Schwarz

Ein Gastartikel von Scyllarus

Es ist nun einige Jahre her, daß ich den unten folgenden Text „Schwarz“ geschrieben habe. Nun ist er über Umwege zu Shan Dark gelangt. Sie hat mich gebeten, ihn hier veröffentlichen zu dürfen.

Ups, das alte Ding? Ich habe ihn selber erst noch einmal lesen müssen –
doch zu meiner angenehmen Überraschung kann ich mir noch immer nicht
wirklich widersprechen.

Damals hatte ich die schwarze Szene als Spätzünder gerade frisch für
mich entdeckt, tolle Musik und spannende Menschen gefunden. Die bunten
Klamotten waren irgendwann ganz unten im Schrank verschwunden, weil ich
keine Lust mehr auf sie hatte, und endlich hatte ich dann festgestellt:
Ich bin ja eigentlich einer von denen! Ich war noch jung und euphorisch
– na gut: ich war noch euphorisch. Schwarz war für mich frisch und glänzend.

Time Tunnel (Fotoart by Scyllarus)

 

Seither habe ich einige Illusionen verloren, Veränderungen erlebt, und
manche Diskussionen über richtiges und falsches Gruftig-sein geführt …
Ich weiß längst, daß Düsterromantiker wie ich nur ein kleiner Teil der
uferlos undefinierbaren „Schwarzen“ sind, und daß meine Gedanken dazu
weit davon entfernt sind, für die Szene allgemeingültig zu sein.
Aber auch wenn ich heute manches anders betont oder gewichtet
hätte – im Grunde sehe ich es noch immer so wie damals.

Dies ist also die Essenz MEINER Szene, so wie ich sie vor fünfeinhalb
Jahren in rotweinbegünstiger Selbstbetrachtung beschrieben habe.

 

Schwarz

Schwarz. Wo bin ich da hineingeraten. Schwarz. Worum habe ich so lange
gekreist, ehe ich endlich hineingestürzt bin. Schwarz, neues Leben. Habe
ich mich verändert? Habe ich mich nur erkannt, oder lebe ich einen
Traum? Werde ich irgendwann aufwachen? Schwarz. Was bedeutet das überhaupt?

Flora nova (Fotoart by Scyllarus)

 

Zuerst waren da die Bilder und die Musik. Feen, Elfen, Dämonen und Engel
der Nacht. Fetisch, Erotik, Lebenslust. Da ist die Ästhetik der
Dunkelheit, Kostüme, ja, aber doch kein Maskenball, kein Karneval.
Ausdruck einer Identität. Aber welcher? Und die Musik. Sie ist dunkel,
sie schreckt so viele ab, sie ist traurig, singt von Tod, Verzweiflung,
Wahnsinn, und sie macht glücklich. Wie paßt das zusammen? Vielleicht
zeigt sie, daß man im Zweifel nicht alleine ist, daß Verzweiflung eine
Chance zur Erneuerung ist, aber vor allem, daß man trotz alledem LEBEN
kann. Wie oft habe ich, wenn ich mich ganz unten fühlte, diese
kraftvollen Hymnen der Melancholie gehört, und immer habe ich mich
hinterher besser gefühlt. Warum nehmen die ANDEREN das als zerstörerisch
wahr, was mir das Leben ermöglicht? Was unterscheidet uns? Was ist Schwarz?

Die ANDEREN, sie schütteln den Kopf über mich, still oder offen, fragen
sich, ob ich in einer finsteren Sekte gelandet sei, gar Satanist. Oder
wollen amüsiert wissen, ob ich nicht zu alt dafür wäre. Erst habe ich
mich geärgert über diese Frage, aber vielleicht war jener alte Freund
nur der einzige, der ehrlich geäußert hat, was alle anderen nur dachten.
Ich habe es oft zu erklären versucht, aber niemand versteht es außer den
anderen SCHWARZEN.
Schwarz, was ist das?

NeuGier! (Fotoart by Scyllarus)

 

Es ist ein Mißverständnis der Symbole. Ist Schwarz die Farbe der Trauer?
Der Todessehnsucht? Nein, es ist keine Farbe. Es ist die Verneinung der
Farbigkeit, die bewußte Abgrenzung von der Buntheit unserer Welt, in der
Farbe keine Bedeutung mehr hat außer Mode und Konsum und Beliebigkeit.
Schwarz ist das Gegenteil von alledem, und doch der Keim einer neuen
Vielfalt. Die „Mode“ der Schwarzen ist bunter als Farbe, vielfältiger,
indiviueller, zeitlos und im ständigen Wechsel. Und von Außen sehen all
die ANDEREN nur schwarz. Wie geblendet sind sie doch von ihren „Farben“.

