Wahnsinn auf Weiden – Wacken 2013

Ich bin überrascht über mich. Undenkbar war das noch vor einem Monat: ich auf einer riesigen Wiese im nördlichsten Zipfel von Deutschland, das Meer 40km entfernt. Trotzdem riecht es nicht nach steifer Brise, sondern nach Dung, Dixie-Klo, Bier und Schweiß von 84.499 anderen Menschen. So riecht also „Holy Wacken Land“.

Wacken 2013 war nicht geplant, hat sich aber so entwickelt. Im letzten Jahr quittierte ich r@zorbla.de’s Ankündigung, dass er Karten für Wacken 2013 habe, noch mit „Oh, wir müssen reden!“ und verzogenem Gesicht. Auch wenn ich etwas mehr als 10 gute Jahre Metal gehört habe und das meine erste große Musikliebe war – Wacken brauchte ich echt nicht! Mir hatte das Dynamo-Festival 1996 in Eindhoven mit 60.000 Besuchern völlig gereicht! Hardcore – dagegen ist Wacken von der Orga her fast ein Luxus-Camping-Event. Beim Dynamo waren es zu viele Menschen verteilt auf zu wenig Raum bei zu viel Regen und zu wenigen Unterstellmöglichkeiten… ich war trotz ganz guter Bands damals froh, als es vorbei war! Doch kurz vor dem WGT 2013 gingen r@zorbla.de und ich zusammen das Wacken-Line-Up durch und ich stellte fest: es waren Hölle gute Bands da! Alice Cooper, Anthrax, Hate Squad, Deep Purple, Rammstein, Fear Factory… Als 2 Wochen vor Wacken noch ein Platz in Auto und Zelt frei wurde und wir mit vereinter Kraft auch noch meine Karte besorgen konnten, war ich plötzlich dabei. Wacköön!

Spacken GO Wacken - wir waren nicht allein auf der Autobahn

Spacken GO Wacken – wir waren nicht allein auf der Autobahn

Die Konzerte – back to my Metal roots

Die zwei Hauptbühnen in Wacken nebeneinander

Die zwei Hauptbühnen in Wacken nebeneinander

Joey Belladonna (Anthrax) = super Frontmann!

Joey Belladonna (Anthrax) = super Frontmann!

Eine Zeit lang konnte ich keinen Metal mehr hören – Wacken war allerdings der beste Beweis: Es geht wieder! Nicht mehr mit dem selben Enthusiasmus wie früher, aber trotzdem war es wunderbar alte Musikerinnerungen aufleben zu lassen. Besonders Hate Squad (die einen schweren 12-Uhr-Morning-Job hervorragend meisterten) und ganz besonders Anthrax (Joey Belladonna rules!) waren phantastisch! Schön, auch Annihilator und Agnostic Front wieder zu hören. Für mich neu und live überzeugend waren Ihsahn. Musikalisch sehr gut und abwechslungsreich, streckenweise recht doomig, ging gut rein. Ihsahn ist eigentlich der Frontmann der Black-Metal-Band Emperor – hier trat er mit seinem Soloprojekt auf.

Wirklich enttäuscht war ich nur von Fear Factory, die ich in „Fear Fucktory“ umtaufte, denn nach jedem Lied gab es ein grunziges „Fuck you“ oder auch ein „Thank you fucking“ oder „Fuck the spirit“ oder „you are fucking great“. Das wirkte schnell sehr uninspiriert, um nicht zu sagen dämlich. Dazu noch ihre unsägliche Optik und mein Lieblingslied „A Therapy for Pain“ spielten sie auch nicht. Also rüber zur Bühne nebenan (mit der kleineren PA) zu einem weiteren illustren Subgenre des schier endlosen Metalmusikkosmos: True Scottish Pirate Metal – Alestorm. Die lockeren Metal-Piraten sorgten für eine frische Brise Abwechslung in Sound und Optik. Zudem konnten sie sich lautstärketechnisch tatsächlich gegen das FF-Geknüppel auf der großen Bühne durchsetzen, was Soilwork am Vortag gegen Agnostic Front nicht geschafft hatten. Auch ein Qualitätsmerkmal im Metal. *hust*

