Der Tod war schwarz (2)

Besonders in den ärmeren Gegenden der von der Pest heimgesuchten Städte wurde das Leben zur Qual. Gab es zu Beginn der Seuche noch den Trost von Priestern, unterblieb dieser mit der Zeit. Die niederen Geistlichen und Klosterbrüder, die mit diesen Aufgaben betreut waren, infizierten sich ebenfalls und starben. Die Versorgung mit Lebensmitteln stockte, denn viele der Bauern waren ebenfalls der Pest erlegen und somit kamen immer weniger Waren auf die Märkte. Pestknechte zogen morgens durch die Straßen um die Toten aufzulesen, die die Angehörigen zum Sterben auf die Straße gelegt hatten. Aus Venedig ist bekannt, dass der Stadt während der Pest die Knechte ausgingen. Man holte Gefangene aus den Kerkern, die diese Arbeit verrichten mussten. Die wiederum nutzten des öfteren die Gelegenheit und nahmen den Toten alles ab, was man irgendwie zu Geld machen könnte. Dummerweise waren es gerade die Kleider, in denen die Flöhe saßen. So verteilte sich die Krankheit oft in andere, bislang noch verschonte Gebiete. Auch ist bekannt, dass die Knechte manchmal nicht warteten, bis der Tod eingetreten war. So wurden auch Sterbende verladen. Anfangs versuchte man den Toten noch ein christliches Begräbnis zu ermöglichen, doch mit der Zeit blieb dafür keine Zeit und man schuf Pestgruben, in die die Opfer geworfen wurden. Anschließend überschüttete man die Leichen mit ungelöschtem Kalk und darüber kam dann die nächste Lage an Opfern.

Detail einer Pestsäule in Pilsen/Plzen (CZ)

Immer wieder stellte man sich die verzweifelte Frage nach dem Woher und dem Warum. In Frankreich hielten Gelehrte eine Konjunktion der Planeten Saturn, Mars und Jupiter im Jahr 1345 für den Auslöser der Pest. Der feuchte, aber heiße Jupiter in Beziehung Mars sei schuld daran. Dadurch seien üble Gerüche, die ‚Miasmen‘ entstanden, die die Luft verdorben hätten. Andernorts waren es Miasmen die durch böse Gedanken entstanden wären. Als einziges Mittel gäbe es die Flucht. Scharlatane verkauften diverse Mittelchen, die gegen das Unheil schützen sollten (Jahrhunderte später sollte ein konvertierter spanischer Jude, der sich den Namen Nostradamus zugelegt hatte, damit bekannt werden). Zu alledem kam das Schuldgefühl. Im christlichen Abendland lebten die Flagellantenumzüge des 13. Jahrhunderts wieder auf; Büßer, die sich mehrmals täglich einer rituellen Selbstgeißelung unterzogen und so auf Gnade hofften.*
Für die meisten war die Seuche eine Strafe Gottes und so versuchte man mit Gelöbnissen, Bußen und Spenden das Unheil abzuwehren. Die vielen Pestsäulen, die heute noch zu sehen sind, zeugen davon.

Gleichzeitig profitierte die Kirche von der Seuche. Viele Erkrankte vererbten ihr ganzes Hab und Gut der Kirche, alles in der Hoffnung, dadurch im jenseitigen Leben in den Himmel zu kommen. Es herrschte Endzeitstimmung. Für viele waren es die Reiter der Apokalypse, die ihre Ernte einfuhren. In einigen Bereichen führte diese Einstellung zu einem völligen moralischen Verfall. Das Motto war: Was soll’s, der Tod holt uns sowieso….

