Und es ward Winter…

Ein Gastbeitrag von El Mariachi

Bevor wir vom Frühling überrascht werden, möchte ich Euch diese wunderbar winterlichen Impressionen eines lieben Freundes nicht vorenthalten. El Mariachi hat jetzt in den vergangenen kalten Tagen Fotos von melancholischer Schönheit aufgenommen und sie mit handverlesener Poesie über Winter, Kälte und den Tod garniert. Eine Einladung zu einem Friedhofs-Spaziergang, dessen Gräber, Statuen und Bewohner unter der weißen Schneedecke in eine noch größere Stille versetzt scheinen. Genießen wir gemeinsam noch etwas eingefrorene Zeit…

[typography font=“Dancing Script“ size=“48″ size_format=“px“ color=“#000000″]Vereinsamt[/typography]

2013_Winter_Bild3Die Krähen schrein
und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
bald wird es schnein –
wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

Nun stehst du starr,
schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist du Narr
vor Winters in die Welt entflohn?

Die Welt – ein Tor
zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
was du verlorst, macht nirgends halt.

 

2013_Winter_Bild6Nun stehst du bleich,
zur Winter-Wanderschaft verflucht,
dem Rauche gleich,
der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg, Vogel, schnarr
dein Lied im Wüstenvogel-Ton! –
Versteck, du Narr,
dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrein
und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
bald wird es schnein,
weh dem, der keine Heimat hat!

Friedrich Nietzsche

 

2013_Winter_Bild4

 

 [typography font=“Dancing Script“ size=“48″ size_format=“px“ color=“#000000″]Erster Schnee[/typography]

2013_Winter_Bild5[twocol_one_last]
Wie nun alles stirbt und endet
und das letzte Lindenblatt
müd sich an die Erde wendet
in die warme Ruhestatt.
So auch unser Tun und Lassen,
was uns zügellos erregt,
unser Lieben unser Hassen
sei‘ ins welke Laub gelegt!

Reiner weißer Schnee, oh schneie,
decke beide Gräber zu,
dass die Seele uns gedeihe
still und kühl in Wintersruh!
Bald kommt jene Frühlingswende,
die allein die Liebe weckt,
wo der Hass umsonst die Hände
dräuend aus dem Grabe streckt.

Gottfried Keller

[/twocol_one_last]

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2013_Winter_Bild10

 

[typography font=“Dancing Script“ size=“48″ size_format=“px“ color=“#000000″]Winterlandschaft[/typography]

2013_Winter_Bild8[twocol_one_last]
Unendlich dehnt sie sich, die weiße Fläche,
bis auf den letzten Hauch von Leben leer;
die muntern Pulse stocken längst, die Bäche,
es regt sich selbst der kalte Wind nicht mehr.

Der Rabe dort, im Berg von Schnee und Eise,
erstarrt und hungrig, gräbt sich tief hinab,
und gräbt er nicht heraus den Bissen Speise,
so gräbt er, glaub‘ ich, sich hinein ins Grab.

Die Sonne, einmal noch durch Wolken blitzend,
wirft einen letzten Blick auf’s öde Land,
doch, gähnend auf dem Thron des Lebens sitzend,
trotzt ihr der Tod im weißen Festgewand.

Friedrich Hebbel

[/twocol_one_last]

2013_Winter_Bild1

 

[typography font=“Dancing Script“ size=“48″ size_format=“px“ color=“#000000″]Alles still![/typography]

2013_Winter_Bild122013_Winter_Bild11Alles still! Es tanzt den Reigen
Mondenstrahl in Wald und Flur,
Und darüber thront das Schweigen
Und der Winterhimmel nur.

Alles still! Vergeblich lauschet
Man der Krähe heisrem Schrei.
Keiner Fichte Wipfel rauschet,
Und kein Bächlein summt vorbei.

Alles still! Die Dorfeshütten
Sind wie Gräber anzusehn,
Die, von Schnee bedeckt, inmitten
Eines weiten Friedhofs stehn.

Alles still! Nichts hör ich klopfen
Als mein Herze durch die Nacht –
Heiße Tränen nieder tropfen
Auf die kalte Winterpracht.

Theodor Fontane

2013_Winter_Bild13

 

[typography font=“Dancing Script“ size=“48″ size_format=“px“ color=“#000000″]Wintermorgen[/typography]

2013_Winter_Bild152013_Winter_Bild14Ein trüber Wintermorgen war’s,
Als wollt‘ es gar nicht tagen,
Und eine dumpfe Glocke ward
Im Nebel angeschlagen.

