felsenkeller-warteschlange

Mein WGT 2016

… in 3 Worten: treff-sicher, entspannt, unspektakulär. Letzteres bezieht sich vor allem auf die Konzerte, von denen ich einige sehr gute erlebt habe, aber keines hat mich weggeblasen. Ich bin aber auch verwöhnt und mittlerweile schwer(er) zu beeindrucken, daher ist „wegblasen“ nicht so einfach. 😉 Doch insgesamt hatte dieses WGT einen sehr guten Flow – mit den richtigen Freunden im engen Kreis und dem Wiedersehen mit allen Lieben, die man weniger oft, manchmal auch nur hier in Leipzig sieht. Dieses Jahr nahmen wir unsere Rituale, die wir beim WGT 2015 mal verließen, wieder auf – wie ich feststellen muss, sind sie doch wichtig fürs Wohlbefinden. Im Besonderen sind das der Auftakt am Freitag auf der Moritzbastei mit „schwarzer Johanna“ (Beerenwein) und ein sehr schönes, spätes Puschkin-Abschlussfrühstück am Dienstag mit lieben Freunden aus Apolda. Potenzial für neue Rituale haben das entspannte Treffen am Montagabend im HeiDo mit den „Überresten der Chemnitzer Grufti-Clique“ 😉 und mit Clerique Noire + Chris bei einem wärmenden Minze- und Rosentee. War voll schön heidnisch am Montag im Dorf! Auch wenn ich fast ein ganzes, superleckerfrisches Zwiebelbaguette dort hab liegen lassen. Hier gleich mal der 1. WGT-Tipp fürs nächste Jahr: wenn man irgendwo Platz nimmt, sind vorsorglich sämtliche Erworbenschaften zusammen mit eurer Handtasche auf einen Haufen zu legen und nicht eins links und eins rechts vom Hocker. Sonst geht es euch wie dem Zwiebelbrot, das wahrscheinlich heute noch nach seiner Mama sucht. Aber besser das Brot, als die Handtasche.

Der Donnerstag – 25 Jahre WGT Jubiläumsauftakt

crystal-gin-tonicIm bewährten Dreier“pack“ (M.Synthetic, r@zorbla.de + me) ging’s wie immer los am Donnerstag. Diesmal sorgte der Herr r@zorbla.de nicht nur für den höllischen WGT-Musik-Mix im Auto, sondern auch für Getränke in bizarren Aggregatzuständen. Es gab Crystal Gin Tonic – also Gin Tonic Wackelpudding – also Schwabbel Gin Tonic. Mit der Namensgebung amüsierten wir uns ein Weilchen durch die Fahrt. Dazu wurde das Zeug reingeschwabbelt (allerdings nur 1 Löffel für den Fahrer), was sehr lecker schmeckte – und stark nach Gin. Bei einer Verkehrskontrolle hätten wir alle ehrlich verneinen können, dass wir was getrunken haben. 😛 Dazu kam es aber nicht. Überhaupt verlief die Fahrt unspektakulär ohne Stau oder Grufti-Sichtungen in anderen Autos. Hm.

Für den ersten Abend stellte sich ja dieses Jahr die große Grufti-Glaubens-Trueness-Frage: Belantis oder nicht Belantis? Wehmütig dachte ich ans Monumentum II 2007 mit In The Nursery am Völkerschlachtdenkmal. Das waren #damals noch Ereignisse! Ein gleichrangiges Jubiläumsevent hätte ich mir wieder gewünscht – etwas für die düsteren Sinne, Konzert(e), Bands, Performance. Aber nein, wir haben 2016 und da feiern wir im Vergnügungspark! Blöd nur, dass ich noch nie der Rummelfan war und Feuerwerk hebt mich eben auch nicht. Andererseits: Konnten die Veranstalter, die ich bisher sehr schätze für das, was sie jedes Jahr zum WGT auf die Beine stellen, so danebenliegen? Ich hörte, man hätte „einfach nur eine Location gesucht, die ausreichend groß sei für die Jubiläumsfeier“ und das Belantis hätte sich vom Platz her angeboten, „um etwas Besonderes zu machen“. Auch ein Michael Brunner, Gründer des WGT, würde als DJ auflegen. Neugierig auf die Parties und Musik war ich schon. Ich wollte mir mein eigenes Bild machen. Aber vorher unbedingt zur Blauen Stunde – immer die beste Wahl für den stilvollen WGT-Auftakt und die erste Möglichkeit zum Wiedersehen mit Freunden.

thomaskirche-leipzig-bei-nachtWir saßen noch beim Abendessen im „Brauhaus an der Thomaskirche“, als ich eine SMS von einem lieben Bekannten erhielt. Er stünde mit seiner Truppe am Hbf in der Warteschlange für den Belantis-Shuttlebus und es geht nicht vorwärts. 5 Busse und 600 Wartende. Das war gegen 21 Uhr. Ob wir schon im Belantis wären und sich das Warten lohnen würde. Nun ja, ich kommunizierte mit Freunden, die schon da waren und es hieß, es sei proppe voll und düster auf den Wegen (immerhin war das stilecht), zu den verschiedenen Discos sei man noch nicht vorgedrungen. SMS gingen hin und her, bis ich gegen 22:00 Uhr von der Shuttlebus-Front hörte, dass keine Busse mehr fahren, weil der Belantis wegen Überfüllung geschlossen sei. What? Das folgende Video „The Waiting Dead“ zeigt alles… (Musik am besten auf ‚mute‘ ;)).

Ha, wer hätte das gedacht? 8.500 bis 10.000 schwarze Besucher sollen im Belantis gewesen sein, angeblich seien nur 15 Shuttlebusse im Einsatz gewesen, die Bus-Kapazitätenplanung war lausig. Wie wir hörten, waren sie im Belantis auch überfordert, was Getränke und Partyvolk angeht. Irgendwie hatte keiner mit diesem Ansturm gerechnet. Ich auch nicht. Aber ich muss nach reiflicher Überlegung sagen: wir haben bei den Eigenschaften, die einen Gothic/Grufti (natürlich rein subjektiv gesehen) ausmachen, niemals einen Hang zum Achterbahn- und Geisterbahnfahren näher unter die Lupe genommen. Denn das Fehlen oder Bestehen dieser Form des persönlichen Vergnügens ist mMn gänzlich ohne Bezug zum Grufti-Dasein. Spaßparks zu mögen ist etwas, was mit der Szene nicht das Geringste zu tun hat. Nur dieses Jahr haben es die Veranstalter (unpassenderweise) zusammengebracht – und es hat sich eine gar nicht so kleine Schnittmenge herausgestellt. Sieh an, interessant für Subkultur-Soziologen: von 23.000 Besuchern sind also 43% fahrgeschäftbegeistert. Was doch für Interessen – und Potenziale (!) – im schwarzen Mob schlummern. Wenn nächstes Jahr die Minigolfplätze in Leipzig geöffnet oder Party-Dampferfahrten auf der Pleiße angeboten werden… ein Run darauf würde mich nicht mehr wundern. Die Szene hat sich eben geändert. Manche sprechen sogar von Weiterentwicklung.

Zurück zu unserer Donnerstag-Nacht. Nach 23 Uhr fuhren wir per Taxi zur blauen Stunde. Hier waren wir glücklich wie immer. Es war eine lauwarme Nacht – wie selten – mit schönem Mond. Es waren weniger Leute da als sonst, aber immer noch viele unserer Lieben. Wir hatten eine gute Zeit und ich konnte auch schon mit den ersten Rückkehrern vom Belantis sprechen. Feuerwerk sei sehr gut gewesen, Schlangen an den Fahrgeschäften hätten astronomische Längen erreicht, zu allen 3-4 verschiedenen Discofloors sei man gar nicht recht vorgestoßen. Fazit: Orga grenzwertig, sonst ganz gut.

"Fehlt nur noch das Walt Disney Zeichen über dem Eingang..." :) (O-Ton r@zorbla.de)

„Fehlt nur noch das Walt Disney Zeichen über dem Eingang…“ 🙂 (O-Ton r@zorbla.de)

 

Gegen kurz nach 2 Uhr fühlten wir uns ausreichend robust und innerlich vom Wein ummantelt, um zu schauen, was die Belantis-Jubiläumsparty so drauf hat. Wir zahlten fürs Taxi bis dahin 30 EUR. Mein Goth, war das weit draußen! Als wir viertel vor drei ankamen sah das Gelände schon arg geräumt aus. Es waren zwar noch Leute da, aber sie gingen raus, rein wollten nur wir. Das ging nicht so direkt, denn die Security fand die für die blaue Stunde gedachten Whisky-Minis in meiner Tasche. So kippten wir erstmal „Cask Strength“ auf Ex, bevor wir in den Spaßpark durften. Das konnte in dieser Situation nicht schaden.

