Gothic Friday – Juni – Mein schönstes Live-Erlebnis

Mein Vater gründete während seiner Armeezeit mit anderen Kameraden eine Band. Er war einer der Sänger. Sie traten auch live auf – bei diversen Anlässen in der Kaserne. Oft schwärmte mein Papa von der guten Stimmung bei diesen Konzerten und dem Spaß dabei. Als ich anfing, mich für Musik zu interessieren, sagte er zu mir: Konzerte sind immer ein besonderes Erlebnis, allein die Atmosphäre! Es gibt nichts Schöneres und wenn Du die Chance hast, dann geh hin! Da Papa meist recht hatte, glaubte ich ihm das.

Mein erstes Konzerterlebnis hatte ich mit 15. Im Sommer 1990 besuchten meine Eltern und ich zum 1. Mal nach der Wende unsere langjährigen Bekannten in den Niederlanden. Die Töchter unserer befreundeten Familie waren damals schon beide Mitte 20 und gingen während unseres Besuchs zu einem Konzert von PRINCE in Heerenveen. Sie hatten mir als Überraschung eine Karte mit besorgt – YEAH!!! Ich war völlig aus dem Häuschen. Eben noch die Puhdys im Radio, jetzt Prince live und in Farbe – von dem ich aber nur „Purple Rain“ kannte (und bis heute Gänsehaut von bekomme). Die Nacht davor konnte ich vor Aufregung kaum schlafen – meine Mama sicher auch nicht aus Angst um mich;-). Sicher wäre mein Vater auch gern mitgekommen, aber die Tickets waren restlos ausverkauft.

Mein 1. Konzert hatte irgendwie gleich Schwergewichts-Format: 40.000 Besucher. Wir standen weit hinten und ich sah vom eh schon kleinen PRINCE im riesigen Eislaufstadion nur über die Videoleinwände etwas. Aber das war egal. Seine Musik, die Atmosphäre, wie die Massen mitsangen, Feuerzeuge schwenkten, tobten oder jauchzten…es war der Wahnsinn! Mein Papa hatte absolut recht! Danach war ich der euphorischste Prince-Fan ever und auch heute mag ich seine Stücke noch gern.

Seitdem habe ich jede Menge genialer Konzerte, wilder Festivals und faszinierender Live-Performances erlebt. Doch was war mein schönstes Live-Erlebnis? Eigentlich fiel mir die Wahl nicht so schwer, denn ich habe das Konzert gewählt was mich am meisten überrascht und total weggeblasen hat bis hin zu unkontrollierten Gänsehäuten… und am Ende zu Standing Ovations mit allen anderen. Umhauen konnte es mich nicht, weil wir dabei in bequemen Sesseln saßen. Hätte es aber vermutlich. Besonders weil es so absolut unerwartet kam…

ROSA CRUX – WGT 2006

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Im Schauspielhaus WGT 2006

WGT-Kenner wissen es: das „Schauspielhaus Leipzig“ (jetzt: Centraltheater) ist schön, aber vom Platz her auf die Anzahl der Sitzplätze im Saal begrenzt. 2006 wollten wir dort In The Nursery sehen. Da der Saal bei beliebten Bands knackevoll ist und nur noch Leute reingelassen werden wenn jemand rausgeht, sollte man besser mindestens ein-bis-zwei Bands vor dem Konzert, das man sehen will, ins Schauspielhaus gehen.

Vor In The Nursery sollte eine Band namens Rosa Crux spielen. Sagte weder mir noch meinem Freund irgendetwas. Kamen aus Frankreich. Aha. Gemütlich in die roten Sessel gefläzt, hörten wir Soundproben hinter dem schweren Bühnenvorhang mit Trommeln, Rasseln, altertümlich klingenden Instrumenten. Klang nach Mittelalterband. Unsere Begeisterung hielt sich in Grenzen.

Dann ging der Vorhang auf und ich glaubte es nicht: da stand links ein Glockenbaum mit 10 echten Glocken in verschiedenen Größen! Ein G.L.O.C.K.E.N.B.A.U.M.! Bis dato wusste ich noch nicht mal, dass es sowas gibt und die haben das als Bühnenequipment! Ich war platt und ahnte Gutes. Neben dem Glockenbaum saß jemand Langhaariges vor einem Piano und in der Mitte der Bühne standen mehrere „unbemannte“ Trommeln und Becken. Rechts davon waren auf einem Podest sieben schwarzgewandete, schwarzhaarige, junge Menschen arrangiert: der schwarze Chor. Was ging denn hier?? Ein Spannungsbogen war jedenfalls aufgebaut.

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Olivier Tarabo & Claude Feeny - die zwei Köpfe von Rosa Crux (Bildrechte: Rosa Crux)

Nachdem der ziemlich kleine, aber auch ziemlich gutaussehende Sänger auf die Bühne kam und uns kurz schüchtern mit ‚Hello’ begrüßte, fingen sie an zu spielen: Musik, wie ich sie noch nie vorher gehört hatte. ‚Alte’, schwere Töne, düster, rituell, leicht mittelalterliche Einflüsse, aber nicht verspielt, sondern eher schräg bis mystisch, mit einer eigenartigen, markanten Stimme des Sängers Olivier Tarabo und dem Gesang des Chorals. Tarabo erklärte nach dem 1. Stück, dass sie alte Texte aus noch älteren Büchern mit Musik vertonen, die nach ihrer Empfindung dazu passt. Mir passte sie auch nur zu gut. Schon nach dem 1. Lied war ich voll „drin“ in dem Konzert. Gefangen mit allen Sinnen, überzeugt, fassungslos.