Und doch, irgendwo dahinter lauert der Tod. Er ist da, in den Liedern,
im Schmuck, und im Schwarz. Gewiß, er ist überall, immer, aber hier ist
er eingelassen worden, bewußt, akzeptiert. Wie hohl klingt doch der
billige, so oft gehörte Ruf, daß wir den Tod nicht verdrängen sollten,
ihn als Teil des Lebens akzeptieren. Doch tut das einer, außerhalb der
Institutionen der Trauerreligion, dann setzt das Kopfschütteln ein, dann
halten ihn jene für seltsam, suizidgefährdet, verwirrt, die eben noch
danach gerufen hatten. Die doch nur ihr eigenes Spiel gemeint hatten.
Aber wenn man ihn einfach akzeptiert, einfach mit ihm tanzt, dann
verliert er auch seinen Schrecken. Ja, die Grufties auf den Friedhöfen
sind ein billiges Klischee. Und ja, es gibt sie. Die Begegnung mit den
Gedenkmalen, den künstlerischen, verträumten, romantischen,
trostspendenden Trauerskulpturen aus einer vergangenen Zeit, sie birgt
eine Kraft. Die Erkenntnis der eigenen Endlichkeit, ist sie einmal
akzeptiert und vom Ballast der Ängste und Hoffnungen befreit, die
Religionen uns aufzubürden versuchen, gibt eine neue Kraft zum Leben.

Maske III (Fotoart by Scyllarus)

 

Traurig, todesehnsüchtig? Begebt Euch in die Keller der Schwarzen, und
seht sie tanzen! Ja, das tun andere auch. Wo ist der Unterschied? Was
ist das Schwarze daran? Romantik ist wohl ein entscheidendes Stichwort.
Darin liegt die Rückbesinnung auf eine vergangene Epoche, die sich so
oft in der schwarzen Kleidung äußert. Romantik, das ist Glück plus die
Erkenntnis der Vergänglichkeit. Fröhlichkeit, das ist Glück mit
Scheuklappen. Romantik, Melancholie, sie lassen uns den Tag genießen,
uns Kraft tanken, und für neues Glück empfänglich bleiben. Simple
Fröhlichkeit, nach ständiger Steigerung verlangend, um nicht ermüdend zu
werden, läßt den Wert des Augenblicks vergessen.

Und da ist die Sehnsucht, die melancholische Schwester von Hoffnung und
Zuversicht. Sehnsucht verbindet die Schwarze Welt mit einer anderen Bewegung,
den Hippies, viel stärker als mit den historischen Wurzeln im Punk.
Hippies, Love and Peace, ein gescheiterter, vergessener Traum. Doch
ähnlich. Die Schwarze Welt ist Love and Peace und die Erkenntnis, daß
wir sie nicht erreichen, sondern allenfalls für uns selbst finden
können. Es kommt kein Zeitalter des Wassermanns. Ja, das bedeutet auch
Resignation. Aber auch aus der Resignation kann Kraft erwachsen, sie
kann eine neue Perspektive eröffnen, wenn die Angst vor dem Versagen der
Hoffnung überwunden ist. Es ist eine Perspektive, die nach innen führt,
und es kann schwer fallen, sich damit abzufinden. Schwer, bis man die
neuen Wege erkennt.

Nachtschatten (Fotoart by Scyllarus)

Aber ist der Unterschied zwischen den Welten wirklich so groß? Haben wir unser Leben umgekrempelt? Die Gesellschaft der ANDEREN verlassen? Vielleicht, doch, nein. Ich schaue mich um im Kreis der neu gewonnenen, schwarzen Freunde. Da ist keiner, den ich nicht vor Jahren schon ins Herz geschlossen hätte. Keiner, der den ANDEREN als bizarr auffallen würde, würde er nicht als schwarzer Paradiesvogel bewußt das Unverständnis der Umwelt in Kauf nehmen. Nein, auch wir haben uns nicht wirklich verändert, von neuen Nuancen im Lauf des Lebens abgesehen. Man kleide sie bunt, und man würde sie kaum bemerken. Für nachdenklicher, verschlossener würde man sie wohl halten, aber kaum für bemerkenswert. Die Nachbarin von gegenüber hat mehr psychische Probleme, der alte Herr oben kommt noch weniger mit der Welt klar. Jeder hat Freunde, die seltsamer sind als wir Schwarzen.

