R.I.P. – Der ewige HR Giger

Ich bin sehr traurig. Mein Lieblingskünstler der Gegenwart – er ist nicht mehr. Aber er hinterlässt Werke, die ewig sein werden. Für eine kleine Fangemeinde jedenfalls, die sein Werk etwas besser kennen und in ihm mehr sehen als nur den „Alien-Erfinder“. Giger ist immer so ein Gradmesser, an dem ich dunkle Seelen erkenne, wenn ich den Namen fallen lasse. Die Meisten schauen mich fragend an. Gi-wer?

Giger begleitet mich schon seit 20 Jahren. Ich hatte zwei seiner Bilder in meinem Studentenzimmer hängen, daran muss ich jetzt denken. Nämlich Gigers Hommage an die Toteninsel von Arnold Böcklin und „Li“. Ehrlich gesagt, wusste ich damals nicht viel über Giger. Ich fand die Bilder einfach schön und meine Freundin Ina bot sie mir an, als sie aus Leipzig wegzog. Ich natürlich sofort zugegriffen. „Li“ war für mich nie „Li“ sondern „die Medusa“. Ich wusste gar nicht wie das Bild heißt – nur das es von HR Giger war.

Li

Damals habe ich nur Metal gehört (kein Goth) und in der Szene war Giger ein Gott. Er gestaltete mehrere Plattencover (nicht nur) von Metal Bands, u.a. die von Celtic Frost „To Mega Therion“ (1985) und „Danzig III: How The Gods Kill“ (1992). Überall im Untergrund, wenn es um das Abgründige, Satanische, Düster-Provokative ging wurde stets gern zu Giger gegriffen. Er war nie etwas für die breite Masse. Nicht jedes seiner Werke hat mir gefallen, aber die Meisten. Ich finde es faszinierend, wenn man in Bildern oder Skulpturen viel entdecken kann – auch nach mehrmaligen Hinsehen und je nach Stimmung etwas anderes. Deshalb kann ich so gar nichts mit abstrakter Kunst a la „blaues Viereck auf dunkelblauem Hintergrund“ anfangen. Da hole ich nichts raus.

Giger war ein Schöpfer – von Wesen, die sich an verschiedenen Stellen seiner Werke immer wiederfinden. Von Biomechanoiden – der Verbindung aus Mensch und Maschine, des Gogglebabys und der Gebärmaschine. Auch von Erotomechanoiden – pornographische Darstellungen von Biomechanoiden – krass, aber nicht ohne Reiz. Er wird auch ein unsterblicher Schöpfer meiner Phantasien bleiben, die er durch seine Bilder und Skulpturen anregt.

Harkonnen-Stuhl - geplant für den Film "Dune" zusammen mit Ridley Scott, der aber letztendlich von David Lynch realisiert wurde - ohne die Stühle.

Harkonnen-Capo-Stuhl – geplant für den Film „Dune“ zusammen mit Ridley Scott, der aber letztendlich von David Lynch realisiert wurde – ohne die Stühle.

Allein schon seine Möbel! Ich muss mir erstmal eine Serviette holen, mir läuft das Wasser im Mund zusammen. So ein Harkonnen-Stuhl, in dem ich im Giger-Museum Gruyere immerhin schon gesessen habe. Totenschädel an Tischbeinen oder als „Klinken“ an (Schrank-)Türen. Irre! Wunderbar! In Gruyere sind sogar die Steinplatten vor dem Museum wie biomechanoide ‚Leiterplatten‘ an der Oberfläche eingekerbt.

Giger schafft es für mich wie kein Zweiter die ganz gewisse Atmosphäre der finsteren Zukunft zu erzeugen. Seine Welten in Filmsets und Airbrush-Werken sind wie Verfall, der noch kommt, aber uns nicht betrifft und den man trotzdem fühlt. Wie soll ich das beschreiben? Er erzeugt Beklemmung, Angst, das Ungewisse und trotzdem sind seine Welten so wenig meine Welt. Ich war schon immer ein Freund des Surrealismus (auch von Dalí) – und Giger war der finstere Fürst dieses Genres. Immer gewürzt mit einer Prise Okkultismus und Satanismus – so gehört das.

