Fledermäuse und Ochsenfleisch

Winter 1484

Der Raubritter Erasmus von Luegg saß im Wohnzimmer seiner Burg. Die Kerzen des Deckenleuchters tauchten den Raum in ein warmes Licht – wenigstens etwas Wärmendes. Es war nicht nur draußen sondern auch drinnen in der Burg ziemlich winterlich kalt und feucht. Aber damit konnte sich Erasmus Lueger gut arrangieren. Denn auch wenn die Höhlenburg Predjama (Predjamski grad) nicht die Gemütlichste war, bot sie ihm durch ihre Lage – von drei Seiten in eine steile Felswand geduckt – viel Sicherheit und gute Verteidigungsmöglichkeiten. Die hatte er dringend nötig. Er hatte einen Verwandten des österreichischen Kaisers Friedrich III. auf dem Gewissen. Obgleich er auf seinen Raubzügen die Menschen in Angst und Schrecken versetzte – jetzt war er der Gejagte.

Höhlenburg-Predjama

erasmus-lueger-erasmus-von-luegg

Erasmus Lueger, der letzte slowenische Raubritter

Soeben wurde reichlich Essen an der langen Tafel aufgetischt. Erasmus erhob sich aus seinem Sessel und warf einen Blick durch die scheibenlosen Fenster. Da unten standen sie, die österreichischen Söldner und belagerten die Burg schon seit Monaten. Sie hatten versucht Predjama mit Waffengewalt und durch Katapultieren mit Steinkugeln einzunehmen – ohne Erfolg. Jetzt blieb nur noch den Lueger auszuhungern und ihn zu lynchen, sobald er kapitulierte!

‚Den Gefallen werde ich euch nicht tun’, dachte er sich und drehte sich amüsiert grinsend zur reich gedeckten Tafel um. Genüßlich widmete sich Erasmus dem gebratenen Ochsenfleisch und den dampfenden Kartoffeln. So ließ sich die Belagerung aushalten! Als er sich satt gegessen hatte nahm er etwas von der übrig gebliebenen Ochsenschwarte und schleuderte sie höhnisch lachend hinunter zu den Österreichern. Das brachte Bewegung in die Truppen. Schon wieder bewarf er sie zum Spott mit Essen! Wie kam er nur an die Nahrungsmittel, wo doch niemand unbemerkt in die Burg gelangen konnte?? Die Österreicher antworteten ihm mit Flüchen und Todesdrohungen. Erasmus lachte nur lauter. Sicher hatten sie gerade jetzt im Winter weniger zu essen als er, der doch eigentlich ausgehungert werden sollte.

Blick-aus-Höhlenburg-Predjama

Früher belagert, heute gute Aussichten beim Blick aus der Burg

Höhlenburg-Predjama-Erasmus-Höhlengang

Der geheime Erasmusgang

Unter der Burg befindet sich eine Höhle, die drei Zugänge und ein System von Höhlengängen hat. Erasmus kannte einen 37m langen, engen Geheimgang, der etwas oberhalb der Burg begann und am Fuße der Felswand ins Dorf führte. So kam und ging der Raubritter wie er wollte und konnte sich auf seinen Streif- und Raubzügen mit Lebensmitteln versorgen. Die Österreicher kamen nicht drauf, dennoch schafften sie es, Erasmus ein trauriges Ende zu bereiten. Sie gewannen mit Bestechung und List.

Predjamski-Grad-Steinkugeln-Abort

Mit solchen Steinkugeln wurde der Raubritter auf dem Abort attackiert

Einer von Erasmus’ Dienern war käuflich und verriet den Österreichern, dass der Herr Raubritter einen sehr regelmäßigen Stuhlgang habe. Als es wieder so weit war, stellte der besagte Diener eine Kerze in das Fenster über dem Abort-Erker. Daraufhin schossen die Österreicher den Raubritter sozusagen mit einer Steinkugel vom Abort. Genauer gesagt: Erasmus Lueger wurde nach deren Einschlag durch herabstürzende Felsbrocken beim Verrichten seines Geschäfts erschlagen. Was lehrt uns das? Ein geregelter Stuhlgang ist nicht immer von Vorteil 😆 .

Sommer 2010

Die Höhlenfestung Predjama war für uns einer der Hauptgründe nach Slowenien zu reisen und sie war es wirklich wert. Auf Bildern wirkte sie zwar etwas mächtiger als „in echt“, aber sie ist schon sehr außergewöhnlich. Heute gibt es die mittelalterliche Höhlenburg der Familie Lueger nicht mehr, dafür kann man jetzt ein Höhlenschloss im Renaissance-Stil aus dem 16. Jahrhundert bewundern.

Höhlenburg Predjama

Ja, es war touristisch dort. Parkplätze mit Gebühren und Einweisung, ein Café mit Dachterrasse und der „Erasmus-Grill“. Bei Betreten der Burg wurden unfreiwillige Bilder von uns gemacht, die wir später kaufen konnten (na klar, unbedingt!). Der Eintritt ist happig, aber es gibt für 23 € pro Person ein empfehlenswertes Kombiticket für die Burg und die 9km entfernt gelegenen Postojna-Höhlen.