 

Was ist also Schwarz? Ein Erkennungszeichen. Ein bewußtes NEIN, das nach
außen gezeigt statt schamhaft versteckt wird. Ein Bekenntnis, sich fremd
in einer Welt zu fühlen, in der andere sich verzweifelt bemühen,
dazugehörig zu erscheinen. Ein Erkennungszeichen, nicht nur, vielleicht
nicht einmal primär, für die anderen, sondern für sich selbst.

Und dann sehe ich mich um in dieser schwarzen Welt, in die ich so
unversehens gefallen bin. Gefallen, ohne mich dabei wirklich zu
verändern, mit der plötzlichen Schwerelosigkeit des Sturzes, die mir die
Zeit gegeben hat, mich selbst zu betrachten, ohne den Blickwinkel der
alltäglichen Gravitation. Sie lebt mit Kraft und Lebenslust, sie ist
bunt, so viel bunter als die Welt der Farben. Ich sehe mich um, und ich
erkenne, daß ich diese Vielfalt nie werde beschreiben können. Ich
beschreibe doch nur mich, wenn ich hier notiere, was ich um mich sehe.

Buntschwarz, schwarzbunt, so weit weg von allem, was ich verstehen und
erfassen kann. Wie könnte ich da hoffen, das anderen verständlich zu machen?

Über den Autor

Eigentlich ist der obige Text ja schon eine Vorstellung. Also nur noch ein paar Daten und ein paar Links:

Scyllarus ist schon immer Offenbacher, in einem früheren Leben Biologe gewesen, nun Webdesigner und Software-Entwickler, Fotograf, Künstler und Autor phantastischer Geschichten.

Fotokunst und Digital Art: www.photomorphosen.de/dennis
Fotos: www.merbach.net/fotoseite
Science-Fiction & Phantastik: stories.merbach.net
& ein Blick in meine Vergangenheit als Biologe

Titelbild:  „1000 Augen“ – Fotoart by Scyllarus

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11 Responses to Schwarz

  1. Piet Noir 19. November 2012 zu 09:09 #

    Danke für diesen tollen Gastbeitrag, viel besser kann man es wohl wirklich nicht beschreiben!

  2. Shan Dark 19. November 2012 zu 09:47 #

    Es fällt mir selbst schwer, meine schwarz-düsteren Empfindungen zu beschreiben. Ich beziehe mich dabei immer zu sehr auf das Greifbare/Ersichtliche – wie hier in meinem Artikel zum Gothic-Lebensstil. Aber es ist mir noch nicht gelungen, das Unbewusste & Innere zu schildern. Daher bin ich Dir unwahrscheinlich DANKBAR für diesen Text, der meine innere, schwarze Welt perfekt beschreibt.

    Über einiges habe ich mir noch nie zuvor Gedanken gemacht – wie z.B. die Sehnsucht, die wir mit den Hippies in gewisser Weise gemein haben. Nur in die genau andere Richtung. Ja, ich bin quasi ein Hippie ohne Hoffnung – ein düsterer Spinner, der sich aus verschiedenen Zutaten der Vergangenheit, Gegenwart, aus Kultur und Natur seine eigene heile schwarze, romantisierte Welt bastelt. So wie sie mir gefällt. Bei mir ist es dabei wirklich eine Parallelwelt, die überall außer auf Arbeit stattfindet. Ein bisschen wie der Zauberer Rumburak aus „Die Märchenbraut (Die schöne Arabella und der Zauberer)“, der sobald er den Mantel um sich schlägt in sein Märchenreich zurückfliegt.

    Ich denke, dass es vielen Gothics/Grufties so geht und sie sich in ihre eigene Welt flüchten oder ihre gegenwärtige Welt für sich selbst täglich schwarz anmalen. Mit eigener Ästhetik, Geschmack und den Themen, die uns wichtig sind. Was uns unterscheidet von den ANDEREN, wie Du schreibst, ist auch das Weglassen und Verzichten auf Dinge und Inhalte, die bei den Anderen zwingend dazugehören. Ich schreibe bewusst nicht „Protest“ gegen die Dinge/Inhalte der Anderen, sondern ein Weglassen, das ist allenfalls ein „stiller Protest“. Erkennbar an der Farbe, die auf das Innnere schließen lässt.

