Schädeltraum(a)

Morbides Pflichtprogramm: „Schädelkult“-Ausstellung in Mannheim

Kann man den Charakter eines Menschen an dessen Kopfform ablesen? Haben besonders triebhafte Männer einen breiten Nacken und einfach gestrickte Leute eine Delle in der Stirnmitte? Diese „Schädellehre“ – Phrenologie genannt – wurde vom Mediziner Franz Joseph Gall begründet. Um 1800 glaubte man an eine Verbindung von Schädelwölbungen und Geist. Um seine Thesen aufzustellen, obduzierte Gall was das Zeug hielt und bald wurde seine Schädellehre so populär, dass die Leute selbst begannen sich gegenseitig die Köpfe abzutasten. Galls Porträt wurde auf Gedenkmünzen geprägt, Schnupftabakdosen zeigten seine „Schädelkarten“. Die Hirnforschung steckte damals noch in den Kinderschuhen, aber Gall hat gewissermaßen andere Wissenschaftler zur Forschung angestachelt, die seine etwas ‚verkopfte Auffassung‘ widerlegen wollten. Und sie schafften es – aber erst 33 Jahre nach seinem Tod.

Von der Phrenologie hatte ich zuvor noch nie gehört. Auch Kalebassen und Trinkbecher aus menschlichen Hirnschalen (gern von Angehörigen) oder Kopfkissenschädel sowie diverse Deformationstechniken waren mir unbekannt. Diese Erfahrungen machte ich alle erst in der „Schädelkult“-Ausstellung in Mannheim, die ihr ganz unbedingt besuchen solltet.

Trophäenschädel der Konyak-Naga (Himalaya): die Hörner sollten verhindern, dass der Tote von den Hinterbliebenen gerufen werden konnte (Bildrechte: Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim)

 

Heute und hierzulande sind Schädel fast nur noch Schmuckobjekte und gern wird in der Gothic- oder Metal-Szene mit Schädel-Accessoires kokettiert. Diese sollen zum einen der Abschreckung dienen und die Auseinandersetzung mit dem Tod sowie das Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit symbolisieren. Doch der Schockeffekt ist so ziemlich dahin – spätestens seitdem das Modelabel Ed Hardy die Totenköpfe zum Trend erklärte und auf alle Klamotten druckte, die nicht schnell genug dahinschrumpeln konnten. Selbst Paris Hilton trägt heute Glitzerfunkel-Schädel. Aber warum ist das so?

Welche Bedeutung haben Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte und wie hat sich das gewandelt? Genau diese Fragen will die von den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim initiierte Ausstellung beantworten – und es gelingt ihr auch!
Ich bin doch schon eine Weile skurril unterwegs, fühle mich von Beinhäusern magisch angezogen und dachte echt, ich hätte schon viel gesehen. Aber ich konnte nur staunen und ab und zu den Kopf schütteln. Wer glaubt, er sei schädelseitig durch nichts zu beeindrucken, wird bei der Schädelkult-Ausstellung sicher eines Besseren belehrt. Da stecken uns schon allein die afrikanischen Völker mit diversen Ritualen und Kulten in den Sack – die sind noch härter ‚druff’ als die Österreicher ;-).

Schrumpfkopf der Jivaro-Indianer (Bildrechte: Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim)

Auch nicht zimperlich ist der südamerikanische Stamm der Jívaro (aus Peru und Ecuador) mit seinen Schrumpfköpfen (tsantsas) – die sie heute nicht mehr aus Menschen- sondern häufig aus Faultierköpfen herstellen. Wie wurden Schrumpfköpfe hergestellt? Die Jìvaro enthaupteten ihre Feinde und zogen ihnen die Haut vom Kopf. Danach wurde heißer Sand in den Kopfhaut-Sack gefüllt, wodurch dieser zu schrumpfen begann. Es folgte eine Räucherung über mehrere Stunden, die für die dunkle Hautfarbe sorgte und der Konservierung diente. Augen und Mund wurden zugenäht mit Bambusnadeln, um die Kraft in der Trophäe zu binden und zu verhindern, dass die Rachegeister aus dem Toten  herausfahren konnten. Besonders gut mussten die Haare erhalten werden. Sie galten als Sitz der Seele und Lebenskraft, die dann auf den Träger des Schrumpfkopfes übergehen sollte.