Die Headliner am Donnerstag und auch zwei meiner Highlights waren Deep Purple und Rammstein. Der Donnerstag hat sich als „A Night to Remember“ auf dem Wacken etabliert, bei dem eher die klassischen Metalbands auftreten. Deep Purple als Alt-Rocker waren da noch einigermaßen wohlplatziert, aber Rammstein?

wacken-2013-deep-purple-liveDeep Purple waren musikalisch gut, auch wenn der Sänger Ian Gillan mit seiner Stimme nicht mehr an frühere Zeiten anknüpfen konnte – seine markanten Schreie wie bei „Child in Time“ hörte man selten bis gar nicht, das Stück wurde (deshalb?) leider auch nicht gespielt. Dass die Songs von Deep Purple auch Solos einzelner Musiker beinhalten (das von Don Airey an Hammond-Orgel und Keyboards war klasse!) gehört zum typischen Sound von Deep Purple, auch wenn das für einige Zuschauer ungewohnt war. Böse Zungen behaupteten, die Solos hätte man nur eingebaut, damit Ian Gillan seine Stimme etwas schonen kann. Mir hat das Konzert durchaus gefallen, aber eine gute oder gar begeisternde Show geht anders. Rockgiganten ohne Pepp – da muss ich Ulf, dem (Metal-)Freak in seinem Deep Purple Review bei Albumcheck recht geben.

Für „A night to remember“ sorgten dann aber Rammstein. What a blast! Ich hatte sie zuletzt 1996 im „Haus Leipzig“ mit ihrem Debüt „Herzeleid“ gesehen, was bis heute aus meiner Sicht ihr bestes Album ist. Zum Rammstein-Fan hat es bei mir aber nie gereicht. 1996 hatten sie natürlich auch schon Pyro-Show – aber in den dazwischen liegenden 17 Jahren (oh Goth!) hat sich, wie ich feststellen musste aber nicht erwartet hatte, SEHR viel getan. Was für eine bombastische Show! Durchinszeniert, choreographiert, pyroisiert! Da saß und passte wirklich alles. Ich war beeindruckt, so wie damals.

In Wacken war bei diesem Konzert kein Fitzelchen Wiese mehr frei! Ich bin mir sicher: 75.000 Besucher waren hier bei Rammstein. Es war eng, ich triefte vor Schweiß bei immer noch 33°C in einer nicht abkühlenden Nacht, die Feuerstöße aus dem Wacken-Bullhead über der Bühne taten ihr übriges. Das Rammstein-Konzert in 3 Worten: brachial, heiß, eng! Diese Menschenmassen – was muss das für ein Gefühl sein, wenn man da auf der Bühne steht??? Till Lindemann kämpfte – gegen die selbsterzeugte und sommerliche Hitze und mit seiner schweißtreibenden Show (tja, Jungs, das müsst ihr jetzt bis ins Rentenalter durchziehen! 👿 ). Ich sah ihm bei der Zugabe auf den Bildschirmen an, dass er erschöpft war. Wir aber auch! Doch der zdf-kultur-Sitzkarton, den ich seitlich ins Gesicht bekommen hatte sowie mehrere Stagediver-Fusstritte im Hinterkopf und durchgeschwitzte Klamotten hatten sich gelohnt – ich war glücklich!!!

Rammstein und Heino

Rammstein und Heino

Bei der Zugabe holten Rammstein tatsächlich noch Heino auf die Bühne – das Gerücht bestätigte sich. Ich fand’s gut, hab ich Heino wenigstens auch mal live gesehen ;). Der kleine Blonde im roten Mantel wirkte verloren gegen die Rammsteiner, aber er sang tapfer seine zwei Strophen von „Sonne“ mit vergleichsweise schwacher Stimme. So schnell wie er gekommen war, war er auch verschwunden, bevor Till Lindemann sich zu einem fulminanten Abschluss des Konzerts auf die fahrende, riesige Peniskanone schwang und das Publikum berieselte. Danach bedankten sich Rammstein mehrfach, dass sie „hier sein durften“ – was ihnen wohl keiner der Metaller übel genommen hat. 😉
Noch in der Nacht lichteten sich die Zeltplätze – viele waren offensichtlich nur wegen Rammstein aufs Wacken gefahren.

