Es hat BIM gemacht…

Das BIMFEST 2010 in Antwerpen

Das BIMFEST war für mich ein Geheimtipp. Irgendwie ist das seit 2002 stattfindende Festival bislang unbemerkt an mir vorbeigegangen. Ein Jammer! Wenn ich mir die Flyer mit den Bands der vergangenen Jahre so anschaue, könnt ich heulen. Was ich alles verpasst habe! Sämtlichen EBM-Legenden hätte ich hautnah fröhnen können – stattdessen hockte ich die letzten Jahre besinnlich vorm Adventskranz.

Programm-PRE-BIMFEST-2010Auch das diesjährige Line-Up war so fett, dass uns selbst die heftigsten Wetterprognosen mit Schneechaos nicht aufhalten konnten. Außerdem waren Twice A Man das vorfristige „Weihnachtsgeschenk“ für meinen Freund („schenk a band“ 😆 ). Er wollte sie schon lange mal live erleben. Ich wiederum war gespannt auf Laibach, die ich zuletzt 2001 auf dem WGT gesehen hatte.

Schnee hin, Schnee her… wir kamen gut durch und waren nach 4 Stunden in Antwerpen. Der Trix Club ist ein gutes Stück außerhalb der Innenstadt – also nix mit laufen dorthin (mind. 30min)! Die Location an sich ist aber gut gewählt für das Festival. Der Konzertraum ist nicht zu groß und nicht zu klein, mit Ebenen und Treppen, so dass auch Kleinere von ganz hinten was sehen können. Ansonsten ist das Trix eher nüchtern und kühl (auch so temperaturmässig), ganz passend zu Electro und EBM. Dafür erwärmte das Getränkeangebot mein Herz: es gab zwar keinen Glühwein, aber wirklich leckeren Rotwein. Toll, denn im Bierland Belgien ist das nicht selbstverständlich!

Alle Leute beim BIMFEST waren echt locker drauf und weil es nicht so voll, sondern fast familiär war, kamen wir schnell mit dem ein oder anderen ins Gespräch. Man lief sich ja auch ständig über den Weg… Wir trafen einige z.T. bekannte Leute aus Deutschland, aber es waren auch Franzosen, Engländer und Spanier da. Letztere wohl wegen Esplendor Geometrico und eine Seniorita offensichtlich nur wegen Gabi Delgado (sie enterte später beim DAF-Konzert die Bühne um herauszufinden, ob Gabi gut rasiert ist).

Dirk Ivens DJ Skullscraper

Pausen- und Party-DJ Dirk Ivens

Eine echte Überraschung für mich war der „Umbaupausen-DJ“ an beiden Tagen: Dirk Ivens (Sänger von The Klinik, Dive, ABC, Sonar) stand am Mischpult und legte locker und gelöst einen Kracher nach dem anderen für uns auf. Ich konnte es anfangs gar nicht fassen! Der EBM-Gott feierte ganz entspannt mit uns allen. Unglaublich (und) sympathisch. Wiederum ist sein jetziger The-Klinik-Partner Peter Mastbooms (Ex-Vomito Negro) einer der Organisatoren des BIMFEST. Alles eine große, freundliche und gut vernetzte EBM-Familie da in Belgien!

Nun einige persönliche Eindrücke zu den Konzerten meiner BIMFEST-Favoriten.


Pre-BIMFEST – Freitag, 17.12.2010

Sixth June

sixth-june-bimfest-2010





Zwei sympathische Newcomer aus Belgrad (Serbien), die mittlerweile in Berlin wohnen. Sixth June beschallen uns mit düsteren, konservenfreien Synthie Pop Sounds der besonderen Art. Mit ihrer tiefen, klaren Stimme erzeugt die Sängerin Lidija eine Atmosphäre von Sehnsucht bis hin zu melancholischer Tristesse. Dazu produziert Laslo am Synthie wavig-unterkühlte Minimalklänge, die original wie in den 80ern klingen. Stilecht passen dazu auch die Outfits und Bewegungen der Beiden, so dass ich mir vorkomme wie in einer äußerst angenehmen Zeitschleife. Die Stücke von ihrem Debutalbum „Everytime“ sind ausgereift und abwechslungsreich. Entweder tanze ich oder stehe nur da und verliere mich in den Klängen. Super! Endlich mal eine junge und neue Band, die etwas Eigenständiges und Frisches im Bereich New Wave Minimal bietet.

