Christopher, der Unsterbliche

Er war der beste Beweis dafür, dass Metal, Mittelerde und finstere Mächte jung halten. Noch mit über 90 Jahren sprudelten aus Christopher Lee neue Rollen, Filme und Ideen. Das ließ mich fast daran glauben, dass er unsterblich ist – bis Mr. Lee am 7. Juni 2015 leider doch an Herz- und Lungenversagen starb.

Die meisten seiner Altersgefährten sind heute entweder ebenfalls tot oder haben sich in die Stille zurückgezogen. Den großen Clint Eastwood mal ausgenommen. Alte Menschen in Hollywood? Die will doch keiner sehen! Bei Christopher Lee war das anders, denn er hat Klasse, Größe (1,96m) und Stil. Er zeigte sich, spielte noch lange mit (z.B. in der Hobbit-Trilogie als Saruman oder in The Wicker Tree, 2011), hielt Weihnachtsansprachen an seine Fans und versteckte sich nicht wegen Altersflecken und Falten. Er hat uns viel gegeben: seine Erfahrung, seine Kunst und sein Können, sein Wesen. Auch wenn es etwas pathetisch klingt, so behaupte ich: Lee ist heute schon das Idol unserer künftigen Demografie. Er zeigte, dass man auch im Alter noch im Flow sein kann mit der Zeit und mit Engagement und Charme viele jüngere Menschen begeistern kann. So sehr, dass sie zu „Leeholics“ werden.

Ich bin zwar kein Leeholic, aber ich bewundere Christopher Lee sehr. Für mich ist er der bedeutendste und beste britische Schauspieler – und nicht nur für mich, auch für Tim Burton und die British Academy of Film and Television Arts (BAFTA).

Christopher Lee verdankt viel von seinem Erfolg der kleinen Londoner Filmgesellschaft Hammer Films. Für viele, die vor mir geboren wurden, sind die Hammer-Filme Horror-Kult, die einige Spuren von Trash enthalten. Für alle, die nach mir geboren wurden: unbekannt oder wenn bekannt dann: belustigend! Blutig, aber nicht schlimm. Außer man lebte in der damaligen Zeit, als bestimmte Szenen in den Hammer-Filmen eine Revolution waren. Hammer hat auch Müll produziert (ehrlich!), vieles war billig gemacht, weil die Mittel und Computertechnik sowieso noch nicht vorhanden waren. Aber sie haben es immerhin gemacht – es gab sonst keine oder kaum Filme, die sich mit den Themen Horror etwas blutiger und offensiver auseinandersetzten. Es sind auch einige unvergessene, gute Sachen dabei, z.B. „Plaque of the zombies“ – dem Vorläufer von „Dawn Of The Dead“ von George A. Romero. Und natürlich „Horror of Dracula“(1958, Regie: Terence Fisher), mit dem Christopher Lee als Vampirgraf weltberühmt wurde. Wofür er den Hammer Studios so dankbar war, dass er bis 1973 noch sieben Mal (!) als Count Dracula brillierte. Lee’s Ausstrahlung war dabei so intensiv, dass er kaum ein Wort sprechen musste (und wollte 😉 ). Grundsätzlich erlagen die Damen seinem Biss hingebungsvoll und in Scharen. Kein Wunder… bei dem Blick, den Augenbrauen, den Lippen! Er avancierte zum untoten Sexsymbol. Doch Affären findet man nicht – privat biß er über 50 Jahre hingebungsvoll nur die eine: das dänische Ex-Model Birgit „Gitte“ Kroencke.

Lee hatte vor seinem Aufstieg als Dracula bereits in 44 Filmen mitgespielt – er startete seine Filmkarriere mit 25 Jahren. Seine Filmographie liest sich wie ein Geschichtsbuch. Lee ist ein mehr als sympathischer Mann, der jedoch oft unsympathische, finstere Charaktere verkörperte: Rasputin, Dr. Jekyll & Mr. Hyde, Saruman oder Richelieu’s Unterstützter Rochefort in „Die drei Musketiere“ – um nur ein paar zu nennen. Doch Dracula wurde übermächtig. Aufgrund seines Erfolgs befürchtete Christopher Lee, dass er nur noch auf die Rolle des Vampirs abonniert würde. Daher lehnte er in den 70ern weitere Blutsauger-Angebote ab.

„There are many vampires in the world today – you only have to think of the film business.”

Vermutlich hatte er generell zu tief ins blutplasma-gefüllte Horrorglas geschaut. Wie sonst lässt es sich erklären, dass er die Rolle von Michael Myers Psychiater Dr. Sam Loomis in John Carpenter’s Halloween ablehnte? Donald Pleasance füllte diese zwar perfekt aus, dennoch war es ein großer Fehler, wie Christopher Lee später zugab.

Dafür wirkte er in den 70ern in einem der besten Filme mit, die ich je gesehen habe: „The Wicker Man“ (1973, Robin Hardy). Ein eigenartiger, beklemmender, auf seine Art freizügiger Film über einen Mord an einem Mädchen auf einer von Heiden (Pagans) bevölkerten Insel. Subtil und psycho. Je weniger man darüber weiß, umso besser eigentlich. Christopher Lee bezeichnet seine Rolle als Lord Summerisle und den Film an sich als „brilliant and excellent“. Es ist keine Übertreibung, sondern eher britisches Understatement :D.