Das Festzelt gegen 3:00 Uhr

Das Festzelt gegen 3:00 Uhr

Wo ist denn hier die Party? Aha, im Festzelt. Wir stolperten nach links hinunter ins wirklich riesige Zirkuszelt seitlich vor dem eigentlichen Vergnügungspark. Riesig! Hier hätten mal mindestens 2 Bands parallel auftreten können! Warum gab es eigentlich keine Konzerte zur Jubiläumsparty? Aber ich wage lieber nicht an die Menschen-Logistik zu denken, die dann erst recht nötig gewesen wäre, Shuttlebusse und so. Obwohl hier im Zirkuszelt zwar ganz gute Musik von 4 (!) Playdrücker-DJs lief und schon mind. ca. 200 Leute da waren, wirkte das Zelt „leer“ aufgrund seiner Größe. Aber keine gute Atmo in Sicht. Wir wollten mal auf den anderen Tanzflächen gucken, Pyramide und so. Aber am Eingang zum Park, der durch ein großes Tor vom Cafè und Festzelt-Bereich abgegrenzt war, wies man uns zurück. Der Park hat geschlossen. Wie jetzt? Da drin gibt es doch noch mind. 3 andere Floors! Aber das hatten wir dann falsch verstanden bzw. „konnten nicht lesen“. Oder hatten uns nicht ausreichend zeitnah informiert. Also Fahrgeschäfte zu bedeutet auch „Discos zu“, weil ganzer Park zu. Muss der Mensch ja wissen. Uns blieb nur noch das Zirkuszelt. Dafür hatten wir jetzt die 30 € bezahlt?! Genial. Immerhin traf ich zufällig noch eine liebe Planetenleserin und wir konnten kurz schwatzen – (m)ein Lichtblick in Belantis. Sie war schon seit einigen Stunden da und fand den Jubiläumsabend echt gelungen. Das habe ich von einigen gehört und wird je nach Erwartungshaltung auch so gewesen sein. Aber wir hatten ja nichts erwartet und das haben wir auch bekommen! (O-Ton r@zorbla.de) Hier war also gegen 3 Uhr für Party-Fledermäuse schon fast Schlafen angesagt. Warum fahren dann Shuttlebusse bis 6 Uhr und mit wem? Apropos Fledermäuse: wir entdeckten sogar echte, die hier draußen im Belantis herumflatterten. Woran die WGT-Veranstalter doch alles gedacht haben…! ^^°°^^

An diejenigen von euch, die im Belantis waren: Wie habt ihr die Jubiläumsfeier erlebt? Kurzer Bericht im Kommentar wäre prima!

Have a look! – Ausstellungen beim 25. WGT 2016

Ausstellungen – sowas schaffen wir normalerweise beim WGT gar nicht. Meist machen sie ja 18 Uhr zu und um die Uhrzeit, so kann es passieren, krabbeln wir gerade mal aus der Wohnung und starten in eine neue WGT-Nacht. Aber dieses Jahr hat es mit viel Disziplin (und Rennerei) geklappt!

10 Jahre Pfingstgeflüster – Gesichter des Wave-Gotik-Treffens

ausstellung-marcus-rietzschGleich am Freitag besuchten wir die Ausstellung von Marcus Rietzsch im Grassi, den wir dort auch beim Fotoshooting mit neuen Gesichtern für das diesjährige Pfingstgeflüster ertappten. Auch Edith und Guldhan waren da – ein schönes Wiedersehen! Da es schon kurz vor Grassi-Torschluss war, enterten wir flugs das 1. Stockwerk, wo im Foyergang Marcus‘ WGTastische Fotowerke hingen.

marcus-rietzsch-pfingstgefluester-ausstellungIch mag den besonderen Touch seiner Fotos, kann ihn allerdings nur schwer beschreiben. Irgendwie spürt Marcus mit seinen Portraits eine selten gezeigte Seite in den Menschen auf – ich nenne es mal das „Rietzsch’sche Momentum“. Er gibt ja kaum Regieanweisungen beim Fotografieren und so kehrt man vielleicht mehr von seinem Innersten nach außen. Ich kenne einige der WGT-Gesichter persönlich, aber auf den Bildern sehen sie fast alle ‚anders‘ aus als ich sie sehe, als es in meinen Augen typisch für sie ist. Und auch anders als sie sich selbst sehen und fotografieren (würden). Inklusive meiner Wenigkeit. Ich fühlte mich auch sehr geehrt, dass ich da mit hängen durfte… Danke!

Leipzig in schwarz – 25 Jahre Wave-Gotik-Treffen

Diese Ausstellung ist in meinen Augen weniger für Gothics gedacht, die die Szene in der sie sich bewegen ja kennen 😉 (sollten). Höchstens für frisch eingestiegene und meine Hoffnung ist auch, dass mal all die WGT-Karnevalisten da hin gegangen sind um zu sehen, woran sie überhaupt teilnehmen. Vor allem ist sie aber aus meiner Sicht für die Leipziger gemacht und für „normale Leute“. Doch wo wir nun schon mal da sind und viele unserer Freunde auch etwas zur Ausstellung beigesteuert haben, heißt es natürlich: angucken!

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Das muss man erstmal so hinkriegen in der Kürze...

Das muss man erstmal so hinkriegen in der Kürze… gelungene Erklärung!

Sie ist – auf überraschend kleinem Raum – wirklich mit sehr viel „Liebe zur Szene“ gemacht und mir hat auch die Raumgestaltung mit den schwarzen Baumskulpturen sehr gut gefallen. Mein Lob an die Kuratorin Johanna Sänger und ihre „Grufti-Beraterin“ Jennifer Hoffert-Karas, die über Monate zuvor die gruftikalen Memorabilia und Leihgaben aus der Szene besorgte. Es geht doch nichts über gutes Goth-Consulting! Das Jennifer hier am Werk war, merkt man der Ausstellung in ihren Szenethemen wirklich an. Mit Fingerspitzengefühl wurde alles arrangiert und die wichtigsten Themen angeschnitten. Wohlgemerkt: angeschnitten. Sowohl der Raum war zu klein als auch die Zielgruppe aus meiner Sicht zu breit, um in die Tiefe zu gehen. Mich würde schon mal interessieren, was ein Außenstehender von der Ausstellung „über uns“ so mitgenommen hat. Stattdessen nur Presseberichtstexte, die erklären, was man in der Ausstellung sieht, mal intensiver, aber auch ohne eigene Meinung, und mal völliges Blaah, dafür aber mit beachtlichem Fotogewitter. Traurig!

Werbeflyer von früher fürs WGT - was da wohl drinsteht?

Werbeflyer von früher fürs WGT – was da wohl drinsteht?

Gewünscht hätte ich mir in der Ausstellung noch etwas mehr Bezug zu Leipzig. Man hätte die wichtigsten Locations vorstellen – in alten und neuen Bildern – und die Veranstalter des WGT noch mal stärker befragen können zur alljährlichen Orga und wie die Zusammenarbeit mit städtischen Institutionen läuft, Bürger authentisch zu Wort kommen lassen können über die Gruftis, mehr Fotos von Begegnungen der Leipziger mit schwarzen Besuchern. Das würde die Ausstellung sicher noch interessanter machen für die aus meiner Sicht eigentliche Zielgruppe, die interessierten Leipziger. Stadt und Szenetreffen wären so noch enger verbunden – „Leipzig in schwarz“ eben. 😉 Aber insgesamt: sehenswert!

Gestus – die Werke von Gerd Lehmann

Was für ein schöner Mann! *schmelz*

Was für ein schöner Mann! *schmelz*

Wer in diesem Jahr zu den dunkelromantischen Tänzen ins neu renovierte „Haus Leipzig“ schwebte, konnte direkt im Erdgeschoss die Ausstellung der Gestus-Kalendermotive ansehen. Alle zwischen 1997-2007 zum/nach dem Wave-Gotik-Treffen erschienenen Kalenderblätter waren zu bewundern. Was waren das noch für schöne Gruftis! *dahinschmelz* Keine Elfenohren, keine Zombiebemalung, keine Kostümmädchen. Sehr authentische, emotionale und heutzutage aus verschiedenen Gründen unmögliche Portraits von Gerd Lehmann.

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GESTUS-Kalender-Ausstellung von Gerd Lehmann im Haus Leipzig

 

Der sich selbst als „Lichtbildner“ bezeichnende Fotokünstler war einer der besten Werbe- und Modefotografen der DDR. Nach der Wende fotografierte er viel im Leipziger Nachtleben mit einem hochempfindlichen ISO-3200er Film und entdeckte 1994 die Gruftis bei einem Spaziergang am Leutzscher (Haus) Auensee. Ihn interessiert „das Schöne und das Wahre“, keine gestellten Fotos „ich wollte es natürlicher. Deshalb habe ich in der Mode auch gerne Modelle in Bewegung fotografiert.“[1]. Die Natürlichkeit seiner Gothic-Portraits entstand durch das Einfangen in einem unbeobachteten Moment. Gerd machte nie Fotoshootings wie man es heute kennt, sondern fotografierte mit großem Objektiv und zoomte die Gruftis unbemerkt. So entstanden ungestellte, authentische Aufnahmen wie man sie natürlich in einem Fotoshooting niemals hinbekommt.

gestus-kalenderGerd, die Nachteule, war jedesmal bis zum Ende der dunkelromantischen Tänze vor Ort im Haus Leipzig. Ich nutzte die Gelegenheit für einen Plausch. Der 71-Jährige ist ein sehr angenehmer Mensch mit Charakter. Hat er die ‚heimlich fotografierten‘ Gruftis eigentlich hinterher gefragt, ob er das Bild in den Kalender aufnehmen kann? Es ging ja nicht wie heute, dass man mal schnell das geschossene Foto im Display zeigt. Außerdem ist Gerd nach wie vor klassisch fotografisch unterwegs. Nur manchmal, sagt Gerd, wenn ich mit den Portraitierten ins Gespräch kam, dann sprachen wir über das Bild und die spätere Veröffentlichung im Kalender. Aber für die meisten war es eine Überraschung, wenn sie sich dann im Gestus wiederfanden. Hat er da nie Ärger bekommen? Nein, nie wegen des Kalenders. Zum Glück. Nur ein Mal habe er ein paar Frauen fotografiert, die miteinander gesprochen haben und dabei waren sie gerade beim Reden nicht so vorteilhaft dargestellt. Da habe sich eine beschwert und er das Bild vernichtet. Daraus habe ich gelernt, dass die Leute immer besser aussehen oder gut getroffen sein sollten auf den Bildern, dann gibt es keine Beschwerden. 😉 Warum hat er aufgehört mit dem Gestus-Kalender? Weil sie irgendwann in der Art nicht mehr gefragt waren. Die Leute fragten nach Postkarten-Kalendern und sowas. Jedenfalls nichts mit Mondphasen und Sternen, dann noch nur in schwarz-weiß. Aber was anderes wollte ich nicht machen, also habe ich es gelassen, als ich das erste Mal ein Minus in der Kasse hatte. Schade! Aber die Szene hat sich verändert, für ihn hat sie heute nicht mehr den Reiz und nicht-freigegebene Bilder, das ist undenkbar in der heutigen Zeit. Also verkaufte Gerd zum WGT die noch übrig gebliebenen Exemplare seiner Kalender vor Ort und wir sicherten uns einige davon… Szene-Memorabilia.