Lemmy ohne Hut - gezeichnet von <a href="http://www.timeckhorst.com/">Tim Eckhorst</a> auf Metal(l)platte

Lemmy ohne Hut – gezeichnet von Tim Eckhorst auf eine Metal(l)platte

Headliner am Freitag gab es für uns eigentlich nur einen: Motörhead. Das Kultobjekt Lemmy wollte ich unbedingt mal live sehen. Die Anzahl der Motörhead-Shirts überstieg an diesem Tag fast die der Wacken-Shirts. In Erinnerung ist mir die pfälzische Shört-Variante des Motörhead-Slogans „Everything louder than everything else“ geblieben – stattdessen stand da aufm Rücken: Alles lauter als wie alles annere. 😆

Kurz bevor es losging bedauerte r@zorbla.de noch, dass er seine Gummi-Warzen vergessen habe. Lemmy hatte aber seine echten dabei, als er die Bühne betrat und mit dem üblichen Spruch „We are Motörhead and we play Rock’n’Roll“ eröffnete. Auch wenn er eigentlich gar nicht hier sein dürfte, denn Motörhead hatten alle Konzerte für 2013 abgesagt, weil Lemmy nach einer Herzschrittmacher-Implantation noch nicht fit genug war. Einzige Ausnahme: die jährliche Metalsause in Wacken!

Die „Bühnendeko“ bestand nur aus Bassboxen. Typisch Motörhead. Everything louder than und so. Doch sie spielten nur 6 Songs und dann verließ Lemmy mit einem knappen „bye“ unerwartet die Bühne. Es dauerte etwas, bis danach ein „Sprecher“ auf die Bühne kam und 4 Sätze sprach, wovon ich nur den dritten komplett verstand: „Wir sind froh, dass sie überhaupt gekommen sind.“ Vom 4. Satz verstand ich nur das Wort „Gesundheit“ – offensichtlich ging es um die von Lemmy und die war auch den Fans wichtiger, welche danach mehr besorgt als betrübt von dannen schlappten. Wie man liest, hat Lemmy vor allem die Hitze auf der Bühne zugesetzt – mittlerweile isser aber wieder fit. Jackie trinken geht sicher schon wieder ;).

Alice Cooper Gruselrocker coming soon!

Alice Cooper Gruselrocker coming soon!

Headliner am Samstag war definitiv Horror-Rock-Master himself: Alice Cooper. Für mich eigentlich DER Grund für Wacken 2013. Ich liebe Alice schon seit Teenie-Tagen auf Musikkassette. Ich wollte ihn ganz nah 🙂 und blieb in Bühnennähe, auf der zuvor noch Danzig spielten. Leider war Sänger Glenn Danzig noch immer kein bisschen sympathisch oder beeindruckend und so wertete ich seine Show derweil mit dem Verzehr von Rum-Cola und Asia-Nudeln auf.

Coopers most sexy Vamp(ire)

Coopers most sexy Vamp(ire)

Dann. endlich. Alice Cooper. Mein Masterplan ging auf – ich stand in der 10. Reihe. Es dauerte eine Weile bis der Vorhang zu seiner Rocky Horror Music Show fiel und die wunderbar trashige Bühnendeko freilegte. Aufgespießte Köpfe, Schädel und Gebein, Monsterfratzen… so hab ich es gern! Dazu seine jungen Band-„Ghoulies“, die perfekt passten und spielten!