Folterkammer-Höhlenburg-Predjama

Da hängt noch einer in der Folterkammer…

Die Höhlenfestung konnten wir ausgestattet mit einem deutschen Infoflyer selbst erkunden. Wie angenehm! In den osteuropäischen Ländern erlebe ich meistens das was ich „ohne Führung keine Kekse“ nenne = Besichtigungen nur mit Führung. Mag ich gar nicht, zumal die Führungen ja nicht in der Landessprache sind. Außerdem entdecke ich lieber auf eigene Faust und hier konnten wir uns für die fünf Stockwerke der Burg genug Zeit nehmen und nach Belieben fotografieren.

Höhlenburg-Predjama-feucht

Farne im Feuchtbiotop oberhalb der Burg

Höhlenburg-Predjama-innen

Rechts Felswand, links gemauerte Steinwand

Blick-aus-der-Höhle-oberhalb-der-Burg

Blick aus der Höhle oberhalb der Burg

Das Interessante an der Predjama-Burg ist der bauliche Aspekt, wie sich die Burg an die Höhle anschmiegt. Da sieht man Felswände und Mauern aus Stein in ein und demselben Zimmer. Manche Wände in den äußeren Gängen sind mit Farnen bewachsen – hie und da sieht man ein Feuchtbiotop 😮 . Besonders interessant ist der Höhlenteil im 5. Stock, in dem auch der Erasmusgang beginnt. Leider gesperrt seit ein paar Jahren, da über ihn ‚kriminelle Subjekte‘ in die Burg gelangt sind.

Höhle unter der Burg Predjama

Hinter der Höhlenburg befindet sich ein für Touristen nicht zugängliches Höhlensystem von 6 km. Einen Teil davon, nämlich die Höhle unter der Burg Predjama, kann man aber besichtigen. Und als ich hörte, dass es in der Höhle einen „Fledermausgang“ gibt, war ich nicht mehr zu bremsen.

Höhlenburg-Predjama-Predjamski-Grad

Das schwarze Dreieck im Fels ist der Eingang zur Höhle unter Burg Predjama

Fledermäuse-in-der-Predjama-Höhle

Die vielen schwarzen Punkte sind Fledies…

Wir bekamen Taschenlampen ausgehändigt, die an 2-kilo-schweren Akkutaschen hingen. Ich hatte das Gefühl ich würde eine ganze PA mit mir rumschleppen, die aber trotzdem nur schwaches Funzellicht produzierte. Wohl mit Absicht, denn die Fledermäuse in der Höhle hätten sich von LED-Strahlern wohl mehr als gestört gefühlt. Es reichte so schon und die Kinder der Nacht flatterten aufgeregt um uns herum, nicht nur im „Fledermausgang“. Es waren ganz viele einer sehr kleinen Fledermausart. Ein schönes Erlebnis. Fledies ^^°!°^^ machen mich immer glücklich!

Die Höhlen von Postojna

Ich hab ja schon einige sehr schöne Höhlen gesehen und bin daher nicht so leicht zu beeindrucken. Ein Höhlen-Fan im Sinne von „gebt mir eine Höhle und ich muss hinein“ bin ich aber auch nicht. Vermutlich wären wir gar nicht in die touristisch „gehypten“ Postojna-Höhlen (Postojnska jama) gegangen, wären sie nicht im Kombiticket enthalten gewesen. Dabei entpuppten sich die Postojna-Höhlen als das Beeindruckendste, was ich höhlenmäßig bisher gesehen habe.

Sie sind die zweitgrößten für Touristen erschlossenen Höhlen der Welt und die am häufigsten besuchte Schauhöhle Europas. Soviel zu den Superlativen. Man muss natürlich den Tourismuskram ausblenden, was mir aber immer ganz gut gelingt.

Postojna HöhleZuerst fährt man in einem langen, offenen Wagen-Zug mit ziemlichem Karacho in die Höhle hinein. Dabei sollte man seinen Kopf und sonstige Körperteile nicht unnötig in die Höhe oder seitlich aus dem Wagen strecken – sonst ab! Vor allem in den Tunneln fehlt fast jeglicher Toleranzbereich :-o. Das war schon mal cooool und durch die lange Zugfahrt von mehr als 4 min (!) bekam ich einen Eindruck von der enormen Größe dieses Höhlensystems. Die Führung dauert etwa 1,5 h und sie war keinen Moment langweilig. Ich kam mir vor wie auf einem anderen Planeten, wie in einer gigantischen, bizarren Unterwelt. Wir haben natürlich auch die berühmten Grottenolme gesehen: blinde, fleischfarbene Schwanzlurche, die ca. 30cm lang werden können. Früher glaubte man, dass es die Jungen von Drachen wären. So ein bisschen kam das hin ;-).