Rosa Crux waren die totale Reizüberflutung und boten ein perfektes Zusammenspiel von Klängen, eigenartigen Instrumenten, Bühnenshow, Choreographie, Licht und Künstlern. Die sich die Bezeichnung „Künstler“ wirklich mehr als verdient haben und nicht nur in musikalischer Hinsicht. Denn Rosa Crux machen auch ihre Instrumente selbst: die Glocken wurden selbst gegossen irgendwo in der Nähe von Rouen, wo die Band herstammt. Auch die „Trommeln ohne Personal“ sind eine Erfindung der Band. Sie heißen korrekt B.A.M. (Batterie Acoustique Midi) und werden über einen elektromagnetischen Prozess wie von Geisterhand selbst angesteuert. Sehr geil!

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Claude Feeny am Klavier und Glockenbaum

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Olivier Tarabo singt mit Gitarre

 

Auch die Videos waren sehr mystisch und unterstrichen die Musik auf besondere Art. Rosa Crux produzieren diese ebenfalls selbst. Ich erinnere mich an Rattengewusel im Sand, an einen nackten Mann in einem Eisenkäfig, der durch die Lüfte flog und Sounds produzierte, an nächtliche, rituell anmutende Vollmond-Prozessionen, eine Blair-Witch-Project-Filmfahrt durch die Pariser Katakomben…es war mehr als beeindruckend. Die Bühnenshow bewegte sich zwischen dunkelromantisch und morbide. Und dann noch dieser schon unheimlich wirkende, schwarz gekleidete Chor. Vielleicht doch eine Sekte? Ich wollte es gar nicht wissen, wollte meine Faszination behalten. Ich schwelgte in diesem perfekten musikalischen Erlebnismoment wie bei „Das große Fressen“. Nur hier war es „Das große Hören, Sehen, Staunen, Fühlen“. Es ist nur schwer zu beschreiben.

Hier ein Video von 2006 von ihrem Auftritt beim Waregem-Gothic-Festival in Belgien:

Der Höhepunkt aber war der „Danse de la Terre“ gegen Ende des Konzerts. Eine sehr mitreißende Performance von zwei mit Lehm beschmierten nackten Wesen, die sitzend im rituellen Rhythmus und voller Hingabe die Erde in einer Schale vor sich aufwirbeln. Das müsst ihr sehen. Ihr werdet es garantiert nie vergessen!

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Rituell-düstere Performance "Danse de la Terre" (Bildrechte: Wikimedia Commons)

 

Ich habe bis heute kein weiteres Konzert erlebt, das mich derartig geflashed und beeindruckt hat! Sicher lag es auch daran, dass uns Rosa Crux so unvorbereitet mit ihrer archaischen Wucht trafen. Daran, dass alles an diesem Konzert absolut stimmte – bis in den letzten Zipfel der auf der Bühne verbreiteten düster-mystischen Atmosphäre. Meinem Freund ging es genauso – obwohl keine elektronischen Klangflächen enthalten waren in der Musik. Ihn faszinierte das düstere Gesamtkunstwerk, was Rosa Crux zelebrierten, ebenso wie mich. Wir waren überglücklich, solch ein Juwel live zu erleben.

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Der schwarze Choral

Beim Konzert von In The Nursery war ich immer noch in Gedanken bei Rosa Crux, ich konnte mich (leider) überhaupt nicht auf sie konzentrieren. Rosa Crux hatten mich innerlich einmal durchgepustet und mein bis dato erfahrenes Konzert-Universum von oben nach unten gedreht.

Doch nach dem Konzert ging das Staunen weiter: am Merchandise-Stand von Rosa Crux. Dort standen einige Mitglieder aus dem Chor und verkauften neben CDs auch selbstgemachte Schädelmasken, handgezogene Kerzen mit Gebeinen und ihrem Logo drauf oder in bedrucktes Pergament eingehüllte Schallplatten.

Rosa Crux spielen 2011 auf einigen Festivals und sind vermutlich mit einer neuen Bühnenshow on tour. Auf der Rosa Crux Facebook-Fanpage sind einige Fotos, wo man sieht, wie sie das neue Bühnenequipment herstellen. Faszinös! Ihr solltet sie nicht verpassen und ich werde sie mir vermutlich beim Festival Eurydice in Strassbourg ansehen am 29. Oktober 2011. Freu mich jetzt schon. 😉

 

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4 Responses to Gothic Friday – Juni – Mein schönstes Live-Erlebnis

  1. Marcus 18. Juni 2011 zu 22:03 #

    Wirklich ein grandioser Konzertbericht, den ich voller Freude gelesen habe und der große Lust auf „Rosa Crux“ macht.

  2. Vati 19. Juni 2011 zu 13:15 #

    Hallo Schatz, bissele verrückt bist Du schon.

    Hast es fein gemacht Küsschen von Mutti und mir.

  3. Thorleif 19. Juni 2011 zu 20:37 #

    Der Kommentar vor mir ist ja so richtig schön herzlich 😀 !!!
    Ein toller Artikel zu R†C, die hatte ich wirklich noch nicht auf dem Schirm! Ich freue mich immer wieder darüber, dass unsere Musikszene so tolle Überraschungen birgt. Während jetzt gerade R†C aus meinen Boxen dröhnt bekomme ich auch richtig Lust, mir die Band live anzuschauen. Und da sind ja so einige verlockende Festivals für dieses Jahr mit auf der R†C Liste…

  4. shan dark 19. Juni 2011 zu 21:55 #

    😉 Ja, mein Papa hat mich herzlich überrascht!

    Soso, Rosa Crux nicht kennen, aber ohne Ende die schwierig zu tippende Abkürzung „R†C“ schreiben… unglaublich! *lach
    Die musst Du Dir wirklich anschauen – vielleicht treffen wir uns ja auf einem der Konzerte, würde mich voll freuen.

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