Todesrodeln

Initiative für Schwarzreisen

Ende April bekam ich eine Einladung, der Gruppe „Todesrodeln“ auf Facebook beizutreten – von Jan, der die Gruppe gegründet hat. Todesrodeln? Häääää? Dabei geht es gar nicht um halsbrecherische Sportarten. Nicht nur. Die Todesrodler sind eine kleine, mehrheitlich schwarze Reisegruppe aus dem Rheinland/NRW, die aber auch ohne zu verreisen was miteinander anfangen können. Rodeln gehört dazu. Friedhöfe, Beinhäuser und Museen besichtigen ebenfalls. Ebenso wie „Todesgrillen“, bei dem ich Mitte August viele aus der Gruppe persönlich kennenlernte. Wirklich ein locker zusammengewürfelter Haufen Schwarzvolk – ebenso locker und sympathisch im Umgang miteinander und mit neuen Leuten. Wir fühlten uns beim Grillen im Kölner Volkspark gleich wohl und ich schmiedete mit Jan & Co. Pläne für einen Gegenbesuch in Mainz und im Beinhaus in Oppenheim. Einen Monat später kam dann eine kleine Delegation von fünf Leuten zur Gräber- und Schädelbesichtigung hier nach Rheinhessen. Wiedersehen machte Freu(n)de!

Das Schöne an den Todesrodlern: alles ist zwanglos, nichts muss, kein Geklüngel, sondern genügend Freiraum, über den schwarzen Tellerrand hinaus. So ziemlich alles, wofür sich in der Gruppe genügend Leute mit Interesse finden, wird gemacht. Von gruftief bis leicht beschwingt und klischeebefreit.

Da waren sie mir gleich sympathisch - mit dem Reiseplattenspieler beim Todesgrillen in Köln

Da waren sie mir gleich sympathisch – mit dem Reiseplattenspieler beim Todesgrillen in Köln

 

„Mir ist wichtig, dass diese Szene lebendig bleibt“ – Jan im Interview

Jan ist nicht nur der Gruppengründer, sondern auch sowas wie der schwarze Käpitan. Er hat den Hut auf für die Orga der gemeinsamen Unternehmungen und schaut, dass er auch alle unter diesen Hut kriegt. Ich hab ja hier mit meinen Wörtern und Buchstaben schon genügend zu tun, aber die mittlerweile 170 Todesrodler und Fledermäuse zu hüten… das ist schon Chapeau!

  1. Hallo Jan, zuerst ein paar Worte zu Dir: Wie war das bei Dir und der schwarzen Szene – wie und wann bist Du dazu gekommen?

Es gibt so ein paar Geschichten, dass ich schon als Kind eher von Gruselgeschichten und allem melancholischem angezogen wurde. Aber in dem Bonner Vorort, in dem ich aufgewachsen bin, gab es weder die Szene, noch irgendwelche Gleichgesinnten. Erst in den 90ern, als gerade die Zeit des Internets begann, habe ich auf den damals sehr verbreiteten privaten Homepages und Newsgroups mehr über diese Bewegung gelesen. Später bin ich dann in die Stadt gezogen und habe dort auch Anschluss an die Szene gefunden. Endlich gab es auch eine regelmäßige Party. Über Flyer und Internet kannte ich dann auch bald alle interessanten Clubs in NRW. Meine Reisefreudigkeit half mir dann weiter: für die richtige Veranstaltung fahre ich auch heute noch gerne mal drei Stunden.

  1. Warum hast Du bei Facebook die Gruppe „Todesrodeln“ gegründet und was hat es mit dem Namen auf sich? 

Den ersten Gedanken habe ich schon einige Jahre mit mir herum getragen. In dieser schwarzen Szene habe ich immer mehr als eine Musikbewegung gesehen, daher war mir das Konzert- und Clubleben allein auch nicht genug. Mir war und ist wichtig, dass diese Szene lebendig bleibt und vom ‚Schwarzvolk‘ mitgestaltet wird. Dazu muss man zusammen finden. Insofern ist Todesrodeln auch als Gegenpol zu der manchmal auch Magazin- und Hype-gesteuerten Szenewelt gedacht.