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Licht und (ein) Schatten – in der Gestus-Ausstellung 😛

 

Gerd Lehmanns Gestus-Kalender wurden auch im Hauptbahnhof ausgestellt – auf Stelen zusammen mit denen anderer Fotografen wie Corwin van Kuhwede. Interessant ist dieser Artikel von Daniel Reiche, der das grafische Design für die Ausstellung erschuf und wie er das Problem der fehlenden Druckdaten der Gestus-Kalender löste.

Also das war fürwahr ein ausstellungsreiches WGT! Wir sahen auch noch die Werke in der AGRA-Galerie, die mir ebenfalls sehr gut gefielen dieses Jahr.

HOCHgradig interessante Ausstellungen - nur komme ich da immer kaum durch die Tür...

HOCHgradig interessante Ausstellungen – nur komme ich da immer kaum durch die Tür…

 

Listen carefully! – Meine besten WGT 2016 Konzerte

Ich werde hier nur meine guten und sehr guten Konzerte erwähnen. Die empfehlenswerten Bands – nach meinem eigenartigen Musikgeschmack. Einige Bands konnte ich mir auch nicht ansehen aufgrund von Überschneidungen, z.B. Lene Lovich (war sicher klasse, hab sie aber schon mal in FFM gesehen) und Amber Asylum (im Schauspielhaus, die waren bestimmt auch gut, hat sie jemand gesehen von euch?).

Haujobb

Das war unser erstes Konzert und es lockerte sehr gut die Beinmuskulatur. Daniel Myer ist aus meiner Sicht ein echt guter Frontmann, der sich nicht schont, alles gibt und seine elektronisch-vertüftelten Stücke sehr energiegeladen rüberbringt. Es machte richtig Spaß zu Stücken wie „The Noise Institute“ zu tanzen (warum hört man das eigentlich nie im Club?). Bei „we must wait“ gab Jean-Luc de Meyer von Front 242 einen Gastauftritt, das war auch nett. Haujobb ist eine Band, von der man mich nicht mehr überzeugen muss, auch live nicht. Ich erinnere mich noch an ihren genialen Good-bye-Auftritt :mrgreen:  damals im Haus Auensee 2005, das war ein Blast! Dann war es tatsächlich eine Weile still um Haujobb, Myers machte bei Covenant von 2007 bis 2012 mit und – wie er beim Konzert sagte – „Ich habe es mal ein halbes Jahr mit einem Job im Büro versucht, aber das ist nichts für mich. Jetzt mache ich lieber wieder Musik.“ Gut so, Daniel, soll jeder das machen, was er am besten kann! 😉

Peter Murphy – playing Bauhaus

Ich bin aber auch manchmal eine dumme Nuss! Oder zumindest grob fahrlässig. Und immer dann, wenn sich auch noch alle auf mich verlassen. Freitagnacht: Peter Murphy im Mitternachtsspecial in der AGRA – war gesetzt. Ich hatte Konzertbeginn 1:00 Uhr im Kopf und überprüfte das auch nicht weiter. Ihr könnt’s euch denken. Während wir gegen 0:45 Uhr genüsslich und in freudiger Konzerterwartung Fischbrötchen und Pommes mampften vor der AGRA, will ich noch mal schauen, ob er punkt 1 Uhr anfängt oder später. Blick in die App und AAAAAAHHH! NEIN! Peter spielt ja schon seit 45 Minuten! Gibts doch nicht! Man hörte auch nix vom Konzert aus der Halle heraus…? Wir hetzten also hastewaskannste in die Halle und sahen Mr. Bauhaus schon heavy engaged on stage. Und was für eine Show! Ganz der Goth-Gott. Da ging mir doch das Korsett auf! Ja, das passierte tatsächlich – plötzlich war mir so angenehm luftig um die Taille. Also wieder raus der Menge, den r@zorbla.de finden zur Korsettknotenerneuerung. 🙂 Voll das Konzert mit (selbstgemachten) Hindernissen. Aaarrrgh! Mein Ärger auf mich steigerte sich, ich führte innere Tourette-Dialoge. Was wir wohl alles schon verpasst hatten! Selbst der Sound war gut, sogar für AGRA.

Peter Murphy playing „Bauhaus“ war genial! Diese Gestik, dieses Betonte, dieses Beherrschen der Bühne. Manche sagen, er wäre arrogant. Mein Goth, JA, das darf er auch sein! Professionell und distinguiert – ich find das gut. Er ist immerhin Peter Murphy, Bauhaus und so und er hat es einfach nur drauf. Im Gegensatz zu seinem Drummer offenbar, den er ab und zu ‚mäßigen‘ musste, wie man in meinem Videomitschnitt deutlich sieht. Als Peter Murphy dann plötzlich vor der Zugabe ohne was zu sagen von der Bühne ging, mit ihm alle Musiker, witzelte ich mit ein paar Berlinern vor mir, dass der Drummer jetzt wahrscheinlich erstmal ein paar Takte erzählt bekommt. Vermutlich hängt er schon kopfüber hinter der Bühne. Tatsächlich kam die Band zur Zugabe erstmal ohne den Drummer wieder on stage… aber beim letzten Stück „Ziggy Stardust“ war er wieder unversehrt am Start.

Peter Murphy war schon eine Wucht. Ich bedauere und bereue es heute noch, dass wir so viel davon verpasst haben. Aber auch auf die Kürze war es für mich ein Highlight des WGT 2016.

PIL – Public Image Ltd.

Hurra, was für eine Überraschung noch kurz vorm WGT 2016: PIL („This is not a love song“ für alle, die das nicht gleich zuordnen können) kommen als Mitternachtsspecial. Diesmal waren wir nicht zu spät. Platz recht weit vorn links von der AGRA-Bühne ergattert. Ich war hibbelig. Auf Facebook sah ich schon, dass es der zu Sex Pistols Zeiten sehr dünne Punklümmel Johnny Rotten (eigentlich Johnny Lydon) zwischenzeitlich zu beachtlicher Körperfülle gebracht hat und sich selbst mit einem Augenzwinkern „El Fatto“ nennt.

PIL wussten nicht wirklich, wo sie hier gelandet waren. Johnny: "what a nice little Gothic festival we have here..."

PIL wussten nicht wirklich, wo sie hier gelandet waren. „What a nice little Gothic festival we have here…“

 

Das Konzert war sehr gut, vor allem handwerklich und es groovte streckenweise schön, die Bässe gingen rein. Gleich als 2. Stück kam „This is not a love song“. Dieses und auch die Live-Versionen von „The order of death“ und „Religion“ waren anders interpretiert als im Original, aber cool (siehe Video). Was für eine Stimme der Johnny (immer noch) hat! Kräftiges Vibrato, tief, guuuut. Doch das Konzert hatte trotzdem seine Längen, vor allem seine Stücke und es packte es mich daher nicht total, mir fehlte auch etwas die Performance. Mal abgesehen davon, dass keiner je so und überhaupt auf die AGRA-Bühne gerotzt hat wie Johnny Rotten/Lydon. Da kam im wahrsten Sinne des Wortes noch mal rotziger Punk a la Sex Pistols auf. Sonst ist vieles von seiner Crazyness on stage verloren gegangen, naja, das Alter eben. Aber die „crazy faces“ hat er sich bewahrt! Siehe seine Mimik im Video.

Auch möchte ich das nervige Publikum erwähnen. Bei PIL waren einige, um nicht zu sagen, recht viele Normalos, die inbrünstig affigen Jump Dance betrieben. Hatte mdr Jump für das Konzert Tickets verlost, oder was war da los? 🙄

Position Parallèle

Beweglicher Mann mit Sonnenbrille ;)

Beweglicher Mann mit Sonnenbrille 😉

Position Parallèle waren eines meiner Konzert-Highlights beim WGT 2016! Was haben wir getanzt zu diesem Minimal Synth-Pop Wave französischer Art – präsentiert von einem ziemlich gutaussehenden und in der Hüfte recht beweglichen Sänger und einem langhaarigen, weniger gut ausgeleuchteten Typie an den elektronischen Anlagen. Die Musik ging voll ins Bein! Sehr abwechslungsreich und bis auf wenige Ausnahmen außerordentlich gut tanzbar. Ich kaufte mir direkt nach dem Konzi ihr 1. Album, um so noch etwas mitzunehmen von diesem fabelhaften Konzert.