Und als die dumpfe Glocke bald,
Die einzige, verklungen,
Da ward ein heisres Grabeslied,
Ein einz’ger Vers gesungen.

Es war ein armer, alter Mann,
Der lang gewankt am Stabe,
Trüb, klanglos, wie sein Lebensweg,
So war sein Weg zum Grabe.

Nun höret er in lichten Höhn
Der Engel Chöre singen
Und einen schönen, vollen Klang
Durch alle Welten schwingen.

Ludwig Uhland

 

2013_Winter_Bild16

Alle Bilder made by El Mariachi – bitte Urheberrechte beachten! Keine Vervielfältigung oder Nutzung ohne vorherige Genehmigung.

 

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11 Kommentare zu „Und es ward Winter…“

  1. Der Zauber des Winters, mit all seinen kleinen Wundern, wie Schneekristalle, keines gleicht dem Anderen, ist nicht zu leugnen.

  2. Wunderschöne Gedichte und wunderbare Bilder.

    Eine schöne „Zusammenfassung“ meiner absoluten Lieblingsjahreszeit.

  3. Da ich selber schon in Hamburg Ohlsdorf auf dem größten Parkfriedhof der Welt war, kann ich die Sache mit dem Verlaufen nur bestätigen.
    Für diejenigen, die es bei solch einer Exkursion nicht schaffen sollten einen Ausgang zu finden, ist es vielleicht ein kleiner Trost, dass man in diesem Fall der Fälle wenigstens die Überführungskosten gespart hat 😉

  4. @Frau Fledermaus: Ist ein Gedanke erst mal gedacht sucht er nach Verbreitung und Vervielfältigung. Soweit der kleine Ausflug in die Theorie der Memetik.
    Ich bin wirklich auf deine Fotos sowie Ausarbeitung gespannt.

    @Scyllarus: Und es ward bitterkalt. Keine gute Voraussetzung für die Bedienung einer Kamera, meine armen Finger wären fast abgestorben.

    @Katharina: Ja, es ist wirklich eine schöne Statue, deren man im ganzen betrachtet eine gewisse Erotik nicht absprechen kann.

    @Andreas: Freud mich, dass Dir die Fotos gefallen. Es war auch ein harter, versichere Dir auch völlig unromantischer, Kampf gegen die eisigen Naturgewalten.

    @Schatten & @Beatrice de Son Bages: Aus gutem Grund (Stichwort Friedhofs-Knigge) wollte ich den Standort eigentlich nicht nennen. Aber ich denke die Frage wird des Öfteren noch kommen und irgendwie gehört Ihr für eure lieben Kommentare auch belohnt. Also ich verrate hier nur so viel: Der Friedhof liegt in einer Stadt die durch den Jugendstil sowie ihre Künstlerkolonie bekannt ist.

  5. Ein wunderschöner Beitrag von el Mariachi. Auf welchem Friedhof wohl diese friedlichen Bilder fotografiert wurden?
    Zu den Gedichten möchte ich noch kurz in Erinnerung rufen, das sterben nicht anderes als umwandeln, transformieren bedeutet und schon gewinnt es an Schönheit und kommt der Ewigkeitsvorstellung und unserer Mitverantwortung für alles was geschieht sehr nahe.

  6. Dieser schöne Beitrag versöhnt mich fast mit Kälte und Eis. Schöne Gedichte auch, von denen ich mir was in meine Sammlung übernehmen möchte. Vor allem war ich schon sehr lange nicht bei Schnee auf dem Friedhof und schaue jetzt nach Gelegenheit das zu tun. Von wo sind eigentlich die Fotografien dieses Beitrags ?

  7. Die letzten drei Gedichte kannte ich noch gar nicht, finde sie aber sehr schön! …auf den letzten Drücker doch nochmal dem Winter in angemessen gruftiger Weise gehuldigt 🙂

    Sehr schön, wie der Schnee die Statuen und Gräber umhüllt… Den Engel neben dem Gedicht von Keller finde ich ganz wunderbar fotografiert, das spricht mich sehr an.

  8. Wunderbare Bilder und eine tolle Textauswahl. Danke!
    So könnte der Winter ewig bleiben – wenn er nur nicht so kalt wäre …

  9. Sehr schöner Beitrag!

    Ich finde es allerdings etwas.. komisch, da ich exakt einen solchen Beitrag seit ca 2 Wochen „liegen“ habe und noch zur Veröffentlichung überarbeiten muss – ebenfalls Friedhofsbilder im Schnee 😉
    Scheinen wohl also einen sehr ähnlichen Geschmack zu haben!

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