Die Einsamkeit des Schlossflügels

ODER: Das Skinny-Puppy-Haus

Wir waren spät dran. Spät-dran-sein wird mich wohl bis an mein Lebensende begleiten, von dem ich hoffe, es kommt auch erst spät dran. Aber Spät-dran-sein ist im Urlaub ja weniger schlimm – diesmal fühlte es sich genau richtig an. Die Fledermäuse flatterten schon tief, als wir mit Auto und Zelt im kleinen tschechischen Ort Plumlov (Blumenau in Mähren) auf einem Zeltplatz am See landeten. Und gegenüber vom Zeltplatz lauerte ein Geheimtipp, der unübersehbar war: eine monströse Schlosswand.

Nun sind Schlosswände nicht soooo selten. Nur meistens treten sie nicht einzeln sondern im Viererpack auf und ergeben ein ganzes Schloss. Ein einzelner, komplett bewohnbarer Schlossflügel mit allem Zip und Zap – das ist schon selten und irritierend. Zudem thront er wie ein riesiges Monument auf einem Felsen über dem Plumlov-Stausee.

plumlov-schloss-spiegelung

Wir stellten schnell unser Zelt auf, orteten die Verpflegungslage – prima, es gab einen Campingimbiss mit frischen Forellen, der noch bis spät offen hatte – und machten uns auf zum Schlossflügel. Das übergroße Teil wollte unter die Lupe genommen werden. Auf dem Weg dorthin wurden wir im Dämmerlicht von zig Fledermäusen umflattert. Wir kletterten durchs Gestrüpp auf den Felsen bis zum Fuße der Schlosswand. Beim Hinaufblicken kam ich mir sehr klein vor. Sehr klein. Was hätte man da für ein pompöses Schloss daraus machen können!

skinny-puppy-the-process-1996Ich weiß nicht mehr, wer von uns beiden meinte: Sieht irgendwie aus wie das Skinny Puppy Haus vom „The Process“-Cover. Wenn ich es mir heute ansehe, muss ich sagen: naja. Entfernt ist da eine Ähnlichkeit vorhanden. Es wirkt auch so monströs und mit einer eigenen, etwas bedrohlichen Seele, die auch der Schlossflügel verströmte. Daher nennen wir ihn unter uns bis heute „das Skinny-Puppy-Haus“. 😉

schloss-wand-plumlov

Der einsame Schlossflügel – wie kam es dazu?

Erbaut wurde die Schlosswand in den Jahren 1680-1688 in Ergänzung zur dahinterliegenden Plumlov-Burg aus dem 13. Jhd. Zu dieser Zeit war Plumlov im Besitz des Fürstentums von Liechtenstein. Der Auftraggeber des Schlosses war Karl Eusebius von Liechtenstein. Er wollte nicht die durch Kriege und Plünderungen abgewirtschaftete Burg restaurieren, sondern lieber ein neues, prunkvolles Schloss im Stil der italienischen Renaissance bauen. Doch leider verstarb Karl Eusebius nachdem erst ein Flügel mit einem schönen Laubengang, mit Stuck und Fresken fertiggestellt war. Sein Sohn Johann Adam Andreas von Liechtenstein hatte andere (wohl auch lukrativere) finanzielle Interessen als das Schloss in der Provinz, so dass er es nicht weiterbauen ließ.

Plumlov noch mit Burg im Jahre 1718

Plumlov noch mit Burg im Jahre 1718

 

Über ein Jahrhundert standen die Burg und der Schlossflügel friedlich neben- bzw. hintereinander bis 1801 beide durch Stürme schwer beschädigt wurden. Danach wollte der damalige Besitzer Alois von Liechtenstein nicht die Schäden von Burg UND Schloss reparieren lassen und so wurde beschlossen, nur den Schlossflügel einigermaßen wieder herzurichten und die alte Burg abzureißen mit Ausnahme der (bewohnbaren) Burgmauern. Diese nehmen sich gegen die riesige Schlosswand eher wie Hobbitholes aus. Die Überreste der alten Burg wurden in der Mitte des Schlosshofes zusammengeschoben und bilden dort bis heute einen großen Trümmerberg.

Draufsicht auf die heutige Anlage: vorn die Schlosswand, dahinter die Burgreste auf einer "Halde" umgeben von der Burgmauer und über den See vis-a-vis unser Campingplatz (Foto: www.plumlov-zamek.cz)

Draufsicht auf die heutige Anlage: vorn die Schlosswand, dahinter die Burgreste auf einer „Halde“ umgeben von der Burgmauer und über den See vis-a-vis unser Campingplatz (Foto: www.plumlov-zamek.cz)

 