Wie ich erst hinterher erfuhr, war der Sänger der Geoffroy D. von DERNIÈRE VOLONTÉ. Ich dachte mir schon: irgendwie hat der Typ doch ein „Band-Vorleben“, sonst wäre er nicht so selbstbewusst on stage. 😉 Aber das ist nicht ganz richtig – er hat kein Band-Vorleben, sondern eher ein Parallelleben. :mrgreen:

NÄO

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NÄO spielten zum 2. Mal auf dem WGT – ich hatte sie beim WGT 2012 schon mal „aus Versehen“ live erlebt und es war der Hammer! Diesmal traten sie nicht in der Kuppelhalle – da lief parallel Winter Severity Index – sondern im Täubchenthal auf. Selten live eine Band mit solch instrumentaler Wucht erlebt, da haben beinahe die Leuchter vibriert. Das Publikum unten war so wie wir oben total begeistert, die Leute headbangten zu elektronischer Musik. Geht das überhaupt, darf man? Bei Franzosen ist alles erlaubt und alles möglich. 🙂

Anna von Hausswolff

Uffz, das wird jetzt mein schwierigster Konzertreview, weil ich mich auf Anna von Hausswolff schon sehr gefreut hatte. Ich mag ihre Musik sehr. Aber am Ende hat sie mich live nicht überzeugt. Was nicht – und ich möchte das betonen – am musikalischen Können der Band gelegen hat. Ihre Musik und die live zum größten Teil noch mal völlig anders interpretierten Stücke waren hervorragend. Sie brachten fast den Volkspalast zum Bersten, so brachial war es auch streckenweise. Die Soundtechniker waren leicht bis mittelstark überfordert vom steinernen Widerhall in der Location, so dass es doch ab und zu unschöne Rückkopplungen gab.

Anna von Hausswolff live im Volkspalast

Anna von Hausswolff live im Volkspalast

 

Es war wohl nicht die richtige Location für Anna von Hausswolff. Von den Fluren und den Rängen war zu viel Licht, so dass man nicht ganz „drin steckte“ – es fehlte mir als Zuhörerin das Dunkel, dass sie tonal beschwört. Auf der Bühne hingegen war zu wenig Licht. Könnte aber sein, dass Anna das so wollte. Es gab Lieder, da war sie ganze 1,5 Minuten im Dunkel und im Nebel. Und wenn dann mal Licht auf ihr lag, wirbelte sie mit ihren Haaren wie ein Metal-Derwisch hin und her und man sah nichts von ihrem Gesicht, nicht wie sie diese irren Töne formte. Auch verschwand sie fast IN der Bühne. Ein erhöhter Stand für sie und ihr Instrument (was ist es eigentlich genau?) ist eigentlich unerlässlich. Anna von Hausswolff ist nun mal der Mittelpunkt, möchte es aber offenbar nicht sein. Es wirkte so auf mich. Das kann ich zwar verstehen, ist aber für einen Live-Auftritt etwas unpassend.

Fazit: Musik TOP, aber mit etwas besserer Bühnenpräsenz, sprich mehr Selbstbewusstsein im Auftreten, kraftvolleren Gesten, sichtbarer Gesangsmimik und etwas mehr Licht wäre es nicht nur was für die Ohren, sondern auch ein Erlebnis fürs Auge gewesen. Hier im Video seht ihr mal eines der visuell besseren Stücke des Konzerts, wo es auch schön ausufert musikalisch und sich lohnte zu filmen. Aber auch hier seht ihr, was ich meine…

TEST DEPT:REDUX

Das Beste zum Schluss – oder zumindest das Überraschendste! Zu „Test Department“ wäre ich normalerweise nicht gegangen, wenn nicht Planetenleser Hasejoe den Tipp gegeben und M.Synthetic gemeint hätte „Das könnte richtig gut werden!“ Ich hab von TEST DEPT noch einen wenig beeindruckenden Auftritt auf einem BIMfest im Kopf: zwei Laptop-Typen sitzen sich an einem mit einem weißen Laken überworfenen Tisch gegenüber und starren in ihre Macs.

test-department-wgt-2016Aber diesmal war alles ganz anders. Die Macs waren auch wieder dabei, aber es fehlte das weiße Tischtuch ;). Und die Macs gingen in der Fülle akustischer Instrumente unter. Es gab eine Klangtonwand (weiß nicht, wie man das nennt, im Video seht ihr es links neben der Bühne), Schlagzeug und beim Intro und Outro gab es ein Trommelgeschwader vom Fanfarenzug des TSV Leipzig Nordost e.V. auf der Bühne – insgesamt 13 Leute, ich habe durchgezählt. Außerdem hatten sie sich neu formiert, waren jetzt zu viert. Die junge Frau in der Mitte – Zel Kaute (Drummer Profi und Drum-Lehrerin) – war spitze und eine bereichernde Ergänzung zu den beiden Originalherrschaften. Auch die Videoprojektionen haben mir gefallen – sie waren auf interessante Art repetitiv. TEST DEPT:REDUX sind alte Industrial-Heroen der klassischen Art, es war rituell-brachial-laut. Aber ab und zu gab es auch ruhigere Passagen, bei denen heftig die Klangwand gestreichelt wurde. Ein wirklich toller Live-Abschluss Montagnacht! Danke.

 

WGT-Party – bis zum Morgengrauen

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VILLA Terrordance mit DJ PuPPe

Die besten Parties in diesem Jahr hatten wir am Freitag in der VILLA und auch der Abschluss-Montag war sehr nett – zunächst guten EBM bei Dirk Ivens vs. DJ Borg in der AGRA-Halle und danach bis zum Morgengrauen in der EmBeh (Oberkeller). Aber dieser „Terrordance“ in der VILLA am Freitag mit DJ PuPPe auf dem großen Floor entpuppte sich zu einem echten Party-Highlight! Da ging die Elektronik ab – es war atemberaubend. Neue und alte EBM, Postpunk, Electro-Sachen, New Age, Experimentelles und ich konnte richtig was entdecken (z.B. 3TEETH mit „Pearls 2 Swine“) und dann mixte dieser DJ auch noch! Das hatte ja Seltenheitswert. Bis 6:00 ließen wir uns von DJ PuPPe berauschen und fielen dann glücklich ins Bett. Tags drauf waren wir dann noch mal bei der Abschlussparty der VILLA, kam aber nicht so an den Freitag ran, fanden wir. Außerdem ist es immer so, wenn man Sachen 2x macht… wird das 2. Mal nicht so gut wie das erste. Ja, die VILLA wird leider nicht mehr beim WGT dabei sein. Im alteingesessenen Club darf nur noch sanfte Jugendarbeit ohne Lautstärke für die Nachbarn stattfinden. Tja, auch im Osten kommt langsam der Immobilien-Spießer-Wahnsinn an.

Das Haus Leipzig bei der VILLA praktisch um die Ecke fand ich als neue Location für die „Dunkelromantischen Tänze“ auch sehr gut geeignet. Groß genug, Wedel-Parkett, Sitzgelegenheiten und insgesamt ein nettes Ambiente.

Nach 3 Tagen in Pikes & Tanzen bis zum Morgengrauen hatte ich genug von der konstanten Fußsohlenmassage und war völlig durchgelatscht. Für alle, denen es vielleicht genauso ging wie mir, kommt jetzt Insider-Tipp #2 – diesmal von Gruftfrosch: mit Scholl Einlegesohlen wäre das nicht passiert! Aber es müssen die für Damen rein, die für Herren sind zu breit. DANKE, ich werd’s beherzigen!

Wird dir alles viel zu viel, nimm öfter mal das Automobil. :P Schont auch die Füße.

Wird dir alles viel zu viel, nimm öfter mal das Automobil. 😛 Schont auch die Füße.

 

Und sonst so…?

…hatten wir wieder viel Spaß und Blödelei! So wünschte mir mein Onkel per SMS „trotz des WGT ein schönes Wetter“ 😆 und das war gar nicht so abwegig. Die Temperaturen waren bis auf nachts wirklich OK, nur der Regen hätte nicht sein müssen und der Wind ging ja gar nicht. Bei meinen eh schon feinen Haaren hielt keine Toupage, der Wind zersauselte alles. Ich überlegte, dass ich mir eigentlich auch gleich eine Burka umbinden könne, dann wäre man mit dem Styling hübsch schnell fertig und läge im Deutschlandtrend. In Zukunft gibt es vielleicht eine neue Subkultur, die „Gothlim“ (Gothic + Muslim). 😉

Das Grufti-Toupet - so zum Beispiel ;)

Das Grufti-Toupet – so zum Beispiel 😉

Eine weitere Subkultur ist der „Last Minute Goth“ – häufig am WGT-Montag anzutreffen, wenn man nach den anstrengenden drei Tagen zuvor aufs extra Styling keine rechte Lust mehr hat. :/ Und genau da kommen wir auch zur Marktlücke, die ich entdeckt habe: das Grufti-Toupet! So wie man in der Markthalle bereits Hörner-Fantasy-Kopfaufsätze kaufen kann, wünsche ich mir schon fertig toupierte Türme, Teller und Haarbüsche in schwarzem Echthaar, die man sich ähnlich einer Perücke aufsetzen kann. Das wäre DIE Lösung für alle mit empfindlichem Haar, mit feinem Haar und mit keinem Haar!