    Dein Fazit trifft für mich persönlich absolut ins Schwarze:
    „Was ist also Schwarz? Ein Erkennungszeichen. Ein bewußtes NEIN, das nach
    außen gezeigt statt schamhaft versteckt wird. Ein Bekenntnis, sich fremd
    in einer Welt zu fühlen, in der andere sich verzweifelt bemühen,
    dazugehörig zu erscheinen. Ein Erkennungszeichen, nicht nur, vielleicht
    nicht einmal primär, für die anderen, sondern für sich selbst.“

    Sich selbst erkennen ist dabei sehr wichtig. Dazu muss man sich selbst aber auch erstmal Fragen stellen, wie z.B. Will ich das? Gehört das zu meinem Leben? Macht mich das glücklich? Warum macht mich jenes glücklich anderes wiederum nicht? Manchmal findet man nicht gleich die Antwort darauf, manchmal auch mehrere. Doch es gehört für mich dazu, dass man Dinge in Frage stellt, die die Anderen vllt. als selbstverständlich erachten. Nicht alles, nicht im Großen & Ganzen, sondern im Detail – für einen selbst.

    In Frage stellen – das tun auch andere. Die Skeptiker-Bewegung zum Beispiel oder auch „normale Menschen“ (wenn es soetwas gibt ;)). Der Punkt ist aber, dass „wir“ häufig zu ähnlichen und damit übereinstimmenden Antworten kommen, die sich von den Antworten der Anderen unterscheiden. Und das ohne einer definierten Vorgabe zu folgen. Die innere Zugehörigkeit ist mir persönlich im Freundeskreis viel wichtiger. Wie wir gelernt haben, geht es schnell, sich etwas schwarzes anzuziehen – aber es braucht Zeit, seine eigene innere schwarze Richtung zu finden. „True goth is from the inside“ – mir ist es letztendlich total egal, welche Farben jemand trägt oder welche Musik er/sie hört. Entscheidend ist das düstere Element im Wesen.

  3. r@zorbla.de 19. November 2012 zu 11:33 #

    Der Artikel gefällt mir auch sehr gut. Fühlt sich teilweise bekannt an.

    Nur ist Schwarz dank Film & Fernsehen ja auch in der bunten Konsum-Welt angekommen. Die Abgrenzung fällt daher alleine damit recht schwer. Schwarz ist eben zu einfach. Weg mit der Farbe, und gut.

    Aber den inneren Grausel, der nach der Schädelkerze und der nebligen Dämmerung verlangt, selbst dann wenn beides bereits da ist, den kann keiner zur Mode machen. Man kann die stereotypen Resultate vielleicht zur Mode machen, aber nicht den Kern, den inneren Antrieb dafür.

    Und den kann man wohl auch nicht jedem vermitteln. Hier im Text steckt er drin, vielleicht mit einem leicht anderen Gesicht für jeden Leser, aber er steckt drin. Und das ist es, was diesen Artikel für mich ausmacht.

  4. Roman 19. November 2012 zu 19:49 #

    Sehr schoen be- und geschrieben. Ich finde mich in sehr vielen dort ausgedrueckten Gedanken wieder, auch wenn ich meine Schwarzheit mehr nach innen als nach aussen trage…

  5. stoffel 20. November 2012 zu 08:35 #

    Vielen Dank für diesen bemerkenswerten Beitrag … auch meine Wenigkeit findet sich in den Gedanken wieder und ich kann mich nicht erinnern das jemand zuvor den Kern so auf den Punkt brachte … und beim Fazit kann ich Shan Dark nur zustimmen: absolut ins Schwarze getroffen!!!

  6. Robert 21. November 2012 zu 18:55 #

    Toller Artikel!

    „Ein Bekenntnis, sich fremd in einer Welt zu fühlen, in der andere sich verzweifelt bemühen,
    dazugehörig zu erscheinen. Ein Erkennungszeichen, nicht nur, vielleicht nicht einmal primär, für die anderen, sondern für sich selbst.“

    So ist es. Doch wo ist die Grenze zur Selbstdarstellung? Und überhaupt, ist die Form der gewählten Selbstdarstellung nicht sogar Ausdruck der Fremdheit?

    Dein Artikel gibt interessante Denkanstöße. Ich trage schwarz, um mich bewusst abzugrenzen, style mich auch gerne, um die Abgrenzung zu erhöhen und auch um mich wohler zu fühlen. Ich will nicht dazugehören, will meinen eigenen Weg gehen und meine eigenen Gedanken denken und ich will das auch zeigen. Und dennoch demonstriere ich mit der Farbe Schwarz auch eine gewissen Zugehörigkeit, eine Form der Anpassung und Gleichschaltung mit einer Interessengemeinschaft. Ich versuche auch in der Abgrenzung die nötigen Sozialkontakte zu knüpfen, um Menschen anzusprechen, die so ähnlich denken wie ich.

    Individualität um jeden Preis?

    Ich gebe zu, ich liebe es sogar, mit der Provokation zu spielen. Manchmal genieße ich die Blicke der Menschen und stelle mir vor, was sie in mir sehen. Stelle mir vor wie weit das von dem entfernt ist, was ich bin.

