Ich möchte heute mal pauschalisieren: echte Gothics mögen es unsaniert. Jetzt nicht bei der eigenen Wohnung, aber Burgen, Häuser, Friedhöfe müssen verfallen und am besten zu einem hohen Grad verwittert sein. Je morbider das Antlitz einer alten Immobilie, desto mehr geht mir zumindest das düster-romantische Herz auf. Natürlich ist es wichtig, dass betagte Gebäude für die Nachwelt erhalten werden. Doch nur selten wohnt „neu gemachten“ Burgen oder Schlössern noch der frühere Zauber inne. Es ist, als hätte man damit auch ihre Geschichte saniert und die Vergangenheit sauber verputzt.
Doch in Prag ist das anders, denn es treffen gleich drei glückliche Umstände zusammen.
- Die Metropole ist eine der ältesten und reichsten Handels- und Residenzstädte in Mitteleuropa. Sie war z.B. Kaisersitz von Karl IV. im 14. Jhd. und somit reiche Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches.
- Es fehlten und fehlen den Tschechen die finanziellen Mittel, um breitenwirksam zu sanieren.
- Prag wurde im 2. Weltkrieg kaum zerstört. Wo die alte Substanz noch da ist, braucht man keine „Lücken“ füllen mit hässlichen Neubauten.
Daher ist Prag nicht nur, aber vor allem für Gothics eine Offenbarung! Es steht auf Platz 1 meiner Hauptstadt-Liste. Danach kommt erstmal eine Weile nichts. Warum?
Olsany – die Oase der Toten
Nun, wenn ihr auf dem etwas außerhalb des Stadtzentrums gelegenen Friedhof Olsany wart, geht es Euch vielleicht genauso. Ich war schon 2x auf diesem mystischen Friedhof und es ist mein Highlight von Prag, wo so ziemlich alles ein Höhepunkt ist.
Olsany ist mit 50 Hektar einer der größten Totenacker Europas. Er wurde mehrfach erweitert, u.a. um einen orthodoxen und um den neuen jüdischen Friedhof mit Franz Kafkas Grab.
Besonders morbiden Charme haben die ältesten Abteilungen I. und II. (nach dem Haupteingang immer links halten). Diese wurden zu Zeiten der Pestepidemie 1680 angelegt, um die Pestopfer außerhalb der Prager Stadtmauern zu bestatten.
Vom Verfall gekennzeichnet und mächtig mit Efeu überwuchert findet ihr hier riesige Gruften reicher Familien, rostige verzierte Grabkreuze aus Eisen, brüchige Grabplatten oder mit Patina und Kupferspat überzogene Statuen. Man taucht wie in eine andere Welt ein: nur umgeben von Stille, alten Bäumen und stummen Zeugen der Zeit. Olsany vergisst man nicht! Dort waren auch immer nur wenige Besucher, so dass man ungestört fotografieren oder in sich gekehrt 300 Jahre zurück in die Vergangenheit reisen konnte.
Für die beiden alten Abteilungen von Olsany braucht ihr ca. 2 h ohne Hektik. Aber auf dem Weg und im neuen jüdischen Friedhof (weit rechts vom Haupteingang über die Zelivského-Straße hinüber) kann man auch noch einige nette Grabstätten entdecken. Zudem ist dort die Besichtigung von Franz Kafkas langweiligem Grab eine historische Pflicht. So sind mal flott 4 h vorbei. Man läuft sich nicht nur müde, sondern auch hungrig. Nehmt euch besser was zu Trinken und zu Beißen mit, denn es gibt dort in der Nähe nicht viel. Das Restaurant mit Biergarten gegenüber der Metro-Station „Flora“ kann ich nicht empfehlen. Da schmeckt nix – weder das Essen noch das Bier.