Last but not least noch etwas Nachdenkliches: mich nervt diese Medien-Berichterstattung, dieses „WGT ist für alle da!“, den mdr-WGT-Jubiläumsblog hätte auch kein Mensch gebraucht. Alles führt nur dazu, dass noch mehr fragwürdige Besucher-Erscheinungen und Peinlichkeiten oder Kostümmenschen zum Durchfotografieren unser WGT aufsuchen. Es sind keine Randerscheinungen mehr, wenn man mal kritisch hinschaut. Es werden immer mehr und man kann sie auch gar nicht mehr umgehen. Man erkennt sie daran, dass sie ‚hineingeborgt‘ in ihre Klamotten aussehen, andere benehmen sich pöbelhaft, laut, stilbefreit, und meist sind sie bei keinem (etwas eigenwilligeren) Konzert mehr zu sehen – was ja schon ein Glück ist. Auch bei den Parties trifft man sie kaum, aber sonst überall. Es führt dazu, dass ich mich nicht mehr „unter Meinesgleichen“ fühle beim WGT, wie das früher der Fall war. Aus dem WGT ist so ein bisschen Wacken geworden. Die wirkliche Szene wird an den Rand gedrängt. Aber vielleicht ist es das, was wir brauchen, damit daraus wieder etwas wahrhaft Subkulturelles entsteht. Frei vom kommerziellen Schleim und schwarzen Mainstream.

Heimkommen? Familie? Für mich leider nicht mehr. Aber durchaus "ein kultureller Höhepunkt". Diese Tafel hing in der Ausstellung "Leipzig in schwarz" - offen.

Heimkommen? Familie? Für mich leider nicht mehr. Aber durchaus „ein kultureller Höhepunkt“. Diese Tafel hing in der Ausstellung „Leipzig in schwarz“.

 


Ich widme diesen Beitrag (leicht nachträglich) dem Gothic Friday vom Juni 2016, in dem es um Festivalerlebnisse beim WGT geht. Passt ja. 😉 Folgende Gothic Friday Fragen sind noch offen, die ich hier kurz beantworten will:

Warum fährst Du zum WGT?

Es ist immer noch das beste, weil vielfältigste Gothic-Festival, was ich kenne. Außerdem mag ich genau das, was manche Kritiker am WGT nicht mögen: dass es über die ganze Stadt verteilt ist. Man fühlt sich nicht zusammengepfercht an einem Ort, sondern hat Auswahl ohne Ende – alles, was das Herz begehrt. Nicht nur Musik & Konzerte, sondern auch Ausstellungen, Friedhofsführungen, jede Menge Parties, Theater & Varieté – einfach alles. Außerdem findet es in meiner Lieblingsstadt statt, mit der ich viele sehr schöne Erinnerungen verbinde.

Wie war Dein erstes WGT?

Das war 2001. Damals gab es noch sowas wie „Tageskarten“ oder zumindest traten am Völkerschlachtdenkmal beim Monumentum I mehrere Bands auf und wenn man nur diese sehen wollte, dann zahlte man 35 DM. Ich weiß es noch, weil ich mit meiner Freundin Ina ohne WGT-Karte an dem Tag zum Monumentum bin, denn dort traten In the Nursery und Laibach auf, die wir beide seit langem schon mochten und nun mal live sehen wollten. Wirklich weggeblasen haben mich neben Laibach als Headliner, bei deren Auftritt es leider arg schüttete, aber vor allem Les Tambours du Bronx. 11 oder 12 gut trainierte Männer mit freiem Oberkörper, die auf Eisenfässer trommelten. Das kann Frau doch nur gut finden, oder? Sie waren toll, so live. Von CD ist es nicht ganz so meins, oder nicht mehr. Aber das war echt ein Erlebnis und ich wusste beim Auftritt gar nicht, wer da eigentlich auf der Bühne steht…

Ansonsten war ich an meinem 1. WGT alleine unterwegs. Ina war nur beim Monumentum dabei und ich kannte in Leipzig nur Non-Gruftis oder Metaller, die nicht aufs WGT gingen. Ich war auch gerade erst seit 1,5 Jahren in den Westen gezogen und kannte dort noch keine Schwarzen, das entwickelte sich gerade erst. Naja, da ich keinen kannte war es bisschen einsam (heute würde mir das nicht mehr passieren) – daran kann ich mich noch gut erinnern. Heute frage ich mich, warum ich damals nicht mehr daraus gemacht habe, ich war da auch gerade Single (quasi) und stehe heute auf dem Standpunkt, dass man gerade beim WGT immer und ganz einfach jemanden kennenlernt. Aber wer weiß – ich kann mich nicht mehr gut erinnern. Vielleicht auch gut so. 😛

Was war Dein eindrücklichstes Konzert?

Beim WGT war es definitiv Rosa Crux. Gefolgt von Sleeping Dogs Wake.

Und: welche Festivals sind noch Teil Deines schwarzen Planeten?

Danke für diese schön formulierte Frage 😛 – ich mochte das BIMfest in Antwerpen sehr gern. Wir waren aber die letzten zwei Jahre in Ermangelung reizvoller Bands oder anderer Aktivitäten nicht da, es findet immer am letzten Wochenende vor Weihnachten statt, da kann schon mal was anderes geplant sein. Aber dieses Jahr fahren wir wohl wieder – auch zusammen mit r@zorbla.de (und Crystal Gin Tonic?). Was wir am 1. August-Wochenende 2016 auch wieder besuchen ist das Rosa Crux Festival, was wir erst letztes Jahr entdeckt haben in Frankreich. Rituell, morbide, schräg – französisch eben. 😉

Ein Festival, dem ich nachtrauere hier im Westen ist das Zillo. Ich habe da zwar nicht an so vielen teilgenommen, sondern nur am Zillo auf dem Flughafen Hahn (von der Location her gab’s besseres!) und an dem auf der Loreley. Aber letzteres 2004 war der Hammer! Sehr geile Bands (Skinny Puppy, DAF, London after Midnight, Alien Sex Fiend…) und tolle Atmosphäre. Zudem hatte ich hier im Rheingebiet dann auch „schwarzen Anschluss“ gefunden – wir waren eine verdammt gute Truppe! Schade, dass es das Zillo aus Finanzgründen nicht mehr gibt. 🙁

 

 

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  1. [1]Quelle: Interview von 2014 mit dem mdr

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16 Responses to Mein WGT 2016

  1. Andreas 6. Juni 2016 zu 10:04 #

    Lieben Dank wieder einmal für den Einblick in Dein persönliches WGT! Wie immer hast Du Dir sehr viel Mühe bei der Auswahl der Themen, Bilder und Videos gegeben. Da muss man ja glatt nicht selbst hinfahren, man erfährt ja „alles“ von Dir. 😉

  2. Marcus 6. Juni 2016 zu 11:01 #

    In Ermanglung der nötigen Zeit wollte ich mich eigentlich kurz fassen. Nun ja, ein wenig länger ist der Kommentar doch geworden:

    Es hat großen Spaß gemacht, Deine persönlichen WGT-Erlebnisse zu lesen. Selbstverständlich nicht nur wegen der sehr netten Worte meine Ausstellung betreffend. Danke!

    Ich war zur Eröffnung im Freizeitpark, allerdings zähle ich mich nicht zu den 43 % Fahrgeschäftsbegeisterten. Ich hasse Fahrgeschäfte und habe mich somit auch in keine der Schlangen eingereiht. Die Erwartungshaltung war niedrig, dafür die Skepsis sehr hoch. Das Gekreische, welches uns auf dem Parkplatz empfing, erhöhte diese noch. Mit einer Portion Sarkasmus und einer gewissen Offenheit war es insgesamt betrachtet durchaus recht amüsant. Allerdings wie gesagt ohne Achterbahn & Co. In Anbetracht der in der Pyramide auflegenden DJs haben wir ein Betreten dieser Location nicht gewagt. Die anderen drei Tanzflächen waren hingegen nett bis richtig gut.

    Ich verstehe Dich gut, wenn Du schreibst, dass es Konzerte mittlerweile schwer(er) haben, zu beeindrucken. Trotzdem gab es auch bei mir das eine oder andere sehr schöne Konzerterlebnis. „Haujobb“ waren leider nicht dabei, obwohl ich mich gerne an ihren WGT-Auftritt 2002 im Haus Leipzig erinnere. Wenn mich mein Gedächtnis nicht komplett täuscht, haben im gleichen Jahr „Frontline Assembly“ ziemlich „enttäuscht“, dafür waren „Haujobb“ grandios. Aber zurück ins Jahr 2016: Im Gegensatz zu Dir konnte mich Peter Murphy leider nicht überzeugen. Der Funke wollte nicht überspringen. Ich muss aber zugeben, dass ich kein großer Bauhaus-Hörer bin. Dafür kann ich deine Meinung bzgl. PIL absolut teilen. Es hat mir überraschend viel Spaß bereitet, dem alten Punkhelden und seinen Mitmusikern zuzuhören. Von Anna von Hausswolff habe ich nicht viel gehört. Dies ist aber wohl einfach nicht mein Fall. „I Like Trains“ fand ich hingegen überaus hörenswert. „Position Parallèle“ und „NÄO“ hätte ich auch gerne gesehen, aber der Tag hat dummerweise auch während des WGT nur 24 Stunden, Teleportation und Klonen auf Zeit oder ähnliche potentiell hilfreiche Technologien wurden noch nicht entwickelt.