Portion Control

Kraftvolle Energie – das sind die zwei Wörter, mit denen ich das Konzert vom EBM-/Industrial-Urgestein Portion Control beschreiben würde. Das trifft neben der Musik  besonders auf die Präsenz von Sänger John Whybrew zu. Er hat die Aura eines bärenhaften Monsters, dass auf der Bühne gefangen ist und wie in einem Käfig immer hin und her läuft. Bei ihm gefällt mir das. Er wirkt auf sympathische Art böse – passend zu den harten elektronischen Beats. Ich-wir-alle bewegen uns wie in Trance, laufen und tanzen die ganze Zeit mit. Es ist nur geil!

Dieser Konzertmitschnitt ist ein Song ihres neuen Albums „Violently Alive“ (März 2010).

Aftershow-Party I

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Das ging gut ab! DJ Skullscraper vs. DJ Wattie

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Im Rhythmus bleiben...


Nach dem Headliner Portion Control heißt es in Bewegung bleiben mit DJ Skullscraper (Dirk Ivens) und DJ Wattie. Es fällt nicht schwer: außer Songs von The Klinik, Dive und Absolute Body Control 😎 legen sie alles auf, was man sich wünscht. Eigentlich muss man es sich noch nicht mal wünschen, denn die ersehnten Sahnestücke fließen von allein aus den Boxen. Und gegen 3 Uhr morgens gesellt sich Dirk Ivens dann auch mit auf die Tanzfläche…


BIMFEST – Samstag, 18.12.2010

Twice A Man

Karl Gasleben innig verwachsen mit seinem Keyboard-MIDI-Controller

Hier machte uns das Wetter doch zu schaffen. Wegen gesperrter Flughäfen und abgesagter Flüge kamen die beiden Schweden erst einen Tag später in Antwerpen an. Entsprechend wurde ihr Auftritt nur „zwischengeschoben“ und reduziert auf 4-5 Songs. In gerade mal 25-30 min konnte sich die Band mit ihren atmosphärischen Klängen gar nicht recht entfalten. Bühnentechnisch ist alles etwas hemdsärmelig aufgebaut: da stecken Kabel nicht richtig und müssen live nachjustiert werden usw.. Doch die beiden „alten Profis“ begeistern uns trotz der Kürze mit einem genialen Konzert. Tolle Hingucker sind die Videos und das eigenartige „Keyboard“ von Karl Gasleben. Wir haben ihn nach der Show noch getroffen und er verriet uns, dass es gar kein Keyboard und auch keine Spezialanfertigung ist, sondern ein sogenannter Sonic Palette MIDI Controller. Leider stehen nach seiner Aussage die nächsten Konzerte in Deutschland noch nicht fest. Aber dieser nette private Talk mit einem Twice A Man-Man 😉 entschädigte meinen Freund etwas für das zu kurze Konzert.

The Bollock Brothers





Die verrückten, elektronisch angehauchten Bollock-Punks gaben mir dieses Jahr zum 2. Mal Spaß on stage. Zuerst auf dem WGT und jetzt hier. Dabei war bei der Songauswahl kein großer Unterschied festzustellen, wohl aber bei den Ansagen von Sänger Jock McDonald. Das Set der Bollock Brothers startete gleich mit ihrem bekanntesten und erfolgreichsten Song „Faith Healer“ (Cover der Sensational Alex Harvey Band). Die Ansage nach dem Opener war: „Hi Belgium! How are you? I ask that, because Alex Harvey died in Belgium.“ Ha, der beliebte schwarze britische Humor. Überhaupt finde ich den korpulenten Sänger im Sack-Jackett echt sympathisch. Er agiert gut mit dem Publikum, erzählt Stories aus der Vergangenheit (z.B. über ein Treffen mit Frank Tovey/Fad Gadget), stellt vor jedem Song ein Mitglied seiner Band vor…
The Bollock Brothers stehen nicht für langweiliges Punkgeschrammel. Sie bieten eine gelungene Collage aus Schauspiel, Interaktion miteinander und mit den Fans, viel Spielfreude, kleinen verbalen Anzüglichkeiten und etwas andersartigem, gut gespieltem Punk.

Laibach

Ich habe echt eine Schwäche für Männer mit extrem tiefen Stimmen. Die des Laibach-Frontmanns Milan Fras ist zusammen mit der erotisch-gruftigen Stimme des verstorbenen Pete Steele (Type-O-Negative) eine der tiefsten, die ich kenne. Seine Stimme eröffnet die Show: er spricht irgendwas auf Slowenisch ins Dunkel der Bühne. Schon ist’s um mich geschehen 🙂 . Es folgt ein Instrumental, zu dem alle Laibachs nach und nach auf die Bühne kommen. Parallel dazu nehmen auf zwei Videoleinwänden die Räder einer alten Dampflok langsam Fahrt auf. Ähnliches gilt für die Laibach-Songauswahl: Nach dem ruhigen Intro folgt ein abwechslungsreiches Set von rockigen, minimalistischen und auch melancholischen Stücken. Milan Fras verkörpert seine Frontrolle als totalitärer Herrscher gewohnt überzeugend – in Statur und Stimme. Er wird perfekt ergänzt von den kontrastreichen Gesangseinlagen der brünetten Band-Schönheit Mina Spiler. Kreative Videoprojektionen und Megaphone-Ansagen komplettieren das slowenische Gesamtkunstwerk. Auch die Tanzflächen-Kracher fehlen nicht: „Tanz mit Laibach“, das DAF-Cover „Alle gegen Alle“ und zum Schluss „Das Spiel ist aus“. Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht und Laibach sind mein Highlight des BIMFEST!

