Wurzelbehandlung: Kraftwerk live in Düsseldorf

Konzertbericht von r@zorbla.de

Es fing mit einer unscheinbaren Meldung im November 2012 an. In der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf würde eine Konzertreihe Der Katalog von Kraftwerk stattfinden, in der an acht Abenden je eines von acht Alben des Urgesteins der elektronischen Tanzmusik im Mittelpunkt steht. Der Kartenvorverkauf würde online am 10.11.2012 beginnen.

Knapp daneben.

Dieser war schon eine Erfahrung für sich. Dabei stellte sich heraus, dass das Problem, mit einem Bestelllimit von 4 Karten pro Besteller insgesamt 5 Karten zu besorgen, nicht das größte war. Die Ticketbestellseite war für mich bereits kurz vor Beginn des Vorverkaufs nicht nutzbar. Ich solle es später nochmal versuchen. Man kennt sowas ja. Nach einer Stunde Geduld und weiteren 25 Minuten Genervtheit waren plötzlich alle Karten für alle Termine ausverkauft – und ich ging leer aus.

Hier hätte die Geschichte zu Ende sein können und ich hätte mich mit Blutwallungen – einem Jack Torrance gleich – noch eine Zeit lang über Web-Ticketshops ärgern können. Am Konzerttermin meiner Wunschveranstaltung hätte ich dann sanft geschluchzt und alles wäre vorbei gewesen.

Doch es kam anders.

Es wurden Zusatztermine angekündigt und während ich kränkelnd im Bett darbte, erklärte sich ein Freund dazu bereit, den Bestellk(r)ampf zu übernehmen. Nicht ganz stressfrei, aber erfolgreich! So kam ich also zu meinem Ticket für den 18.01.2013 um 23:59 Uhr zum  Kraftwerkschen Katalog-Konzert Nr. 6 alias „Techno Pop“ (1986, hieß damals noch „Electric Café“). Das Album war zwar nicht meine erste Wahl, aber wie sich später herausstellen sollte, auch kein Problem.

Kraftwerk-3D-BrilleDa ich mich in den letzten Jahren eher wenig mit aktuellen Informationen zu Kraftwerk befasst hatte, wusste ich nicht im geringsten was ich zu erwarten hatte. Ich stellte mir insgeheim vier robotermäßige Puppen vor, aber das war’s auch schon.

Düsseldorf, 18.01.2013, 23 Uhr

Der Einlass ab 23 Uhr war unspektakulär – bis auf einen Gegenstand mit den vier Techno-Pop-Köpfen, den jeder in die Hand gedrückt bekam. Dieser stellte sich als eine Hülle mit einer 3D-Brille heraus.

kraftwerk-spezial-editionIm Vorraum der Grabbehalle gab es einen Verkaufsstand, an dem neben Postern und T-Shirts auch ein 3D-Buch und Der Katalog erhältlich waren, der auch der Konzertreihe den Namen lieh. Letzteres ist eine Sammlung aus den 8 CDs Autobahn, Radioaktivität, Trans Europa Express, Die Mensch-Maschine, Computerwelt, Techno-Pop, The Mix und Tour de France, in der 2009er Remaster Version. Dabei sind 30cm „Booklets“ für jedes Album. Für die Konzertreihe wurde die Box in nummerierter, limitierter Auflage (3340) als SPEZIAL EDITION in schwarzem statt dem üblichen weißen Design herausgebracht.

Der „Konzertsaal“ wirkte mit seiner Leinwand und den vielen im Raum verteilten Lautsprechern eher wie ein unbestuhltes Kino. Es gab keine sichtbare Bühne, nur eine Tuch-Leinwand auf die eine langsam ablaufende Animation der vier Pixel-Kraftwerker projiziert wurde.

Das bunt gemischte Publikum zwischen geschätzten 20 und 70 Jahren füllte den Saal auch nicht zu sehr aus. Man konnte bequem die Position wechseln (und sollte dies eigentlich gelegentlich auch tun, was ich nur noch nicht wusste – dazu später mehr).