    Sonstige persönliche Höhepunkte: Geplante und ungeplante längere Gespräche mit netten Bekannten und Freunden, die Abschlussparty in der Agra (Danke an r@zorbla.de für den Hinweis und den Rest der Planetariertruppe für die überaus angenehme Gesellschaft), When We Were Young am Samstag im Täubchenthal (Eigentlich wollten wir nur kurz reinschauen. Die Augenlider waren schwer und der Kopf schaltet wiederholt auf „Stand by“. Doch „leider“ schienen die DJs meine persönliche Playlist kopiert zu haben, weswegen der anklopfenden Müdigkeit tapfer die Stirn geboten wurde.) und die Party im Schwarz 10 (Zwar war nicht viel los, aber mit netten Menschen auf dem Sofa herumlümmeln, in den von Kerzenschein nur leicht beleuchteten Raum blicken, sich von den herüber wabernden Nebelschwaden hypnotisieren lassen und angenehmen Klängen lauschen – was will man mehr?).

  3. r@zorbla.de 7. Juni 2016 zu 13:52 #

    Wie immer ein lesenswerter WGT-Bericht! Vielen Dank dafür. Dann brauche ich mir nicht immer alles aufschreiben 😉

    Eine meiner Lieblingsstellen: „… mit DJ PuPPe … entpuppte sich …“ =8-D

    Diesmal enthielt der Bericht mehr Stoff, der zur Nachdenklichkeit anregt. Tatsachen über Vorlieben in „der Szene“, die den Hals trocken werden lassen. Und Beobachtungen, die nicht nur in halbwitzigem Herziehen über Cybers, oder Scherze über „als was gehst du heute?“ münden. Gerade visuell bleibt einem bei dem beobachteten Ereignis das Lachen eher im Hintern stecken. Leute, die „hineingeborgt“ aussehen in ihren Klamotten sind ja nur eins. Diese können ja noch halbwegs den richtigen Stil haben, wenn auch ohne Inhalt. Man muss das Kind mal beim Namen nennen, und mal sagen wie BUNT auch ohne die Glühwürmchen der „schwarze Mob“ geworden ist: Da werden Hasen- und andere Tierkostüme getragen – die würden in Köln beim Karneval nicht auffallen. Oder solche Totalentgleisungen wie der Typ in Flipflops, Shorts, kariertem Hemd, Warnweste und Bauarbeiterhelm (nichts davon auch nur annähernd dunkel). Nicht zu sprechen von den ganzen Fabelwesen. Da steh ich mitten im WGT und denke nur WTF? Was hat diese verirrten Seelen dazu veranlasst, sich hier so abartig zu exhibitionieren? Was wollen die eigentlich? Ich verstehe es einfach nicht. Die in den Billigen Einteiler-Kostümen können doch nicht mal erwarten fotografiert zu werden.

    Andere, die vielleicht einen ernsteren / gehaltvolleren Hintergrund erwartet haben, könnten sich dadurch verständlicherweise motiviert fühlen, nächstes Jahr doch nicht mehr nach Leipzig zu fahren. Diese im Artikel erwähnten Rüpel und dieses krasse Karnevalsvolk zusätzlich zur schrumpfenden Menge der „Nachwuchs-Goths“ erzeugen einfach die falsche Stimmung und sorgen eher für Stress als für Entspannung. Wirtschaftlich wird das kein Problem sein: Werden mehr Karten an Schaulustige verkauft. Und irgendwann heißt es dann „WGST“: Da waren dann 20000 Schaulustige da, aber keine ernsthaften Teilnehmer (S = Schaulustige).

    Ein Ort hat mich da überrascht. Das Heidnische Dorf. Dies ist ja wirklich „für alle“ da: Wer kein Bändchen hat, zahlt einfach Eintritt. Ich erwartete dort also die höchste „Verbuntung“, doch bunt waren nur die Stände. Irgendwie entspannend.

    Najaaa. Vielleicht war es auch nur wegen des 25. so seltsam. Oder es ist eben so, dass die alte Szene ausstirbt. Vielleicht müssen die Alten wirklich etwas neuem Platz machen? Aber was machen wir dann solange mit unsereins, bis wir in die Kiste hüpfen? Nee, nee.

    Noch kann man dort nette Menschen treffen und sich ausgezeichnet mit ihnen unterhalten. Noch kann man Ecken finden, in denen man sich wie von Spinnen umwebt fühlt. Es wird halt schwieriger.

    Es gibt auch immer noch Gutes: Ich kann mich da bei Peter Murphy, PiL, NÄO mit dem Positiven anschließen. Ich fand mich aber auch bei der „Bösen Musik“ gut aufgehoben: Ich habe mir die von technischen Pannen gepeinigten Culture Kultür angesehen und fand es sehr nett. Auffällig fand ich da, dass trotz Kellerkonzert die Stimme nicht bloß ein Brüll-Brei war, wie das leider so oft der Fall ist. Es gab eine schöne Präsenz und Wiedererkennbarkeit.
    RICHTIG böse war Esplendor Geométrico. Abgefahrene Elektronik mit einem total durchgeknallten Frontmann. Jener versuchte das Mikrofon gleichzeitig zu benutzen und zu verschlucken und stieg dabei freihändig auf die Publikumsabsperrung. Hat Spaß gemacht!
    Viel weniger Abgefahren waren da Diary of Dreams. Trotz Agra guter Sound. Haben meine Erwartungen voll getroffen und konnten mich überzeugen.
    Auch nicht enttäuscht hat mich Das Ich. Hatte ich letztes Mal verpasst. Es war für mich das erste Mal seit Stefan Ackermann’s Rückkehr aus dem Nichts. Publikumsnah und ergreifend.

    Mal sehen wie es so weitergeht…

  4. solitary_core 9. Juni 2016 zu 15:06 #

    r@zerbla.de’s Lob bleibt nix weiter zuzusetzen

    die Frage die sich mir hier aufdängt ist das Rezept vom Crystal Gin Tonic oder andere goth-linarische Kost 😀

    wo ich gerade beim Thema bin: diesen Sommer ist Banane Cranberry bei mir ganz groß, analog zum KiBa, allerdings eben mit dem etwas herberen Geschmack der Cranberry und weniger kirchig =P

  5. r@zorbla.de 9. Juni 2016 zu 15:28 #

    Crystal Gin Tonic ist mehr Kunst als Wissenschaft. Im Grunde ganz einfach, aber hohe Qualitätsbandbreite möglich. Man nehme:

    – Gin (Ich habe diesen mit dem indischen Städtenamen in der hellblauen eckigen Flasche verwendet)
    – Tonic Water (Ich habe das mit dem gelben Etikett mit dem Roten Wimpel mit der Jahreszahl genommen)
    – Eine Limette
    – Gelatine (gemahlen)

    Ich habe dann nach Gefühl ca. 1/2l Gin Tonic (ohne Eis) hergestellt. Mischverhältnis unbekannt und je nach Geschmack variierbar. Könnte bei mir 1/3 Gin, 2/3 Tonic und ein paar Spritzer Limette sein.
    Dann die Gelatine nach anleitung minimal überdosiert benutzen. Also kalt mit etwas kaltem Gin Tonic quellen lassen. In der Erhitzungsphase nie zu warm werden lassen. Es genügt unter 75° zu bleiben. Wenn schließlich keine Kristalle mehr zu erkennen sind, dann den Rest Gin Tonic einrühren. Etwas abkühlen lassen (handwarm), dann in gewünschte Form geben und ordentlich im Gruselschrank durchgruseln. Am besten über Naaaaacht. Haa haaa haaaaaa.

    Liebe Veganer,
    ihr könnt auch Agar benutzen. Aber dann bitte nicht über Farbe und Konsistenz des Ergebnisses jammern. Danke.

  6. DarkSnail 9. Juni 2016 zu 19:37 #

    Sehr interessant und spannend, das ist fast alles was ich zu sagen habe. Und unerträglich viele Menschen, die dort waren.
    Danke!

  7. solitary_core 9. Juni 2016 zu 22:32 #

    Danke ^^

    „Dann die Gelatine nach anleitung minimal überdosiert benutzen“ ah 😀 das macht Sinn, hatte nicht gedacht das es so derart einfach ist, „minimal überdosiert“ hatt mich zum schmunzlen gebracht 😀

    war neugierig weil das Foto echt klasse ist, sieht auf dem Löffel aus wie ein Brocken gebrochenes Glas oder eben sehr kristallisch, passender Name auf jeden Fall 😀

  8. Gruftfrosch 20. Juni 2016 zu 14:30 #

    Also der Mensch und insbesondere ich, ist schon ein komisches Wesen. Da steuere ich nach dem WGT fast jeden Tag deine Seite an um zu gucken, ob die WGT-Nachlese schon da ist und ich anmerken kann und dann isse endlich da und ich schiebe auf und schiebe auf und schiebe auf. Der Wizard of Goth und Flederflausch mögen es mir verzeihen, dass ich meinen WGT-Bericht hier zum Vortrage bringe. Erstmal schön, dass wir uns wenigstens am Sonntag in der Kuppelhalle gesehen haben. Habe war schon vorher gedacht, wenn irgendwo, dann dort, aber es ist dann doch immer wieder eine Freude :). Oah, und sie erinnert sich auch an meinen Tipp mit den Einlegesohlen – Allerliebst <3.

