Wendigo – Monster im Portrait

Es ist immer gefährlich, wenn ein Monster viele Namen hat. Doch damit nicht genug: dieses Wesen – halb Mensch, halb Phantom – kann auch noch seine Gestalt, Zeit und Raum verändern. „Bäumchen wechsel Dich“ und das passt gut: es lebt im Wald.

Dort macht der Wendigo Jagd auf Menschen und er ist nicht auf ihr Hirn, Reisetipps oder die Brieftasche aus. Er will das Fleisch am Knochen! Und man landelt sehr sicher auf seiner Speisekarte, denn ein Entkommen ist ziemlich unmöglich. Und satt ist er danach auch nicht, sondern gleich wieder auf der Suche nach neuen Opfern. Wendigo heißt so viel wie „Vielfraß“.

Viele nordamerikanische Indianerstämme, z.B. die Algonkin, Cree oder die Ojibwa, erzählen vom Wendigo, wenn auch jeder Stamm etwas unterschiedlich. Aber alle Mythen berichten von einem bösen Geist, der auf der Suche nach Menschen durch die kanadischen Wälder streift und übernatürliche Kräfte besitzt. Der Wendigo hat immer einen engen Bezug zum Winter und besonders zur Kälte, in der Menschen und Tiere hungern und keine Nahrung finden.

Kannibalismus war u.a. bei den Algonkin und anderen Indianerstämmen ein absolutes Tabu. Egal wie kalt und unerbittlich der Winter war oder ob es ums eigene Überleben ging – man sollte sich entweder umbringen oder dem Tode ergeben, aber nicht etwa seinen Nächsten verzehren. Der grausige Mythos vom Wendigo entstand bei den Indianern zur Verteufelung kannibalistischer Tendenzen, aber auch als Erklärung für manch spurlos verschwundene Stammesgenossen. Als hätte sie jemand verschluckt…

Bekannt wurde dieser Menschenfresser über die Grenzen Nordamerikas hinaus durch die schauerliche Abenteuergeschichte „The Wendigo“ (1907) von Algernoon Blackwood, die ihr hier bei Projekt Gutenberg kostenfrei lesen könnt.

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Wendigo – painted by M.S. Corley (Thank you for permission & greetz to U.S.!)

STECKBRIEF – Wendigo

Spitznamen: Windigo, Witigo , Witiko, Windago, Wee-Tee-Go, Kokodjo, Atcen (sprich Ät-schen), Plural Wendigowak

Gehört zur Monster-Sub-Spezies der: Menschenfresser / Kannibalen

Stammt aus:  den nordkanadischen Wäldern. Als „Wendigo Capital of the World“ wird häufig Kenora in Ontario (Canada) bezeichnet. Hier zeigten sich die Kreaturen am häufigsten – auch noch heute. (Quelle)

Aussehen:

Es gibt männliche und weibliche Wendigowak. Die Wikipedia weiß: „Der erste Wendigo überhaupt soll eine Frau gewesen sein, die von ihrem Verlobten betrogen wurde. Aus Rache habe sie ihm das Herz aus dem Leib gerissen und gegessen.“

Wendigo bittet zu Tisch - auf dem Cover des Trisomie 21-Albums "Chapter IV"

Wendigo bittet zu Tisch – auf dem Cover des Trisomie 21-Albums „Chapter IV“ (u.a. „The Last Song“)

Wendigowak sind ein Vielfaches größer als wir – ja, sie sollen über 15 feet groß sein, also über 4,5 Meter! Das Beste ist aber, dass sie angeblich mit jeder Mahlzeit wachsen, so dass sie trotzdem immer abgemagert und schlaksig erscheinen. 😯

Die Augen eines Wendigo sind rot und glühen. Er hat lange, gelbe (Reiß-)Zähne eine überlange Zunge. Die Lippen sind schwarz. Zusammen mit seiner aschfahlen, bleichen Haut könnte er somit vom Aussehen her auch als Erfrierungstoter durchgehen.

In anderen Erzählungen wird er aber auch als stark behaart beschrieben. Wie eine Bestie, einem europäischen Werwolf gleichend. Allerdings häufig mit weißem Fell.

Denn Wendigo sind Gestaltwandler. Manchmal gleichen sie einem haarigen, klauenbewehrten Katzenmonster, manchmal einem skelettartigen Riesen. Oder sie erscheinen mit Geweih und Wolfskopf. Allen Erscheinungsformen gemeinsam ist aber ihr Herz aus Eis.

Lieblingselement: Kälte

Magische Charakteristika:

Naja naja. Die Beschreibungen des Wendigos und dessen, was er so „drauf hat“ variieren ziemlich. Ein Gestalt- und Zeitenwandler zu sein ist ja schon mal recht günstig, wenn man Jagd auf alles macht, was sich draußen in der Wildnis bewegt. Besonders hat es der Wendigo auf isolierte Menschen und Einzelgänger abgesehen – er wird aber auch mit kleineren Gruppen mühelos fertig. Charakteristisch ist, dass er sie erst längere Zeit beobachtet oder ihnen unbemerkt durch den Wald verfolgt. Wenn sie dann aufgrund von Dunkelheit, Kälte und Hunger zu schwächeln beginnen, schlägt er zu.