wacken-alice-cooper-2013Alice Cooper zelebrierte seine Gruseloper auf der Bühne wunderbar oldschool nach Gentleman-Art – ganz ohne „fuck you“, von dem die heutigen Bands denken, das mache sie cool. Das hat er gar nicht mehr nötig – he’s dead cool. Egal in welchem seiner Outfits, das er nach jedem Song wechselte (seine Klamotten könnten mal ohne Umwege in meinen Kleiderschrank wandern *hach*)! Während seiner rammsteinartig durchchoreographierten Show (nur eben ganz anders) gelangte er von den Lebenden zu den Toten und zurück („Feed my Frankenstein“). Oder er befreite sich bei „The Ballad of Dwight Fry“ aus einer Zwangsjacke und ermordet seine Krankenschwester, schleuderte Geldnoten ins Publikum zu „Billion Dollar Babies“ und Perlenketten zu „Dirty Diamonds“. Zudem integrierte er nahtlos ins Programm eigene Versionen berühmter Songs seiner verstorbenen Freunde, mit denen er vor 40 Jahren noch jeden Abend zusammen getrunken hat: „Break On Through“ für Jim Morrison, „Revolution“ für John Lennon, „Foxy Lady“ für Jimy Hendrix und „My Generation“ für Keith Moon (The Who). Für jeden toten Freund wird auf die Bühnenrückwand ein Grabstein projiziert. Ein Platz ist noch frei… Doch Alice Cooper ist zum Glück alive’n’kickin, in totaler Bestform mit seinen 65, denn er hat schon vor mehr als 22 Jahren den Absprung geschafft vom Alkohol. Auf Wacken hab ich einige Ältere auf der Bühne gesehen, aber Alice machte mal von allen den fidelsten und sowieso besten Eindruck.

wacken-2013-alice-cooper-buehnendekoKurz vor Schluss kommt „Poison“, bei dem ich gedacht hätte, er lässt es das Publikum alleine singen – das hätte gut geklappt. Aber unsere Stimmen sind erst gefragt bei der Zugabe: einem gelungenen Mix aus „School‘s out“ und Pink Floyds „Another Brick in the Wall“. Dazu steigen etwas unerwartet ungruftig große bunte Luftballons von der Bühne auf und die letzten Stagediver (bei Alice überdurchschnittlich viele Frauen!) lassen sich noch schnell nach vorn durchreichen… Ein grandioser Wacken-Konzert-Abschluss – ich war tothappy :).

Stagediving in Wacken bei Alice Cooper - sie kam sogar 2x bei mir vorbei...

Stagediving in Wacken bei Alice Cooper – sie kam sogar 2x bei mir vorbei…

Auf Wacken rumhacken…

…ja, das lässt sich gut. Ein so riesiges Festival mit vielen ‚Touristen‘, Trittbrettmetallern und mit Besuchern, die selbst in Metallerkreisen als „Ballermann-Publikum“ verschrien sind, bietet da auch genügend Angriffsfläche. Und wie ich überhaupt als Gothic dahin fahren kann? Auf so ein Kommerzfestival mit Haufen besoffenen Bekloppten?! Punktabzug für Shan Dark.

Hier gab es rohes Fleisch :D

Hier gab es rohes Fleisch 😀

Aber ach, der Kommerz! Ich habe es nicht als schlimm empfunden. Natürlich gibt es bei knapp 80.000 Besuchern mehr zu holen und somit mehr kommerzielle Angebote als bei 20.000 WGT-Goten. Bei dieser schieren Masse habe ich auch Verständnis, dass nicht mehr wie in den Anfangstagen selbstgebaute Bühnen existieren und die Bierleitungen der örtlichen Wacken-Dorfkneipe angezapft werden. WACKEN ist heute eine riesige Eventmaschine mit knallhart durchgezogenem „Wacken“-Merchandise bis hin zum steifen Wacken-Nacken. ABER: Es wird von den Besuchern angenommen – vor allem die Wacken-Shirts! – und DAS ist letztendlich das Entscheidende. Event-Organisation und Festivalpromotion sind in meinen (Marketing-)Augen höchst professionell gemacht und genau auf die Zwölf der Zielgruppe. Es gibt viele sehr gute Gratis-Angebote wie Wacken App, Wacken-Radio etc. (wollen auch bezahlt werden) und kostenpflichtigen Schnickschnack, den man aber nicht unbedingt haben muss, wie z.B. die Wacken-FanMail-Adresse (z.B. schwerer_hammer@wacken.de 😆 ) oder eine Festival-Zeitung. Die Erlöse von Beiden gehen allerdings auch zugunsten der Wacken Foundation, eine „anerkannte gemeinnützige Stiftung, die sich der Förderung von Hard- und Heavy-Metal-Musik verschrieben hat.“ Also es bleibt alles in der (Metal-)Familie.