Je länger die Pest dauerte, desto intensiver begann man nach einem Schuldigen zu suchen. Und man fand ihn schließlich in den Juden. Die Brunnen sollen sie vergiftet haben und das Böse auf die wahren Gläubigen gebracht haben. In der Folge kam es zu einer großen Anzahl von Pogromen, die tausende Juden das Leben kostete. In Worms verbrannten 400 Mitglieder der jüdischen Gemeinde in ihren Häusern. Man hatte sie angezündet, weil sich ihre Einwohner nicht taufen lassen wollten. In Mainz gingen die Juden gewissermaßen prophylaktisch zum Angriff über und töteten dabei über 200 Bürger. Anschließend gingen sie in ihre Häuser, zündeten sie an und begingen kollektiv Selbstmord. In Straßburg gab es zwar keine Pest, aber die Bürger massakrierten beinahe 1000 jüdische Bewohner der Stadt. Die Kirche und einige Herrscher stellten sich zwar gegen diese Verfolgungen, konnten aber die Verfolgungen nicht unterbinden. Viele Juden emigrierten zu dieser Zeit und zogen nach Polen, wo ihnen König Kasimir III. Asyl anbot. Dieser versuchte damit die Zahl der Bevölkerung zu erhöhen um sich wirtschaftlich weiter zu entwickeln.

"Das ellend iamerig und trostlose volck der iuden... hat das allerhailigst sacrament vilfeltiglich gestochen ... do warden die iuden ... mit gepürlicher peen des tods gestraft". Aus der Schedelschen Weltchronik von 1493

 

Als die Seuche 1353 langsam verklang ließ sie ein verwüstetes Europa zurück. Viele strukturelle Änderungen fallen in diese Zeit, die europäische Gesellschaft begann sich zu verändern. So kam es beispielsweise zur Abschaffung der Leibeigenschaft und einer Öffnung des bislang strengen Zunftwesens. Dienstleistungen wurden teurer und die Löhne stiegen. Technische Neuerungen waren gefragt und der ungeheure Erfolg des damals neu erfundenen Buchdruckes ist nicht zuletzt auf die Pest zurück zu führen.

Die Pest aber blieb. In regelmäßigen Abständen kam sie auch in den Jahrhunderten danach. Nur langsam begann sich die Medizin darauf einzustellen. In Venedig führte man die Quarantäne ein, im sonstigen Europa entstanden Pesthäuser. Aber auch in diesen kleineren Pestepidemien waren die Opferzahlen hoch. Es sollte bis ins späte 18. Jahrhundert dauern, bis eine Verbesserung der hygienischen Verhältnisse, Kanalisationen und strenge Kontrollen die Seuche abschwächten und sie in Europa kein Schreckgespenst mehr darstellte.

Wer dies alles für Vergangenheit hält irrt sich. Es gibt sie auch heute noch, die Pest. Zwar gibt es inzwischen medizinische Hilfsmittel, aber immer wieder flammt die Krankheit auf. Auch in unserer Zeit.
1921 in der inneren Mongolei. In den Bitumengruben von Dalai Nur arbeiteten 6.000 Menschen. Eine Pestepidemie tötete über 1000 Arbeiter.
1993 brach sie im indischen Surat aus. Über 6000 Fälle wurden gezählt, 56 Menschen starben. (Der Pesterreger dürfte in diesem Fall eine etwas harmlosere Mutation gewesen sein).
In der Demokratischen Republik Kongo ist die Pest als immer wieder auftretende Krankheit permanent existent.  Jährlich zählt man bis zu 1000 Fälle.
Ebenso in Madagaskar. In einigen Regionen der Insel kommt es immer wieder zu Ausbrüchen.

Verbreitung der Pest in Tieren (Foto: Wikimedia Commons; Benutzer: Sansculotte CC-BY-SA-1.0)

Aber die Pest fühlt sich nicht nur in Entwicklungsländern wohl – in den USA treten in den südwestlichen Staaten circa 10-20 Pestfälle pro Jahr auf. Betroffen sind zumeist Katzenhalter. Flöhe von Präriehunden springen auch auf Katzen über und kommen so an Menschen.

Die zunehmende Resistenz vieler Menschen gegen Antibiotika lässt die Chancen auf eine Rückkehr der Pest steigen. Keine wirklich guten Aussichten…

 

