Der krumme Wald

Es gibt viele Gründe nach Polen zu fahren. Zum einen sind die Menschen dort ultra-freundlich – ja, auch zu uns Deutschen. Natürlich sollte man versuchen, auf polnisch wenigstens „Guten Tag“ (dzień dobry; gesprochen: dschin dobri) und „Danke“ (dziękuję; gesprochen: dschenkuje) zu sagen. Auch wenn ihr es falsch aussprecht, ist das egal. Das Bemühen wird belohnt und ihr werdet sofort von Freundlichkeit oder lächelndem Entgegenkommen überflutet. Jedenfalls ging es uns immer so. Immer.

Der zweite Grund für eine Reise nach Polen sind die Kulinaritäten – oder banal gesagt: das gute Essen. Mein Freund fasste das vor ein paar Tagen kompakt in Versform zusammen:

„Schon allein wegen Wurst und Kuchen
sollst Du Polen besuchen.“

Da ist mehr als was dran. Wer deftige Küche, Cabanossi, geräucherte Wurst und hausgemachten Blechkuchen mag, der kann sich in Polen locker ein paar Kilo zulegen.

Der dritte Grund für Polen waren diesmal Bäume. Keine normalen, sondern äußerst skurrile Bäume. Einzigartige „krumme Beem“ – wie der Mainzer sagen würde.

Denn im Norden von Polen, in Westpommern, befindet sich ein krummer Wald. Er liegt ca. eine halbe Autostunde südlich der Stadt Szczecin (Stettin), nahe der deutschen Grenze an der Oder. Es ist ein Waldstück bei Gryfino (Greifenhagen) – deshalb auch Gryfino Forest genannt – mit mehr als 100 Bäumen, die gewachsen sind wie Fragezeichen, die auf dem Kopf stehen. Bäume, deren unterer Stamm im 90°-Winkel gebogen ist. 😯 Faszinös! Das wollte ich mit eigenen Augen sehen!

Baumfahndung

Dazu mussten wir aber das gute Waldstück erstmal finden – was nicht so einfach war. Vor allem nicht, wenn man vom Auto an der Landstraße entlang die Wälder absucht. Mit hartem Trekking-Gehabe war an diesem Tag nix, denn ich hatte nur Sandalen an. 🙄

Der krumme Wald soll südlich von Gryfino in der Nähe der Ortschaft Nowe Czarnowo liegen – aber da war überall Wald. Ich sah die krummen vor lauter geraden Bäumen nicht. Da half es nur, die Einwohner zu befragen. Dazu muss man die Worte Krzywy Las kennen, was „krummer Wald“ auf polnisch heißt (gesprochen: gschiwe las). Sonst habt ihr keine Chance. Weder steht irgendwo was von „krummer Wald“ noch von „crooked forest“ oder „gryfino forest“ – und damit wird euch auch niemand verstehen.

Das erste und einzige Hinweisschild – direkt am (Orts-)Eingang zum krummen Wald.

Wir fragten einen älteren und wie nicht anders zu erwartenden freundlichen Herrn nach dem Krzywy Las – ich unterstrich die Frage mit einer verbogenen Handbewegung :). Er erklärte uns in einem Mischmasch aus polnisch und deutsch den Weg. Es stellte sich heraus, dass es parallel zur Haupt-Landstraße 31 auf ihrer linken Seite noch eine kleinere Straße in eine neue Siedlung des Dorfes Nowe Czarnowo gab. Dort ist ein (Wasser?-)Kraftwerk „Dolna Odra“ (Untere Oder) und diese Straße endet sackgassenartig an einem Werk der deutschen Firma „Fliegel Textilservice“ (nach „Fliegel“ könnt ihr auch fragen, es ist aufgrund seiner Größe bekannt).

Dort direkt am Ortseingang fanden wir das erste und einzige Schild zum „Krzywy Las“. Das Auto parkten wir direkt dahinter an einem 5-stöckigen Wohnblock, der voll ost war. Dann gingen wir dem Schild folgend auf einem kleinen Weg 300m in den Wald hinein.

Eine Lichtung mit Fragezeichen

Bald lichtete sich der Wald und da standen sie: sehr skurril gebogene Kiefern. Wie eigenartig! Wie lustig! Da hatte Mutter Natur aber mal ordentlich gute Laune gehabt. Gleichzeitig dachte ich bei den krummen Bäumen an Friedrich Hundertwasser, der „Dinge“ aus ihrer Normalität holt und ihnen eine andere Form gibt. Sah so aus, als habe er sich mit seiner verspielten Art an den Bäumen ausgetobt. Um diese herum und dazwischen stehen auch Bäume von normalem Wuchs. Doch die Fragezeichen-Bäume bilden einen so starken Kontrast zu ihren schnöden Kiefergenossen, dass diese mir in ihrer Normalität fast ein bisschen leid taten.