Als Shirt zu kaufen bei Yatego

Als Shirt zu kaufen bei Yatego

Sicher war das ‚früher‘ bei den ersten Wacken-Festivals mal anders. Aber früher war eh alles besser – darüber wird in jeder Szene lamentiert und wohl auch bei jedem Szenefestival. Dafür ist heute für alles gesorgt – ich vergleiche mit Eindhoven/Dynamo! Es gibt sogar Handy-Aufladestationen (Electric Hotel) und im Bühnenbereich richtig gute Toiletten. Auf den Zeltplatzfeldern hätten es zwar gern noch 1-2 Dixie-Rudels mehr sein können und auch insgesamt noch 2-3 Duschparks mehr, aber sonst alles prima. Der „Umweltservice“ und die Leute, die da am Wochenende die Drecksarbeit machen oder mit Trash-Mobilen herumfahren wollen auch bezahlt sein.

Vielleicht ist der Preis von 2,50 € fürs Duschen etwas hoch, wenn man dann noch nicht mal eine eigene Duschkabine dafür kriegt. Aber „Duschen ist kein Heavy Metal“ – wie wir gelernt haben.

tim-maelzer-pizza-wackenDie Preise für Getränke & Essen liegen wie bei anderen (Gothic-)Festivals auch und das Essen ist much much better als z.B. beim Amphi. Eher auf dem Niveau des WGT. Es gibt sogar einen Tim Mälzer-Pizzastand – wer’s braucht (OK, doch Kommerz :P). Selbst vegan food habe ich gesehen, dabei hatte ich doch erwartet, dass die Metaller alles urige, grobgehobelte Fleischfresser sind. Ach, Vorurteile! Den Preis von 150 € für das Ticket halte ich ebenfalls für angemessen bei 134 Bands, inkl. Campingplatz und coolem Welcome Bag (da steckte ordentlich was drin!). So what?

WACKEN : WGT  –  Metal : Goth

Das kann man gar nicht vergleichen – darf man vielleicht auch nicht. Trotzdem und ohne es zu wollen, verglich ich innerlich – sowohl die Festivals als auch die Szenen. Ich kenne ja beides gut und oft dachte ich: DAS würde es bei den Grufties nicht geben! oder seltener auch mal: Schade, dass es bei uns nicht so ist!

Sympathieträger: Allgemein sind die meisten Metaller offener und freundlicher untereinander als Grufties, die zu oft in ihrer elitär-individuellen Abgrenzung gefangen sind (auch innerhalb der Szene) und darüber häufig das Lockersein und den Spaß an der Sache vergessen. Hauptsache das Korsett sitzt, ob ich dann noch lachen oder sprechen kann, ist ja egal. Nicht so der Metaller. Mit ihm kommt man leicht ins Gespräch, er ist direkt (kann besonders bei Komplimenten angenehm sein) und Viele haben ein Gemüt wie ein Bär. Diesen ungezwungenen, dünkelfreien Umgang miteinander mochte ich schon immer gern und konnte ich auch beim Wacken wieder feststellen.

Toleranz und Ignoranz: Jedem Tierchen sein Pläsierchen – darauf ein Bierchen! So geht der eingefleischte Metaller mit Vielem um, was er nicht ernst nehmen kann oder will. Seien es die Nu-Metal-Anhänger, Jungspunde, Festival-Touristen, Spinner in rosa Plüsch, Ritter in Alufolie oder Gothic & Rockabilly Chicks – entweder tolerieren oder ignorieren. Die Toleranz geht dabei wohl noch ein Stück weiter als ich zunächst erwartet hatte. Bestrebungen a la „Halte Deine Szene sauber“ wie bei uns gibt es hier eher nicht (vielleicht in Metalforen?). Wie sonst können aus ehemals 800 Wacken-Besuchern 80.000 werden und trotzdem fahren viele True Metaller jedes Jahr dahin? Würdet ihr noch zum WGT fahren, wenn da plötzlich 80.000 Besucher in Leipzig wären, von denen die Trittbrettfahrer, Touristen und Normalos vermutlich die Hälfte der Besucher ausmachen? Es gibt einige Metaller in meinem Freundeskreis, für die Wacken deshalb nicht in Frage kommt – ich kann’s verstehen.