 

Christopher Lee hat bis zu seinem Tod in über 270 Filmen mitgespielt, dafür steht er als Schauspieler mit den meisten Filmen auch im Guiness Buch.
Für ihn ist Schauspielern keine Arbeit, sondern Erfüllung – sonst wäre er nicht bis ins hohe Alter aktiv gewesen. Es lag ihm im Blut.

“I think acting is a mixture of instinct, imagination and inventiveness. All you can learn as an actor is basic technique.”

Vor seiner Filmkarriere und in seinen letzten Jahren widmete sich Christopher Lee auch seinem musikalischen und stimmlichen Talent. Er genoss eine Ausbildung zum Opernsänger und trat bis zu seinen ersten Filmrollen in diversen Opernhäusern auf. Für mich ist seine tiefe Stimme sowieso eine Offenbarung: erotische Stimulanz über beide Ohren! *lechz* Ganz besonders erinnere ich mich da an die 2006 veröffentliche Doppel-CD „Edgar Allan Poe – Visionen“. Darauf intoniert er nicht nur „A Dream within a dream“ und – besonders genial – „The Raven“, sondern singt auch die Komposition „Eleonore“.

Nikolas Schreck, Ex-Radio Werewolf, produzierte 1996 das Album Christopher Lee sings Devils, Rogues & other Villains mit Liedern von Wolfgang Amadeus Mozart, Richard Wagner, Stephen Sondheim und vielen mehr. Aus dieser Zeit sind einige Bilder mit Christopher Lee & Nikolas Schreck und interessante Briefe von Mr. Lee an die Schrecks erhalten, die als Mementos hier zu sehen sind.

Ab den 2000er Jahren entdeckte Christopher Lee den Metal für sich. Heavy Metal und Symphonic Metal. Er wirkte als Erzähler bei einigen Liedern der Power-/Symphonic-Metal-Band Rhapsody mit und veröffentlichte 2010 und 2013 eigene Metal-Alben mit seiner Band „Charlemange“. Der Albumtitel ist angelehnt an Karl den Großen, bis zu dem sich seine adlige Familienlinie mütterlicherseits zurückverfolgen lässt.

Dass er zudem noch acht Sprachen sprach (auch Deutsch, was er sozusagen während seiner Dreharbeiten in Deutschland aufgeschnappt hat) machte Christopher Lee fast zum  „Übergroßvater“ – auch wenn er das nie sein wollte. Definitiv machte es ihn unsterblich – wie es sich für einen Vampirgrafen gehört.

R.I.P. Christopher!

 

Artikel-Foto: hammerhorrorposters.com – (c) Hammer Film Productions

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11 Responses to Christopher, der Unsterbliche

  1. Ma Rode 4. Juni 2012 zu 10:58 #

    “ … er ist einer der Besten.“

    Das sehe ich auch so. Ich verehre ihn seit Jahrzehnten, für mich ist er DER Schauspieler schlechthin, und nicht nur wegen „Dracula“. Möge er uns noch lange erhalten bleiben.

    Gruß,
    Ma Rode

  2. Gruftfrosch 28. Mai 2015 zu 01:59 #

    Ein Ausnahmetalent, fürwahr, das selbst den Jüngeren und Jüngsten unter uns seit der Rolle als „Saruman“ wohlbekannt sein dürfte.

  3. solitary_core 28. Mai 2015 zu 07:22 #

    Hm Christopher Lee als Sam Loomis ? sicher er hätte die Rolle brilliert und kann mir eigentlich keine anderen als Pleasence in der Rolle vorstellen (Rob Zombie auch nich, weshalb er ja den original Loomis Look weitgehend immitiert hatt), evtl wurde Loomis auch extra ans Script angepasst wie so oft =P

    Als Fan solcher Perlen ist es eigentlch traurig das ich kaum was weis über Hammer Films, sicher den einen oder anderen hab ich schon gesehen aber eben nicht unter der Prämisse das es eben ein solcher ist 😀

    Von Cormann weis ich, und liebe sie, von „the Asylum“ kann ich in der Regel nur abraten, sicher sie machen oberflächlich nix anderes als Hammer damals, aber man merkt die nicht Liebe zum Medium, viele Asylum Filme sind einfach nur lahme Versuche aufgrund bekannterer Filme etwas Geld zu machen, führt halt zu ‚Meisterwerke‘ wie „Krieg der Welten 2 : die nächste Angriffswelle“