* Nicht wie oftmals dargestellt unterlagen diese Geißelungen einem festen Ritual. Ein Zug dauerte genau 33 ½ Tage (dem Lebensalter Jesu entsprechend). Die Züge umfassten zumeist ca. 50 Teilnehmer und waren ähnlich Ordensgemeinschaften organisiert. Die Teilnehmer gelobten einem gewählten Führer Gehorsam und zogen dann von Ort zu Ort. Die Gesichter wurden durch Kapuzen verhüllt und in der rechten Hand trugen die Flagellanten ihre Geißeln. Beim Einzug in eine Ortschaft wurden die Kirchenglocken geläutet und die Schar zog in die Kirche, wo sie sich zu Boden warfen und die Beichte ablegten. Ein genau einstudierte Ritual führte dann zur Geißelung, die insgesamt dreimal durchgeführt wurde. Diese Geißlerzüge fanden nicht überall Anklang. Es gab Orte, die ihnen den Zutritt verwehrten.
 (Einen guten Überblick über dieses Phänomen: Flagellanten)

 

—————- ENDE ———— DANKE für den tollen Gastbeitrag! ———————-

 

Wenn ihr immer noch mehr über die Pest erfahren wollt, empfehle ich euch diese ZDF-Doku:

Foto ganz oben (Artikelbild): ludenhausen.de

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9 Responses to Der Tod war schwarz (2)

  1. Guldhan 1. April 2012 zu 18:11 #

    Interessant, wirklich interessant.

    Und mit einem gewissen menschenverachtenden Unterton kann man auch aus der Pest eines schlussfolgern: Großer Aufschwung gelingt nur aus großer Katastrophe. Scheinbar ist verbrannte Erde doch am fruchtbarsten. Sei es nach großflächig gewüteten Kriegen oder nach wirklichen Epidemien, der nachfolgenden Generation wurde deren Überleben zumeist doppelt gedankt. Zum einen durch das Überleben an sich und zum anderen durch den gesellschaftlichen Aufwind.
    Wobei ich dennoch lieber in gesellschaftlicher Stagnation lebe, als einer globalen Seuche oder einem Krieg zum Opfer zu fallen. Aufschwung hin oder her.

    Die Thematik der Pest ist, nüchtern betrachtet, schon faszinierend. Wie kann eine Zivilisation, die zu dieser Zeit auch gewaltige Schritte nach vorn tat, in ihrem Wesen nur so rückständig gewesen sein. Gerade was die Aspekte der Hygiene anging. Sah man sich doch damals als Zenit der Zivilisation (War der Begriff »Mittelalter« doch nur eine abfällige Betitelung der späteren Humanisten der Renaissance) und war nicht einmal gewillt, seinen Mist wegzuräumen.

    Das antike Lebe machte es doch vor. Saunen, Badehäuser, Zahnbürsten, selbst schon Zungenschaber, Abwasseranlagen, unterirdische Kanalisation und was nicht alles. Wobei das Mittelalter durchaus nicht so verdreckt hätte sein müssen. Es gab natürlich Badeanstalten, Kanalisationssysteme und Verordnungen zur Reinhaltung der Straße. Doch es hielt sich niemand daran.
    So wurde zum Beispiel auferlegt, dass der Unrat, der in den Häusern anfiel, in Halden außerhalb der Stadt zu entsorgen sei. Doch die Menschen hausten in der Enge der Stadtstraße noch immer so, als würden sie alleine am Ende einer Dorfstraße wohnen.

    Wie würde bei solch´ einem Ausmaß wohl die heutige Zivilisation kippen? Heutzutage, wenn Trost der Priester nur noch einen Bruchteil der Bevölkerung zu bändigen vermag. Da könnte man wirklich davon ausgehen, dass das, was der Erreger nicht heimsucht, von Menschenhand zertrümmert werden wird.
    Damals als 80 Prozent der Stadtbevölkerung zu Kalkbergen vor den Mauern türmten…und heute wird schon Panik geschoben wenn zwei Gestalten neben einen Husten, nur weil in den Medien hysterisch verkündet wurden war, dass -vergleichsweise ignorierbare- 5 Personen weltweit einem Erreger zum Opfer fielen.

    Somit die Frage, was heute wohl gefährlicher wäre: Der Erreger oder des Menschen Reaktion darauf. Oder die Tatsache, dass sich der Mensch auch heute noch seine Erreger selber züchtet, nur unter hygienischeren Bedingungen.

  2. Pooly 1. April 2012 zu 21:04 #

    Immer wenn ich von Seuchen etc. aus dem Mittelalter lese, höre und sehe, frage ich mich immer warum sich viele Menschen in entsprechende Kostüme schmeißen und das alles „romantisieren“.

