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Vinylophil

Happy Record Store Day!

Immer am 3. Samstag im April ist der „Tag des Plattenladens“. Der Record Store Day wurde 2007 von Indie-Labels in den USA ins Leben gerufen, die mit exklusiven Releases anlässlich dieses Tages Musikliebhaber in die kleinen Plattenläden ziehen wollten. Zusätzlich finden am Record Store Day Konzerte und Parties oder Listening Sessions in Plattenläden statt. Seit 2012 gibt es auch einen #rsdgermany. Im vergangenen Jahr nahmen über 190 Plattenläden in Deutschland, Österreich und der Schweiz daran teil, dabei kamen 489 exklusive Releases und über 100 Plattenladen-Konzerte und Parties zusammen.

Hach, Schallplatten. Schon allein das Wort finde ich schön – es hat genau so einen wunderbaren Klang wie die Musik von diesem Tonträger selbst. Schallplatten verströmen Nostalgie und sind pure Musikzeremonie: die Platte aus dem Regal holen, dann aus der Schutzhülle, das Cover betrachten, nun die eigentliche Schallplatte herausziehen und vorsichtig aus dem Innen-Sleeve gleiten lassen, spätestens jetzt den Deckel des Schallplattenspielers öffnen, Platte auflegen, Tonarm anheben und dann die Nadel vorsichtig auf die Platte absenken und aufsetzen, was die Membrane in den Boxen direkt zum Schwingen bringt. Sogleich durchzieht ein wohliges Knistern mit einem satten, warmen Klang den Raum. Schallplatten sind etwas für Musikgenießer und Liebhaber, die sich für Töne Zeit nehmen. Eine mp3-Datei ist dagegen kein solches Erlebnis – weder haptisch noch vom Sound her. Sie ist nur praktischer.

Manche Record Stores sind kreativ und versenden Schallplatten mit passendem Klebeband :D

Manche Record Stores sind kreativ und versenden Schallplatten mit passendem Klebeband 😀

 

Die Schallplatte so wie wir sie kennen gibt es seit 1948. Ihr Vorläufer, die Schellackplatte, wurde Ende des 19. Jahrhunderts vom deutsch-amerikanischen Erfinder und Industriellen Emil Berliner entwickelt. Anfang der 1940er Jahre forcierte man wegen der Schellackverknappung während des Zweiten Weltkrieges die Verwendung von Vinyl für Schallplatten und arbeitete an entsprechend neuen Produktionsverfahren. Vinyl ging im Vergleich zu Schellack auch nicht so schnell kaputt, die Scheiben hatten weniger Störgeräusche und eine längere Laufzeit.

Plattenliebhaber unter sich - beim BIMfest in Belgien

Plattenliebhaber unter sich – beim BIMfest in Belgien

 

Schallplatten hatten fast 40 Jahre keine ernstzunehmende Konkurrenz. Erst als Anfang der 80er als neuer Liebling der Musikindustrie die CD mit ihren geringen Produktionskosten und somit höheren Margen im Verkauf kam, verlor die Platte nach und nach an Bedeutung und Marktanteil. Auch das Gros meiner Musiksammlung befindet sich auf CD, weil ich einfach in dieser Zeit mit Musik erwachsen wurde und alles eine Frage der Kohle war. Platten kaufte ich nur selten, aber ich erinnere mich noch an meine erste Schallplatte – ich kaufte sie mir nach meinem ersten Konzert: Prince – Purple Rain. 🙂