Die zweite Idee war, dass ich viele Leute noch nie außerhalb der Clubs gesehen hatte – obwohl man sich seit über zehn Jahren kennt, haben wir noch nie richtig miteinander gesprochen. Viele von uns bleiben so wohl letztlich nur innerhalb ihrer Clique, ihrer Heimatstadt und ihren lokalen Bekanntschaften. Da es nicht nur mir so ging, wollte ich die Leute, welche ich erreichen konnte, einmal zusammen bringen und damit eine Gelegenheit schaffen, Szene- und Genregrenzen zu überwinden. Musikgeschmack sollte dabei einfach mal keine Rolle spielen.

149903_565364473475434_1994574248_nIm März 2013 kam mir dann die Idee, nach langer Zeit mal wieder zum Rodeln zu fahren und ich habe die Gruppe erst einmal nur dazu gegründet, Freunde und deren Bekannte zu einem gemeinsamen Ausflug nach Winterberg einzuladen. Ich fand die Vorstellung, dass ein Haufen Grufties unbeholfen ein Wintersportgebiet unsicher macht, hatte etwas. Todesrodeln war einfach eine gute ironische Beschreibung dafür. Aber ich habe damals schon insgeheim gehofft, dass wir danach noch mehr miteinander unternehmen würden und ich in Zukunft vielleicht ein wenig von meinen Gedanken umsetzen kann. Wir haben inzwischen öfter mal über einen Namenswechsel diskutiert, aber nie einen besseren gefunden.

  1. Gab es einen festen Freundeskreis, mit dem zum Todesrodeln alles angefangen hat oder habt ihr euch alle erst neu kennengelernt?

Ich kannte nur drei Leute vorab, insgesamt waren wir aber schon Achtzehn bei diesem ersten Ausflug. Ich hatte auch ziemlichen jeden auf Facebook eingeladen, der sich nicht gewehrt hat. Die Teilnehmer haben dann schon von sich aus sofort  Fahrgemeinschaften gebildet, ihre Handynummern ausgetauscht und sich vernetzt, bevor der Rodeltag überhaupt gekommen war. Das hat mich damals schon ziemlich erstaunt!

  1. Darf nur „Schwarzvolk“ mitmachen – oder seid ihr auch offen für alle anderen?

Ich hab uns als „Schwarzvolk“ in der Gruppenbeschreibung bezeichnet, aber das ist eher ein Hinweis, damit man sich unter uns etwas vorstellen kann. Ich würde auch behaupten, dass nicht jeder von uns sich selbst als Grufti sieht. Wer sich bei uns wohl fühlt – und umgekehrt – der ist natürlich willkommen. Ein Interesse an dem, was wir so machen, sollte man aber schon haben. Wir würden z.B. in Mallorca weniger an den Ballermann fahren, sondern uns vielleicht die Kirchen und Friedhöfe der kleinen Ortschaften anschauen. Das muss man natürlich mögen 😉

Gemeinsam auf Werwolfsspuren wandeln (Foto: Jan)

Gemeinsam auf Werwolfsspuren wandeln (Foto: Jan)

 

  1. Was habt ihr bisher schon gemeinsam unternommen?

Nach dem Rodeln haben wir erst mal abgestimmt, was wir als nächstes machen wollen. Da gab es einen Ausflug in einen holländischen Zoo, Wandern, eine Radtour und einen Museumsbesuch. Recht früh kam auch das Thema einer gemeinsamen Reise auf. Für London gab es dann die meisten guten Ideen und wir haben das jetzt Anfang Oktober gemacht. Aber da ja nicht immer die ganze Gruppe mitreist und wir auch mal einfach miteinander quatschen wollten, gab es im Sommer noch ein Grillfest. Manches davon wollen wir auch noch mal wiederholen.

  1. Wie viele Leute kommen bei euren Aktivitäten so zusammen?

Wir haben oft kleinere Ausflüge mit etwa 8 bis 12 Leuten, beim Grillen waren wir aber über 40 und die Tendenz ist auch eher steigend.