Wohin in Slowenien?

Slowenien ist landschaftlich sehr schön und die Leute sind freundlich, aber es bietet keine skurrilen Reiseziele. Wir haben uns bemüht, haben Bergkirchen erstiegen und  gut versteckte Beinhäuser ausfindig gemacht … es war fast immer enttäuschend. Was Beinhäuser angeht, so sind Totenschädel und Gebein in Slowenien grundsätzlich hinter schweren Grabplatten eingelassen und nicht sichtbar :-(. Auch Burgen sind häufig bis zur Charmelosigkeit restauriert und dienen nur noch dem touristischen Abkassieren.

Dennoch: Die Höhlenburg Predjama und die Höhlen von Postojna lohnen einen Besuch ebenso wie die wunderschöne Hauptstadt Ljubljana. Außerdem könnt ihr hier noch herkömmliche Glühbirnen statt Energiesparlampen kaufen oder tolle Grabkerzen in allen erdenklichen Formen. Wir haben uns jedenfalls mit beidem gut eingedeckt…

Übrigens habe ich 2 Tage vor unserem Urlaub erst erfahren, dass man Slowenien mit dem Auto von Österreich nach Kroatien in 1,5 Stunden durchfahren kann. Ist also nicht sehr groß. Daher der Tipp für euch: Verbindet eine Reise nach Slowenien am besten mit einem Italien-Urlaub oder einem Städtetrip nach Wien. Dort gibt’s dann auch genügend Skurrilitäten entdecken.

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Eine Seite für euch mit den wichtigsten Infos – zum Herunterladen & Mitnehmen auf Reisen: Gratis-Download Gothic Guide Höhlenburg Predjama

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7 Responses to Fledermäuse und Ochsenfleisch

  1. Celina 25. Februar 2011 zu 15:13 #

    Ich habe diese Burg bisher leider nur im Fernsehen gesehen. Auch wenn es dabei um Geisterjagd ging, so konnte man doch einige Blicke aufs Äußere und Innere der Burg erhaschen. Und allein, dass dieses Schloss in diese Höhle hineingebaut wurde, ist schon so beeindruckend, dass ich mir das wirklich gerne mal selbst ansehen würde.

  2. Alexandra 25. Februar 2011 zu 15:33 #

    Eine spannende Geschichte sehr unterhaltsam erzählt. Macht Lust, mal hinzufahren 🙂

  3. Sandra 26. Februar 2011 zu 11:55 #

    Wow, die Burg sieht richtig edel aus *__*
    Predjama, ich hab erst pyjama gelesen XDDD
    Sehr schöne Beschreibung. Die Geschichte gefällt mir sehr 🙂
    Das sieht total geil aus, die Burg ist da richtig im Felsen drin, genial *___*
    Übrigens, die Fotos find ich auch voll toll, vor allem, dass du sie an den Rändern so verschwommen hast, das macht das ganze noch mystischer ^^ (Das muss ich mir mal merken, das ist richtig gut XDDD)

    Greeeeetings XD

  4. shan dark 26. Februar 2011 zu 19:05 #

    @Sandra: Haha 🙂 die Pyjama-Burg – was hab ich gelacht! Sicher brauchte man da früher auch mindestens 3 Pyjamas übereinander wegen der Kälte und weil es überall durch die Burgmauern zog. Das mit den verschwommenen Bildrändern ist easy – macht mein iphoto-Programm fast von allein ;-). Aber ich fands auch schön.

    @Celina: Ich hoffe, du schaffst es mal dahin – die Burg ist wirklich sehr außergewöhnlich aufgrund ihrer Lage und mit der Höhle dahinter und darunter.

  5. Schatten 14. März 2011 zu 21:16 #

    Sehr interessant geschrieben finde ich, ich glaube ich werde hier in Zukunft öfter vorbeischauen 😀

  6. tobikult 15. März 2011 zu 07:51 #

    Das Reiseziel werde ich mir merken. Sieht klasse aus. Vielen Dank für den Tipp.
    Ich tausche gegen St. Baume in Südfrankreich. Auch so ein Rheuma-Nest, in dem angeblich Maria Magdalena nach all der Aufregung um ihren Lover gewohnt haben soll.
    http://www.flickr.com/photos/tblank/5403637011/

  7. shan dark 15. März 2011 zu 09:57 #

    @tobikult: 😀 „Rheuma-Nest“ ist lustig! Danke Dir für den Tipp zu St. Baume – das kannte ich bisher auch noch nicht. Gut, in so kirchlich angehauchten Reisezielen bin ich auch weniger „bewandert“. Aber ist schon interessant. Habe ein gut gemachtes PDF im Web dazu gefunden: http://www.efodon.de/html/archiv/geschichte/weitere/augustin_saintebaume.pdf Demnach soll Maria Magdalena 33 Jahre dort gelebt haben. Wow!

    @Schatten: Schööön. 😉

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