    „Simple Fröhlichkeit, nach ständiger Steigerung verlangend, um nicht ermüdend zu
    werden, läßt den Wert des Augenblicks vergessen.“

    Welche zutreffende Worte. In der Definition in Abkehr von der Spaßgesellschaft ist das enthalten. Arbeiten, Essen, Spaß haben, den Alltag ausblenden. Nicht mein Weg. Akzeptiere die dunklen Seiten des Daseins um sich den hellen Seiten bewusster zu werden. Schönheit und Freude liegt im Detail und ist für mich nur authentisch, wenn sie mit allen Sinnen wahrgenommen und vom Verstand aufgenommen wird. Alles andere ist Verdrängung, Abschaltung und der Wille zu vergessen.

    Schwarze Kleidung allein reicht meiner Ansicht nach nicht, sondern auch ein wenig schwarz im inneren. So wird das Bunte in mir gleich viel greller, deutlicher und schöner.

  7. solitary_core 22. November 2012 zu 23:20 #

    hm so wirklich nachgedacht was nun ’schwarz‘ für mich bedeutet habe ich eigentlich, selbst wenn, so zeigt die Erfahrung, fehlt es mir an Geduld und Worten dem gegenüber verständlich zu machen warum das so ist, in erster Linie Geduld weil ich die richtige Worte nich finde, ein Teufelskreis irgendwie 😀

    Da ich allerdings eher zum Chaos tendiere, es ist ganz einfach der Ursprung aller Dinge, weil ich es ablehne an die Schöpfung ansich zu glauben :D, könnte man allerdings meinen das auch einiges an schwarz drinsteckt (zumal die Dunkelheit ansich eh schon eine Essenz des Chaos is, solange kein Licht reinfällt ist eben alles darin zu finden, ein bisschen wie Shrödinger’s Katze ) …

    Es zu tragen hatt zumindest bis jetzt kaum Ritual-Charakter, sicher es macht schlank aber fühl mich in bunten Klamotten genauso wohl wie in schwarzen, da ich generell nur das kaufe wo ich mich drin wohl fühle. is in erster Linie eher nen Ästhetik-Ding.

    Wenn ich schwarz einen Gefühl zuordnen müsste wäre das die Einsamkeit, da ich schon recht früh wirklich alleine war, umgeben von Chaos zweier simultaner Umbrüche (die Wende und die Einweisung ins Kinderheim, mit 8 jahren aus der Welt die man kennt von heute auf morgen gerissen zu werden macht einsam … ), von daher eher nen alter guter Bekannter, ihn zu fürchten brauch ich nich, eher die verblendeten Geister die bekämpfen wollen was nicht in ihr Weltbild passt, auf beiden Seiten wohlgemerkt….

    aber zurück zum Artikel : wunderbar geschrieben, finde auch die eine oder andere Verbundenheit da, aber mich als goth zu bezeichnen finde ich selber dann doch etwas unpassend weil das ansich leider schon zum Clishee verkommen is dank visualkey, emo und sonstige Versuche der Mode den untergrund einfach zu kopieren, das läuft allerdings schon ewig und wird auch weiterlaufen solange man da noch Geld mit machen kann, gehört aber nicht wirklich hierher =P

    Hatte letztens wieder den Hinnweis bekommen das ich keine Musik höhre weil die alle inzwischen auf Haudegen abfahrn und ich immernoch Lenny Dee, Neophyte und so, es interessiert mich einfach nicht was andere machen, ich höhre was ich will und wems nicht gefällt kann ja gehen 😀

  8. Scyllarus 23. November 2012 zu 04:24 #

    Es freut mich, daß mein Text so positiv aufgenommen worden ist!

    Dabei war doch bei Spontis gerade diskutiert worden, daß Gothic kein Ziel und keine Richtung habe, ja daß man den Begriff vielleicht ganz aufgeben sollte. Aber diese Reaktion zeigt mir, daß es zumindest für einen Kern der Szene doch so etwas wie eine gemeinsame Stimmung gibt. Das Ziel ist letztlich, diese leben zu können. Gothic ist also doch nicht ganz verloren.

    Robert fragte: „Doch wo ist die Grenze zur Selbstdarstellung? Und überhaupt, ist die Form der gewählten Selbstdarstellung nicht sogar Ausdruck der Fremdheit?“

    Gibt es da eine Grenze? Sie ist doch spätestens erreicht, wenn man anfängt mehr als Sackleinen und das Nötigste zu tragen. Man zeichnet sein Bild, stellt sich dar für sich selbst und für andere. Kleidung ist immer Kommunikation.