Fast noch beeindruckender fand ich den Kopfkissensschädel der Asmat aus Ozeanien – eine Form des Ahnenkultes. Hier hat der älteste Sohn aus meiner Sicht etwas die A-Karte gezogen, denn er muss den Schädel seines Vaters schon tagsüber den ganzen Tag um den Hals tragen und nachts mit dem Kopf auf ihm schlafen, damit die Familie auch dann vom Ahnen beschützt wird. Das stelle ich mir äußerst unbequem vor – aber ist sicher alles eine Frage der Gewöhnung. Vielleicht sollten wir mal ein neues Grufti-Gerücht verbreiten, der uns ‚verweichlichte Gothics’ etwas scharfkantiger zeichnet: Wir schlafen nicht in der Gruft, sondern auf dem Schädel unserer Väter und Großväter. Ha! Leider werde ich mich wohl erst daran gewöhnen, wenn ich tot bin und nix mehr spüre.

Kopfkissen-Schädelkult bei den Asmat (Neuguinea): Der älteste Sohn muss auf dem Schädel seines Vaters schlafen und ihn tagsüber um den Hals tragen. (Bildrechte: Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim)

 

Apropos Gruftis und Gothics – wir werden auch erwähnt. Uns ist ein eigener Schaukasten am Ende der Ausstellung gewidmet, der mir von XtraX gesponsored zu sein schien, aber ich will das mal gar nicht übel nehmen.  Die Feinheiten in der Szene sind schwer auszumachen – und unser „Schädelkult“ verblasst enorm bei all den anderen interessanten Exponaten. Mehr zum Grufti-Anteil der Ausstellung hat der liebe tobikult notiert, fotografiert und darüber bloggeriert.

Ihr habt noch 3 Monate Zeit, die absolut sehenswerte und aufschlauende Ausstellung zu besuchen – bis zum 29.04.2012. Der Eintritt liegt bei vernünftigen 10-12 €. Sehr ausgefeilt und fast schon ‚liebevoll’ erdacht ist das Begleitprogramm mit Schädel-Wörkshops für Kinder und Erwachsene (!) sowie einer Sonderausstellung im Mannheimer Café Prag zu Streetart rund um das Schädel-Motiv (leider nicht mehr geschafft anzusehen). Und natürlich gibt’s im Museumsshop jede Menge trashiges Schädel-Merchandise.

Summa Summarum: Ihr seht Schädel(-Rituale), die ihr nicht vergessen und auch nicht wieder sehen werdet. Verpassen solltet ihr daher lieber was anderes.

Wenn ihr dort wart, dann sagt doch mal welche Schädelei EUCH besonders beeindruckt hat? Ich bin gespannt.  😯

Nachtrag: Lese- und Reisetipp

Der liebe Josh aus Graz hat mir verraten, dass die Schädelsammlung von Franz Joseph Gall in Baden (südwestlich von Wien,  30min mit dem Auto) zu besichtigen ist und dazu gleich diesen informativen Artikel über „Die Schädel des Doktor Gall“ mitgeschickt. Danke!!

 

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17 Responses to Schädeltraum(a)

  1. clerique noire 24. Januar 2012 zu 04:28 #

    Ola!

    Zu schlafender Stunde darf ich mal den ersten Kommentar verfassen:
    Sehr schöner Bericht.
    Ich will auf jeden Fall noch hin, vielleicht sogar als Betriebsausflug?

    Übrigens aus der Mode gekommen sind die anthropologischen Schädel-Meßpunkte noch nicht. Sie sind eine sehr gute Tast- und Orientierungshilfe, wenn mal kein CT zur Hand ist. ; )

  2. solitary_core 24. Januar 2012 zu 06:38 #

    hm das eine oder andre mal is mir Phrenologie schon untergekommen, gerne mal in Filmen oder Büchern die in der Zeit spielen …
    wird auch gerne als Parodie mit aufgenommen, vorzugsweise in absurden Trickserien wie Animaniacs oder Freakazoid XD

    nu weis ich wie Schrumpfköpfe entstehen können, das is auch sone Frage die man immer mal beantwortet haben will, aber sich nich traut zu fragen =P

    Zu Ed Hardy sag ich nix, muss sich jeder seine eigne Meinung bilden, ich weis nur sein ‚Stil‘ trifft bei weiten nich mein Geschmack.