Blick nach hinten auf die Brillenfraktion

Blick nach hinten auf die Brillenfraktion

Musikarbeiter

Pünktlich um 23:59 Uhr wurde es dunkel und eine Computerstimme sagte: „Meine Damen und Herren, Ladies and Gentlemen. Heute Abend: Die Mensch-Maschine. Kraftwerk.“

Dann fiel die Tuch-Leinwand und gab den Blick auf die zuletzt typischen vier Konsolen frei, hinter denen sich der einzige ursprüngliche Musikarbeiter Ralf Hütter (links) mit seinen Mitstreitern Fritz Hilpert (seit 1987 bei Kraftwerk), Henning Schmitz (früher für Kraftwerk als Tontechniker tätig, seit 1991 live dabei) und Falk Grieffenhagen (Video Operator, seit 2008) postiert hatte. Ihr Erscheinungsbild in den mit einem Liniennetz versehenen schwarzen Ganzkörperanzügen glich Drahtgittermodellen aus der 3D Computertechnik. Unterstützt wurde dieser Eindruck später noch durch die Licht-Umrahmung der Konsolen, die passend zu Song oder Ära in entsprechenden Farben leuchtete. Hinter den Musikarbeitern befand sich die Projektionsfläche für die 3D-Videoshow.

kraftwerk-live-2013-duesseldorf

Programmiert

Wie bei Konzert #6 „Techno Pop“ zu erwarten war ging es los mit Boing Boom Tschak. Trotz spartanischem Auftreten merkte man gleich, dass diesmal nicht nur die Robo-Puppen hinter den Konsolen standen. Die Musikarbeiter arbeiteten und hielten sich auch nicht starr an die Albumvorlage. Die computergenerierten 3D-Noten flogen von der Leinwand auf einen zu und zugleich hörte man es rund um sich im Raum rumoren. Man war sofort mittendrin in einer fast übermächtigen audiovisuellen Welt.

Die Band folgte in etwa dem Album, mit Ralf Hütters ewig junger Stimme am Mikrofon, die die er während des ersten Konzertteils bei Techno Pop, Sex Objekt und Electric Café einsetzte. Der Telefon Anruf blieb dagegen instrumental.

Kraftwerk-autobahn-duesseldorf-2013Im Anschluss an diesen namensgebenden Teil des Konzerts bekamen wir einen Streifzug durch die Kraftwerk-Geschichte ab „Autobahn“ präsentiert. Die Autobahn war zwar etwas kürzer als gewohnt, aber es war amüsant der Wettfahrt zwischen grauem Käfer (D-KR 70) und schwarzem haifischflossigem Mercedes (D-KR 74) zuzusehen.

Der Geigerzähler stellte eine Radio-Aktivität fest, die hier nochmals (wie schon für „The Mix“) aktualisiert wurde und auch auf Fukushima referenzierte. Danach fuhren wir mit dem Trans Europa Express an Schaufensterpuppen vorbei, die kurzum behaupteten sie seien Die Roboter und arbeiteten im Spacelab.

Wir sind die Roboter...

Wir sind die Roboter…

Kaum aus dem All zurück räkelte sich Das Model im Neonlicht. Das Ende der roten Phase wurde durch Die Mensch Maschine besiegelt und über ein paar Nummern gingen wir über in die Computerwelt. Dort durften wir an der Computer Liebe teilhaben sowie etwas über Heimcomputer hören. Als Gegensatz kam dann der Sport in Form der Tour de France zum Zuge. Den Abschluss bildete nach dem Expo 2000 Stück ein mir namentlich unbekannter Titel. Wenn die Setlists im Netz stimmen heißt das Teil Planet der Visionen. Weiterhin hatte ich nicht bemerkt (wenn es stimmt), dass Tour de France zwei Teile hatte (1983 und 2003)

Um 02:02 Uhr traten die Herren dann zur Seite, schüttelten sich gegenseitig die Hände, verneigten sich kurz und verließen die Bühne. Schon 2 Stunden rum? Mist.

Und? Wie war’s denn nun?

kraftwerk-konzert-duesseldorfKurzweilig. Die Elektroniker haben bewiesen, dass sie es noch können! Und auch wenn körperlicher Einsatz und Bühnenaktivismus eher sparsam waren, haben Kraftwerk hier gezeigt, dass es auch auf die Details ankommt. Gerade die aufgeräumten Pulte und die quasi sterile Bühne gaben mehr preis als so manches kabelverworrenes MacBook-Setup. Das eine Detail: Man hat alle Bandmitglieder hinter ihren Pulten fast vollständig sehen können. Sie waren nicht bloß Tische mit Notebookdeckeln und Köpfen. Dadurch konnte man subtil aber bestimmt mitbekommen, dass die vier da oben tatsächlich bei der Sache waren. Das andere Detail: Kein störendes Detail. Man wurde durch nichts vom Hauptkonzept abgelenkt. Es war eine Bühnenpräsentation, in die man einsinken konnte (und die später nur von einem sich voll laufen lassenden Belgier-Sound-Objekt schräg links hinter mir gestört wurde).