    Wenn ich mir eine Reise in die Vergangenheit aussuchen dürfte, dann bestimmt nicht in das Mittelalter…

  3. Melle Noire 2. April 2012 zu 12:38 #

    Also ins Mittelalter würde ich auch
    nicht zurück wollen – diese Epoche wird
    eindeutig verklärt, ich lebe viel lieber weiterhin
    in der heutigen Zeit. 😉

    Mittelalterromantik mag ich kurioserweise
    dennoch, Mittelaltermärkte, Fantasyfilme usw…
    Die romantisierte Vorstellung des Mittelalters
    finde ich schon sehr schön. Aber ich weiß eben
    auch im Hinterkopf: So schön wars eigentlich dort
    nicht, dies hier ist eigentlich nur eine schöne
    Vorstellung der damaligen Zeit aus heutiger
    Sicht. Die negativen Aspekte blendet man dabei
    natürlich gern aus. Da differenziere ich.
    Die Mittelalterromantik, wie wir sie heute kennen, spiegelt wohl mitnichten die damalige
    Lebensrealität wieder. Das sind zwei völlig
    unterschiedliche Paar Schuhe. Man gibt sich
    heutzutage nur der schönen Illusion hin.

    Und hat man davon mal genug, wendet man
    sich einfach wieder anderem zu.

  4. Guldhan 3. April 2012 zu 16:51 #

    Man sollte das alles nicht überbewerten. Denn wenn man bedenkt, wie es heutzutage in der Welt aussieht, so werde sich nachfolgende Generationen auch an den Kopf greifen und froh sein, dass sie nicht in unserer, der heutigen, Zeit leben mussten.

    Jede Epoche hat ihre Schwachstellen. Was aber nicht bedeutet, dass eine Epoche nur aus Elend bestand. Auch im Mittelalter ließ es sich, für damalige Verhältnisse, gut leben. Der heutige Stand des Wissens macht es uns im direkten Vergleich zwar einfacher, aber auf dem Zenit aller Werte und allen Fortschritts sind auch wir nicht.

    So lasse man die Welt einmal in einer guten Utopie ein paar Jahrhunderte weiterdrehen… und in der Geschichtsschreibung wird das 20te / 21te Jahrhundert geprägt sein von »Seuchen« wie Krebs, Diabetes oder AIDS. Kontaminiert durch radioaktive Strahlung. In dem der Mensch vor dem Rechner degenerierte. Sei es der Körperbau am Arbeitsplatz oder der Geist in sozialen Netzwerken.
    Hat man sich bis dahin von der Herrlichkeit des kapitalistischen Gedankens verabschiedet, so wird auch dieses Relikt wie ein weiterer Pesthauch über unserer Generation schweben. Man wird weiterhin von globalen Militärschlägen schreiben, von Machenschaften der Industrie und der Lenkbarkeit der Regierungen.
    Alles ein ebenso guter Stoff um spätere Kinder zu erschrecken, wie die Pest, die Kreuzzüge und die Feudalherrschaft.
    Und dennoch gelingt es uns ab und zu, das Leben in Harmonie und Freude zu sehen. Weil man es nicht anders kennt. In die Epoche hineingeboren wird und sein Umfeld nicht nur aus archäologischen Puzzelstücken begreift.

    Denn wäre jene Epoche wirklich so menschenverachtend, trostlos und deprimierend, wie sie von der Renaissance gebrandmarkt worden war, so wäre die Menschheit spätestens ab dem 11ten Jahrhundert am aussterben gewesen. Denn kein Tier, nicht einmal der Mensch, bringt in fühlbarer Knechtschaft ausreichend Nachkommen hervor. Das dem aber so gewesen war, ist noch immer ein Zeichen dafür, dass es damals lebenswert gewesen sein musste.