Meine wertvollste Platte mit Autogramm

Meine wertvollste Platte mit Autogramm

Meine erste Platte

Meine erste Platte

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In Deutschland überrundete die CD 1989 erstmals die Plattenverkäufe. Die 90er Jahre waren bitter für die Plattenliebhaber, es gab nur wenige neue Pressungen oder Nachpressungen – kurzzeitig schien die Klangscheibe wirklich tot zu sein. Hersteller verkauften ihre Maschinen, ein paar wenige – aus heutiger Sicht Schlaue – motteten sie ein. Hochgehalten wurde die Schallplatte nur von DJs in der HipHop-Szene, im Techno und Drum’n’Bass – weil man nur mit ihr so herrlich und ehrlich mixen und scratchen konnte. Erst mit den Hipstern und der Vintage-/Retrowelle in den letzten 3-4 Jahren ist die Schallplatte wieder beliebter und eben ‚hip‘ geworden. Seitdem verzeichnet sie auch Absatz- und Umsatzzuwächse. 2013 stiegen die Vinyl-Umsätze um 40%, 2014 um knapp 30% gegenüber dem Vorjahr – das bedeutet ca. 400.000 Platten mehr. Insgesamt reden wir hier aber gerade mal von 1,8 Mio verkauften Schallplatten 2014 in Deutschland – was heute nur noch 2,6% des Musikmarktes ausmacht.[1] Doch Platten sind nicht nur was für die ältere Generation, denn gut 42% aller deutschen Vinylkäufer sind jünger als 40 Jahre – und fast 20% sogar nicht älter als 29.[2]

Warum eine Schallplatte?

Ich finde sie schon optisch einen Genuss. Man hat ein großes Cover, manchmal sogar ein aufwendig gestaltetes gatefold Cover (zum Aufklappen). Zusätzlich zum Musikgenuss gibt es also was zu sehen und zum Anfassen. Man kann sie auch sehr gut zur Dekoration verwenden. Schallplatten sind, wenn man sie würdevoll und vorsichtig behandelt, extrem haltbar und vergehen nicht – meine Schallplatten überleben mich, es sei denn ich nehme sie mit als Grabbeigabe. Außerdem verbindet man mit Schallplatten meist eine Geschichte, also mit dem Tonträger an sich, nicht nur mit der Musik. Auf Reisen gehen wir grundsätzlich in jeden Plattenladen, den wir entdecken, es sind schöne Schallplattengeschichten dadurch entstanden. Zudem sind sie was für echte Sammler – es gibt meist nur geringe Auflagen von den raren Schätzchen, die nicht reproduzierbar sind. Nach denen man jahrelang umherjagt. Aber das ist eigentlich das Wichtigste: Schallplatten haben einfach den fettesten Sound aller Tonträger!

Artenvielfalt bei Schallplatten

Das schwarze Gold ist etwas ganz Besonderes – auch in seinem Artenreichtum. Die wichtigsten „Arten“ möchte ich vor allem den Jüngeren unter euch oder denen, die sich noch nicht so vom Plattenfieber haben anstecken lassen, mal vorstellen – vielleicht bekommt ihr ja Lust darauf. Alle im folgenden gezeigten Platten stammen aus der über 1.200 Platten umfassenden Sammlung meines Freundes M.Synthetic. Zuhause bei uns gibt es also stets die angemessene Beschallung. 🙂

1. „Pictures“ – Neben den normalen schwarzen Platten gibt es faszinierende Schallplatten mit Bildern darauf. Eigentlich viel zu schade um in einer Hülle im Schrank zu stehen.

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2. Marbles und Colored Vinyl – bunte Schallplatten – farbiges Vinyl

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3. Schallfolien – wurden früher meist für Promotion verwendet und lagen häufig Magazinen bei. An die kleinen, bunten Vertreter im Mini-Format kann ich mich aus Kinderzeiten auch noch erinnern. (Danke für Rille an r@zorbla.de)

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4. Dicke und dünne Pressungen, also dünnere mit 100-120g und dickere Schallplatten, die 180 oder 200g wiegen. Die Klangqualität ist nicht besser, aber die dickeren sind weniger verwellungsempfindlich, also stabiler.

Dann gibt es noch Kuriositäten, die sich hier schlecht darstellen lassen – es gibt Schallplatten, die sind einfach „besonders“ hergestellt. Manche laufen nicht von außen nach innen, sondern von innen nach außen. Andere haben sehr breite Rillen, so dass der Tonabnehmer an einer bestimmten Stelle des Liedes kurz mal 3 cm nach innen fährt. Mit Platten geht einfach immer was!