    Dabei finde ich es recht angenehm, daß unsere Szene dabei etwas „Gesprächiger“ ist als andere. Mich hat die neue Portion Eitelkeit, die ich plötzlich bei mir gefunden hatte, auch angenehm überrascht.

    Vor meiner schwarzen Zeit war ich in der Folk-Szene aktiv, und ab und an verirre ich mich auch noch immer auf einen BalFolk. Ich liebe die handgemachte Musik dort. Es gibt keine DJs, sondern echte Instrumente, live und unverstärkt, mit liebenswerten Schwächen und gelegentlichen kleinen Fehlern. Aber was mir noch viel mehr auffällt: mit stylt sich nicht, putzt sich nicht heraus, man kommt nicht anders zum Tanzen als man auch zum Einkaufen gehen würde.
    Dagegen schätze ich das Stilbewußtsein bei uns sehr, auch wenn mal Plastikschläuche oder andere ästhetische Fragwürdigkeiten dabei sind. Es sagt mir auch: der Abend ist etwas besonders, die anderen Gäste und Tänzer sind es mir wert, daß ich mich auch für sie schön mache.
    Leider geht der Trend derzeit zu T-Shirt und schwarzer Jeans …

    Shan Dark schreibt: „True goth is from the inside – mir ist es letztendlich total egal, welche Farben jemand trägt oder welche Musik er/sie hört. Entscheidend ist das düstere Element im Wesen.“

    Im ersten Anlauf hatte ich hier „Genau!“ geantwortet, aber dann bin ich ins Schleudern gekommen. Ja, fast …

    Echtes „Goth“ braucht dieses düstere Wesen, und nicht jeder, der zur Szene gehören möchte, hat es. Aber dazu gehört auch das ästhetische Element, das aus einfachem Düster echtes Goth macht.

    Damit schließt sich für mich aber auch eine Festlegung auf den richtigen Stil aus. So wenig wie der „innere Goth“ uniform ist, so wenig kann es der Ausdruck nach Außen sein. Schwarz ist unsere gemeinsame Sprache, aber darunter ist die Vielfalt der Dialekte etwas, das zum Wesen der Szene gehört. Habt also auch ein wenig Geduld mit den anderen Stilen, dem einen oder anderen Neonpuschel oder Fetischelement!

    Wer hat seinen Weg ins Schwarz schon ohne Um- und Irrwege zurückgelegt?

    Und was mich sonst noch an unserer kleinen dunklen Weltnische begeistert, hat Shan
    Dark in ihrem Text „Proud to be a Goth“ wunderbar zusammengefaßt!

  9. Schatten 23. November 2012 zu 11:54 #

    @Shan Dark
    Vom Zauberer Rumburak las ich noch nicht, wohl aber von einem Mantel mit dem man ins Märchenreich (zurück?) kommt. Und bei Günter Kunert fand ich den sehr faszinierenden Begriff des umgekehrten Laurinsmantels. Denn während Zwerg Laurin einen Mantel hat, der ihn unsichtbar macht, ist jener andere ‚umgekehrte’ Mantel von anderer Kraft. Wer ihn trägt, dem verschwindet die Welt; sie wird unsichtbar!

    @Scyllarus
    „ … daß Gothic kein Ziel und keine Richtung habe, ja daß man den Begriff vielleicht ganz aufgeben sollte.“ Ach was, das hieße ja das Kind mit dem Bade auszuschütten. Wozu braucht es Ziel und Richtung ? Die Freude am Herbstbunt und am Novembernebel braucht auch kein Ziel.

    Und um mal so richtig in die Tasten zu greifen zitiere ich LaoTse „Könnten wir weisen den Weg, Es wäre kein ewiger Weg.”

    Ich meine, dass wir Träger einer Art Sehnsucht sind, die es seit Menschengedenken gibt, egal wie sie sich nennt. Doch ist es nützlich ein Wort für das schwer zu Benennende zu haben, denn jedes Denken braucht Kategorien.

    An dieser Stelle mußte ich lachen, denn das war mir so vertraut ! „Mich hat die neue Portion Eitelkeit, die ich plötzlich bei mir gefunden hatte, auch angenehm überrascht.“
    Dazu eine Tagebuch-artige Notiz von mir, als ich eben die Dunkelseite entdeckt hatte:
    **********************.
    Was ist das für eine merkwürdige Eitelkeit, die ich bislang nicht kannte an mir ? Der ich bislang mit den allerbilligsten Jeans zufrieden war – nun bringe ich ohne Zögern den zehnfachen Betrag für einen maßgefertigten Zylinderhut auf. Der ich bisher billige Treter irgendwo kaufte – nun rufe ich bei Art-of-Dark an, ob meine pikes endlich da sind. Und heute – heute nun fahre ich zu jener, die monatelang meinen Mantel nähte; aus fast 13m rubinrotem und Schwarzem Samt.