  5. Melle Noire 5. April 2012 zu 05:43 #

    @ Guldhan: Schöner Beitrag! 🙂
    Ja, wer weiß, was nachfolgende Generationen
    über uns schreiben werden, wie wahr, wir wahr…

  6. shan dark 5. April 2012 zu 10:39 #

    Ins Mittelalter würde ich mich auch nicht zurückbeamen, definitiv nicht und nicht nur wegen der Pest nicht. Mir erschließt sich nicht recht, was an dieser Epoche so faszinierend ist, aber vielleicht ist es bei vielen Menschen die Sehnsucht nach dem einfachen Leben und Dingen? Was anderes kann ich mir nicht vorstellen. Aber Melle, Du hast schon recht, die negativen Dinge blendet man gern aus – vermutlich bei jeder Epoche, in die man sich gern mal zeitlich versetzen würde. Aber sicher bestand das Mittelalter nicht nur aus Elend – und selbst in der Zeit der Pest muss es auch körperliche Freuden gegeben haben, wenn man bedenkt dass das „Decamerone“ damals geschrieben wurde (s. Teil 1). Da stimme ich Dir zu, Guldhan.

    Persönlich wäre mir eine Zeitreise ins viktorianische Zeitalter lieber (Kleidung, Erfindungen, Stil *hach*) oder in den Anfang des 20. Jahrhunderts (würde gern mal sehen, wie meine Uroma gelebt hat und auch mal die Dekadenz der reicheren Schichten in den 20er Jahren erfahren). Und ihr?

    @Guldhan:
    Es wird wohl so sein, dass man in 100 Jahren auf unsere Zeit zurückblicken wird, wie Du es sehr gut beschreibst. Falls sich die Menschheit nicht vor Ablauf der 100 Jahre selbst ausrottet – oder die Computer dies für uns übernehmen. Auch wir haben heute unsere „Pest“ in Form von Krebs – nur mit dem Unterschied, dass die Menschheit an der steigenden Intensität dieser Krankheit nicht unbeteiligt ist, was man bei der Pest nicht sagen kann. Aber durch die ganze Chemie in der Nahrung, die Lebensweise und Umweltgifte wird alles nur schlimmer, häufiger und die Krebszellen resistenter. Immerhin 7,6 Mio. Krebstote weltweit in 2008 und 2030 soll die Zahl auf 13 Mio. ansteigen. Das sind natürlich zu unserem Glück nicht die Ausmaße wie sie in den 7 Jahren Pest vorkamen, aber es ist dafür schleichender, langanhaltender und vllt. sogar fieser, weil häufig verbunden mit langem, qualvollem Leiden. Und in unserer „hochintelligenten“ Zeit verglichen mit dem Mittelalter eigentlich ein Armutszeugnis für die medizinische Forschung und Entwicklung. Wir fliegen zum Mond, aber sind nicht in der Lage, die Krebsheilungsrate signifikant zu erhöhen. Sicher ist „Krebs“ aus medizinischer Sicht auch eine harte Nuss. Trotzdem. Ich kann das nicht nachvollziehen – und es fällt umso schwerer, wenn man damit persönliche Erfahrungen gemacht hat. Es bleibt nur zu hoffen, dass in der Zukunft die Menschheit auf unser Zeitalter zurückblicken und sich wundern, warum wir die Krankheit nicht in den Griff bekommen haben. Diese „Zukunft“ ist aber so fern, dass ich sie nicht mehr erleben werde, da bin ich mir sicher.

    Ich habe kurz nach dem Erscheinen von Joshs Artikel zufällig einen TV-Bericht auf N24 gesehen, in dem berichtet wurde, dass Biowaffen wie Ebola, Pest etc. ja heute sogar entwickelt werden (krank!!) und was passieren würde, wenn diese B-Waffen Terroristen in die Hände fallen. Ich wäre auch ohne diesen Bericht der Überzeugung, dass die Menschen heute genauso reagieren würden wie zu Zeiten der Pest im Mittelalter. Eine Pandemie oder Eurodemie (sagt man das dann so, wenn es „nur“ Europa betrifft?) würde ähnlich im Chaos enden wie damals. Mit den selben unschönen, erschreckenden sozialen Begleiterscheinungen. Die Menschen würden sich nicht mehr helfen, Familien würden zerbrechen, jeder wäre sich selbst der Nächste um sein Leben zu retten. Nur zu verständlich eigentlich. Bis auf wenige vielleicht – auf die man dann (vergeblich) hoffen darf. Gut dargestellt ist das Verhalten (sogar eines Arztes) im Film „Last Man On Earth“.

