„Freaks“ – Tod Brownings genialster Flop

1931 drehte der amerikanische Kult-Regisseur Tod Browning den bis heute legendären (Ur-)„Dracula“ mit Bela Lugosi. Darauf folgte 1932 „Freaks“ – ein Horrorstück, auf das sowohl das Publikum als auch die Kinobetreiber größtenteils mit Entsetzen reagierten. Die Zuschauer verließen empört die Filmtheater. Die meisten amerikanischen Kinoinhaber verbannten ihn schnell aus dem Programm weil er so schlecht lief und in den britischen Kinos erhielt „Freaks“ sogar 30 Jahre lang Aufführverbot. Tod Browning, der bei den Filmgesellschaften Universal und Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) als erstklassiger Horrorfilm-Regisseur abonniert war, erlitt dadurch einen herben Karriereeinbruch. Von dem er sich leider nicht mehr erholte. Danach ‚durfte’ Tod Browning für MGM zwar immer noch Horrorfilme drehen, sich aber keinen weiteren Flop mehr leisten. Daher handelten diese wieder von übernatürlichen Monstern (1935: Das Zeichen des Vampirs Mark of the Vampire und 1936: Die Teufelspuppe The Devil-Doll) und nicht von gruseligen Realitäten wie bei „Freaks“. Erst drei Jahrzehnte später wurde „Freaks“ wiederentdeckt und avancierte zum Kultfilm, zum Vermächtnis von Tod Browning.

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Frances Belle O’Connor wurde ohne Arme geboren. Sie  arbeitete als Schauspielerin und trat u.a. als die lebende Venus von Milo auf

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Prince Randian, der lebende Rumpf, konnte sich nur mit seinem Mund eine Zigarette drehen und hatte 5 Kinder (!)

Doch was macht den Film so einzigartig? Es sind die Freaks selbst – die Abnormalen, die damals als Freaks und auf deutsch als „Missgestaltete“ (so auch der deutsche Subtitel des Films) bezeichnet wurden. Tod Browning hatte genialerweise reale Menschen mit Missbildungen engagiert, die fast alle Laiendarsteller waren: Kleinwüchsige / Liliputaner, Siamesische Zwillinge, ein menschliches Skelett, Vogelmenschen, eine Armlose, einen lebendigen Rumpf, Pinheads (Nadelköpfe) usw. Das trug einerseits enorm zur Authentizität des Filmes bei, andererseits war es aber für das Publikum moralisch unfassbar. Solche Kreaturen waren damals nur in „Freakshows“ im Zirkus zu finden, in dem der Film auch spielt. Sie waren nicht gesellschaftlich gleichgestellt mit ‚normalen Menschen’ und dass ‚die Krüppel’ im Film sogar sympathisch und mit menschlicherem Antlitz und Empfindungen als ‚normale Zirkusdarsteller’ präsentiert wurden, war schlichtweg zu viel für Amerika in den 30ern.

„People were willing to take the make-believe horror of Boris Karloff lurching around as an animated corpse but they weren’t willing to endure a close-up view of some of reality’s more unpleasant aspects, especially in 1932 when they considered that their own lives were grim enough.“ Quelle Zitat

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„Freaks“ ist aus meiner heutigen Sicht gar kein Horrormovie – höchstens die letzten Minuten sind etwas verstörend. An sich ist es ein (Liebes-)Drama, das in einem Zirkus spielt, zwischen der gutaussehenden Trapezkünstlerin Cleopatra und dem Zwerg Hans, der ihrer Schönheit verfallen ist. Cleo(patra) ist zwar körperlich perfekt, aber von niederträchtigem Charakter. Sie liebt eigentlich den Muskelmann Hercules, aber sie heiratet den Liliputaner Hans, als sie erfährt, dass er ein großes Vermögen geerbt hat. Noch am Tag der Hochzeit beschließt sie ihn zu vergiften, um so schnell wie möglich an sein Geld zu kommen. Die Hochzeitsfeier gerät zum Desaster für den überglücklichen Hans und seine geladenen Freak-Freunde, die gemeinsam das frisch vermählte Paar feiern. Sie skandieren in einer trinkseligen Minute: „She is one of us! … One of us, we accept her, we accept her, one of us…“ Um das zu besiegeln, reicht einer der Liliputaner jedem Freak am Tisch einen Trinkkelch. Zum Schluss gibt er ihn Cleopatra, die plötzlich für einen Moment ihr wahres Gesicht zeigt und schreit: „No, I am not one of you! You are Freaks! Freaks! Freaks! Get out of here!“ Worte, die alles zerstören… und die oft als Samples in Songs auftauchen (z.B. in „Danger“ von X Marks The Pedwalk).

Nicht nur diese Beleidigung wendet das Blatt, sondern auch als die Freaks Cleopatra und Hercules beobachten, wie sie sich zuerst über Hans’ Größe lustig machen und dann beschließen, ihn zu vergiften. Die kleine Gemeinschaft der Andersartigen schmiedet einen Racheplan…

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Die Freaks kommen, um SIE zu holen…

In der nächsten, einer regnerisch-stürmischen Nacht, bricht der Zirkus die Zelte ab und zieht weiter. „Tonight!“ sagt Hans, dessen Freunde an seinem Krankenbett stehen, wo ihn Cleo wieder mit vergifteter Medizin ‚pflegen’ will… „They will be ready!“ sagt einer der Liliputaner. In dieser Nacht machen die Freaks Cleo zu einer der ihren…

Starker Tobak mit ebenso starker moralischer Botschaft: das Böse, das Monster steckt häufig hinter einem schönen Antlitz. Ein Film, der die Vorurteile gegenüber Andersartigen ins Gegenteil wandelt.