    Mannheim .. leider sehr weit weg von da wo ich bin, auch wenn ich derzeit sicherlich auch wichtigere zu tuen hab als Austellungne zu besuchen …

    bleibt mir nur der Schlachtruf der Khorne-Berzerker :“Blut für den Blutgott, Schädel für den Schädelthron! „

  3. Andreas 24. Januar 2012 zu 10:19 #

    Ich hab gestern zu viel Whisky getrunken, deshalb hab ich heut‘ nen Schädel… 😉

  4. Wolfen 24. Januar 2012 zu 12:55 #

    @solitary core – Solltest du mal Lust haben ein Schrumpfköpfchen nachmachen zu wollen: Hier findest du die genaue Beschreibung, wie es geht….
    http://www.pm-magazin.de/r/gute-frage/wie-macht-man-einen-schrumpfkopf

    Viel Vergnügen!

  5. solitary_core 24. Januar 2012 zu 18:29 #

    hm ich bezweifle das die Elbe ein Nebenfluss des Amazonas is und Faultiere im zoologichen Sinne gibt es hie auch weniger als Menschen … XD

    werde wohl doch eher mit Warhammer Miniaturen vorlieb nehemen müssen,a ber dennoch dank =P

    hab mich vorher immer gefragt wie die den Schädelknochen mitschrumpfen lassen =P

  6. Melle Noire 25. Januar 2012 zu 01:01 #

    Da muß ich meinen Jan dann
    doch mal endlich hinschleppen.
    Sehen möchte ich das auch !
    Vielleicht klappts ja im Februar !

    Dunkle Grüße !
    Melle

  7. Madame Mel 25. Januar 2012 zu 12:44 #

    Very interesting! Danke für den Tipp. Wie sieht denn so ein Schädelworkshop für Kids aus? Praxisbezogene Schrumpfübungen am Objekt deiner Wahl… öha, das gibt ein Spaß 😉

  8. mattensan 25. Januar 2012 zu 20:10 #

    Zusammen mit tobikult letztes Jahr schon dort gewesen. Schon erstaunlich was die Menschheit mit ihren Köpfen so alles veran(un-)staltet. Am skurrilsten fand ich ja die afrikanische Methode mit den implantierten Spiegeln. Über die Abteilung „Gothic“ breiten wir mal den liebreizenden Mantel des Schweigens 😉

  9. shan_dark 26. Januar 2012 zu 12:54 #

    @clerique noire: Danke Dir! Ein Betriebsausflug wäre doch mal was unter dem Motto „schädel-anthropologische Erkenntnisgewinnung“ :-). Garantiert auch relevant – vor allem der erste Part der Ausstellung. Dort sieht man z.B. wie der Schädel bei einem Fötus je Monat wächst, super dargestellt!

    @solitary_core: You are not alone – das hab ich mich früher auch immer gefragt, wie die das mit den Schädelknochen bei Schrumpfköpfen machen, ehrlich.^^

    @Melle Noire: Für Dich ist es ja ein Katzensprung bis Mannheim, also nix wie hin Ihr beiden!

    @Madame Mel: Das Kinderprogramm ist schräg (aus Sicht eines Erwachsenen vllt.) und schwer schädellastig mit spielerischen Elementen. Im Bild mit dem Kopfkissenschädel siehst Du ja auf der Erklärungstafel darunter, was so gefragt wird: „Mit welchen Materialien würdest Du einen solchen Schädel schmücken?“ 😀 Letztendlich sind ja Kinder in dem Alter noch nicht gesellschaftlich vorgeprägt, Angst haben sie sicher nicht, die Schädelkult-Kinder-Workshops sind eher bunt. Und gerade Dein Kleiner dürfte sogar fasziniert sein. Vielleicht ist er dafür aber doch noch zu klein, weiß nicht…

    @mattensan: Jo, die afrikanischen Sachen fand ich eh fast alle sehr heftig. Und auch die Deformationen. Ein Schönheitsideal, was sich mir komplett verschließt. Schon mehr als übel, Kinder zwei Jahre lang mit 3 Brettern um den Kopf herumlaufen zu lassen…

  10. Ma Rode 26. Januar 2012 zu 14:04 #

    Und wenn man sich dann noch vergegenwärtigt, dass bereits in der Steinzeit Operationen am offenem Schädel durchgeführt wurden, dann möchte man am besten garnichts mehr wissen …

    weiterführender Link: http://archaeologie-news.blog.de/2006/03/22/medizin_erste_operationen_schon_in_der_s~665710/