    Tja, wie ist mein Fazit vom diesjährigen WGT? Irgendwie mäßig und durchzogen von kleineren Pleiten, Pech und Pannen. Es ging mir heuer wie dir, keine Band hat mich vollkommen weggeflasht, was nicht heißen soll, dass nicht stimmungsvolle und recht schöne Konzerte dabei waren. So waren Position Parallele ganz wunderbar tanzbar und klasse. Leider haben wir uns draußen beim Essen mit ein paar netten Kölnern festgequatscht, so dass wir nur noch das letzte Viertel mit bekommen haben. Selofan zuvor war ganz ok, wenngleich ein wenig eintönig, aber immerhin mit wunderbarem Styling von Joanna und exzellenten Deutschkenntnissen. Auch We are Temporary hat zumindest optisch das Beste aus der doch minimalen Soundperformance ohne Band gemacht. Womit wir schon bei der für mich größten Enttäuschung wären – Cult Club. Auf die hatte ich mich echt gefreut und dann war ich nach ner Viertelstunde schon so gelangweilt, weil ich des immerwiederkehrenden Hin- und Herschwingens Sally Dige' überdrüssig wurde und mir die Musik auch ohne Optik eher mäßig dahinplätscherte. Irgendwie hatte ich mir mehr erwartet, aber wahrscheinlich liegt da der Fehler auch schon bei mir. Wir sind nach Pos. Parallele dann noch ins HeiDo und haben uns bei Estampie der doch recht frischen Eisheiligennacht erwehrt. Hat sich gelohnt. Die LVB bekommen heuer kein Lob von uns. Mehr als einmal sind sie uns direkt vor der Nase davongefahren – selbst, als wir kurz vor der Tür waren (nach einem heftigen Spurt).

    Donnerstag haben wir uns den Belantis-Park geschenkz und haben unseren WGT-Einstand lieber bei der Blauen Stunde zelebriert. Das war für uns eindeutig die bessere Wahl. Auf dem Rückweg sind dann trotz voller Tram 11 wirklich Sekunden vor der Einfahrt zum Hbf. die ganzen Nachtbusse abgefahren. GANZ TOLL. Nun hieß es wieder flitzen um wenigstens noch ein Taxi abzukriegen. Liebe LVB, auch das war NICHT nett oder gibt es eine Absprache zwischen euch und der Taxigesellschaft? Freitag sind wir vom Altem Landratsamt (Last Leaf down (wunderbarer shoegaze!!!) ,The Underground Youth) zum Stadtbad (Hante) und danach noch ein bissl abtanzen in Noels Ballroom. Die Tanzfläche dort war allerdings bisweilen arg zu klein, Zusammenstöße demnach unvermeidlich.

    Sonntag war dann wie erwähnt Kuppelhallentag und der begann gleich mit der nächsten Enttäuschung – Winter Severity Index. Nicht nur die ständigen Knallgeräusche und Rückkopplungen nervten bärigst, auch die Lieder selbst überzeugten mich nicht so sehr, wie ich dachte, so ging es dann nach Schnack und Snack an der Bar zur Band Numero 2, Jessica93. Naja, was soll man sagen. Ne 3/4 Stunde Wartezeit vor der Tür und die Band schaft es in dieser Zeit nicht mal den Soundcheck schon hinter sich gebracht zu haben und dann 2-3 (?) Lieder und das Konzert war, nach der immens weggefressenen Zeit, beendet. Da nützt es auch nix, dass das, was vorgetragen wurde, gut rockte, wir waren angepisst. Sorry für die Ausdrucksweise. Deutlich versöhnlicher war dann der Auftritt von Blue Angel Lounge. Das hat wieder Spaß gemacht. Von The Bestial Mouths sind wir nach 3 Liedern dann geflüchtet und haben erstmal ne Bratwurst geschoben – das war nicht unseres. Anna von Hauswolff haben wir ne Weile zugesehen, aber irgendwie klang das via YT irgendwie besser. Es gab auch wieder die bescheuerten Rückkopplungen, wenn auch deutlich weniger als bei WSI und the B.A.L., dennoch… Anna konnte sich anstrengen wie sie will, wir hatten schon zuviel Input auf dem Frustkonto, also Reinhören bei Drangsal. Die wussten zu gefallen, auch wenn man sich mal versang und nochmal neu anfangen musste. Die Bitte um Welpenschutz wurde gewährt. Gerne mehr von den Jungs. I like trains zum Abschluss waren dann der Höhepukt des Abends. Da gab es nix zu tadeln. Das war einfach spitze und klangtechnisch ENDLICH sauber.

    Montag war dann Spontis-Tag. Leider hatten wir viel zu wenig Zeit, wollten wir doch noch zu einer Führung über den Südfriedhof. Tja und da war wieder unser altes Problem, die verpasste Straßenbahn. Dachten wir noch, dass so ein großer Pulk der Führung schnell zu sehen sein würde, so dass man sich auch nachträglich noch anschließen könnte, so haben wir die Größe des SFH dann doch wohl "leicht" unterschätzt. Die Gruppe war nach unserer Ankunft natürlich w wie weg und naja. Da haben wir die Zeit eben mit nem Spaziergang und Fotos machen auf dem grandiosen Gelände verbracht. Tja, nichts desto trotz, wenn wir das gewusst hätten, so wären wir auf der Wiese hinter der Moritzbastei geblieben. Es folgte der Abschluss im Alten Landratsamt via Lament, the Mary Onettes, And also the trees zu Pink Turns Blue. Der Genuss vor allem der letzten Konzerte wurde getrübt, da es schlicht brechend voll wurde und die Luft entsprechend schlecht und warm. Zudem hat die Location Altes Landratsamt noch mehr an Attraktivität eingebüßt als eh je vorhanden war. Die "Kuschelecke" hinten rechts war verschwunden, so war sitzen nur noch auf dem Fußboden oder den Fensterbänken möglich. Gescheites Bier? Fehlanzeige! Was zu essen? Auch. Naja. Zu allem Überfluss hat es mir dann noch ne Kontaktlinse geschrottet, wodurch der Ausflug zur GothicPogo auch hinten runterfiel. Tjoah, was bleibt? Eine schöne Zeit, die man mit lieben Menschen und guten Gesprächen verbracht hat, wunderbare Stylings, das ein oder andere gute Konzert und die Gewissheit, dass die Zeit mit der nötigen Nostalgie einstmals bügelnd über die miesen Erlebnisse gehen wird und die Guten zurücklassen wird. 😉

  9. Vampiet 24. Juni 2016 zu 22:02 #

    [Die Nachlese wurde dem vampietschen Institut für Begruftigung mit Stempel „erneut vorlegen“ eingereicht- Memo an mich selbst]

    Mitte Juni mit Horizontlinie Anfang Juli ist doch echt ’ne gute Zeit für den nachgeschobenen Kommentar. Aber den musste ich in meiner recht bunten Fledermaushöhle offenbar erst noch in Ruhe ausbrüten. Genug Zeit hatte ich ja- so zwischen literweise Wandfarbe und Umzugskartons.

    Was das Vampiet für sich herausgelesen hat und so auch schon während der Astralanwesenheit auf dem WGT für sich feststellte (physisch konnte ich das Hochsauerland ja leider nicht verlassen, der Geist weilte indessen woanders): wenn ich nächstes Jahr die Karte löse, kaufe ich mir damit die Chance auf eine gute und für mich absolut wertvolle Zeit mit Freunden inmitten einer Kulisse, die dem ästhetischen Hör- und Optikempfinden im Idealfall einen würdigen Rahmen verleiht und einzigartige, wgt-eske Möglichkeiten eröffnet, diese gemeinsame Zeit mit etwas Unvergesslichkeit abzupudern.
    (na ja gut… und sollte sich ein handfestes Staatsbesäufnis ergeben: in den Fluss spring ich gern, man lebt ja schließlich nicht nur das apollinische Prinzip).

    Vielleicht ist es ein Segen für mich, aufgrund meines jungfledermäusischen Alters, nie „die ursprüngliche, beseelte Szene“ kennengelernt zu haben. Denn so bin ich frei von der Erinnerung und suche nicht das schöne und vertraute Altbekannte, das leicht zum nicht mehr erreichbaren Ideal entrückt. Schade und schön gleichermaßen.

    Chapeau, Frau Königin!

  10. Shan Dark 24. Juni 2016 zu 22:09 #

    Verspäteten, aber trotzdem allerliebsten Dank für eure „intensiven“ WGT-Berichte und Impressionen. Es ist echt immer wieder interessant, wie ähnlich als auch wie unterschiedlich sich die Eindrücke vom WGT gestalten. Ich weiß gar nicht, was ich faszinierender finde: dass man 4 Tage auf dem selben Festival war, sich aber kaum begegnet ist (r@zorbla.de mal ausgenommen, hehe) oder dass man 4 Tage auf dem selben Festival war und trotzdem die ein oder andere ähnliche Erfahrung gemacht hat…? Wenn es mit dem Musikgeschmack nicht überlappen würde, sähe man manche Leute wohl gar nicht ohne sich mit ihnen extra zu verabreden.

    @Marcus:
    Na zum Glück gehts nicht nur mir so mit dem „immer schwerer zu begeistern“. Das beruhigt mich etwas. Manchmal wünsche ich mir in solchen Situationen ‚a blank memory‘ zurück. Dann hätte ich voll die wilden, ekstatischen Konzerterfahrungen und wäre kaum enttäuscht.