    Ok Asylum hatte auch 2 Asunahmen in meine Augen, „Mega Pirhana“, wo sonst bekommt man nen Fisch zu sehen der mal eben nen komplettes Kriegsschiff mt einen Bissen verschlingt und „Sharknado“ …. beide Filme sind auf ihrer abgedrehten Art eben liebenswert, zumal die Tricktechnick auf nen einigermaßen anständigen Level gehalten wurden, Asylum is ja (mir) nicht bekannt dafür das sie eben viel Geld in Effekte und Story legen, bei den Hammer Films die ich bisher gesehen hab is das Budget zwar ähnlich schmal bemessen ABER man sieht eben das sie das Geld anders anlegten, was man eben an den Requisiten sieht, Effekte, Drehorten …. Asylum setzt viel zu oft und mit den billgsten Mitteln auf CGI, sicher der B-Movie-Bereich mußte davon überschwemmt werden aber was Asylum hier als Produkte abliefert is in der Regel schlechter, bestenfalls gleichwertig mit 1-Mann-Fanfilmen auf Youtube 😀

    Cormann hatt schon immer sein eignes Ding gemacht, und seine Sachen haben neben Hammer Films eben eigentümliche Charkteristika die man eben liebt oder hasst, ich wär drüben in den Staaten sicher zur der Zeit ein großer Fan von Grindhouse Filmnächten gewesen 😀

    Was Mr Lee betrifft, sollte hier auch mal mehr recherchieren 😀

  4. Shan Dark 7. Juni 2015 zu 16:34 #

    Danke Dir, solitary, für die „Warnung“ vor Asylum Filmen, auch wenn ich nicht so wirklich Gefahr gelaufen bin, mir diese anzusehen. Nun, Hammer Filme sind wirklich Geschmackssache. Entweder man liebt den Trash und kann Spaß haben wie damals alles so umgesetzt wurde oder man findet es einfach nur langweilig und ermüdend mit heutiger Sicht. Es sind zwar B-Movies, aber ich bin bei Hammer-Sachen zwiegespalten, weil es auch damals schon paar B-Movies gab wo man sich etwas mehr „Mühe“ gegeben hat mit den Effekten. Aber dafür sind die Hammerfilme immer gut zum „Fehler im Film spotten“. 🙂 Und es gab auch schon paar wirklich sehenswerte Veröffentlichungen von denen.
    Die Cormann-Filme mag ich allerdings wirklich. Er hatte ein gutes Händchen für Atmosphäre, zumindest für die Atmo, die ich bevorzuge.

  5. solitary_core 11. Juni 2015 zu 18:26 #

    sciherlich biste schon bewust aber heute erlag Sir Christopher Lee im Krankenhaus seinen Herzleiden ._.

    möge er in Frieden ruhen, unvergessen war er ja schon Lebzeiten

    wenn auch etwas unglücklich gewählte URL

    http://www.telegraph.co.uk/news/celebritynews/11666316/christopher-lee-dies-live.html

  6. solitary_core 11. Juni 2015 zu 18:33 #

    sry …. hab das wohl falsch gelesen … war Sontag nicht heute ._. dennoch traurig

  7. Shan Dark 11. Juni 2015 zu 22:06 #

    Oh nein!! 🙁 bin auch sehr traurig. Auch Vampire sterben also… aber für uns ist er immer noch der Unsterbliche.

    (Hab es erst durch dich erfahren und heute tagsüber nix mitgekriegt.)

  8. Andrea O 8. Juni 2017 zu 02:09 #

    Hi Shan,

    We wrote to you about yr kind recommendation for Nikolas Schrecks concert and lecture at WGT last week. Just letting you know that N knew and worked with Sir Christopher for many years, here are some rare photos and letters Nikolas shared on his blog at the time of Mr. Lee’s passing you may be interested in. feel free to share with yr readers if you like…
    http://www.nikolasschreck.guru/2015/06/mementos-of-christopher-lee-from-nikolas-schreck/
    Take care, Andrea O http://www.nikolasschreck.eu admin

  9. Shan Dark 10. Juni 2017 zu 17:44 #

    Hi Andrea O,
    thanks a lot for this special piece of memory. I’ll put that as a special Link in the article.
    Dark regards 😉
    Shan

  10. Schwarzer Nieswurz 25. Juni 2017 zu 17:55 #

    Hexe und ich sind begeistert von dem Filmfiguren des Christopher Lee und heute sehen wir zusammen einen wohl sehr wenig bekannten Film von 2013 namens: Das Schloss im Nebel – Die Legende von Gormenghast. Tatsächlich war dieser Film bei Lee’s Wikipediaeintrag nicht dabei. Drum habe ich ihn just eingetragen. Ein sehr empfehlenswerter Film von 240 Minuten voller starker Bilder und hoher Dramatik ( z.B. wie Lee mit dem Langschwert gegen einen fetten Koch kämpft welcher ihn mit seiner Fleischaxt häckseln wollte wobei versehentlich der geisteskranke alte König dazwischentritt, der vom Kampf gar nichts mitkriegt … ).
    Danke für die Erwähnung der Metal-Band „Charlemange“ von der ich noch nichts wußte. Da will ich mal nachforschen.

  11. Shan Dark 26. Juni 2017 zu 12:31 #

    Interessant, vom „Schloss im Nebel“ habe ich auch noch nichts gehört – ist ja eine BBC-Fantasy-Verfilmung. Danke für den Tipp!

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