    Es sind das nicht die Sachen um den Alltag darin zu absolvieren. Nicht für den Weg zur Arbeitsstelle: im Berufsverkehr. Nicht für die Einkaufsrunde im Supermarkt. Nicht für Behördengänge, nicht für Hausarbeit, nichts für alle Tage. Nichtmal für alle Nächte.

    Übermäßig teuer ist das alles und außerordentlich unpraktisch. Doch diese Schwarzen Sachen verhalten sich zum karierten Hemd wie der Zauberspruch zur Einkaufsnotiz. Die völlige Gleichgültigkeit in Anbetracht der Kosten: So ignorant verhält sich das Ewige gegenüber dem Endlichen. Diese entschiedene Untauglichkeit für den Alltagsgebrauch: So widersetzt sich die Dunkelwelt dem Gewöhnlichen.
    Eben wie die Beschwörungsformel keinen Kompromiß machen darf, etwa für bessere Sprechbarkeit oder kürzere Formulierung … so darf meine Kleidung kein Zugeständnis machen. Möge sie mich, der ich zu einem winzigen Teil meines Wesens mehr bin als da durch die täglichen Tage trottet, möge diese Kleidung für einen winzigen Teil meiner Zeit mich verwandeln; weit hinweg von der Belanglosigkeit mancher Tage. Möge diese Kleidung meine Beschwörungsformel sein; unverkürzt und ohne Kompromiß.
    **********************.
    „ … dazu gehört auch das ästhetische Element, das aus einfachem Düster echtes Goth macht.“
    Ohne Beschwörungsformel keine Zauberei und ohne diese keine Verwandlung !
    (Früher habe ich das noch viel ernster genommen und war bestürzt wenn ich einen meiner Ringe vergessen hatte.)

    Zuletzt hier noch ein Zitat aus dem 24er Brockhaus zum Thema Romantik was auch ganz gut passt zur Ausstellung „Schwarze Romantik“, siehe Shan Dark „Die andere Seite”
    ——–.——————–
    Romantik
    …. eine zum Gefühlvollen, Wunderbaren, Märchenhaften und Phantastischem neigende Weltauffassung und –darstellung; i.e.S. eine geistes- und stilgeschichtliche Epoche, die um 1780/90 Aufklärung und Klassizismus ablöste. Der überaus komplexe Begriff der R. entzieht sich jeder Formel, ihr Lebenselement ist die freie Subjektivität des Geistes und ihre niemals endende Aufgabe, alles Reale zu poetisieren …
    Als Kunstmittel bevorzugt die R. die offene, nicht geschlossene Form; sie löst alle gegenständlichen und festen Umrisse auf, verwischt die Grenzen … und sucht durch die verzaubernde Mischung … das Wirkliche in Traum, den Traum in Wirklichkeit zu verwandeln.
    Aus der Unangemessenheit jeder endlichen Aussage und Gestalt zum unendlichen Sinn erklärt sich ferner die romantische Neigung zur Paradoxie, zum Fragment und zum Aphorismus.
    Mit einer neuen Sicht der Natur und des Verhältnisses von Natur und Geist ging ein neues Verständnis von der Einbettung des Menschen in die tragenden Seinsbereiche einher und führte zu einer geschärften Wahrnehmung auch im Hinblick auf das Unbewußte und die Erscheinungen der „Nachtseite der Natur“. In der Philosophie vom beseelten Universum und von der organisch aufgefaßten Natur als sichtbarem Geist und dem Geist als unsichtbarer Natur hat romantisches Denken kennzeichnenden Ausdruck gefunden. (…) Kennzeichnend für die Architektur war die Rückwendung zur Gotik.
    ——–.——————–
    Frohe Düstergrüße vom Schatten

  10. Shan Dark 28. November 2012 zu 22:38 #

    Herrlich, hier kommt einiges an großartigem Gedankenfutter zusammen, dass man in mehreren Nachtmahlen zu sich nehmen muss. 😉

    Für mich kristallisieren sich aber zwei „Hauptgänge“ heraus, zu denen ich auch noch mal meinen Senf zugeben will.

    In Bezug auf die Frage zum Beitrag bei Spontis „Gothic – kein Ziel und keine Richtung?“ schließe ich mich dem Schatten an.