Der Eintauch-Effekt wurde dabei stark von der visuellen und akustischen Dreidimensionalität unterstützt. Was immer an Bildern oder Tönen durch den Raum fliegen konnte, tat es auch. Das ginge nur noch besser, wenn die Videoprojektion nicht mehr auf eine Leinwand als Ausgangspunkt eingeschränkt wäre.

Strahlt Wellenfelder zum Ohrengerät

Wie ich (leider) erst nach der Veranstaltung erfuhr waren Kraftwerk mal wieder technisch ganz vorne mit dabei. Die verwendete Raumklangtechnik feierte in Düsseldorf bei der Katalog-Konzertreihe ihre Premiere. Es handelte sich dabei weder um die traditionell bei Kraftwerk eingesetzte Quadrofonie noch um eine der in Kinos gebräuchlichen Raumklangtechniken, sondern um eine spezielle Technik namens Wellenfeldsynthese. Hierbei soll für einen fehlerfreien Klang unerheblich sein, wo sich der Zuhörer befindet, und die Positionierung der Klänge im Raum ist unabhängig von irgendwelchen Kanälen oder Lautsprechern. Das hätte ich nur zu gerne ausprobiert – na ja, vielleicht beim nächsten Mal ;-). Dann drehe ich mal ein paar Runden durch den Saal.

Die genannte Positionsunabhängigkeit bedeutet übrigens nicht, dass jeder Zuhörer exakt das Gleiche hört. Die Klänge werden ja im Raum verteilt. Es bedeutet lediglich, dass bei einem Positionswechsel die üblichen Effekte ausbleiben. Es gibt keine hörpositionsbedingte Auslöschung oder Verstärkung von Schallwellen. Egal wo der Zuhörer steht, nimmt er das Akustische Objekt an derselben Stelle wahr (z.B. in der Mitte des Raumes).

Informationen zum Düsseldorfer Aufbau mit Video gibt es hier:
http://www.eventelevator.de/reportagen/22-reportagen/2110-kraftwerk-wellenfeldsynthese-kunstsammlung-nordrhein-westfalen

Wer verstehen möchte wie das funktioniert, kann es ja auch mal mit dem Wikipedia-Artikel versuchen: http://de.wikipedia.org/wiki/Wellenfeldsynthese

———————————————

Fotos: r@zorbla.de – vielen Dank! Beachtet bitte das copyright.

 

0.00 avg. rating (0% score) - 0 votes

Einfach Dranbleiben!

Skurriles, Düsteres, Morbides im Abo! Vernetze Dich mit dem schwarzen Planeten & Shan Dark:

,

6 Responses to Wurzelbehandlung: Kraftwerk live in Düsseldorf

  1. Ma Rode 1. Februar 2013 zu 20:09 #

    Hach! Ich habe Gänsehaut beim Lesen bekommen ….

  2. 1984maverick 1. Februar 2013 zu 22:25 #

    Das Konzert war echt klasse! Das erste 3D Konzert. Ich kann es jeden nur empfehlen, wer also die Chance hat Kraftwerk live zu erleben … TUT ES EUCH AN 🙂

    Sucht euch nur irgendeinen Platz wo kein Belgier hinter euch steht, die haben ein unglaubliches Organ.

  3. Shan Dark 1. Februar 2013 zu 23:10 #

    Und was ist, wenn sich der Belgier hinter einer 3D-Brille tarnt?!? Das Bild mit dem „Blick nach hinten“ find ich einfach episch. Irgendwann in ein paar Jahren/Jahrzehnten werden wir im Kino und Konzert und wer weiß wo sonst noch alles problemlos in Surround 3D erleben, so wie es Ray Bradbury in „Das Kinderzimmer“ beschrieben hat. Ohne dass man diese 3D-Brillen aufsetzen muss. Vielleicht mit Kontaktlinsen, vielleicht mit Wellenfeldprojektion. Jedenfalls werden dann Menschen über dieses Bild hier stolpern und lachen und denken: „Was war das damals alles umständlich, aber sie sehen aus als hatten sie Spaß dabei!“ Man wird nachsichtig mit dem Kopf schütteln, sich über Kraftwerk informieren und sagen: „Aha. Eine Band, die seit 42 Jahren wegweisende elektronische Musik gemacht hat – aber warum haben die alle diese komischen Brillen auf?!“ Es wird sie faszinieren, wie uns Kraftwerk fasziniert und bei denen ich mir vorstellen kann, dass sie auch noch in 40 Jahren die Menschen begeistern. Doch, das alles wird so kommen – ich bin ohne Zweifel. Dafür mit viel Neid. Wäre sehr gern dabei gewesen beim Konzi, mit Euch ja sobiso immer! Aber es könnte dieses Jahr noch bei mir in Barcelona klappen (zusammen mit Pet Shop Boys) – mal sehen.