Manchmal geht alles so schnell. Der Airbrush-Maler und Skulpteur ist nur 74 geworden. Er ist am Montag, dem 12. Mai 2014 an den Folgen eines Treppensturzes in seinem Haus gestorben. Nicht nur die Schweiz trauert – auch ich und mit mir viele Freunde, die er inspiriert oder einfach nur auf seine Art erfreut hat.

«Ich will nicht noch einmal leben. Die Vorstellung, dass alles immer weiter geht oder dass ich sogar zurück auf diese Welt kommen soll, ist schrecklich.»

H.R. Giger

Giger liebte den Zerfall. Ich liebe ihn auch.

Wie wird er wohl begraben? In einer großen Zeremonie oder ohne gigereskes Aufgebot? Eigentlich hat er einen biomechanoiden Phallus-Sarg verdient mit Gogglebaby als Grabstatue, das ihn auf alle Ewigkeit hin bewacht. Oder den Sitz des Space Jockeys in Alien statt einer Grabplatte. Was würdet ihr ihm für ein Grabmal setzen?

Ruhe in Frieden, lieber Hansruedi.

Du bleibst einzigartig und in den dunklen Tiefen unseres Herzens.

Zeichnung von HR Giger, 1961, Ohne Titel

Zeichnung von HR Giger, 1961, Ohne Titel

 

Bild-Quellen: Taschen-Bildband www HR Giger com

 

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8 Responses to R.I.P. – Der ewige HR Giger

  1. Nighttears 14. Mai 2014 zu 05:52 #

    Wieder ist ein großartiger Künstler von uns gegangen. In seinen Werken wird er weiterleben. Möge er in Frieden ruhen!

  2. Madame Mel 14. Mai 2014 zu 10:34 #

    Möge sein großartiger Geist in der unendlichen Weite von Zeit und Raum ruhen.
    Vielen Dank für all die phantastischen Werke, die auf dieser Welt weiter bestehen werden, bis ans Ende aller Tage.

  3. solitary_core 14. Mai 2014 zu 16:54 #

    hm dachte die Harkonnen-Stühle seien auch für Jodorowsky’s Version von Dune geschaffen worden, er sollte dort ja das Harkonnen-Design maßgeblich beeinflussen …

    Schade um dem Mann, ohne ihn hätten viele andere sicher nicht den erwünschten Effekt erziehlt, ich möchte mir zb Alien nicht anders vorstellen, oder das berühmte ELP-Cover …

    Er hatt immernoch einen ein nicht zu unterschätzenden Einfluß auf biomechanisches Design, hatt er es doch sehr eindrucksvoll in Szene gesetzt.

    Neben bekannteren Sachen wie eben dem Alien-Design oder die die verwandelte Sil/Eve aus Species 1 und 2, hatt er unter anderen auch zb den Mikrofonständer von Jonathan Davis ( KoRn ) entworfen.
    Spannend ist auch „dark seed“ einen point’n’click adventure von 1992 das mit Giger geschaffen wurde, wo ein Schriftsteller in eine Parallel-Welt eintauchen muß um das Alein-Ei das sich in sein Hirn eingenistet hatt loszuwerden …

    Auch im Comic-Bereich hatt er mit seinen visuellen Stil großen Eindruck hinterlassen, wenn ich Sarah Pezzini denke, oder Jackie Estacado, sehe ich interressante Menschen, wenn ihre andere Hälfte in Form der Finsterniss („the Darkness“) oder Witchblade im Falle der Polizistin Sarah, sind Giger’s Einflüsse unleugbar.