  7. Josh Wittmann 5. April 2012 zu 13:52 #

    Ein paar Anmerkungen.

    Zunächst möchte ich mal sagen, dass es mich freut, dass dieser Artikel Anklang und soviel Denkprozesse ausgelöst hat. Danke auch an die jungfräuliche Johanna aus Mainz, die nicht nur singt und lacht, sondern auch diesen Artikel veröffentlicht hat.

    Die Pest ist nicht signifikant ein Kind der Zeit, die man heute allgemein Mittelalter nennt. Das begann schon Jahrhunderte früher und ging im 14 Jahrhundert zu Ende. Es ist die Zeit der Frührenaissance.
    Pestepidemien gab es bereits in der Antike. Nach dieser Pandemie gab es immer wieder Pestepidemien. Was diese große Pest Mitte des 14. Jahrhunderts so erwähnenswert macht, ist die Tatsache, dass sie plötzlich mit enormer Aggressivität zu einer gesamtheitlichen Bedrohung wurde. Ein kleiner genetischer Sprung im Erreger – und welche Wirkung.
    Jahrhunderte später sollte es (in kleinerem Rahmen) einigen indigenen Völkern ähnlich ergehen. Da war es dann der simple Schnupfen, der Keuchhusten, die Pocken, Masern und ähnliche, relativ ungefährlichere Krankheiten, die ganze Völker (Indianer, Indios, Polynesier) ausrotteten. Im Jahr 1918, nach dem 1. Weltkrieg kam es zu einer unglaublichen Grippeepidemie. Diese ’spanische Grippe‘ tötete mehr Menschen als der ganze 1. Weltkrieg.
    Was ich damit sagen will?
    Wir sind verletzlich. Sehr verletzlich. Und das ist eine Tatsache, die man allzu gern vergisst.
    @ Shan Dark – Der Vergleich mit Krebs ist nicht wirklich haltbar. Krebs ist keine Erkrankung durch ein Bakterium oder einen Virus. Krebs haben wir alle von Geburt an quasi in uns. Die steigenden Zahlen haben viel mit einer größeren Weltbevölkerung und steigender Lebenserwartung zu tun. Dass es heute als Geissel unserer Zeit gesehen werden kann, das ist allerdings sehr wohl nachvollziehbar.
    Übrigens: Die Krebsheilungsrate ist sehr wohl gestiegen. Eine ganze Reihe von Krebserkrankungen, die heute als heilbar gelten, waren von 10,20 Jahren noch ein glattes Todesurteil.

    @Guldhan
    Dein Beitrag ist interessant und bemerkenswert.
    Nicht zustimmen kann ich dir – aus geschichtlichem Wissen – bei deinem letzten Satz; dem Rückschluss auf die ‚Vermehrung in Knechtschaft‘. In Bedrängnis wird das Vermehren zu einer Art Überlebenstrategie. Im Mittelalter gab es eine sehr hohe Kindersterblichkeit und andererseits waren Kinder so was wie der einzige Reichtum (und oftmals die einzige Chance) die eigene Lebenssituation zu verbessern. Besonders bei Bauern waren Frauen die reinsten Gebärmaschinen. Klappte es nicht, wurden Beischläferinnen ins Bett des Bauern gelegt. Die eigenen Kinder waren wichtige Hilfskräfte und dazu die einzige Altersversorgung. Das Grundprinzip dieses Kindersegen war eigentlich bis in unsere Zeit gültig.

    @Pooly
    Mittelalterbegeisterung – das ist sowas wie Winnetou und Old Shatterhand im Verhältnis zu den Indianervölkern Nordamerikas. Es ist eine Traumwelt mit Anlehnungen an eine erdachte Realität. Wer im Mittelalter lebte, der lebte mit Wanzen, Flöhen, Spulwürmern und der Tatsache, dass ein verwachsener Weisheitszahn ein Todesurteil sein konnte. Und jede Mißernte ein existenzielles Problem einer ganzen Sippe. Auch wenn bei manchen Akteuren geschichtliches Interesse vorhanden ist – für die meisten ist es eine willkommene Flucht aus einer gegenwärtigen Umwelt, die zunehmend unmenschlicher (im Sinne von nicht menschengerecht) wird. Gibts was schöneres als Träume?