 

Lesenswertes über Vinyl

Video: Kultobjekt Schallplatte (Teil 2) von „Abenteuer Leben“ – sehr interessant, hier wird u.a. die Herstellung gezeigt, die schon fast prähistorisch anmutet, und beinahe ausgestorbene Berufe wie der „Mutterstecher“ 🙂

Die Entwicklung der Schallplatte – einer der besten Wikipedia-Artikel

Wie man früher an Musik kam – ODER: Von Plattentouristen und Musikjägern

Liste aller Plattenläden zum Record Store Day 2015

 

Lasst es also knistern und legt mal wieder die erste Platte auf, die ihr euch gekauft habt. Wisst ihr noch, welche es war? Habt ihr eine interessante Schallplattengeschichte zu erzählen? Verratet sie mir bitte. 🙂

teilnahmebedingungen

 

4.00 avg. rating (85% score) - 1 vote
  1. [1]Record Store Day 2015 – laut.de
  2. [2]TV Spielfilm 03/2015

Einfach Dranbleiben!

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9 Responses to Vinylophil

  1. Marcus 18. April 2015 zu 23:49 #

    Obwohl ich die bessere Klangqualität selbst nicht bestätigen kann, ist die Begeisterung für Vinyl doch sehr gut nachvollziehbar. Die Geschichten, die man mit den Platten verbindet ebenso wie die teils kunstvolle Gestaltung machen sie zu etwas Besonderen. Wenngleich ich nur noch selten zu Vinyl greife, mochte ich mich deshalb bisher von keiner Platte trennen.

    Was die Frage nach der ersten gekauften Platte betrifft, lässt mich mein Gedächtnis im Stich. Es könnte die Maxi „Wild Boys“ von „Duran Duran“ gewesen sein, die auch sogleich den Weg auf den Plattenteller fand, um die fast 8-minütige Version nach langer Zeit wieder einmal anzuhören. So ein Blick in die eigene Plattensammlung ruft nostalgische Gefühle hervor, wie ich feststellen durfte: http://www.mr-bilderwelten.de/blog/schwarzes-vinyl

  2. Andreas 19. April 2015 zu 02:53 #

    Ein sehr wichtiger Beitrag, wie ich finde. Die Schallplatte (ja, der Name ist zauberhaft) stellt den Konsum auf den Kopf. Hier ist die Schnelllebigkeit, das Flüchtige der Zelebration gewichen. Doch eines hast Du trotz Deiner Biografie vergessen. Vinyl war während der 90er nicht nur Refugium vom Hip Hop. Auch im Metal war die Schallplatte trotz Totsagung immer ein wichtiger Tonträger. Wer Stil hatte, hatte immer Vinyl. Auch ich selbst habe mittlerweile, auch wenn ohne Intention, unersetzbare Sammlerstück, die mich auf ebay heutzutage reich machen könnten. Aber ich halte es so wie Du: sie werden meine Grabbeigabe. 🙂

  3. Seele 19. April 2015 zu 13:30 #

    halli hallo

    die gute Schallplatte 🙂
    wie ich sie liebe. habe zwar keine 1200 stück, aber ein paar sind das schon.
    wenn ich an die zeit zurück denke wo ich noch dj war, kommt ein gefühl hoch, wie schön es war. welche platte ich mir als erstes gekauft habe, weiß ich nicht mehr. mein kopf ist da nicht mehr so fit 🙂 dann werde ich jetzt mal the doors auf platte hören 🙂

    mfg seele

  4. Shan Dark 26. April 2015 zu 15:12 #

    Freue mich sehr, wenn ich mit dem Artikel etwas zur Reminiszenz an vergangene Zeiten und zum erneuten Auflegen einer (vieler?) Platten beitragen konnte.

    @Andreas, das haste schön gesagt, dass die Schallplatte den Konsum auf den Kopf stellt! Absolut antizyklisch wirtschaftliche Entwicklung und bleibt doch hartnäckig am Markt seit so vielen Jahrzehnten. Als Nostalgikerin hoffe ich nur, dass sie mit der jüngeren Generation nicht aussterben wird, aber da geben mir die aktuellen Zahlen zum Alter der Vinyl-Käufer gut Hoffnung.
    Metal hatte ich deshalb nicht erwähnt, weil ich nicht weiß, ob es in dieser Szene auch nachfragewirksam war – so wie ich hier bei HipHop und Techno von ausgehe. Dort ist die Schallplatte sozusagen ’szene-immanent‘ – was bei Metal mMn nicht so ist. Oder? Ich lasse mich da aber auch vom Gegenteil überzeugen. 🙂