    Aber die Party im Schwarz 10 war nicht offiziell, oder? Klingt jedenfalls schön…

    @Gruftfrosch:
    Hab auch deinen Bericht genossen – und wenn’s recht ist – auch den KommentarBLOCK etwas aufgesplittet in leichter lesbare Absätze. Kein Problem, dass Du dir länger Zeit gelassen hast, wenn dann dabei so ein interessanter Bericht rauskommt…

    Übrigens die Kritik an der LVB direkt an meine Freundin weitergegeben, die bei der LVB im Quali-Management arbeitet. Bei einigen Kritikpunkten sollte sich doch was optimieren lassen. Warst hier also an der richtigen Stelle damit.

    Warum haben wir uns auf der blauen Stunde nicht gesehen? Das gibt’s doch gar nicht. Aber da isses auch immer so dunkel. Dort hab ich nur die Kathi Traumtänzerin getroffen.

    Friedhofsführung – das müsst ihr nächstes Jahr unbedingt noch mal mit Führung machen, die soll echt toll sein. Und ich komme mit! Habe viel Gutes gehört dieses Jahr von mehreren Leuten und werde sie wohl auch noch in meine „Insider-Tipps“ aufnehmen.

    Das Landratsamt fand ich damals schon scheiße, wo es zum 1. Mal dabei war. Und wenn nicht gerade Skinny Puppy oder eine andere meiner hero-Bands da auftreten sollte, lehne ich die Location strikt weiterhin ab. Meiner Meinung nach war da nie ein Fitzel Attraktivität vorhanden.

    Du hast es in abgewandelten Erich Kästners Worten schön gesagt: Die Zeit, die alte Bügelfrau, bügelt alles wieder glatt. Das ist eine sehr gnädige Funktion unserer Hirn-Festplatte. Die löscht nach gewisser Zeit selbständig alles leicht schlechte und nur die Extreme bleiben noch erhalten. Möge dein nächstes WGT von den Umständen und der LVB ein besseres werden! Uns beiden wünsche ich außerdem ein „wegflashendes Konzert“ in 2017.

    @solitary_core:
    Danke fürs Herauskitzeln des Crystal Gin Tonic Rezepts 🙂 und den Tipp zu Cranberry Bananensaft. Werde ich als neue Mischung demnächst mal probieren. Sicher besser geeignet für heiße Temperaturen. Gestern gabs hier eisgekühlte Gurkenlimo. Das war genial!

    @r@zorbla.de:
    Und es war wieder schön mit Dir! 🙂 Dieses Jahr waren wir ein Dream-Team zu viert, das war auch prima.

    Über viele Leute kann man echt nur noch den Kopf schütteln. Den mit dem Baustellenhelm hatte ich schon wieder erfolgreich verdrängt. Ich glaube, diese Art ist wirklich irgendwie „krank“. Aber die im Hasenkostüm nicht. Versteh’s auch nicht!

    „Noch kann man dort nette Menschen treffen und sich ausgezeichnet mit ihnen unterhalten. Noch kann man Ecken finden, in denen man sich wie von Spinnen umwebt fühlt. Es wird halt schwieriger.“

    Ja, es wird halt schwieriger. Aber für mich geht auch mit jedem Jahr immer ein Stück mehr „Goth-Geist“ verloren. Findet man noch auf der blauen Stunde, im HeiDo, Stadtbad, Haus Leipzig, Täubchenthal. Also doch noch ein paar Ecken und Parties, möge es so bleiben. Und wenn er irgendwann weg ist, dann müssen wir eben wie unsere Koblenzer Freunde „Wave-Garten-Party“ machen daheim. 🙂

  11. Marcus 24. Juni 2016 zu 22:50 #

    @Shan Dark: Die Party im Schwarz10 war durchaus „offiziell“. Man fand diese auf dem zweiten Programmteil (Konzerte etc.).

  12. Shan Dark 24. Juni 2016 zu 23:35 #

    @Marcus: Oh echt, da haben wir was verpasst. :/

  13. Shan Dark 25. Juni 2016 zu 13:42 #

    @Vampiet:
    Hahaha, „das vampietsche Institut für Begruftigung“ – was ein Knüller, ich könnt mich totlachen! Und hoffe damit wenigstens ein Klischee zu bedienen. Tollste Formulierung seit langem, den Chapeau gebe ich zurück und freue mich schon, wenn du nächstes Jahr bei der gemeinsamen Begruftigung wieder mit dabei bist!!! Das wird fein.

    Und ja, Du hast es allerdings gut, die alten Gruftizeiten nicht zu kennen. Ich bin zwar auch nicht seit den 80ern dabei, aber die Unterschiede sind schon sehr deutlich zu beobachten, wenn man einen Vergleich hat. Manches ist auch gut, aber da muss ich schon länger drauf rumkauen, viel positives an der Entwicklung der Szene fällt mir nicht ein…

  14. Gruftfrosch 28. Juni 2016 zu 05:17 #

    Wir haben natürlich erst am Sonntag gepeilt, dass es Teil 1 und Teil 2 beim Programmheft gibt. Haben uns schon gewundert, warum der ganze Nachmittagskram in unserem Teil fehlte. In die Hand bekam man bei der Bändchenausgabe nämlich nur den Abendteil.

  15. Gruftfrosch 28. Juni 2016 zu 05:43 #

    Recht schönen Dank übrigens für die Wünsche, das Weiterleiten an die LVB und das Unterteilen ;). Bei der Blauen Stunde haben ich auch 2 mal ne Runde drehen müssen, um Satoria zu finden (natürlich auch dann nicht ohne Handykontakt) – zu finster einfach. Da übersieht man sich leicht.

    Von der Friedhofsführung hatten wir letztes Jahr schon Teil 1 besucht, drum war Teil 2 jetzt eigentlich auch gesetzt, aber nunja. Es bleibt die Hoffnung, dass die die im kommenden Jahr wieder anbieten.

    Um nicht missverstanden zu werden, das LRA war und ist ne scheiß Location, und nun ist sie eben noch besch***eidender geworden. Geht eben nüscht über die Kuppelhalle :-D.

  16. Anni 18. Juli 2016 zu 22:46 #

    Liebe Shan Dark,
    tja – ich bin auch so eine WGT-Fleddie. Zwar nicht von Anfang an dabei, aber schon knapp 2 Jahrzehnte. Und ich habe dieses Treffen zum 25.Jubiläum gespalten erlebt. Ich war das erste Mal mit meinem Sohn (20 Jahre) zusammen dort, weil mein Seelengleich bereits den Fährmann bezahlt hat. Und der Junior war völlig hin und weg von dem Spirit der Gemeinschaft. Diese Art des Respekts und der Toleranz haben ihn schwer beeindruckt. Mann / Frau möchte sich das Bild vorstellen : Oma, Mutter, Tochter – zurück vom Vikorianischen Picknick. Und Oma schiebt völlig sebstverständlich einen gothic designten Gehwagen. Niemand findet’s komisch, guckt blöd oder ähnliches. Auf den Konzerten war für uns beide was dabei. Und auch die Füße, die einfach sauweh tun nach Stunden auf Beton in der Agra, ja – die gehören dazu. Moritzbastei im scharfen Ostwind > da is mal durchalten angesagt. Heidnisches Dorf – er hat es mit Estampie mal ganz neu gesehen. Ich hingegen gebe Dir recht. Ich vermisse das, was das WGT eigentlich ist oder vielleicht auch nur für so ne Olle wie mich sein sollte. Ein Treffen, von Menschen, die ein anderes Verständnis von Leben und Umgang mit anderen Leben / Wesen haben. Nicht so oberflächlich und durchaus intelligent. Und ich habe mich dem Vergnügungspark bewußt verweigert. Das hat definitiv nichts mit Schwarz zu tun. Ganz gleich ob Emo, Steamie, Victorian, Leder, Lack, Vicking, Punk, Romantic e.g. zu tun. Und ja – Völkerschlachtdenkmal hätte ich mir auch gewünscht. War immer schön da – auch im Regenguss 🙂 Eine Lanze muß ich noch brechen für die Leipziger Taxifahrer. Da hat wohl die Obrigkeit just vor dem WGT neue „Fahrradstreifen“ auf die Strassen malen lassen und da dürfen die eigentlich nicht stehen und auch nicht halten. Respekt, dass die kollektiv während unserer Tage vergesslich wurden. Sonst hätte es nicht nur an der Agra ein echtes Problem gegeben. Und mal so aus dem Nähkästchen : Meine Schwiegerleute leben in Leipzig und die – wie auch alle aus der Strasse und solche, die ich so kennenlernen durfte, freuen sich auf „die Schwarzen“, jedes Jahr. Das packt ihre Stimmung und läuft ihnen lebenstechnisch voll rein. Es ist nicht das Outfit ! Es ist der Spirit, das Lebensgefühl, das mit den (echten) Schwarzen in die Stadt fließt. Und das fände ich jetzt mal echt grufftig, wenn die shadows (die Organisatoren) des WGT das mal wieder in ihr mind set holen könnten. Hier geht’s – wie Du sagst – nicht um fashion…..und nicht um mainstream…Ich bin nächstes Jahr wieder dabei – maybe we’ll meet.
    Allerliebste & beste schwarze Grüße
    von
    Anni (the black lady)

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