Wird man von einem Wendigo verletzt oder verübt selbst kannibalistische Übergriffe, wird man zu einem Wendigo. Dann verwandelt sich der Indianersage nach das eigene Herz ebenfalls zu Eis. Es ist vorbei mit den Gefühlen – man wird zu einer gefährlichen Bestie mit schier unersättlicher Gier nach Menschenfleisch und ist in der Lage die gesamte Verwandtschaft zu dezimieren.

Doch auch wenn einem der Wendigo nur im Traum begegnet (vielleicht weil man vor lauter Hunger vom Fleisch des Nächsten am Lagerfeuer träumt), kann ein Wendigo-Dämon Besitz von einem ergreifen. Auch dann wird man zu einem Wendigo-Wesen. Vielleicht ist es Armin Meiwes, dem Kannibalen von Rotenburg, ja so ergangen…

 

Wo begegnet man dem Wendigo heute?

Das ist recht einfach: bei YouTube „Wendigo“ eingeben und man findet mehr als einem lieb ist. Irgendwie ist der Wendigo heute in Zeiten von „Supernatural“ und „Paranormal“ angesagter denn je und als Monster in Horrorfilmen recht häufig „auf Lager“. Besonders natürlich in Amerika. Hätten die Amerikaner mal etwas mehr als nur diesen unheimlichen Mythos von den Indianern übernommen. Oder sollte ich eher sagen: Die Indianer haben einen menschenfressenden Geist/Werwolf/Biest hinterlassen. Ein blutiges Erbe als Ausgleich für das, was die weißen Eroberer ihnen angetan haben. Da passt es wieder!

  • Stephen King bezieht sich in „Friedhof der Kuscheltiere“ auf die alte Überlieferung der Indianer vom Wendigo.
  • Neben unzähligen, sehr billig gemachten Horror- und Splatter-Filmen über Wendigos fand ich „The Wendigo“ von 2001 (Regie: Larry Fessenden) zumindest vom Trailer her recht interessant. „A reminder of the days when zero budgets could produce small miracles… solidly oblique expressionism“ (Quelle: FILM COMMENT )

  • Auch die schwarze Horror-Komödie „Ravenous – You are what you eat“ von 1999 klingt vielversprechend: „Now one man must choose between having dinner and being dinner.“
  • In den Marvel Comics – zuerst in The Incredible Hulk von 1973 – erscheint er als Wen-Di-Go.
  • In der „Supernatural“-Serie, Episode 2, trifft der Hauptdarsteller auf einen Wendigo, der sogar Stimmen imitieren kann.
  • In unzähligen Computer Games und Videospielen, z.B. Final Fantasy, The Legend of Dragoon, Fallout 2, and the Warcraft Universeund in Rollenspielen wie Dungeons & Dragons.

Wenn ihr diesen Blogartikel jetzt gelesen habt, bitte ich euch um folgendes:

  1. nicht direkt zu Bett gehen (um danach nicht von einem Wendigo zu träumen)
  2. bei Kälte nicht unbedingt durch die Wälder (Kanadas) streifen
  3. und wenn doch, dann genügend Tubennahrung einstecken.

Das Einzige, was gegen einen Wendigo hilft ist übrigens Feuer – be prepared! 😈

 

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5 Responses to Wendigo – Monster im Portrait

  1. r@zorbla.de 29. Januar 2013 zu 16:41 #

    Schon ein Thema mit Scherzpotenzial:

    Ein Wendigo als Haustier muß man natürlich „Hannibal“ nennen. Hehe.

    Und ein Wendigo zum mitnehmen ist ein „Wen-To-Go“

    Ich wette ürigens, dass der nicht mehr weiterfressen will, wenn er erstmal auf meinen zähen Innereien rumkaut. Pah!

  2. Emily Byron 30. Januar 2013 zu 14:15 #

    Wie gut, dass ich immer ein Feuerzeug im Täschchen trage ^^ Aber so oft trifft man mich auch nicht nachts im kalten Wald *hüstel* 😉

  3. solitary_core 4. Februar 2013 zu 21:37 #

    Wendigo, evtl auch einer der Väter vom Chupacabra, auch wenn der sich eher auf Ziegen spezialisiert hatt

    wenn man die 23 Jahre Regel ausser Acht lässt, und das es bisher in beiden Teilen weder Winter noch Nacht war könnte das Ding in „Jeepers Creepers“ ein Wendigo sein, der jeden 23. Frühling aufwacht um seinen Hunger zu stillen und neue Ersatzeteile zu besorgen

    einer der gelungeren Streifen damals (2001), find ihn immernoch klasse, vor allem das Trish wann immer das Vieh da is den Gang nich reinkriegt aber sonst perfekt schaltet ♥

  4. Dan 8. März 2017 zu 13:22 #

    Laut den Cree und den Anasazi wird ein Wendigo nur durch Eisen, Stahl oder Silber getötet. Wobei es am effektivsten sein soll, wenn man ihm in das Herz aus Eis sticht und dann seinen Körper mit einer Axt in Stücke schlägt. In der US-Folklore ist kein Wort von Feuer zu finden, was mich glauben lässt, dass dies eine Erfindung der Filmindustrie ist.

  5. Shan Dark 12. März 2017 zu 21:43 #

    Das könnte schon sein, Dan! Ehrlich gesagt ist die Recherche für den Artikel schon zu lange her, als dass ich noch wüsste, woher ich das mit dem Feuer habe.

    Danke und liebe Grusels
    Shan Dark

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