    @Marcus: Obwohl ich die bessere Klangqualität selbst nicht bestätigen kann… Also nach Deinem nächsten Besuch bei uns wirst Du das anders sehen! Wir machen dann mal eine Vergleichsreihe mit entsprechendem Soundvolumen zwischen Platte, CD und mp3. Zwischen CD und Platte sind die Unterschiede sehr sehr gering, das stimmt, aber zwischen Platte und mp3 sehr gut hörbar. Das liegt allein schon daran, dass früher eben mit analogen Geräten aufgenommen wurde und der Master für die Platten daraus erstellt wurde. Analog erfüllt den Raum, digital am Computer hergestellte Sounds bleiben immer wie in einem Tunnel und breiten sich in ihrer Frequenz nicht über den Raum aus, quasi nicht ‚Dolby Surround‘ 🙂 . Heute werden leider auch mp3 als Master für Platten geliefert (ich kenne jemanden bei einem Label, der kriegt da immer nen Föhn!)… da kann man es dann eigentlich auch lassen mit Vinyl (auch wenn es schöner aussieht und man was zum Anfassen hat).

  5. Pooly 26. April 2015 zu 17:13 #

    Welche Erinnerungen ich an Vinyl habe?
    Zuerst fällt mir ein, dass ich als Kind zum Leidwesen meiner Eltern den „Dual“ Plattenspieler als Turntable missbraucht habe. Sämtliche Platten wurden so zerkratzt, anders herum gesehen habe ich damals Musik für mich entdeckt.

    Aus der Zeit ich habe mir die originale Platte des „Born To Be Wild“ Soundtrack gesichert. Später habe ich mir Vinyl von Alben zugelegt, die für mich eine ganz besondere Bedeutung haben wie z.B.: „Piece Of Mind“ von Iron Maiden oder „Electric Ladyland“ von Jimi Hendrix.

    Wobei ich gestehen muss, dass ich eher weniger der „Vinyl-Typ“ bin. Ich höre mir selten Platten komplett an, ich springe lieber von Song zu Song, ist wohl noch eine Macke aus der Kindheit (siehe Turntable). 😉

  6. Shan Dark 26. April 2015 zu 18:29 #

    @Pooly: Autsch’n, das hab ich mir mit den Platten meiner Eltern und dem daheim sehr hochheiligen Plattenspieler (ein Kompaktgerät von Sharp aus dem „Intershop“, also wo es so Sachen ausm Westen gab gegen Devisen-Geld) nie getraut. War auch gut so. Wie ich heute weiß, geht das mit dem Scratchen gar nicht mit jedem Plattenspieler. So richtig wohl nur mit den Technics 1210ern dank Direktantrieb, deren Produktion nun aber leider eingestellt wurde. Siehe auch diesen Artikel hier: http://www.spiegel.de/einestages/ende-eines-kult-plattenspielers-a-949172.html

  7. clerique noire 29. April 2015 zu 09:40 #

    Meine Musikerfahrungen begannen zwar in den 80ern aber , ich bin tatsächlich ein CD-Kind und habe nur die ca 30-50 Platten die bei meinen Eltern auf mich warten. Es ist nicht eine „coole“ Platte dabei sondern nur Klassik und Platten, die der musikalischen Ausbildung dienlich sind. Also habe ich keinen Plattenteller in der Wohnung und vermisse ihn auch nicht.
    Aber ich werde jetzt auch mal etwas Gutes (CD) bei mir ein-legen.

  8. doomed-forever 24. Juni 2015 zu 00:15 #

    Der 1210er Mk. II war ein DJ Arbeitsgerät par excellence, aber mit HighEnd oder HiFi hatte das Ding einfach nicht viel zu tun…dafür Direktantrieb…war jedenfalls total kein Vergleich gegen meinen Linn LP12 mit Akito Arm und AT OC-9 😉 Leider aus Kostengründen Ende der 90er verkauft. :-(( Meine 1. LP – Pink Floyd, The Dark Side Of The Moon, & Black Sabbath, Paranoid.

  9. Shan Dark 25. Juni 2015 zu 23:33 #

    Hi @doomed-forever, da haste recht, ein HighEnd Gerät ist der 1210er Technics nicht und auch wenn ich den Linn LP12 erst mal googeln musste – schickes Teil! Ich hoffe, Du hast ordentlich was für bekommen beim Verkauf.
    Schicke zwo erste Platten; guter Geschmack! 😉

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