Schlossruine Plumlov Foto: Ivo Snidal

Schlossruine Plumlov Foto: Ivo Snidal

All das wussten wir nicht, als wir im Abenddunkel auf den Burginnenhof traten und die Schönheit des Schlossflügels von hinten und auch durch die Fenster von innen betrachteten – er war innen im unteren Stockwerk saniert, also kein Lost Place. Ich hatte jede Menge Fragezeichen im Kopf. Wenn man gar nichts über die Hintergründe weiß, ergibt alles keinen Sinn. Ein großer überwachsener Trümmerberg in der Mitte, dahinter eine einzelne monströse Schlosswand und ringsum die sich dagegen popelig ausnehmende Burgmauer – aber wo war die Burg dazu? Und wo die restlichen drei Schlosswände? Wir setzten uns auf eine der Sitztribünen, die hier überall herumstanden und staunten alles an. Offenbar werden hier ab und zu Konzerte abgehalten. Sicher mit toller Akustik! Es gibt auch ein Museum sowie wechselnde Ausstellungen im Schlossflügel, eine Schlosskeller-Führung und ab Juni 2014 sogar eine Folterkammer (das zieht Besucher!). Mehr dazu hier auf www.plumlov-zamek.cz . Ach so, Hochzeit feiern kann man im Schlossflügel auch! So einsam ist er also heute gar nicht mehr. 😉

Der Schlossflügel von "innen" mit wunderbaren Säulen. Links der Trümmerberg der alten Burg.

Der Schlossflügel von „innen“ mit wunderbaren Säulen. Links der Trümmerberg der alten Burg.

 

Ein Sommer mit Zelt in Tschechien

Die gebratenen Forellen schmeckten auch nach unserer Rückkehr und Einbruch der Dunkelheit hervorragend. Dazu gab es eine saure Gurke, eine Scheibe Brot und typisch gutes, tschechisches Bier. Der Campingplatz war – wie viele in Tschechien – noch aus sozialistischen Zeiten, aber es war alles prima.

Wer gern zeltet sollte unbedingt eine Tschechien-Tour machen – das ist dort ein Traum! Man darf auf den Zeltplätzen Feuer machen, kann sogar das Holz bei einigen Campingplätzen an der Rezeption kaufen für wenige Kronen, das sorgt für unglaubliche Lagerfeuer-Romantik und den Hauch von Abenteuer jeden Abend. So ausgestorben wie bei den Slowaken sind die Campingplätze auch nicht – die Tschechen sind Campingfans! Böhmen und Mähren sind landschaftlich wirklich schön und warten mit jeder Menge Burgen und Ruinen auf, die meist sehr verwunschen gelegen sind. Also wenn ihr in diesem Sommer das Abenteuer suchen und nicht weitweg fliegen wollt – auf nach Tschechien! Dort ist es immer ein wenig wie bei „Die schöne Arabella“ und Zauberer Rumburak (wer von euch kennt sie noch?) – einfach märchenhaft! 🙂

Schloss Plumlov - gezeichnet von Ferdinand Runk, 1825

Schloss Plumlov – gezeichnet von Ferdinand Runk, 1825

 

Route planen – Zamek / Schloss Plumlov in Tschechien

Plumlov liegt ca. 30km südwestlich von Olomouc (Ölmütz) im Osten Tschechiens.
Ihr könnt das Schloss nicht verfehlen, wenn ihr nach Plumlov reinfahrt und euch dann an die Campingplatz-Schilder haltet oder den Burg/Schloss-Zeichen folgt.
Um das Schloss unterwegs mobil zu suchen oder danach zu fragen: „Schloss“ heißt auf tschechisch „zamek“.

Eine Seite für euch mit den wichtigsten Infos – zum Herunterladen & Mitnehmen auf Reisen: Gothic Guide Schloss Plumlov Tschechien

 

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3 Responses to Die Einsamkeit des Schlossflügels

  1. Nadja 10. April 2014 zu 14:28 #

    Das sieht ja toll aus! Schade, ich war im Sommer auf einer Tschechientour auch in Olomouc. Leider wusste ich nix von diesem Schloss und habe es somit verpasst es zu besuchen.

  2. Schatten 17. April 2014 zu 11:21 #

    Wirklich bemerkenswert dieser einzeln aufragende Schloßflügel auf dem Berg. Aber vielleicht ist es besser, daß nicht noch drei weitere dazu kamen. Man kann solche großen Anlagen zu kaum noch was nutzen, und das gefährdet diese im Bestand. Beispielsweise das riesige Weißenfelser Schloß. Das sieht aus der Ferne saniert aus, aber es ist nur von außen angestrichen, und auch nur das was man aus der Ferne sehen kann. An der Rückseite findet man Einschußlöcher aus dem letzten Kriege und eine Steinsäule durch einen Holzbalken ersetzt.
    Auf den Bildern erinnert mich der Bau am See eher an das Haus Usher, das zuletzt zerbricht und in den düsteren See stürzt. Ein Skinny Puppy – Haus kenne ich nicht.
    Das Video “Die schöne Arabella” und Zauberer Rumburak“ sah ich mir an, erblickte aber keine dunklen Schlösser und keine Arabella. Dabei begeistere ich mich für sowas, also alte Gemäuer und schöne Hexen, Feen und Königinnen. Am liebsten alle mit roten Haaren.
    Demnächst werden derer drei in Marburg wandeln, ich freu mich schon !
    Carpe noctem !
    Schatten vom sonnigen Lahnberge

  3. Wotan 3. Mai 2014 zu 19:44 #

    Danke Shan. Eine tolle Entdeckung! Die Luftaufnahme offenbart wenigſtens noch den Feſtungscharakter, aber… ſo ein Schloß ohne Türme! „Faſzinierend“ Spock 😀

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