Spielereien und Wettbewerbe: Ich habe den Eindruck, dass viele Wacken-Besucher auf infantile Spielereien und Blödeleien stehen. Einer saß auf unserem Weg zur Dusche am Wegesrand und wollte eine komplette Klorolle mit Unterschriften vollkriegen. Vielleicht damit er nachts was zu lesen hat aufm Klo („als Andenken“ war die offizielle Sprachregelung „is doch witzig“).  🙄  Brav aber doof fand ich auch das Pfahlsitzen, bei dem man im Vergleich zu Vlad Draculs Zeiten auf 2,5m hohen Wellness-Pfählen 6 Stunden lang sitzen musste. Alle 2 Stunden durfte man für 10min Pause oder Pipi machen und konnte ansonsten von da oben über das gesamte Festivalgelände schauen. Wer die 6 Stunden schaffte, bekam ein Wacken-VIP-Upgrade (keine Ahnung, was das beinhaltete).  So Sachen halt. Gibts bei den Gothics oder auf dem WGT nicht, da würde wohl auch keiner mitmachen (wobei das ist das, was ich denke…).

Wellness-Pfahlsitzen

Wellness-Pfahlsitzen

 

Alkohol und Saufen: Ja, das ist schon der Hammer, wie sich die meisten da zulöten. Dieses Harte-Männer-Getue und Gesaufe, bei dem auch manche Metalbraut unbedingt meint mithalten zu müssen, geht mir echt ab. Metaller können sich einfach nicht stilvoll betrinken! Einige fahren wohl vor allem zum ungehemmten Saufen aufs Wacken. Was mancher dann im Delirium so von sich gibt (Gelaber oder Gaber) oder macht kann man nur quittieren mit: Braucht man dafür Alkohol oder geht das auch ohne?

Der war durch und suchte sich ein Schlammloch zum Suhlen

Der war durch und suchte sich ein Schlammloch zum Suhlen

 

Gruppendinger und T-Shörts: Während in der Gothic Szene jeder so individuell wie nur möglich daherkommen möchte und es beim WGT ein Zeichen von mangelndem Einfallsfleiß oder schlechter Vorbereitung ist, wenn jemand das selbe Kleidungsstück oder Outfit anhat, ist das bei den Metallern kein Problem. Es ist eher umgekehrt. Gemeinsame Kleidung stärkt das Zugehörigkeits- und Gruppengefühl. Trägst Du kein Wacken-Shirt (mit irgendeiner Jahreszahl seit 1990) ist das zumindest auffällig. Unvorstellbar beim WGT, wenn plötzlich jeder zweite ein WGT-Shirt, was es ja auch zu kaufen gibt, anhätte!! U-n-v-o-r-s-t-e-l-l-b-a-r. Doch wer hier kein Wacken-Shört trägt, der hat entweder ein Band-Shirt oder ein blödbespruchtes Shirt an. Hier meine gesammelten Favoriten für den unvermeidlichen Wacken-(Worst-)-Spruch-Shirt-Contest:

Dein Hardcore ist mein Mainstream.

Wer sonntags scheiße aussieht hatte ein tolles Wochenende.

Dead girls don’t say no. („yes“ aber eben auch nicht…)

Fairerweise muss man aber dazusagen: Auf Mera Luna, Amphi & Co. sieht man auch genügend Menschen mit dummen Sprüche-Shirts. Das ist kein Phänomen der Metalszene sondern Geschmackssache. Typisch für Wacken ist nur dieses Wacken-Shirt-Ding, was mich wirklich beeindruckt hat – von dem ich aber froh bin, dass es das beim WGT nicht gibt. Das Festival wäre gleich viel langweiliger. Aber die Metaller legen eh nicht so wert auf die Optik. Hier geht man eher praktisch an die Sache heran.

wacken-pommesgabel-mit-hut

Pommesgabel mit Hut

Alt werden: Das kann man in der Metalszene offensichtlich genauso gut wie in der schwarzen Szene. Oft sah ich ganze Familien mit kleinen Kindern. Ich lernte Väter kennen, die mit ihren halbstarken Söhnen oder Töchtern auf Wacken waren. Party für die ganze Familie. Ich sags ja immer: Mit guter Musik lässt sich gut alt werden und gleichzeitig jung bleiben.