Vysehrad – die Hochburg der Könige
Vysehrad liegt etwas südlich von Prag auf einem Felsen direkt an der Moldau. Es ist ein Burgwall und diente seit dem 10. Jhd. als zweite Prager Burg und Sitz diverser Könige. Vysehrad lohnt sich wirklich, auch wenn es touristisch bekannt und beliebt ist. Aber das Gelände ist weitläufig, sehr grün und lauschig, man läuft unter Arkaden und hat von hier einen tollen Blick auf den Hradschin (Prager Burg) und auf die Brücken der Stadt. Für Gothics gibt es auf dem Friedhof von Vysehrad einige sehenswerte Grabstätten mit interessanten Details zu entdecken. Aber alles in allem ist der Friedhof zu „sauber“ um eine mystische Atmosphäre zu verbreiten. Liebhaber von E-Musik (womit ich nicht Electro meine) finden hier die Gräber von Antonín Dvorák, Bedrich Smetana und Rafael Kubelik.
Etwas wirklich Skurriles entdeckte mein Freund direkt neben dem Friedhof an der Kapitelkirche St. Peter und Paul. In den Portalbögen und im Giebelrelief über dem Eingang gab es bizarr-gruselige Details, die ich den Christen gar nicht zugetraut hätte.
Dort war das jüngste Gericht dargestellt und wie Teufel, Dämonen und Höllenhunde die armen Sünder holen. Wobei ganz besonders die Sünderinnen von den Teufeln unzüchtig „abgeführt wurden“. Auch waren echt gruselige Fratzen in den Portalbögen, die aussahen wie leprakranke Bettler.
Gräber in Schichten
Auf Postkarten ist der berühmte alte jüdische Friedhof in der Innenstadt meist exorbitant mystisch in Szene gesetzt. Aber das ist bei den verfallenen, eng gesetzten Grabsteinen auch ein Leichtes – mit Fotoerlaubnis und zu Zeiten, an denen er nicht für Touristen geöffnet ist. Als sterblicher Pragbesucher kann man ihn nur mit zig anderen Touristen begehen. Das verdichtet sich ganz schön, da der Friedhof gerade mal so groß ist wie ein Fußballfeld. Bei mir kam da gar kein Friedhofs-Feeling auf, sondern nur das für eine „berühmte Sehenswürdigkeit“ mit viel Besucherrummel. Vielleicht ist es besser, wenn man bei verregnetem Wetter im Herbst hier ist und der Nebel über die 12.000 Grabsteine schleicht.
Auf dem alten jüdischen Friedhof liegen schätzungsweise 100.000 Gebeine in bis zu 12 Schichten übereinander. Da nach dem jüdischen Glauben die dauerhafte Totenruhe als unantastbar gilt, durften keine Gräber „aufgehoben“ werden. So häufte man Erde darüber und bebaute dann die nächste Schicht auf mehr oder weniger wackeligem „Fundament“. Auf jeden Fall ist der Friedhof interessant, wenn auch nicht ergreifend.
Eine Grotte mit Fabelwesen
Nach dem alten jüdischen Friedhof lauft ihr aus dem jüdischen Viertel heraus und über die „Manesuv Most“ auf die Kleinseite. Ihr biegt in die „Letenska“-Straße ein und dort seht ihr rechts eine hohe Mauer mit einem Tor. Da hinein und ihr seid im Palais Waldstein. Hier ist alles noch im selben Zustand wie damals zu Zeiten seines Besitzers Albrecht von Wallenstein (jawoll, der Wallenstein von Schiller, er stammte aus dem Geschlecht Waldstein).
Das Palais Waldstein ist ein imposanter, sehr schöner Barockbau – er sollte nach dem Wunsch von Wallenstein sogar den Hradschin in den Schatten stellen. Das Besondere aber ist der herrliche Garten. Hier gibt es neben Springbrunnen, duftenden Rosenstöcken und riesigen Buchsbaum-Kugeln, Uhus und freilaufenden Pfauen auch eine Grotte mit Fabelwesen.
Diese Grotte ist eigentlich keine, denn darunter stelle ich mir eher sowas wie eine Höhle vor. Nein, hier ist das eine riesige Wand mit künstlichen Tropfsteingebilden. Bei deren Anblick ich mich erstmal neu verorten musste. Wo bin ich denn hier hingeraten? In die Tropfsteine sind bizarre Gesichter und Figuren von Fabelwesen und Dämonen eingebaut, die man beim genauen Hinschauen entdeckt. Sozusagen Phantasialand anno 1630. Reizend!
