage, Kanalisation, Badezimmer, Beleuchtung und Zentralheizung ausgestattet.

1944, als die Ostfront schon weit vorgerückt war, wurden die Bunker aus Angst vor Luftangriffen noch einmal zusätzlich mit Betonmänteln verstärkt, so dass daraus „Bunker im Bunker“ wurden, die 6-8 Meter dicke Wände und Decken hatten. Zusätzlich gab es einen Luftschutzbunker mit Flak- und MG-Stellungen auf dem Dach, einen Gästebunker und keinen Bunker, sondern einen Zwinger für Hitlers Schäferhund. Für die gehobene Unterhaltung war ebenfalls gesorgt – mit einem Kino, Kasino, zwei Teehäusern. Es gab einen Bahnhof und zwei Flugplätze. Insgesamt standen auf dem Führerhauptquartier etwa 200 Bauobjekte – wie eine kleine Stadt. Über 2.000 Menschen lebten dauerhaft hier.

Schornstein des Heizwerkes – mit Tarnmörtel verputzt

Bei Baubeginn musste man noch darauf achten, dass die vorüberfliegenden Flugzeuge der russischen Aeroflot auf der Linie Moskau-Berlin nichts vom Bau sahen und meldeten. Auch später sollte das Führerhauptquartier aus der Luft nicht sichtbar sein. Man achtete daher auf die Erhaltung des Baumbestandes – gepaart mit einer raffinierten Tarnung. Über Bunker und Wege waren Tarnnetze gespannt, die Bunkerdächer wurden mit einer Vertiefung konstruiert, die mit Erde aufgefüllt und mit Gras und Sträuchern bepflanzt wurde. Manches bekam einen Putz aus Tarnmörtel – vermischt mit Seegras und Holzspänen und mit Tarnfarbe bestrichen. Künstliche Bäume aus Holz und Stahl mit künstlichen Blättern aus Bakelit wurden aufgestellt. Und es funktionierte! Es gab niemals einen Luft-/Bombenangriff auf die Wolfsschanze. Moskau und den Westalliierten blieb die Existenz der riesigen Wolfsschanze bis zur kampflosen Besetzung durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 verborgen. Nur drei Tage zuvor haben die Nazis bei ihrem Rückzug die Wolfsschanze selbst gesprengt. Sie sollte den Feinden nicht unzerstört und damit „nutzbar“ in die Hände fallen. Für die Sprengung eines Schwerbunkers wurden 6-8 Tonnen Dynamit gebraucht und obwohl dies eine schier unvorstellbare Menge ist – die Sprengung gelang auch damit nur unvollständig. Die Schwerbunker stehen fast alle noch, Teile von ihnen liegen wie aufgeplatzt mitten im Wald und entblößen ihre zerrissenen Stahldraht-Adern. Auch einige der Häuser und Baracken stehen noch als „Gerippe“.

Man kann ohne Führer das Hauptquartier selbst erkunden – obwohl es natürlich auch Führungen gibt, wenn man das will. Uns reichten aber die Infotafeln an den Wegen. Die Wolfsschanze ist heute wie ein riesiger Lost Place mitten im Wald und die Polen machen es so, wie ich es oft in osteuropäischen Ländern erlebt habe: jeder Besucher ist für sich selbst verantwortlich. Man sollte auf den Wegen bleiben, aber das wird nicht kontrolliert. Einen soften Wachschutz gibt es heute nur noch am Eingang. Die Polen schreiben einfach auf die Gebäude- und Bunkerwände in verschiedenen Sprachen, dass es gefährliches Terrain ist und „Betreten auf eigene Gefahr“. Das klingt ja schon fast wieder wie eine Einladung …

Der Gästebunker und das Attentat von Oberst Graf von Stauffenberg

Hitler empfing in der Wolfsschanze gern hochrangige Staatsgäste, um sie für seine grausamen Kriegspläne zu gewinnen, wie Mussolini, der vier Mal hier zu Besuch war, den rumänischen Marschall Antonescu, den slowakischen Ministerpräsidenten Tiso oder den Zar von Bulgarien, Boris der III., um nur einige zu nennen. Häufig übernachtete und tagte man im Gästebunker, einem der sieben Schwerbunker und der erste, den man beim Rundgang sieht.

Der Gästebunker – auch schon groß, aber es gibt noch massivere Bunker hier

 

Den Gästebunker sahen wir schon in seiner Größe durch die Bäume schimmern, als wir  noch hundert Meter davor an einem Denkmal für den Widerstand gegen den Nationalsozialismus standen – einem großen aufgeschlagenen Buch mit geborstenem Buchrücken. Hier hatte bis zum 20. Juli 1944 noch eine Baracke gestanden, heute waren nur noch ein paar Steine des Fundaments zu sehen.