Mittelalter-Faszination: Warum auch immer – aber ich vermute wegen der rauhen Sitten und des fließenden Alkohols – Metaller mögen wie viele Gothics das Mittelalter. In Wacken repräsentiert durch das „Wackinger Village“, was durchaus ein angenehmer Aufenthaltsort zum Chillen & Sitzen für zwischendurch war. Vor allem sehr weitläufig (keine engen Gassen zwischen den Buden) und immer war irgendwo was los zur Belustigung oder es spielte wer auf der Village-Stage.

Gibt es für Schuhe eine Abwackprämie? Links: r@zorbla.de Rechts: meine (die ich zurückließ)

Gibt es für Schuhe eine Abwackprämie? Links: r@zorbla.de Rechts: meine (die ich zurückließ)

Ganzjährige Vorbereitung: Als Goth bereitet man sich exzessiv auf das nächste WGT vor – es wird Monate vorher genäht, eBay nach Pikes überwacht, Schminkvariationen ausprobiert… ähnlich ist das bei den Wacken-Besuchern – nur ohne Schminke. Da werden eher Blödeleien ausgeheckt, Gruppen-Shirts gedruckt, Gummipuppen gesammelt und Soundanlagen präpariert, alte Sofas & Sessel 😡 in der Garage gehortet die dann – wie auch immer – mit aufs Wacken genommen werden – natürlich stilecht in einem mit Klebeband zum W:O:A-Mobil umfunktionierten Auto oder Camper.

Wohlstandsmüll: Was einige (und leider nicht wenige) degenerierte Festivalbesucher hier anschleppen (wie eben auch sehr oft Sofas und Sessel – WTF??) und dann den Veranstaltern hinterlassen ist eine Sauerei! Ich wage zu behaupten, dass die Grufties da umweltbewusster sind (wobei ich beim WGT noch nie gezeltet habe und nicht weiß, wie der Zeltplatz nach Verlassen am Dienstag aussieht). Die Wacken-Orga tut jedenfalls viel gegen den Müll und um das Bewusstsein für „Holy Wacken Land“ zu schärfen – immerhin sind die Weiden für die restlichen 360 Tage des Jahres wieder Acker oder gar Viehweide. Täglich fahren Trash Mobile durch die Zeltreihen, bei denen man seine vollen Mülltüten abgeben kann und die gleichzeitig morgens einen ungeliebten Wecker mit ihrer Ankündigungs-Musik spielen, mit „Guten Morgen, Guten Morgen, Guten Morgen Sonnenschein…“ zum Beispiel. Ich verstehe nicht, warum man seinen Zeltplatz dann so „aso-siffig“ wieder verlassen muss – zumal auch kostenfrei Mülltüten ausgegeben werden. Aber ist wohl wieder so ein Gruppending, bei dem aber die Gruppendynamik ausbleibt und wenn nicht alle mitziehen, dann macht es keiner. Jedenfalls war das Gelände und manche Zeltburgen bei unserer Ankunft am Mittwoch abend (!) schon derart zugemüllt, dass man hätte meinen können: Wacken ist schon vorbei!

wacken-muell

International guests: Mich sprach ein Typ aus Guatemala an, der schon das 5. Mal auf Wacken war… muss ich mehr sagen? Schön, diese internationale Familie. Wie das WGT ist auch das Wacken das größte Festival der Szene.

Fazit: Wacken hat mich positiv überrascht. Ich würde es sogar wieder tun – aber nur wenn die absoluten Hammerbands da wären. Das bisher angekündigte Line-up für das 25. WACKEN 2014 reizt mich nicht, und selbst wenn: es war innerhalb von 43 Stunden ausverkauft. Holy Shit!

 

Danke an meine Begleitung Margot für ein paar textliche Inspirationen in diesem Beitrag.

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4 Responses to Wahnsinn auf Weiden – Wacken 2013

  1. Krähe 27. August 2013 zu 21:25 #

    Wie du warst auch auf Wacken.. Da habe ich schon so viele getroffen wo ich kannte, aber ihr lauf mir nicht über den Weg.