Wir bewunderten die krummen Dinger mit den Augen und beschnupperten sie mit unseren Händen. Natürlich nahmen wir auch Platz: ihr Hängematten-Effekt wirkte auf abgeschlaffte (Auto-)Wanderer wie uns einfach zu verlockend. Auch wenn es um bequem zu sein ein bisschen zu hart war.

Leider waren es nicht soooo viele krumme Bäume, wie ich erwartet hatte. Bei Wikipedia steht was von 400 – das stimmt nicht. Es sei denn, es gibt weit in den Wald hinein noch mal ein Areal, was ich allerdings bezweifele. Auf der Lichtung sind vielleicht 20 krumme Bäume und ringsum in 100m-Umkreis kam ich auf etwa 50, mehr nicht. Die Infotafel am Eingang zur Lichtung schreibt etwas von 100 Bäumen, das mag ich auch noch glauben, aber 400 nicht.

Doch auch wenn krummer Wald daher etwas übertrieben ist: er lohnt sich auf jeden Fall! Sympathischer können Bäume nicht aussehen. Ein bisschen wirken sie als würden sie tanzen, sie sind durch ihre komische Form menschlicher – ich kann nicht genau sagen warum. Vielleicht weil wir Menschen auch nicht perfekt sind und uns im Leben manchmal anpassen (und krumm machen) müssen?

Warum sind die Bäume krumm?

Vielleicht stand auch der Erholungsfaktor für abgeschlaffte Wanderfreunde im Vordergrund.

Die Bäume sehen nicht nur wie Fragezeichen aus, sondern sie sind auch welche. Der krumme Wald ist immer noch ein Rätsel, auch wenn es mittlerweile eine fundierte, geowissenschaftliche Erklärung dazu gibt.

Wirklich sicher ist nur das Alter der Bäume: sie wurden 1934 gepflanzt.

Aufgrund ihrer Einzigartigkeit vermuten Manche, bei den krummen Bäumen sei Magie im Spiel. Auch Verformung durch atomare Strahlung oder durch Naturgewalten, wie einen Sturm, wurden als Ursache in Betracht gezogen. Doch weil dazwischen und im Rest des Waldes auch normale Kiefern wachsen, fallen exogene Einflüsse schon mal weg. Das hätte dann alle Bäume betreffen müssen, nicht nur einzelne.

Eine häufig genannte Theorie ist, dass die 90°-Biegung der Bäume „man-made“ ist. Geschaffen von Tischlern, die sie extra als „Rundholz mit Biegung“ gezüchtet haben für spezielle Anwendungen, wie den Bootsbau, Bottiche, Möbel, Schlittenkufen und am Ende auch für die Schönheit. Das wäre nachvollziehbar, würde aber nicht erklären, warum nur einzelne Bäume genommen wurden und nicht das gesamte Waldstück als „Biegeholz-Lieferant“ angelegt wurde.

Viel wahrscheinlicher und durch geografisch-geschichtswissenschaftliche Grundlagen nahezu als sicher bewiesen ist die Interpretation des Landesverbandes der Schulgeographen Mecklenburg-Vorpommern, Regionalgruppe Rostock. Deren Vertreter Dr. Heinz Niemann aus Siggelkow beschreibt und erklärt das „Rätsel von Gryfino“ hier im Detail. Ihm zufolge wurden die krummen Bäume mit der Waldforst-Technik des „auf den Stock hauen“ bearbeitet, die bis Ende des 19./Anfang des 20. Jhd. in Mitteleuropa genutzt wurde. Bei dieser Methode wurden angepflanzte und triebfähige Jungbäume wie Erle, Eiche, Weide und Linde nach mind. 10-40 Jahren oberhalb ihres ersten, unteren Triebes abgeholzt. Es wurde also nur ein seitlicher, dicker Trieb stehen gelassen und alles was an der „Schnittstelle“ nachwuchs und austrieb, konnte als Nutzholz geerntet werden. Diese Triebe wurden z.B. für Weidenruten, Eichenrinde für Gerblohe, Linde und Erle für hauswirtschaftliche Geräte genutzt. Doch das war nicht der Grund für das Abholzen der Kiefern (die zudem gar nicht triebfähig sind) mit der Methode des „auf den Stock hauens“, sondern ein früher Wintereinbruch und… Weihnachten.

obenrum ist alles normal 🙂

„Im Zeitraum Mitte bis Ende der sechziger Jahre ist hier in einem Winter eine größere Ladung Weihnachtsbäume zusammengestellt worden. Vermutlich war im nahen Szczecin in diesem Winter das Weihnachtsbaumangebot dermaßen hinter der Nachfrage zurück geblieben, dass kurzfristig auch mit Jungkiefern ein gutes Geschäft zu machen war (der Autor dieser Zeilen erinnert sich noch gut daran, dass in einem Winter dieses Zeitraumes infolge eines sehr frühen und außerordentlich schneereichen Wintereinbruchs hunderttausende Weihnachtsbäume im Thüringer Wald und Erzgebirge liegen geblieben sind und auch er mit einer Jungkiefer vorlieb nehmen musste).“ (Quelle: Dr. Siggelkow – Artikel s.o.)