Todesrodler beim Sommergrilen 2013 - wir waren auch dabei! ;) (Foto: Jan)

Todesrodler beim Sommergrilen 2013 – wir waren auch dabei! 😉 (Foto: Jan)

 

  1. Wie viel Zeit steckst Du in die Gruppe (Moderation) und die Organisation von Events und Reisen?

In der Gruppe muss ich glücklicherweise kaum ‚moderieren‘. Die Mitglieder passen wunderbar selbst auf und es steht kaum etwas drin, was nicht irgendwie mit Reisen und Aktivitäten zu tun hat. Die Organisation kostet schon etwas mehr Zeit. Ideen habe ich viele, aber ich muss mir nicht nur überlegen, was wir erleben wollen, sondern auch dafür sorgen, dass alles gut klappt. Dazu müssen die Leute vorher wissen, wie sie anreisen und wo sie parken können. Eventuell muss noch jemand abgeholt werden. Was kostet der Eintritt? Klappt alles mit den Zeiten, wenn jemand rechtzeitig abreisen muss, weil seine Anreise lang ist? Gibt es einen Plan B für schlechtes Wetter? Und so weiter…Wenn man da zu wenig Arbeit rein steckt, dann geht schnell etwas schief und dann bleibt auch der Spaß auf der Strecke.

Ich würde sagen, dass ich etwa einen Nachmittag die Woche investiere, manchmal auch mehr.

  1. Was wünschst Du Dir für die Gruppe, wohin soll sie sich idealerweise entwickeln?

Ich hoffe, dass wir die Balance zwischen Spaß und der kulturellen Idee noch weiter entwickeln können. Es wäre schön, wenn wir noch weiter wachsen, damit wir auch für ausgefallene Ideen genügend Leute zusammen bekommen. Wir machen aber auch nicht mehr nur Ausflüge. Jetzt haben wir schon einen LindyHop- und Tribal-Dance-Kurs in Aussicht und im nächsten Jahr wollten wir mal einen Segelkurs machen. Ich könnte mir auch Ölmalerei, Theaterspielen oder Creative Writing vorstellen. Vielleicht wird es aber auch mal ganz ausgefallen? In London fand ich Vorträge über Medizingeschichte, eine Veranstaltung über die historische Fotografie von Tatorten und Taxidermiekurse.

Als zweites würde ich mir wünschen, dass wir etwas überregionaler werden. Wir haben jetzt Mitglieder von Duisburg bis Mannheim, aber noch längst nicht aus jeder Stadt dazwischen.

  1. Hast Du eine Todesrodler-Anekdote parat?

Der Schildkrötenstunt! Bei unserem ersten Ausflug nach Winterberg sind wir nach kurzer Zeit dazu übergegangen, alle gleichzeitig den Berg herunter zu rodeln, weil man dann die Unfälle der anderen aus nächster Nähe erleben kann. Wer nämlich seinen Schlitten verliert, der muss auf einer glatten Eisfläche aufstehen und diesem hinterher laufen, was selten auf Anhieb gelingt. Einer von uns ist jedenfalls vom Schlitten gefallen und dann so unglücklich wieder aufgesprungen, dass er mit dem Kopf voran rücklings auf dem Schlitten gelandet ist. Er konnte weder lenken noch bremsen, also ist er dann in der Position schimpfend den Berg runter, wo allerdings auch viele Leute in der Schlange vom Skilift standen. Irgendwie hat er die Kurve dann aber gekriegt und es ist nichts weiter passiert.

Nicht so gefährlich wie Rodeln in Winterberg: Besuch auf dem Zentralfriedhof Mainz

Nicht so gefährlich wie Rodeln in Winterberg: Besuch auf dem Zentralfriedhof Mainz

 

  1. Bist Du auch selbst ein großer Reisefan? Wohin ging Dein letzter großer Urlaub?

Für richtig große Urlaube fehlt mir seit Jahren die Zeit, als Selbständiger kann ich in der Regel nur einige Tage weg fahren. Ein Reisefan bin ich aber auf jeden Fall. Am liebsten sind mir Städtereisen und das Meer – letzteres aber nicht im Sommer, sondern im Herbst und Winter, wenn dort Leere und Weite mit der eher schroffen, etwas lebensfeindlichen Natur zusammen kommen. Mein letzter großer Urlaub war vor 12 Jahren in Italien. Die „Villa Hanbury“ und das Künstlerdorf „Bussana Vecchia“ waren übrigens sehr sehenswert!