    Also muss schon sagen eine wirklich gute Beschreibung von Wacken. Aber was das Saufen angeht sind die Leute auf dem Mera Luna fast genauso schlimm, nur das dort die Leute erst anfingen zu saufen wenn die Nacht hereingebrochen war und nicht wie die Wackener schon morgens beim aufstehen angefangen haben. =)

    Bei Alice Cooper stand ich in der 6. Reihe und er war wirklich der Wahre Headliner von Wacken. Habe bei seinem Konzert sogar ein Plektrum gefangen.

    Liebe Grüße die Krähe

  2. Pooly 28. August 2013 zu 17:15 #

    Toller Bericht!

    Ich kann mich noch an das Dynamo 1995 erinnern… ich glaube das war einmalig.
    http://www.youtube.com/watch?v=ob5ZvH9NRmk

    Ich bin auch mit Metal groß geworden und höre immer noch recht häufig Metal, wobei mir dieser „klassische“ Metal nicht so zusagt. Außer Maiden, die sind einfach unantastbar.
    Dieser „typische“ Metaller war ich nie.
    Den lockeren Umgang kann ich wiederum bestätigen, mal auf die Schnelle ein Bier mit „Fremden“ und einen kleinen Plausch halten.

    Was das Lineup angeht.
    Danzig habe ich in den 90ern 2x gesehen und musste immer wieder feststellen, dass diese „Band“ nicht so der Bringer ist. Glenn Danzig wird auch älter und dieses Gepose ist lächerlich, war es aber auch schon früher. Danzig I bis IV sind klasse Alben, alles danach ist nicht mehr erwähnenswert.

    Und was der Vergleich zwischen den Szenen angeht… dazu kann ich auch nicht sagen. Ich selber war nie in irgend einer „Szene“, ich mag es lieber gemischter als unter seines Gleichen zu sein 😉

  3. Shan Dark 28. August 2013 zu 23:49 #

    @Krähe: Das gibt’s doch gar nicht!! Ich ärgere mich, dass wir uns da nicht gesehen haben 🙁 – hab mich kürzlich erst noch nach Dir erkundigt. Echt schade, das hätte ein schönes Wiedersehen gegeben. Aber wie gesagt: bei mir war es sehr kurzfristig entschieden, von langer Hand geplant hätten wir da vllt. eher ein Treffen vereinbaren können.

    Schön, dass Du Alice Cooper auch so toll fandst – und dann noch 6. Reihe und ein Plektrum! Etwa von der hübschen blonden Vamp(frau)??

    @Pooly: Danke – auch für das coole Video von Biohazard, den Song hab ich GELIEBT früher! Dynamo war an sich schon klasse, aber die Orga und alles war suboptimal. Zumindest verglichen mit Wacken, von dem ich eine ähnliche Apokalypse erwartet habe, die dann aber ausblieb. Tja, die Deutschen und Organisation, das können wir immer noch am besten! (Tatsache, ich habe einige europäische Beweise dafür.)

    Ja Du hast recht: Danzig sind lächerlich. Aber er zieht dieses Ding immer noch durch. Anhören konnte man sich die ersten Alben wirklich, das sehe ich genauso. Nur hingucken durfte man nicht. Der war ja auch mal wg. Satanismus und so verschrien, wobei ich aber damals schon annahm, dass das nur der Vermarktung seiner Band dienen sollte.

    Gutes Argument, Pooly, für das NICHT-in-einer-Szene sein. Ich schaue ja auch gern mal über den Tellerrand hinaus. Aber letztendlich genieße ich die schwarze Szene schon als Platz zum Wohlfühlen unter ‚meinesgleichen‘.

  4. Wotan 7. September 2013 zu 11:55 #

    Wow! Wack für ein Bericht. Auf Rammstein live und Alice Cooper bin ich neidisch, auf alles andere nicht. Vielleicht werde ich langsam alt, aber Menschenmassen brauch ich einfach nicht. Vor Jahren hätte es mich beinah nach Wacken verschlagen, aber als mein Kumpel dann mit einem blühenden Veilchen wiederkam, ein Stagediver hatte ihm ins Antlitz getreten, war ich froh, mich gedrückt zu haben.

    Alice hab ich 1990 im Saarland live gesehen. Auf seiner Trash-Tour. Unvergeßlich 🙂

    Dann lieber Völkerball in den DVD- Player schieben oder sich Dark Shadows ansehen und sich auf Alice freuen…und Eva Green…ja…ich schweife ab…

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