Leichenteile im Online-Shop bei Gunter von Hagens

Ich bin kein Freund der KÖRPERWELTEN-Ausstellung. Dabei ist mir nichts Menschliches fremd und der Tod gehört dazu. Aber ich habe etwas dagegen, wenn tote Menschen zur besseren Vermarktung in reißerischer Art und Weise dargestellt werden und das satte Geld an eine private Firma fließt, die damit wer-weiß-was finanziert. Dem Ganzen wird auch noch das Etikett „für Forschung und Lehre“ draufgeklebt, obwohl diese GmbH keinen öffentlich-gesellschaftlichen Bildungsauftrag hat. Wenn ich mich für alles unterhalb der Haut eines Menschen interessiere, dann würde ich mir eine Plastination im Museum anschauen, einen Arzt oder ein Buch befragen, aber ganz bestimmt kein Geld für den Hagens’schen Zirkus ausgeben.

Parallel zu den Körperwelten startet Gunter von Hagens jetzt sein zweites Standbein: einen Online-Shop. „Um die aufwändige Plastinationsforschung fortzuführen ist es notwendig, die begonnene Demokratisierung der Anatomie zu stärken und die Produkte einem größeren Kreis potentieller Interessenten zugänglich zu machen.“ (Zitat: Bericht Süddeutsche Zeitung)

Auch wieder im Namen der Forschung soll die „begonnene Demokratisierung der Anatomie“ zahlreiche, zahlungskräftige Käuferscharen mit skurrilem Geschmack zum Öffnen des Portemonnaies verleiten. Darüber hatte Gunter von Hagens vor zwei Jahren schon mal nachgedacht, da war die Zeit wohl noch nicht reif. Jetzt möchte er in Deutschland mit plastinierten „Lifestyle-Produkten Trends setzen“ (mein Marketinghirn sendet gerade einen Gähnimpuls…) – so heißt es auf der Shopseite. Diese Lifestyle-Produkte sind Ohrringe, Armbänder oder Ketten gefertigt aus toten Pflanzen und Tieren. Natürlich bleibt man sich treu und verkauft keine ‚langweiligen Körperteile’, sondern z.B. eine Scheibe vom Bullenpenis oder vom Giraffenschwanz. Dabei wird auf die breite Masse der Onlinekäufer gesetzt, denn der tote Lifestyle ist noch nicht mal teuer. Ohrringe aus Giraffenschwanz kosten z.B. nur 24 Euro. Sollte sich hier rasant Nachfrage entwickeln, dann bin ich mal gespannt, wie viele Giraffenschwänze der Gunter so auf Lager liegen hat. Sonst ruft das Beschaffen von Nachschub vielleicht noch die Tierschützer auf den Plan… 😯

Aber eines find ich an dem Shop gut: er bringt finanzielle Transparenz in Hagens‘ Geschäft mit dem Tod. Jetzt weiß ich, dass z.B. ein menschliches „halbes Becken; weiblich“ mehr als 12.000 Euro kostet. Echte Menschenteile kann im Shop nur eine „qualifizierte Lehreinrichtung“, z.B. eine Uni bestellen. Und die kann es sich wiederum nur durch hohe Studiengebühren leisten…alles klar?


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7 Responses to Leichenteile im Online-Shop bei Gunter von Hagens

  1. Frauschmitt 20. Oktober 2010 zu 18:22 #

    Das „zweite Standbein“ von Herrn von Hagens – da hat man doch sofort ein Bild vor Augen! 🙂 Da schreibst Du was Wahres. Und ich bin froh, dass auch ein „Grufti“ daran keinen Gefallen findet. Der Shop ist völlig panne, man denkt in jedem Augenblick, es wäre Satire. Oder hat man jemals einen blöderen Satz gelesen als diesen: „Das (sic!) tote Tiere zum Lifestyle beitragen können, beweisen diese Produkte.“?

  2. Robert 21. Oktober 2010 zu 22:38 #

    Grundsätzlich fand ich von Hagens Arbeiten spektakulär bis revolutionär. Filme wie Anatomie sind daraus reslutierendes, ganz großes Kino. Als ich dann aber tatsächlich eine solche Ausstellung in Köln besucht habe, war ich irgendwie enttäuscht – vielleicht waren meine Erwartungen zu hoch, oder ich war einfach erschrocken wie aus dem wissenschaftlich Aspekt eine reine Horrorshow wird.

    Das Vermarkten wie in dem von Dir angesprochenen Shop geht für mich definitiv zu weit, das ist nicht cool, nicht mysteriös, keine Kunst und auch kein Lifestyle. Jedenfalls nicht in unseren Breitengraden, das mag meinetwegen bei Naturvölkern anders gesehen werden.

    Die Vermarktung im öffentlichen Shop hat auch nichts mit Wissenschaft zu tun, denn für die sind manche Modelle durchaus lehrreich, kann ich mir jedenfalls vorstellen.

    Fazit: Von Hagen wird vom Revoluzzer zur Parodie seiner selbst, verkauft sich und seine Ideale, falls er jemals welche gehabt hat.