    Tsotumo Hihei hatt sich sicher auch bei ihm inspiriert, grade das Gauna-Design in „Abara“ oder die eher trostlose Endzeitstimmung mit dem megastructures und dem „silicon life“ 😀

    Bei dem Spielwaren sind auch die einen oder Homagen erkennbar, grade die Tyraniden mit ihren lebenden atmenden Waffen und anderen fortführungen des Schwarmwillens aus dem Warhammer 40k Universum oder eben die Homage and die Homage mit den Zerg in Starcraft, allen vorran die Hydralisken und eben das Design der Königin der Klingen sprechen auch da eine ganz deutliche Sprache.

    im Abschluß wollt ich hier noch auf „Walking with Giger“ verweisen, welches ein Tribut zu Giger und seine Sicht auf seine Kunst ist.

    https://www.youtube.com/watch?v=ZZyVZ6pfAbk

  4. Schatten 14. Mai 2014 zu 17:50 #

    Als Grabfigur bzw. als Vorlage wäre doch genau die von Dir gezeigte
    Zeichnung von HR Giger (1961) perfekt.
    Ich habe Giger auch immer sehr bewundert und bestaunt. Hexe hat das Bild ‚Toteninsel‘ von ihm an der Wand, und beide haben wir einen Satz Tarotkarten mit Giger-Bildern.
    Ich freu mich schon auf die Austellung in Leipzig: „HR Giger und der Zeitgeist des 20. Jahrhunderts“
    Siehe hier:

    http://www.rundgang-kunst.de/events/hr-giger-und-der-zeitgeist-des-20-jahrhunderts/

    Es lohnt sich vielfach, ein paar Tage vor dem WGT schon in Leipzig zu sein.

    Ich will auch nicht nochmal leben. Ich bin ja jetzt schon so „von gestern“.

  5. Pooly 14. Mai 2014 zu 21:38 #

    Kleine Korrektur: Das Danzig III Cover ist nicht extra für die Platte gestaltet worden. Man hat das vorhandenen Bild von tiger einfach etwas umgeändert weil darauf u.a. ein Penis zu sehen war. Zumindest lau Wikipedia:

    „Für das Cover wurde das 1976 entstandene Bild The Master und Margarita (Der Meister und Margarita) des Schweizer Künstlers H.R. Giger übernommen. Für das Cover wurde das Bild leicht modifiziert, der erigierte Penis des „Meisters“ auf dem Bild wurde mit einem Dolch mit Gigers Interpretation von Danzigs Schädel-Logo bedeckt. Diese Version des Logos wurde auch für die Single Dirty Black Summer verwendet. Es kam in der Folge zu einem Rechtsstreit zwischen Giger und Danzig. Giger verklagte diesen auf Schadensersatz, da er sein Bild vertragswidrig für Merchandise-Artikel verwendet habe.“

  6. clerique noire 15. Mai 2014 zu 16:13 #

    JA, einer der großen ist gegangen. Echt schade.
    Ich finde auch, daß Dein letztes gezeigtes BIld von 1961 die perfekte Grabplatte wäre, wenn auch zu wenig gigeresk – andererseits ist es ja gerade diese Seite, die wenige von Ihm kennen.
    Mein persönlicher Favorit ist nach wie vor:
    „Tod in der Mausefalle“

  7. Andreas Anhofer 30. Oktober 2014 zu 20:13 #

    Die Nachricht vom Tode von H. R. Giger traf mich wie eine spirituell lancierte Bosheit. Ich hatte gerade einen Brief an Giger auf der Post aufgegeben, als ich in einem chinesischen Restaurant die Zeitungsmeldung über seinen tragischen Tod las.

    Ich hatte zu Giger als Videokünstler ab 1999 Kontakt gehabt und im Jahr 2001 zwei Auftragsarbeiten für eine Vernissage in Zürich erledigt. Giger hat von mir dutzende meiner Videokompositionen geschickt bekommen und ist durch sein Interesse auch zu einem Mentor meines heute gültigen Werkes „Galaxien-Crash im Elektrizitätswerk“ geworden. Im Zuge der abenteuerlichen Entstehung des Werkes erhielt ich im Februar 2009 eine Stromjahresabrechnung zugeschickt, die einen Verbrauch von 666(!!!) kWh aufwies. Zur genauen Entstehungsgeschichte von „Galaxien-Crash im Elektrizitätswerk“ gibt es am Ende der Seite der-schwarze-planet.de/100-jahre-vincent-price/ einige Responses. Dort kann man das Werk auch unter meiner E-Mail-Adresse andreas.anhofer@gmx.at erfragen.

  8. Armin 20. Mai 2015 zu 17:41 #

    Und ich hab den Mini Harkonnen capo chair no 1

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