Spieglein, Spieglein an der Wand…
Auch sehr anders und nicht so ein typisches Touri-Ding ist der Laurenziberg, auch Petrín-Hügel genannt. Hier oben ist es irgendwie gar nicht mehr wie Großstadt. Man hat einen unglaublichen Blick auf Prag und kann durch idyllische Obstbaumwiesen wieder nach unten in die Stadt laufen. Auf dem Laurenziberg gibt es den Petrín-Aussichtsturm, den kleinen Eiffelturm von Prag.
In dessen Untergeschoss befindet sich eine ständige, kostenfreie Ausstellung zu den Erfindungen von „Jára Cimrman (1850-1914): ein Genie, das nicht berühmt wurde“. Ansehen! Das sind außergewöhnliche Exponate präsentiert mit viel schwarzem, tschechischem Humor. Hier dürfte auch gut was für Steampunk-Fans dabei sein.
In der Nähe des Aussichtsturmes befindet sich in einem Gebäude in Form eines alten gotischen Tores ein historisches Spiegelkabinett. Es hat absoluten Seltenheitswert, wie einem hier mit scheinbar 1000 schlau verteilten Spiegeln eine Art Labyrinth vorgetäuscht wird … echt genial und macht Spaß! Und es sieht auch noch optisch wertvoll aus mit Holz und so.
Gothic Clubs in Prag?
Ein schwieriges Thema. So viele gibt es da irgendwie nicht.
Nun ist es nicht so, dass es in Prag keine Gothics gibt. Es sind nur vielleicht nicht so viele oder sie fallen nicht so auf wegen der ganzen Touristen. Wir waren 2007 in Prag beim Skinny Puppy-Konzert und dachten, wir sind scheinbar die Einzigen, die da hingehen. Wir haben nirgends Gleichgesinnte gesehen und wurden in der Stadt angeschaut wie Außerirdische. Das Konzert fand im Club Roxy statt – eine tolle Location, die früher mal ein Kino war und angeblich der 1. Musikclub in Prag. Normalerweise läuft im Roxy eher Drum’n’Bass, Alternative oder Techno.
Nach dem Konzert gab es eine „Not enough Puppy?“-Aftershowparty im Club Styx, die außerordentlich und super war. Das Styx ist von der Einrichtung her zwar nicht mein Fall (man sitzt zwischen riesigen psychedelischen magic mushrooms), aber es veranstaltet ab und zu was fürs düstere Klientel, z.B. die „Cure Party“ oder „Welcome to Hell Party“.
Im CZ Sanctuary-Kalender findet ihr Termine von Gothic Parties und Gothic Clubs in Tschechland – da ist auch einiges in Prag dabei.
Schwarz-humorige Kunst
Die erste mysteriöse Begegnung in Prag erwähne ich zuletzt. Das liegt daran, dass es eigentlich nichts Skurriles ist – in dem Sinne, sondern etwas Anderes. Vor allem ist es Kunst. An unserem 1. Tag in Prag liefen wir in eine schöne Jugendstilpassage hinein und sahen dort ein verkehrt herum aufgehängtes Pferd, dessen Reiter auf seinem Bauch sitzt. Auch später begegneten wir Kunstwerken von David Cerny, einem Bildhauer mit schwarzem Humor, z.B. dem lässig vom Dach eines Hauses herabhängenden Mann. Ich wusste nur lange nicht, was es damit auf sich hat – erst als ich den Artikel im Web gefunden hatte. Da sieht man es mal wieder: bloggen bildet
Soweit meine skurrilen Reisetipps für Prag. Sicher liebt ihr die tschechische Hauptstadt so wie ich, wenn ihr sie besucht habt. Ich sage es mal kafkaesk: “Prag lässt nicht los… Dieses Mütterchen hat Krallen.” (Franz Kafka)
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Ein sehr interessanter und informativer Beitrag, vielen Dank! War vor Jahren mal in Prag und die Friedhöfe dort sind wirlich einen ausgedehnten Besuch wert.
Freue mich, dein Blog (dank der Blog-WM) entdeckt zu haben. Sehr schön gemacht, auch die vielen Bilder gefallen mir gut.
Herzliche Grüße
Alex
Irgendwann werde ich meinen ausgefallenen Besuch in Prag nachholen. Sehr schöne Fotos!