  8. Guldhan 5. April 2012 zu 16:09 #

    […] Wir fliegen zum Mond, aber sind nicht in der Lage, die Krebsheilungsrate signifikant zu erhöhen. […]

    […] Krebs ist keine Erkrankung durch ein Bakterium oder einen Virus. Krebs haben wir alle von Geburt an quasi in uns. Die steigenden Zahlen haben viel mit einer größeren Weltbevölkerung und steigender Lebenserwartung zu tun. […]

    Das klingt jetzt sehr nach Verschwörungstheorie. Doch ich behaupte, dass vieles bewusst inszeniert wird. Oder, neutraler gesagt, der Preis des Fortschrittes ist. Der Hang zur Bildung von Krebszellen steckt in uns, das habe ich auch gelesen.
    Doch ob das wirklich nur eine Art Sicherheitsventil ist, um nicht allzu alt zu werden? Ich glaube, wir begünstigen die Krebszellen mehr mit unserer Lebensweise, als mit unserer Lebenserwartung.

    Gegenüber dem, was wir heutzutage unserem Körper in Sachen Bewegung und Ernährung antun, ging es dem Bauern im Mittelalter vergleichsweise gut. Natürlich hatte der im Krankheitsfall schlechtere Karten. Aber geht es uns heute wirklich besser, nur weil wir mit Chirurgenstahl rumhantieren?
    Trägheit und Bewegungsmangel, zu salziges, fettes, süßes Essen in zu großen Mengen und unter zu undurchsichtigen Anbaumechanismen. Emission und Kontaminierung.
    Der Mensch im Mittelalter litt am Mangel. Der Mensch von Heute am Überfluss…ich wüsste nicht, was schlimmer wäre.

    […] Im Mittelalter gab es eine sehr hohe Kindersterblichkeit und andererseits waren Kinder so was wie der einzige Reichtum. […]

    Das ist durchaus richtig. Kinder waren damals die Zukunft. Und jenes nicht wie heute nur eine flache Phrase. Sie waren Arbeitskräfte, spätere Ernährer und man wusste nicht, wie viele von ihnen man durch den nächsten Winter oder durch die nächste Dürreperiode bringen konnte.

    Doch mein Aspekt war mehr ein radikaler, bei dem »Knechtschaft« ein womöglich zu harmloses Wort gewesen ist. Zumindest wüsste ich nicht, dass todgeweihte Lebewesen an Nachwuchs denken. Jedenfalls nicht außerhalb der Botanik, Stichwort: »Notblüte«

    Eine Frau, die unter permanenten extremen Existenzängsten lebt. So wie es manche von dem Mittelalter denken. Jahrelang in Angst und Schrecken ihr Dasein fristet, verdreckt und kurz vorm verhungern…so eine Frau gebiert keine Kinder. Der Stressfaktor wäre zu groß und deshalb würde jener Aspekt ausgeschaltet werden. Ebenso beim Mann. Unter negativen psychologischen wie physischen Extrembedingungen ist die Libido so gut wie tot.

    Mag sein, dass ich mich da jetzt täusche, da der Arterhaltungstrieb bewiesenermaßen stark ist, doch dieser wird noch immer vom Selbsterhaltungstrieb übertönt.
    Jedenfalls leite ich mir das von zwei Aspekten her. Zum einen die Zucht von Tieren in Gefangenschaft. Wenn diese durch diese Gefangenschaft in Stress geraten, wird ein Vermehrungsversuch ein hoffnungsloses unterfangen. Und zum anderen gibt es Berichte, die besagen, dass der Sexualtrieb von Kriegsgefangenen, mit Dauer und Situation ihrer Gefangenschaft, ab einem gewissen Punkt merklich gen Null sinkt. Extrembeispiel Folterhaft. Wer denkt dort noch an das Zeugen von Nachwuchs.

    Ergo, es war für die Menschen damals hart. Anderer und mehr Stress als heute. Gerade was die Existenzängste anbelangt. Aber dennoch empfanden sie ihr Leben als lebenswert, sonst hätten sie keinen Nachwuchs zeugen können und wollen. Theoretisch.