Bei allen Bäumen sind die “Schnittwunden” (Loch) an der Stelle des Hauptstammes gut zu sehen.

In dem die Arbeiter oder der Eigentümer des Waldstückes bei den Jungkiefern die benötigten Weihnachtsbäume mit der althergebrachten Methode des „auf den Stock hauens“ abholzte, hat er durch den stehen gelassenen Seitentrieb die selbe Holzmenge wie beim übrigen, normalen Bestand gesichert. Dahinter steckt also ein kluger, geschäftstüchtiger, forstwirtschaftlich erfahrener Kopf.

Bei den nicht-triebfähigen Kiefern schloss sich die „Schnittwunde“ an der abgehauenen Stelle, deren „Narbe“ wir an jedem krummen Baum gut erkennen konnten. Der übrig gebliebene Trieb wuchs weiter, dem Licht entgegen. Er wurde zum Stamm, der sich aufgrund seines Gewichts auf dem Boden abstützen muss. Es gibt ganz unterschiedliche, krumme Stämme bei den Fragezeichen-Bäumen. Manche scheinen direkt am Boden zur Seite zu wachsen. Andere waren wohl schon älter und hatten bereits einen höheren Stamm von 40-50cm gebildet, als sie für einen Weihnachtsbaum auf den Stock gehauen wurden. Vermutlich weil ihr Wuchs so komisch aussah, traute sich auch jetzt nach fast 80 Jahren keiner die Kiefern abzuholzen. Gut so!

Diese Erklärung finde ich faszinierender als Magie oder Naturgewalten. Manchmal ist auch die Realität bezaubernd. Wer hat schon je von Weihnachtsbäumen gehört, die auf den Stock gehauen wurden?! So außergewöhnlich wie der krumme Wald ist auch seine Entstehung. Er ist der einzige seiner Art in der ganzen Welt.

 

Route planen – Wo liegt der krumme Wald?

Eine Seite mit den wichtigsten Infos zum Mitnehmen auf Reisen: Gratis-Download Gothic Guide Krummer Wald

Ich habe die exakte Lokation des krummen Waldes bei Google Maps nach-/eingetragen und zusammen mit der Beschreibung oben im Artikel dürfte er nun gut zu finden sein.

 

 

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19 Responses to Der krumme Wald

  1. Andreas 24. August 2012 zu 13:52 #

    Wieder einmal ein sehr interessanter Artikel. Den ersten Absatz Deines Artikels (Einleitung) kann ich ohne wenn und aber vollkommen bestätigen. Ich mag (die) Polen. 🙂

  2. stoffel 24. August 2012 zu 15:30 #

    Da kann ich meinem Vorkommentierer nur zustimmen, zudem auch amüsant geschrieben … wieder etwas dazugelernt 🙂

  3. Josh Wittmann 24. August 2012 zu 18:18 #

    Was lernt man daraus?

    Fährt man nach Polen mit Sandalen;
    macht das Suchen manchmal Qualen…..

  4. solitary_core 25. August 2012 zu 10:09 #

    Fährt man nach Polen wegen Essen
    werden Sehenswürdigkeiten vergessen ….

  5. Josh Wittmann 25. August 2012 zu 12:04 #

    Planetenkönigin ist ganz stumm
    uns’re Dichtkunst haut sie um…

  6. M.Synthetic 25. August 2012 zu 15:33 #

    Ist man vorab gut informiert,
    hat man auch Zeit für den Wirt… 🙂

  7. solitary_core 25. August 2012 zu 16:58 #

    ohne Reim in Kommentaren
    kann man sich den heute sparen 😀

  8. Shan Dark 25. August 2012 zu 17:44 #

    Das stimmt wohl,
    da hilft bei mir nur Alkohol. 😉

    Eure Reime machen mich ganz weich und bleich,
    so pass ich – trotz Sandalen – wieder ins Gruftireich.

  9. Josh Wittmann 25. August 2012 zu 21:57 #

    Die Planetenkönigin weich und bleich?

    Kurz aber heftig:

    Shan Dark
    wie Quark?

    oder…..