Denkmal für den Widerstand gegen den Nationalsozialismus an der ehemaligen Stelle der Lagebaracke, in der Oberst Graf von Stauffenberg das Hitler-Attentat verübte

 

In dieser Lagebaracke fand das Sprengstoff-Attentat des Offiziers Graf von Stauffenberg als Resultat einer Verschwörung gegen Hitler statt. Graf von Stauffenberg – eingeladen zu einem Referat ins Führerhauptquartier – brachte in seiner Aktentasche eine Sprengladung mit sich. Eine zweite Bombe befand sich in der Tasche seines Adjutanten Werner von Haeften. Sie kamen aus Berlin in der Wolfsschanze an und erfuhren, dass die Beratung nicht wie geplant im Gästebunker sondern in der Lagebaracke stattfinden soll. Stauffenberg stellt die Tasche mit der Bombe zwei Meter neben Hitler und verließ dann wegen eines wichtigen Telefonanrufs das Zimmer. Die Bombe explodierte, vernichtete die Baracke und vier Personen wurden tödlich verletzt. Hitler nicht, er hatte nur einen Bluterguss am Ellenbogen und Hautabschürfungen, außerdem waren ihm beide Trommelfelle geplatzt. Fakt ist: hätte die Beratung wie geplant im Gästebunker stattgefunden, niemand hätte überlebt.

Bei ihrer Rückkehr nach Berlin wurde Graf von Stauffenberg und seine Komplizen gefasst, direkt vor ein Militärgericht gestellt und noch am Abend des 20. Juli im Bendlerblock in Berlin hingerichtet. Das war der Beginn einer Hinrichtungswelle, der in den folgenden Monaten über 200 Oppositionelle zum Opfer fielen.

Bunker-Monster und Nazi-Bremsen

In den Führerbunker hinein

Vom Gästebunker geht es vorbei an Martin Bormanns Bunker, des engsten Vertrauten Hitlers. Auch wieder so ein wuchtiges Teil, in dessen Nähe ich mich etwas unwohl fühlte (ich habe eine leichte Megalophobie). Gleich „um die Ecke“ kommt der Führerbunker. Ein Monstrum! Du stehst davor und Dir fällt die Klappe runter. Immer noch so riesig, obwohl er ja schon gesprengt war, was man dem Hitler-Bunker erst beim näheren Betrachten ansieht. Vorn ist noch alles ganz gut erhalten, aber hintenrum ist er fast zur Hälfte weggesprengt. Ich verspürte einen Impuls, mir das im Inneren mal näher anzuschauen. Aber da müsste man schon besser ausgerüstet sein und es ist wohl wirklich gefährlich, sofern man überhaupt „hinein kommt“, was ich ein wenig bezweifle.

Ich war auch denkbar ungünstig gekleidet in einem dünnen Rock und Sandalen. Noch dazu war es ein sehr heißer Spätnachmittag und ich hatte keinen Mückenschutz dabei. Ich wurde massiv zerstochen, das fiese aber war, hier gab es vor allem Bremsen. Echt aggressive Nazi-Bremsen. Ich war ständig damit beschäftigt, mit unserem Wolfsschanze-Faltblatt an mir rumzuwedeln, damit nichts auf mir landen konnte. 😀 Es half nur mäßig. Ich hatte dadurch leider nicht so die Ruhe und konnte auch nirgends hoch- oder reinklettern in meinen unpassenden Klamotten. 🙁 Wegen der Mücken und Bremsen sind die Bunker besonders beliebt bei Fledermäusen, sehr stark vertreten ist die Mopsfledermaus, wie ich einer Infotafel entnehmen konnte.

Was ich vermisste, waren Überbleibsel vom Leben im Führerhauptquartier, sowas wie Geschirr, Bücher, Möbel… Auch im Museum sah man davon nichts. Sollte das wirklich alles durch die Sprengung … oder haben die Nazis alles mitgenommen?

Was kann ich klein sein 😉 … Blick vom Luftschutzbunker

 

Besonders beeindruckend fand ich den riesigen „allgemeinen Luftschutzbunker“, der einzige, der mit Hitlers Bunker mithalten konnte. „Da muss ich jetzt mal hoch!“, sprach’s und kletterte an der Leiter nach oben. Ich wartete etwas bang unten, ermahnte meinen Freund zur Vorsicht und kam mir vor wie meine Mutter. Aber oben erwarteten ihn zum Glück nur bemooste Flakgeschützanlagen, Birkenbäume und ein riesiger Riss, der das Bunkerdach in zwei Hälften teilte. Und gute Aussicht. 😉 Ich war trotzdem froh, als er wieder unten war. In der Zwischenzeit hatte ich wieder 3 Bremsenstiche mehr. Aber für die Wolfsschanze war ich schon bereit Opfer zu bringen – sie ist eine Wucht und hier ist das wörtlich zu nehmen. Ich war tatsächlich beeindruckt, auch wenn sie natürlich einen bitteren Beigeschmack hat. Aber es ist ein Zeitzeugnis und vergleichbar mit einer mittelalterlicher Festung, die man sich ja auch ansieht und die bestenfalls eine starken Eindruck hinterlässt.