  1. Hast Du einen ultimativen Reisetipp für uns?

Der Ultimative Tipp ist: reist mehr! Es muss nämlich nicht immer Neuseeland oder Hawaii sein, man kann auch in nächster Umgebung sehr viel entdecken. Und man kann mittlerweile mit fast jedem Geldbeutel reisen. Es gibt jetzt Fernbusse und Couchsurfen, davon haben mir auch schon viele Menschen positiv berichtet.

Ich bereite meine Reisen gerne so vor, dass ich im Internet schaue, was es neben den Touristischen Zielen noch an spannenden Möglichkeiten gibt. Man muss beispielsweise in Paris ja nicht unbedingt in den Louvre gehen. Bei gutem Wetter könnte man die Stadt selbst zum Museum erklären und sich zu Fuß Weltklasse Street-Art ansehen.

Und mein dritter Tipp: wenn ihr in eine andere Region reist, dann sucht euch doch eine Ferienwohnung oder ein Hotel mit Küchenzeilen in den Zimmern. Dann kann man nämlich auch die lokale Küche selber ausprobieren.

  1. Was darf in Deinem Reisekoffer nicht fehlen?

Auf die Gefahr, dass es nach Cliché klingt: Sonnencreme! Ich musste nämlich mal eine Reise zu einem Festival deswegen abbrechen. Da hatte ich mich leichtsinnigerweise auf den Wetterbericht verlassen, laut dem es drei Tage regnen sollte. Das hatten die Wolken aber wohl nicht gelesen und sind gleich am ersten Tag verschwunden. Ich wurde dann in Minuten fast krankenhausreif gegrillt und kein einziger Stand hat Sonnencreme verkauft.

  1. Wohin willst Du unbedingt noch mal verreisen – was wäre Dein Traumziel?

Finnland würde mich sehr interessieren, aber das kann ich im Moment leider nicht machen. Und es gibt sehr melancholische Seiten an Portugal, die ich gerne entdecken würde.

 

Vielen lieben Dank 🙂

Ich hab zu danken! 🙂

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Kommende Todesrodler-Events

Also ich find das toll – nicht nur über Reisen lesen, sondern sie auch machen – und noch vieles mehr. Wer also Lust hat auf Gleichgesinnte: Jan, ich und die anderen Todesrodler freuen sich über neue Schwarzreisende. Hier gehts rein – ganz ohne Initiationsritual (noch! 😯 ) und ihr müsst auch keine peinlichen Fragen beantworten, „nur“ in Facebook einloggen, da die Gruppe nicht-öffentlich ist.

Das sind die nächsten geplanten Events für Todesrodler:

Wer nicht bei Facebook ist, aber Interesse hat an diesen oder anderen Events teilzunehmen, melde sich bitte in den Kommentaren oder über das planetarische Kontaktformular. Ich kann da sicher irgendwas vermitteln… 😉

 

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Eine Antwort zu Todesrodeln

  1. DarkWingDuck 31. Oktober 2013 zu 14:02 #

    Ein super Artikel – ich finde es sehr interessant, dass eine Gruppe überwiegend schwarzer Zeitgenossen im zwanglosen Umfeld (klingt wie ein Reisekatalog) auch „normale, vermeintlich spießige“ Freizeitaktivitäten zusammen durchführt – wie Wandern, Radfahren, Zoobesuche, Rodeln und vor allem Grillen!

    Ich gehe mit meinen Freunden beispielsweise regelmäßig Minigolfspielen (lieber tot als Zweiter).

    Das widerlegt doch eindrucksvoll das Klischee des spaßbefreiten Gruftis – mehr davon bitte!

    P.S.
    Der Reiseplattenspieler ist wirklich sehr stilvoll.

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