    Wenn ich könnt – ich würd sie malen
    Bäume reitend mit Sandalen.
    Schnappend tief nach frischer Luft,
    jauchzend glücklich, wenn sie ruft:
    Oh wie schön sind diese Bäume!
    Krumm sind sie wie meine Träume!
    Dran geschmiegt den Kopf, den kahlen….
    wie gesagt – ich würd sie malen

    Schwupp und weg…………….

  10. finbarsgift 13. September 2012 zu 18:19 #

    irre, diese bäume!
    ich muss immer wieder hingucken
    und am liebsten würde ich mich mal reinhocken und hoppe hoppe reiter spielen *hehe*
    sonnige grüße!

  11. Schemenkabinett 16. Dezember 2012 zu 15:42 #

    Ist schon erstaunlich zu welchen bizarren Wuchsformen Bäume in der Lage sind, wenn sie müssen. Das erinnert ein wenig an die Süntel-Buchen (auch „Teufels-Buchen“ genannt), die (übrigens ganz ohne menschliche Einwirkung) krumm und gedreht wachsen.

  12. Shan Dark 17. Dezember 2012 zu 08:35 #

    Interessant, diese Süntelbuchen! Gesehen hab ich sie scheinbar schon – auf Gemälden der „schwarzen Romantik“ oder in diversen Gruselfilmen (z.B. „Sleepy Hollow“). So kommt es mir jedenfalls vor. Aber namentlich kannte ich sie noch nicht und dass es eine Version der Rotbuche ist, die mal kurz vorm Aussterben war. Es lohnt sich auf jeden Fall nach Orten der Teufels-Buchen zu suchen und dann den passenden Moment für ein creepy picture abzuwarten.
    Wie ich unter http://www.suentelbuchen.de gelesen habe, wächst diese Buche keinen Meter gerade. Skurril!! Großes Danke für Euren Hinweis.

  13. Norbert Fels 10. Februar 2013 zu 17:34 #

    Hallo,

    Hut ab – toller Bericht und Einschätzung unserer östlichen Nachbarn 😉
    Bin auch gerade vor Ort gewesen und habe ebenfalls ein paar Schnappschüsse mitgebracht…
    Auf der Suche nach einer Beschreibung für diesen (kaum zu findenden) Ort bin ich hier gelandet – und habe, IHR Einverständnis vorausgesetzt, meine Formulierungen zur Beschreibung dicht an die hiesigen in Kurzform angelehnt.
    Gerne weiter so – auf dieser Seite lohnt sich ein Besuch immer ,-)
    Beste Grüße

    N.F.

  14. Shan Dark 10. Februar 2013 zu 22:00 #

    Hallo Norbert,
    Danke Dir und schön, dass Du den krummen Wald gut gefunden hast. Deine schönen Schnappschüsse von krummen Bäumen im Regen habe ich auch gerade bewundert. Für alle anderen Interessenten ergänze ich daher hier mal den Link zu Deiner empfehlenswerten Bildergalerie: http://www.nfsgalerie.de/index.php?id=317

    Viele Grüße
    Shan Dark

  15. Bovis 28. Mai 2013 zu 22:49 #

    Sind dort schon mal verwerfungen und strahlen..(wasseradern usw) gemessen worden?! Dann aber los 🙂 Sie liegen in gegen richtung der verbiegung, sehe ich schon ohne vermessung 🙂

  16. supersusi 16. April 2015 zu 14:04 #

    ich hab mir gerade so überlegt ob evtl Fahrzeuge (wie z.b. panzer) durch den wald fahren wollten und dabei beiden noch jungen bäumen die spitze umgeknickt haben, welche dann so weiter gewachsen ist?! das würde erklären warum nur ein teil der bäume betroffen ist. setzt aber auch vorraus das ca. 80% der knicke in die selbe Richtung zeigen müsste.

  17. Shan Dark 16. April 2015 zu 19:03 #

    Neue Theorie 😀 aber auch nicht so ganz abwegig, Krieg und so. Die Richtung war schon ziemlich einheitlich (wie viel % kann ich aber nicht mehr sagen) und das eigenartige war, das eben wirklich nur ein recht kleiner Teil/Streifen davon betroffen ist. Aber warum sollten die Panzer dann umgekehrt sein? Sonst hätte man in einem größerem Gebiet krumme Bäume. Oder sie wurden nur da geparkt. 😉

  18. Gruftfrosch 29. November 2015 zu 19:30 #

    http://www.sz-online.de/nachrichten/krumme-kiefern-geben-raetsel-auf-3262675.html Da war doch was 😉

  19. Shan Dark 2. Dezember 2015 zu 23:01 #

    Danke Dir, da hat die SZ gut gekupfert von mir ohne Quellen zu nennen 🙂 kennt man ja von den Gazetten. Aber der Artikel hat mir immerhin viele Google-Besucher beschert in den letzten drei Tagen.

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