Riss in der Decke mit Stahldraht-Adern

Flakgeschützanlage auf dem Luftschutzbunker

 

Gegen 19:30 Uhr kamen wir erschöpft am Parkplatz an und gönnten uns nach 4,5 Stunden Wolfsschanze im Restaurant noch eine Suppe und etwas Kaltgetränk. Dann die große Frage: wo schlafen wir heute? Wir wollten nach Ketrzyn/Rastenburg zurückfahren, dort sollte laut unserer Landkarte irgendwo ein Campingplatz sein und auf der Hinfahrt hatte ich dort in der Nähe auch ein Schild mit „agroturystyka“ (Übernachten auf dem Bauernhof) gesehen. Erfrischt stiegen wir kurz nach 20 Uhr ins Auto und weil der Parkplatz nun so leer war, entdeckte ich neben dem Parkplatz eine mit Bäumen bestandene gepflegte Wiese mit 3-4 parkenden Wohnmobilen – hier gab es doch tatsächlich einen Campingplatz, unglaublich! Nee, also nee, hier nicht!, dachte ich bei mir. Ich fand das irgendwie unpassend. Mein Freund hatte den Campingplatz nicht gesehen und fuhr das Wachpersonal freundlich grüßend vom Gelände.

In der langsam aufkommenden Dämmerung fuhren wir bis Ketrzyn / Rastenburg, das war eine kleine Stadt, vielleicht war ja dort dieser in der Karte eingezeichnete Campingplatz. Aber in Rastenburg war nichts zu finden, dafür entdeckten wir durch Zufall einen großen Friedhof mit 1.000en Kerzen. Zum Übernachten eindeutig zu hell und zuwenige Gruften. 😛

Der riesige Friedhof von Ketrzyn

 

Auf eine Nacht im Auto hatten wir keinen Appetit – und apropos, zu Abend hatten wir auch noch nichts gegessen, aber mittags auf der Hinfahrt wenigstens was zum Grillen eingekauft, weil wir ja mit dem Campingplatz gerechnet hatten. Aber wo war er? Damit konnte doch nicht der an der Wolfsschanze gemeint sein! Unsere letzte Chance war der „agroturystyka“-Bauernhof! Ich fand den Wegweiser wieder kurz vor dem Waldgebiet, in dem sich die Wolfsschanze befand. Wir folgten ihm querfeldein. Wenn man im Dunkeln, und das war es mittlerweile, über einen holprigen Feldweg rumpelt, und immer nur soweit sieht wie der Lichtkegel reicht, kommt einem die Fahrt ewig vor. Endlich ein Gehöft. Da stand zwar nichts mit „agroturystyka“, aber wo sollte es sonst sein? Wir fuhren in die Einfahrt und stoppten nach wenigen Metern im Garten. Im Haus brannte Licht, dann öffnete sich die Tür und zwei junge Kerle mit Bierflaschen und ein Mädchen kamen heraus. Schauten uns völlig verwundert an – wie Außerirdische, die gerade in ihrem Garten gelandet waren. In Amerika hätten wir schon längst den Gewehrlauf im Hals gehabt. Ich fragte freundlich nach „agroturystyka“ und formte mit den Händen ein Zelt. Sie schüttelten den Kopf. Nie agroturystyka! Ok, dann besser schnell weg. Wir holperten über den Feldweg wieder zurück zur Landstraße und ich erzählte meinem Freund vom Campingplatz an der Wolfsschanze. „Naja, zelten wir halt am Führerhauptquartier, was wollen wir sonst machen?“, war seine Reaktion. Na prima! Warum nicht gleich im Gästebunker?