    Der Begriff „Kopfkino“ gelangt hier zu ganz neuen Dimensionen :o)

    Gruß,
    Ma Rode

  11. shan dark 26. Januar 2012 zu 16:33 #

    @Ma Rode: Ich geb Dir recht, Danke Dir sehr für den Link. Ist ja kaum zu glauben. Zur Zeit der Trichterbecher-Kultur…soso…4300 bis 3000 v. Chr.! Und dann haben sie die Patienten nur mit einem berauschenden Getränk betäubt??? **Aaaargh** Ich frage mich allerdings, woher man die hohe Erfolgsquote wissen kann und was hier als „Erfolg“ definiert wurde. Dass der Mensch überhaupt wieder aufwachte oder dass er selbst einigermaßen lebensfähig war? Fragen über Fragen.

  12. solitary_core 28. Januar 2012 zu 00:40 #

    nunja solche OP sind eben nich ungefährlich, wenn man das mit den babarischen Mitteln der Inquisition vergleicht die bei allem und jedem unbekannten gleich vom Leibhaftigen ausgehen sicher auch nich die bessere Alternative …

    Aber schon erstaunlich wieviel Wissen damals wirklich Verschütt gegangen ist, als die Teutonen ins römische Reich eingefallen sind, nicht auszumalen wo wir heute wären, wenn der technische Vorsprung erhalten geblieben wäre, gilt allerdings für alle Hochkulturen wie die in Südamerika und Ägypten gleichermassen ….

    Ich nahm ja eigentlich immer an das die Medizin, wie wir sie heute kennen, im Mittelalter „erfunden“ worden ist, scheinbar ist das nich korrekt 🙂

  13. Melle Noire 1. April 2012 zu 19:10 #

    So – wir waren nun heute endlich mal
    in der Ausstellung. Echt sagenhaft, ich bin
    im Museum herumgerannt wie ein Kind im
    Bonbonladen… ;D *ggg*

    Besonders cool fand ich einen schwarzgefärbten
    Schädel ohne Unterkiefer, der mit weißen
    Kaurimuscheln verziert war. Und die bemalten
    Schädel ( aus der Schweiz ? *grübel*… ) fand ich
    sehr schön. Außerdem noch das „Totenkopf-
    Mobilé“ mit 3 Schädeln. Die liegende Mumie im
    Eröffnungsraum war ebenfalls toll und ich war
    fasziniert davon, wie sich der Schädel im
    Mutterleib entwickelt und nach der Geburt.

    Bei mir daheim betreibe ich übrigens gerade
    meinen ganz eigenen Schädelkult. Ich richte
    derzeit mein Zimmer neu ein und meine ganzen
    Totenköpfe ( und andere Accessoires ), die ich
    bereits in den 90ern gekauft habe, erhalten
    endlich mal einen würdigen Platz. 🙂

    Dunkle Grüße ! 🙂
    Melle

  14. shan dark 5. April 2012 zu 11:01 #

    @Melle Noire: haha „bin im Museum herumgerannt wie ein Kind im Bonbonladen…“ – klasse formuliert, das konnte ich mir richtig vorstellen! Da drin ist man tatsächlich wie im Rausch, das ging mir auch so. An den schwarzen Schädel mit den Kaurimuscheln kann ich mich noch gut erinnern und natürlich die Entwicklung des Schädels im Mutterleib – das war nicht nur an sich interessant, sondern auch gut in Szene bzw. Perspektive gesetzt.

    Gibt es dann demnächst bei Dir aufm Blog mal ein Bild von Deinem Schädelzimmer?? Wäre toll! 😉

  15. Melle Noire 5. April 2012 zu 21:55 #

    öhm… Mal gucken o.0

    Bei mir im Blog eher nicht, da gehts einfach
    generell um andere Sachen. Und die Handyfotos
    sind lausig… ;D

  16. tobikult 17. April 2012 zu 12:07 #

    Mir hat der Schädel mit den rostigen Eisenketten gefallen.

  17. shan dark 17. April 2012 zu 14:25 #

    Hmmm…an den kann ich mich nicht mehr erinnern. *grübel* 😎

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