Mich hat „Freaks“ sehr fasziniert und tief bewegt – aus meiner Sicht ist es einer der besten, ungewöhnlichsten Filme ever. Die Darsteller sind unglaublich gut gewählt und porträtiert – ja, man gewinnt sie richtig lieb. Es ist ein extrem intensiver Film, der aufgrund der realen Charaktere eine besondere Wucht hat und so auch unkopierbar wurde. Soweit mir bekannt ist, gab es keinen Film bei dem noch einmal echte Missgebildete die Hauptdarsteller spielten. Tod Browning, der als Jugendlicher selbst länger im Zirkus gearbeitet hat und dessen Leidenschaft und Interesse eher im real Grotesken und natürlich Bizarren als bei übernatürlichen Vampirthemen lag, war mit „Freaks“ seiner Zeit weit voraus. In diesem Klassiker kommt seine Genialität am deutlichsten zum Vorschein – auch knapp 80 Jahre später.

5.00 avg. rating (96% score) - 1 vote

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7 Responses to „Freaks“ – Tod Brownings genialster Flop

  1. Robert 12. Oktober 2010 zu 00:03 #

    Schön das noch jemand das Potential des Films zu schätzen weiß. Ich glaube der Film musste reifen. Zu seinem Erscheinungstermin war sicherlich kaum Verständnis für die feinfühlige und zerbrechliche Darstellung der Charaktere Betrachte man den Film in seinem historischen Kontext, so scheint es heute fast absurd das man zu dieser Zeit tatsächlich behinderte und entstellte Menschen zur Schau stellte.

    Was mir zunächst als Menschenverachtend erschien, die Darstellung von Behinderten Menschen als Attraktion, entpuppt sich durch den Film als Schnellschuss, denn hier ist man sich seiner Sonderstellung durchaus bewusst und verdient damit sein Geld. Außerdem zeigt der Film eindringlich das die wahre Hässlichkeit eines Menschen immer hinter der äußeren Schale verborgen liegt.

    Und obwohl ich mir „Freaks“ sicher schon x-mal angesehen habe verleitet mich dein Artikel dann doch wieder dazu, erneut auf Play zu drücken und die Nacht auf dieser Art und Weise zu nutzen. Ein Film, der die eigene Andersartigkeit zur Nebensache degradiert.

  2. Sandra 13. Oktober 2010 zu 11:44 #

    Das war mal wieder ne klasse Rezension meine Liebe ^^.
    Ehrlich gesagt, ich möchte mir den Film unbedingt anschauen XD.
    Diese Minimalisten und Gruppenläufer damals…. für mich klingt es jedenfalls nach etwas großartigen =)
    Mal sehen.. ob der Film sich finden lässt *muhahaaa* XD
    glg

  3. Ma Rode 15. September 2011 zu 09:25 #

    Heissesten Dank für diesen Filmtipp! Ich hatte den Film vor langer Zeit schon mal gesehen und war absolut fasziniert von der Authentizität. Umso besser, ihn jetzt und hier wiedergefunden zu haben.

    Du hast ein tolles Blog. Gratulation!

  4. shan dark 15. September 2011 zu 11:26 #

    @Ma Rode: Danke 🙂 Ich kenne das auch, dass man von manchen Filmen noch so Bilder im Kopf hat, aber nicht mehr weiß wie er heißt. Manchmal wird man erst nach vielen Jahren fündig…

  5. Ma Rode 16. September 2011 zu 14:08 #

    … wobei mir Dein Blog beim Wiederfinden behilflich war. Dafür nochmals danke 🙂

  6. Torsten Daark 5. Februar 2012 zu 21:12 #

    … ein echtes Meisterwerk, welches jedoch in der damaligen USA „moralisch“ nicht ins Bild paßte.

    Hab den Film als 12 Jähriger das erste mal gesehen und war fasziniert. Unter anderem kann ich jeden Filmfreak noch „Vampyr“ von 1932 ans Herz legen.

    http://en.wikipedia.org/wiki/Vampyr

    Dunkle Grüße aus Duisburg

  7. shan dark 8. Februar 2012 zu 15:35 #

    Hallo nach Duisburg!
    Als 12-Jähriger ist der einem bestimmt mächtig gruselig, der Film! Könnte ich mir jedenfalls vorstellen, wobei es ja immer drauf ankommt, was man (schon) so gewohnt ist.

    Bei „Vampyr“ gebe ich Dir auch recht: grandioser Film und wunderbar gespenstige Bilder! Obwohl wieder ein ganz anderes Machwerk, aber Dreyer geht hier wirklich ganz eigene Wege auch in der Regie und dem Spiel mit Licht und Schatten. Ich werde darüber auch noch irgendwann eine Filmkritik schreiben. hach, müsste nur mehr Zeit haben…

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