    Das einzige, was nicht so mein Fall ist, ist wohl die Grabbehalle. Kalte, weiße, sehr hohe Hallenräume und dann noch in Schlauchform… brrrrrrh!

  4. Alexandra 7. Februar 2013 zu 17:16 #

    Schöner Bericht! Als „Kind der Achtziger“ hätte mir dieses Musikerlebnis vermutlich auch gut gefallen 🙂

  5. Protovision 8. Februar 2013 zu 04:11 #

    Super Bericht, könnte ich keinesfalls besser beschreiben – war auch dort, bei Computerwelt, die künstlerische Atmosphäre vom K20 und weil sie in ihrer Heimatstadt so toll gefeiert wurden, war einfach einmalig!
    Kurze Anekdote: als ich von meinem abseits gelegenen Parkplatz diese Halle suchte und eine Dame mittleren Alters im typisch Düsseldorfer dekadenten Chic gekleidet, nach dem Weg fragte, erklärte sie mir das super nett und meinte „…zu Kraftwerk, gell…?“ ich nickte und sie „…na dann viel Spaß“ und zwinkerte mir zu und richtete ihren Pelz beim fortgehen – das fing ja gut an – dachte mir sofort sie hat in den 70ern bestimmt mit dem Hütter schonmal ein Glas Sekt gertrunken!

    Ich war 2011 auch in München bei der 3D-Weltpremiere, das war fast noch besser – aber dieses Katalog-Konzept gepaart mit diesem „Kunst-Ding“ ist perfekt! NYC (MoMA) – Düsseldorf und jetzt London (Tate) – die spielen einfach in einer ganz eigenen Liga…
    …und falls sie irgendwann auf ihrer letzten Tour nach ihrer Auflösung noch einmal nur als Roboter (ohne Menschen) unterwegs wären – würden sie ihr „Werk“ genial schließen!

  6. r@zorbla.de 27. Februar 2013 zu 08:50 #

    Vielen Dank für die Blumen @alle. Die Hauptleistung jedoch liegt bei Kraftwerk, denn ohne Inhalt kein Bericht.

    @Shan Dark das mit den Brillen war heutzutage schon irgendwie lächerlich, denn das gab es ja bereits in den 50ern im Kino. Und wir haben es immernoch nicht überwunden…

    @Alexandra – bis auf eventuell nervtötende Gäste würde ich das Event jedem „Kind der 80er“ empfehlen, das irgendwie etwas mit elektronischer Musik anfangen kann.

    @Protovision So eine Dame im Pelz hat uns noch gefehlt (Oder meine ich den Sekt?). Hrhr. Leider habe ich mir die Ausstellung in Düsseldorf nicht mehr angesehen, obwohl ich sagen muss, dass die Zuordnung Konzerte & Kunst bei Kraftwerk sehr passend ist – und das nicht nur was die Band-Fotografien angeht.

    Ich kann auch nur noch einmal feststellen, dass Kraftwerk in seiner Gesamtpräsentation für mich ein eigenartig bemerkenswertes Phänomen ist: Sie sind seit über 40 Jahren da und haben großen Einfluss ausgeübt. Das haben sie mit lediglich 8 Alben im Katalog geschafft, von denen eins auch „nur“ ein Remix-Album ist. Dessen Inhalt klingt von heute aus „normal“, aber 1991, als das Album erschien, hörte es sich vermutlich eher merkwürdig an. Dann bei Konzerten stets die Verfolgung der Räumlichkeit sowohl akustisch (früher Quadrofonie, heute Wellenfeldsynthese) als auch optisch. Man kann gar nicht behaupten, Kraftwerk sei mit der Zeit gegangen. Es ist eher andersherum: Die Zeit ist mit Kraftwerk gegangen (und mit Chuck Norris hat das gar nichts zu tun).

Schreibe einen Kommentar