    Ich würde durchaus einmal im Mittelalter vorbeischauen wollen. Vielleicht nicht gerade im 11ten Jahrhundert, da es damals noch nichts gäbe, was mich interessiert hätte, außer vielleicht die Sängerkriege auf der Wartburg. Aber das Ende des Mittelalters würde mich schon interessieren. Das 15te Jahrhundert. Die Teilung der Kirche, die Evolutionsstufe innerhalb des Buchdruckes mit beweglichen Lettern. Die Werke daVincis. Wenn das keine erhellenden Momente im finsteren Mittelalter waren, dann weiß ich auch nicht.

    […] Diese “Zukunft” ist aber so fern, dass ich sie nicht mehr erleben werde, da bin ich mir sicher. […]

    Ehrlich gesagt, gestehe ich der Menschheit überhaupt keine Zukunft ein. Oder um es mit den Worten von Georg Schramm zu sagen:
    »“Nach uns die Sintflut“ stimmt nämlich gar nicht. Sie ist schon da. Wir sind die Sintflut.«

    […] Wir sind verletzlich. Sehr verletzlich. Und das ist eine Tatsache, die man allzu gern vergisst. […]

    Weil die Natur um ein Gleichgewicht bedacht ist. Je mehr der Mensch dieses Gleichgewicht aus der Waage bringt, umso gravierender wird das Zurückfallen des Pendels werden. Zudem sieht sich der Mensch ohnehin schon als allmächtig an. Man will nicht mehr verstehen, dass eine handvoll Einzeller die Krone der Schöpfung zum korrodieren bringen kann.

  9. Wotan 11. November 2014 zu 20:50 #

    Also die Menschheit hat ganz gut überlebt. Auch, oder vielleicht sogar, weil es Krankheiten und Ungeziefer gibt. Viele hier halten ihr Dasein für Normalität und allgemeinen Standard. Tatsächlich leben Milliarden Menschen noch genauso wie im Mittelalter, einige tatsächlich noch in der Steinzeit. Ohne Strom, ohne fließendes sauberes Trinkwasser, Feuerholz wird nicht im Internet bestellt und man lebt mit seiner ganzen Familie und seinem Vieh unter einem Dach, in einem Raum; ohne staatliche Lebensmittelkontrolle und Vorsorgeuntersuchungen etc.

    Ein Bruchteil der Weltbevölkerung lebt in dem Irrglauben, die Krone der Schöpfung zu sein und alle Probleme lösen zu können. Tatsächlich zerstört sie ihren Lebensraum und mit etwas Glück sich gleich mit. Der Natur ist es auf lange Sicht egal, sie erholt sich oder läßt sich etwas Neues einfallen. Wie so oft in der Erdgeschichte.

    Tatsächlich werden wir reichen und verwöhnten Erdbewohner die Ersten sein, die eine mögliche globale Katastrophe nicht überleben werden. Weil wir es einfach nicht können.

    Wer daran zweifelt, prüfe seinen Erfahrungsschatz: ein Tier jagen, töten, häuten, ausnehmen… Es gibt ja noch Vegetation? Dann ab in den Wald! Was ist denn alles eßbar? Viele scheitern ja schon beim Pilze suchen und das war vor 25 Jahren noch Volkssport, zumindest im Osten! Oder noch einfacher, Umfrage: Wer kann hier ohne Streichhölzer oder Feuerzeug Feuer machen. Und das sind nur die Überlebenstechniken.

    Hinzu kommt unser geschwächtes Immunsystem. Dank Ordnung und Sauberkeit und penibelster Hygiene sind wir ja schon in Ländern südlich der Alpen ein gefundenes Fressen für unerwünschte Untermieter. Ohne Rezept und Apotheke oder Drogeriemarkt werden sich viele schon aus Verzweiflung zum Sterben hinlegen.

    Leider muß ich zugeben, daß die Menschheit im Allgemeinen ein evolutionäres Erfolgsmodell ist und auch kommende globale Katastrophen überleben wird. Einfach weil sie fähig ist, sich für Probleme eine Lösung einfallen zu lassen und nicht auf einen Evolutionssprung warten muß. Oder daß man Dinosaurier ausrottet, wie damals…

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