  3. Clerique Noire 24. Oktober 2010 zu 20:56 #

    So, ich oute mich jetzt mal: Ja, ich bin Mediziner. Und Ideale hatte von Hagens meiner Meinung sicherlich noch nie.
    Während des Studiums hat man natürlich Anatomie. Dieser Kurs ist nur möglich, weil sich einige Mitbürger (meist ohne Angehörige und ohne große finanzielle Möglichkeiten) der Anatomie einer Universität, gegen ein Begräbnis und die Grabpflege, spenden.
    Nach den 6 Monaten, die man mit dem jeweiligen „Patienten“ verbracht hat, findet eine Trauerfeier für die Spender statt, an der alle Anatomie-Professoren und Studenten in tief empfundener Dankbarkeit teilnehmen.
    Meine Kollegen und ich waren sehr froh diese Möglichkeit des Lernens zu erleben. Denn Anatomie erlebt man wirklich. Anfassen, spüren….. Aber bei allem war es eine private Atmosphäre und keine “ zur Schau-Stellung“ in Stadien oder Hallen wie so oft bei G. v. Hagens.
    Was soll bitte jemand von einem Modell lernen, wenn alle Muskeln, Gelenke etc wie explodiert von einer Mitte „weggesprengt“ angeordnet wurden?
    Generell erscheint mir die Ausstellung nur wie eine schlechte Verfilmung von einem wirklich gutem Buch. Aber unsere Gesellschaft will es ja nicht anders, schön leicht verpackte und bloß nicht zu schwere Kost.
    Nun zu seiner so glorreichen Idee der Vermarktung:
    Bullenpenis-Ohrringe als Weihnachtsgeschenk? Da bin ich altmodisch, Diamanten sind wohl jeder Frau, egal wie skurril sie sein mag, lieber. Becken oder Schnitte für Universitäten??? Jetzt gähnt aber mein Mediziner-Hirn. Jede Uni hat ihre Leichen im Keller. Da die meisten Unis, die Medizin anbieten, schon lange bestehen, haben die auch ihre eigenen Präparate und Modelle. Manche sogar in der eigenen Uni hergestellt. Sollte doch mal ein Modell und Schnitte ersetzt werden müssen, beziehen sie diese wahrscheinlich auch aus ihren Quellen, die schon vor von Hagens bestanden.
    Außerdem hat mal jemand von Euch 3-D-Ultraschall, -CT oder -MRT machen lassen? Pulsierende Gefäße und Herzen, bewegende Gelenke, zuckende Muskeln etc stehlen jedem noch so grandios-gemeintem Plastinat die Show. Das ist einfach nur großartig und die Zukunft.

  4. shan dark 25. Oktober 2010 zu 11:57 #

    @Clerique Noire: Echt ein interessanter Kommentar, der mich einiges gelehrt hat, z.B. dass Unis ihre „eigenen Leichen und Präparationen“ haben und somit nicht auf die von Gunter angewiesen sind. Die Herstellung der Plastinationen ist vermutlich auch bisschen günstiger als bei von Hagens einzukaufen…
    Übrigens ist das Formblatt, was man als „qualifizierter Nutzer“ für den Kauf von Mensch-Plastinaten ausfüllen muss, ein Lacher. Hier braucht man sich nur als Normalbürger einen Unistempel zu besorgen (oder zu fälschen). Sonderlich nach Prüfung sieht das nicht aus…und wenn die Kohle stimmt…
    Ja, für Mediziner gibt es sicher wissenschaftlich fortschrittlichere Methoden als die Plastination. Von daher find ich es ja noch dreister, dass von Hagens „im Dienste von Forschung und Wissenschaft“ seine „Werke“ und den Onlineshop anbiedert. Ich sehe hinter seinem Business (mittlerweile) nur eine Motivation: er hat seine Werkstätten aufgebaut und die müssen finanziert werden.

  5. Emily Byron 8. November 2010 zu 15:34 #

    Als ich die Meldung vor wenigen Tagen um 05:00 Uhr im Frühstücksfernsehen sah, hab ich neugierige Nase mir das natürlich umgehend angeschaut. Ich. fands. fürchterlich.
    Die Plastinationsgeschichte an sich ist sicher eine sehr interessante Sache, allerdings nur für Otto Normalo. Und ehrlich, so erpicht bin ich jetzt auch nicht drauf, mir sowas live anzuschauen (hier der Hinweis, ich wurde als Jägerstochter mit den Innereien und dem Ausnehmen putziger Rehlein gross – *brrrr*, der Anblick macht mir aber daher nichts aus). Was mich persönlich interessieren würde – vor einiger Zeit hatte die Staatsanwaltschaft den Gunter im Visier, da er sich für seine Plastinationen (mangels Spender) Leichen aus russischen und chinesischen Gefängnissen besorgt hat. Was ist dabei rausgekommen? Das ganze wurde einmal erwähnt und dann nie wieder. Was ihn das wohl gekostet hat? Dies wiederum würde den Onlineshop erklären. Der Mann braucht Kohle. Und zwar dringend.

  6. shan dark 17. Juni 2011 zu 09:21 #

    Weil es zum Thema passt und damit es nicht in Vergessenheit gerät…ich habe einen guten Artikel beim Bestatterweblog gefunden wie die Frage der Beisetzung und Kostenübernahme geregelt ist, wenn man seinen Körper der Wissenschaft spenden will: http://bestatterweblog.de/archives/Koerper-der-Wissenschaft-spenden,-Koerperspende/5953

  7. wolfen 29. März 2012 zu 11:33 #

    Seine sogenannte ‚Demokratisierung‘ ist nur ein Ausloten wie weit man Perversitäten treiben kann. Seine Ausstellungen nichts anderes als Freakshows und das Niveau der damaligen Veranstalter untergräbt er spielend. Perversitäten eines kranken Hirnes.

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