DAF





Es ist ein Heimspiel für die Deutsch-Amerikanische-Freundschaft. Sie sind die Lieblinge, auf die jeder gewartet hat. Mit „Verschwende Deine Jugend“ geben sie die  Richtung für die nächste Stunde vor. Sichtlich warmgelaufen schüttet sich Gabi danach erstmal eine Flasche Wasser über den Kopf und duscht gleich auch noch die EBM-Meute vor der Bühne damit. Dann geht es los: mal treibend, mal ruhiger. Mir gefallen „Die Lippe“ und „Algorithmus“ sehr gut – beide sind mir neu, denn ich bin kein großer DAF-Kenner. Gabi Delgado ist der ‚Gott des Abends’ – fast alle sind ihm völlig ergeben, tanzen, schwitzen, pogen und sind beseelt. Auch DAF sind total begeistert von der tollen Stimmung. Gabi sagt mehrfach enthusiastisch: „Es ist schön hier! Ihr seid schön!“ (typische DAF-Betonung!) Was für ein energiegeladenes Konzert! DAF geben drei Zugaben: „Der Räuber und der Prinz“, „Kebabträume“ und „Alles ist gut“. Am Ende ist kein Wunschlied ungespielt und alle taumeln glücklich aus der Konzerthalle.

Aftershow-Party II

Heute legen DJ NICK vom Wave Club Avantgarde in St-Niklaas (Belgien) und DJ MONOLITH alias Eric Van Wonterghem (The Klinik, Insekt, ABC, Monolith, Sonar) auf. Wow! Trotzdem war es anfänglich nicht so meins, aber es wurde besser ;-). Wir machten bis 3 Uhr Party, dann fuhren wir mit dem Taxi durch frischen Schnee ins Hotel.

Auf der Heimfahrt am Sonntag schneite es fast ununterbrochen. Wir brauchten 6 Stunden. Aber so konnten wir in Ruhe die Erlebnisse dieses genialen Festivals verarbeiten.

Fazit: Es hat BIM gemacht! Wenn das Line-Up 2011 stimmt, bin ich wieder dabei.

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6 Responses to Es hat BIM gemacht…

  1. orphi 24. Dezember 2010 zu 15:34 #

    Das klingt nach einem Festival wie ich es mag. Familiäre Atmosphäre, kein Deko-Schnickschnack und ganz viel EBM. 🙂 Laibach hätten mir auch seeehr gefallen. Aber das ist so furchtbar weit weg. Ich überlege auch jedes Jahr, ob ich mich mal auf den Weg zum Castle Party Festival in Bolkow mache. Das Lineup dort ist jedes Jahr einfach genial! Aber auch sooo weit weg. Und keiner da, der mit will…

    Schöne Weihnachtstage und liebe Grüße.

  2. elcum 27. Dezember 2010 zu 21:05 #

    Wir waren zum 3-ten Mal auf dem Bim-Festival und mit Sicherheit fahren wir 2011 wieder!
    Entspannte Leutz,die die Freude über dieses Juwel mit Dir neidlos teilen,geile (EBM) Musik,ne gute Organisation,machen das Bim Festival zu einem unserer Höhepunkte eines jeden Jahres!!!

    Ein gutes 2011, Euch da Draußen*

  3. Emily Byron 28. Dezember 2010 zu 21:35 #

    Eine Stimme so tief wie die meines geliebten Green Man *sehnsucht*?
    Da muss ich doch gleich mal bei Youtube stöbern, danke für den heissen Tip!

  4. Thorleif Wiik 31. Dezember 2010 zu 10:42 #

    Schöner Bericht , das BIMFEST hört sich ja echt verlockend an, schade nur, dass der Weg von Berlin so weit ist. Und von Sixth June kann man sich wirklich verzaubern lassen…

  5. Jana 27. Juni 2011 zu 14:12 #

    Lustig – nicht nur auf dem WGT waren wir bei vielen Konzerten gemeinsam. Auch ich habe Wind und Wetter bzw. Schneechaos getrotzt und war beim BIMfest. 2009 und 2010. 🙂

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