Es war 22:30 Uhr als wir das Wachhäuschen am Eingang der Wolfsschanze passierten und die Wärter fragten, ob wir auf dem Campingplatz übernachten dürfen und was er kostet. Wir wurden freundlich wiedererkannt und brauchten nichts extra bezahlen. Das war ja nett. Wir fuhren auf die Zeltwiese und platzierten uns am Rand einer Lichtung unter hohen Bäumen. Auf der Lichtung standen zwei Sitzgruppen aus Holz, Mülleimer, ein kleiner Grill und ein Stück weiter war der Zaun, der den Campingplatz vom Führerhauptquartier trennte. Zwei Scheinwerfer leuchteten mit dem Mond um die Wette. Kühle Luft stieg von der Wiese auf. Es gab noch 3 Wohnmobile, die weiter weg parkten, aber da regte sich nichts mehr. Es war überhaupt niemand mehr wach außer uns und den „Kindern der Nacht“: Frösche und Kröten, die man vom nahegelegenen Sumpf herüber „musizieren“ hörte, ein Käuzchen, viele Fledermäuse und eine große Eule, die uns von einem Torpfosten aus beobachtete. Nächtliche Naturromantik, aber die Szenerie hatte auch etwas gespenstiges. Und nebendran noch das Führerhauptquartier … meine Güte, nur nicht dran denken! Mein Freund entfachte den Grill und dann kamen sie wieder: die Nazi-Bremsen. Diesmal war ich ja mit Kleidung besser geschützt, so dass wir uns beide gegen die Plagegeister verteidigen mussten. Die Wehrmacht der Fledermäuse schwächelte etwas in den vorderen Reihen, aber ich kann nicht sagen, wie viele Mücken und Bremsen sie im Hintergrund dezimierten. Irgendwann wurde es noch kälter und die Bremsen von der Ostfront zogen sich zurück. Gegen 1 Uhr kuschelten wir uns in die Schlafsäcke und ich hoffte inständig, dass ich nicht von Hitler oder Bunkern träumen würde.

Romantische Grillidylle am Führerhauptquartier

 

Der nächste Morgen war sonnig und wir hatten beide gut geschlafen am Führerhauptquartier. Als ich das Zelt öffnete, sah ich im Hellen die Umrisse des Gästebunkers durch die Bäume blitzen …

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Einen lesenswerten Bericht mit noch mehr zur Geschichte der Wolfsschanze findet ihr in diesem Artikel bei polish-online.com

 

Besuch & Route planen zur Wolfsschanze

Alles Wichtige auf einer Seite zum Ausdrucken und Mitnehmen auf Reisen: Gothic Guide-Wolfsschanze kostenlos herunterladen!

 

Im Gothic Guide und auf der offiziellen Website der Wolfsschanze (auch in Deutsch verfügbar) erfahrt ihr, wie man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, Zug und Bahn anreisen kann. Aber besser ist es natürlich mit dem Auto.

Geöffnet hat die Wolfsschanze ab 7 Uhr bis Einbruch der Dunkelheit.

Meine Tipps für die Wolfsschanze

  • Antimückenspray & gute Bekleidung wegen der Mücken und Bremsen
  • festes Schuhwerk
  • Taschenlampe
  • ausreichend Wasser/Getränke dabei haben
  • Plan von Anlage kaufen mit Infos

 

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3 Responses to Zelten am Führerhauptquartier

  1. Marcus 22. Januar 2018 zu 20:48 #

    Wieder einmal ein interessanter Artikel. Die Leiter auf den „allgemeinen Luftschutzbunker“ hätte mich sicherlich auch sehr neugierig gemacht. Aber wahrscheinlich hätte die „Vernunft“ gewonnen. In der ARD-Mediathek ist übrigens eine Dokumentation über die Wolfschanze zu finden. Hier wird berichtet, dass die Alliierten durchaus von der Wolfsschanze wussten (durch Kriegsgefangene, die vor ihrer Versetzung an die Ostfront Dienst im Führerhauptquartier machten). Russische Flugzeuge warfen Flugblätter über der Wolfsschanze ab. Zudem erfährt man, dass sich schon damals mit Insekten herumgeärgert werden musste. Als Ursache wurde ein Löschteich ausgemacht. Das hineingeschüttete Petroleum hat aber nur die Frösche verenden lassen, wodurch die Mückenplage nur noch schlimmer und der Führer seines geliebten Froschquakens beraubt wurde.

    http://www.ardmediathek.de/tv/Reportage-Dokumentation/Geheimnisvolle-Orte-4-Hitlers-Wolfssc/Das-Erste/Video?bcastId=799280&documentId=47388642

  2. hasejoe 22. Januar 2018 zu 23:36 #

    Wieder ein sehr spannender und informativer Artikel mit tollen Fotos!

    Das Gefühl, an solchen Orten den Hauch der Vergangenheit zu spüren, finde ich äußerst faszinierend.
    Schon in den alten Fabrikruinen in Leipzig und erst recht an solchen Orten wie der
    Wolfsschanze….
    Firma dankt 🙂

  3. Conny 23. Januar 2018 zu 09:35 #

    Danke für diesen Artikel, sehr atmosphärisch….ist als wäre man dabei gewesen.

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