    Wozu braucht es Ziel und Richtung? … Ich meine, dass wir Träger einer Art Sehnsucht sind, die es seit Menschengedenken gibt, egal wie sie sich nennt. – das ist die richtige Frage: Wozu braucht es ein gemeinsames Ziel?? Dein Spruch von Laotse sagt es auch noch mal – gäbe es ein Ziel, wäre Gothic eine endliche Sache. Aber Sehnsucht endet, sobald man „erreicht“ hat, was man sich wünscht. Nur solange man schwebt – nicht ankommt – kann man es genießen. Sobald man angekommen wäre am Ziel hört auch die Romantik auf, denn sie ist aus meiner Sicht eine Art melancholische Sehnsucht nach einem Idealzustand (düster oder im Gegenteil rosarot verklärt).

    Nein, auch aus meiner Sicht haben wir (und nicht nur Gothics, sondern auch manch Andere) akzeptiert, dass die Welt nicht nach unserem Vorbild und Wunsch verändert werden kann. Auch nicht durch Rebellion, Anarchie oder sonst irgendwas. Dahingehend bin ich auch ordentlich pessimistisch – man braucht nur jeden Tag Nachrichten zu schauen und sich etwas über die Hintergründe zu informieren. Doch diese traurige Erkenntnis eröffnet neue Wege und Perspektiven – ich zitiere Syllarus in seinem Artikel „Es ist eine Perspektive, die nach innen führt, und es kann schwer fallen, sich damit abzufinden. Schwer, bis man die neuen Wege erkennt.“ Daher gibt es sicher eine ähnliche Grundstimmung bei vielen, aber die Wege sind meines Erachtens zu unterschiedlich und zu innerlich um dogmatisch in eine gemeinsame Richtung zu führen.

    „Die gemeinsame Stimmung leben zu können“ ist aus meiner Sicht auch nicht das Ziel, denn das wäre dann schon erreicht. Ich kann es ja derzeit schon leben. In meinem kleinen eigenen Rahmen, in den auch nicht jeder andere Gothic passt. Sondern nur manche.

    Das führt zum 2. Hauptgang :):
    „True goth is from the inside versus „Selbstdarstellung“ – reicht das innere Schwarz (nicht) aus?

    Dazu möchte ich zunächst Robert auf seine Frage antworten: Wo ist die Grenze zur Selbstdarstellung? Es gibt keine. Warum sollte es auch eine geben. Jeder soll so aus sich herausgehen, wie er es mag/braucht/möchte. Mancher wird auch von sich überrascht sein („meine neue Eitelkeit“ ;)) – positiv oder irritiert sein.

    Wiederum ist nicht jeder ein Selbstdarsteller der sein Inneres nach außen stülpen möchte, sich offenbart und gern konfrontiert. Es gibt da draußen viele ’stille Naturen‘, versteckte Schwarze, die ganz unterschiedliche Gründe haben kein „coming out“ zu geben. Das mag von Konfrontationsunlust bis zum noch fehlenden Reifegrad alles sein. Oder einfach, weil es eben auch introvertierte Menschen und Gothics geben muss.

    Mir persönlich ist es auch lieber, wenn man es jemandem ansieht. Aber ich kenne dennoch einige, die es nicht so deutlich zeigen – auch nicht an besonderen Abenden. Ich finde es immer etwas schade dann, aber ich weiß, was in ihrem Kern steckt. Dann passt das für mich sehr gut. Ich würde nicht bei allen sagen, dass sie Goth sind, aber doch Seelenverwandte (so wie solitary_core vielleicht).

    Mit „True goth is from the inside“ war und ist eher gemeint, dass es einfach ist, sich etwas Schwarzes anzuziehen und in unsere Keller zum Tanzen zu gehen. Aber es muss dann noch lange nicht sein, dass der-/diejenige auch eine ähnliche innere Stimmung teilt und andere gruftige Facetten lebt. Ich kenne wiederum auch einige Leute, die „heute abend mal auf dark gehen“. Sind auch nett, aber keine Gothics und ohne ‚düsteres Element‘.

  11. Schatten 6. Dezember 2012 zu 15:51 #

    Hallo r@zorbla, zum „ inneren Grausel, der nach der Schädelkerze … verlangt“ fiel mir ein Bild ein welches ich hier einzufügen versuche:
    http://der-schwarze-planet.de/wordpress/wp-content/uploads/2012/11/hernach.jpg
    Wenn wir was vom Altmeister Wilhelm Busch sehen, dann hat es geklappt.

    Dessen Kommentar dazu:

    So mancher Weise
    betrachtet ein leeres Denkgehäuse
    mit Ernst und Bangen. –
    Der Rabe ist ganz unbefangen.

    Frohe Düstergrüße vom Schatten

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