Eine sehr sehr schöne und informative Seite, also wirklich! Vielen Dank dafür!!! LG
Hi,
Wir waren letzte Woche in Prag und waren auf dem Friedhof. Leider gibt es die Abteilung 1 nicht mehr und die Abteilung 2 sind sie am renovieren und es stehen da nur noch vereinzelnd Figuren rum.. schade.. Aber der Rest des Friedhofs ist trotzdem sehr empfehlenswert!!!
Hi Ra-punzel,
lieben Dank für dein Update zum Olsany. Das ist ja echt schade, dass es die Abteilung 1 nicht mehr gibt. Ist die komplett geschlossen?
“Renovieren” klingt aber auch ziemlich fürchterlich, naja, dadurch bleiben die Gräber sicher bisschen länger erhalten, aber ich kann es mir trotzdem nicht so recht vorstellen, was das geben soll…
Ich hoffe ihr hattet ansonsten ein wunderschönes Wochenende in Prag, aber eigentlich kann da nichts schiefgehen bei dieser wunderbaren Stadt.
JA, die Nr. 1 gibt es gar nicht mehr, dafür 2 mal die 6. Und vielleicht hab ich mich falsch ausgedrückt.. Bei Nr. 2 wurden einfach die Gräber und Efeu weggerissen.. es stehen nur noch vereinzelt Statuen rum.. In der Tat sah man viel Sand und geharkte Spuren und wenig sah noch nach Friedhof aus..
Aber Prag war trotzdem sehr sehr schön!!
Der “erhängte” Mann am Balken, oder besser gesagt: am Balken sich haltender Mann, der so locker runter schaut, ist nicht in Mala Strana, aber in der Stare Mesto (Altstadt).
Sonst wünsche ich allen hier viel Spaß und schönen Aufenthalt
Annette
Hallo Annette,
oops, danke Dir für den Hinweis, Du hast recht! Mala Strana ist ja die Kleinseite – der hängende Mann ist aber auf der anderen Seite der Moldau in einer Straße in der Altstadt, die ich leider nicht mehr benennen kann.
Danke und Grüße
Shan Dark
Wusste ich doch das ich hier fündig werde

Da wahrscheinlich meine Abifahrt nach Prag geht wollte ich mich mal ein wenig informieren, was man aufm Schwarzen Planeten denn so zu Prag erfährt.
Und nach dem ich erst begeistert war von Prag, dann ziemlich enttäuscht, hat mir der Artikel nun wieder etwas Hoffnung gegeben
Da dein Artikel nun auch schon älter ist hoffe ich mal das sich in Prag nicht zu viel verändert hat.
Netter Fakt über den neuen Jüdischen Friedhof die ich bei meiner Recherche entdeckt hab:
Am Eingang wird man vom Friedhofswärter gebeten eine Kopfbedeckung zu tragen, zumindest als Mann, hat man keine dabei, kann man sich dort eine Kippa ausleihen. (Quelle: Spiegel.de)
@Schatten:
Ach, in Prag wird es Dir garantiert gefallen, you will see! Auch wenn man natürlich auf einer Klassenfahrt nicht so die Masse Zeit und die Möglichkeiten hat, Touren auf eigene Faust zu unternehmen. Wir waren damals auch mit der Abiklasse in Prag zur Abschlussfahrt – es war sehr witzig!
und überhaupt dort! Berichte doch mal, wenn du noch was anderes Spannendes oder Skurriles entdeckt hast. Würde mich freuen.
Das Meiste aus dem Beitrag stimmt garantiert noch, so viel verändert sich auch nicht. Der Tourismus ist höchstens noch mehr geworden, aber wenn ihr im Winter fahrt, könnte das ganz gut sein. Das mit der Kippa stimmt – ich kann mich erinnern. Viel Spaß beim Tragen
Auf jedenfall werde ich mehr von Prag mitbekommen als der Rest
Werden leider im Sommer fahren, aber wenigstens dürfte es in Prag nicht allzu warm sein^^
Hab zwar durch meine Dreispitz immer eine eigene Kopfbedeckung mit, aber das wäre es eigentlich doch wert sich so ein Käppchen zu leihen und wenns nur für ein paar Bilder ist