Jean Michel Jarre: Der analoge Gott

Festhalle Frankfurt – 31.10.2011

Manchmal passieren Dinge, auf die ist man nicht im Geringsten vorbereitet. Wie konnte ich auch ahnen, dass mich dieser Jean Michel Jarre, dessen Alben „Oxygene“ und „Equinoxe“ schon vor mehr als 30 Jahren die Charts stürmten, mit dem besten (elektronischen) Konzert meines Lebens beglücken würde? Dass jemand, der bereits solche Erfolge gefeiert hat, auf der Bühne mit einem Enthusiasmus rüberkommt als gelte es die Massen von seinem Debutalbum zu überzeugen? Ich zehre noch immer von diesem 2-stündigen Klang-Tsunami, der mich zum Auftakt seiner Deutschlandtournee 2011 in Frankfurt ohne Vorwarnung erwischt hat.

Ein Problem habe ich seit diesem Konzert allerdings: ich werde künftig alle Auftritte an seinem messen und da werden es Bands mit reiner Mac-Präsenz und paar Videos im Hintergrund zwangsläufig schwer(er) haben. Bis zu diesem Konzert war ich auch noch der Meinung, dass Karl Bartos (bzw. Karl Barroso, wie mir mein dämliches Autovervollständigen am iPhone vorschlägt) ein gutes Konzert abgeliefert hat beim Sinners Day Festival 2011. Aber jetzt muss ich sagen, dass die ganze Kabelwolle auf dem Tisch zusammen mit 3 Macs, 2 Monitoren und hübschen Videosequenzen doch nur eine ganz traurige Reminiszenz an glorreiche Kraftwerk-Zeiten darstellte. Die damals mit einem ähnlich riesigen Fuhrpark an Klangkörpern und analogem Soundequipment unterwegs waren wie wohl heute noch Jean Michel Jarre. Was da auf der Bühne stand, als wir die Frankfurter Festhalle betraten, war für digitale Zeiten beachtlich. Keyboards, Synthies und analoge Instrumenten-Schränke aus Holz füllten die Bühne in kompletter Breite aus.

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Auch wenn die Festhalle nicht ausverkauft war – voll war sie schon. Das Ticket hatte ich übrigens Weihnachten 2010 von meinem Freund geschenkt bekommen und er hatte mir/uns die 6. Reihe mittig vor der Bühne beschert! Es war teuer, ja. Aber es ist auch klar, dass so ein Ausnahmemusiker wie Jarre nicht für’n Appel und für’n Ei spielt. Geht auch gar nicht, bei dem was er da als Show auffährt. Und es war jeden Cent wert!

Apropos: 1 Cent seiner Konzerttickets geht bis ans Ende seines Lebens an die Unesco für das Bildungsprojekt „education for all“. Das verkündete der Unesco-Botschafter Jarre zwischen zwei Stücken. Das ist schön, aber „this is not much“ gab er selbst zu. Ich fragte mich unweigerlich, ob bei den Ticketpreisen nicht auch 50 Cent je Ticket drin wären. Dann hätte er vor allem auch einen Grund gehabt, darüber zu reden. So war es ein bisschen, naja… nicht recht einen Applaus wert. Aber ihm kam es wohl eher auf den Appell an andere Musiker an, es ihm gleich zu tun – nur gemeinsam könne man mit 1 Cent je Ticket was bewegen. Das glaub ich mal gern…

Musikelixier

Dass dieses Konzert ganz anders werden würde dämmerte mir bereits, als der Herr und Meister nicht direkt auf die Bühne kam, sondern von hinten durchs Publikum kommend, seinen Fans die Hände schüttelnd nach vorn lief. Was diesen Gott irgendwie sehr nahbar und sympathisch machte. Zu sehen ist der Einmarsch des Klang-Gladiators hier im Video: da bin ich bei 0:42/0:43min auch kurz zu erspähen am Gang. Er lief an mir vorbei und ich war geschockt: Mann, ist der noch jung!

Jean Michel Jarre begeisterte und verzauberte mich nicht nur mit seiner Musik, sondern auch als Mensch – mit seinem jungenhaften Elan. Angeblich sei er 63. Doch ich zweifele immer noch an Wikipedia. Wie kann jemand, der höchstens 45 ist, bereits 1948 geboren sein? Hier muss ein Irrtum vorliegen. Gut, er konnte in seinem Leben sicher öfter ausschlafen als ich und seine einzige Droge scheint die Musik zu sein. Wie jung doch (elektronische) Musik den Menschen halten kann!

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Sieht so ein 63-Jähriger aus??

Aber es geht ja nicht nur um sein Aussehen, sondern auch um seine Beweglichkeit. Fit und trainiert wie ein Teenager sprang er in seinem Soundlabor beim Reglerschubsen auf und ab, rannte öfters von einem Bühnenende zum anderen. Wo heute die 20-Jährigen schon keuchend im Sessel hängen würden – lächelte er nur voller Euphorie über seine eigenen Klangtaten. Er hat eine Ausstrahlung, als hätte er den Dalai Lama verschluckt und mit dem „kleinen Prinzen“ von Antoine de Saint-Exupéry nachgespült. Niemals, niemals kann Jarre ü60 sein. Das glaube ich einfach nicht! Aber er hat mir die Augen geöffnet und ich werde jetzt mein Leben radikal ändern. Ich fange mit 7 Std. Schlaf je Nacht für die nächsten 30 Tage an.* Vielleicht sind danach schon ein paar Fältchen weg – so wie beim Jean Michel.

Seine Manieren sind wiederum herrlich oldschool und konservativ, entbehren aber nicht des typisch französischen Charmes: Begrüßung vor Beginn der Show, ab und zu Ansagen und Infos zur Entstehungsgeschichte mancher Stücke und gegen Ende stellte er jeden seiner drei Musiker einzeln vor (jeder war unter anderem für „some strange sounds“ zuständig 😉 ).

Schwebezustände

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Jean Michel Jarre an der Laserharfe

Musikalisch spielt sich Jean Michel Jarre durch seine breite Palette an Erfolgsalben – vor allem viele Stücke von „Oxygene“, „Equinoxe“ und „The Magnetic Fields“. Bei jedem Song gibt es einen anderen Showeffekt – produziert von –zig Lasern von der Decke, von der Seite, aus dem Bühnenboden oder er zupft die durch ihn berühmt gewordene Laserharfe. Einfach genial! Alles sieht bei ihm so leicht aus. Aber in allem was leicht aussieht steckt bekanntlich harte Arbeit und viel Übung.

Auch die Videos auf der breiten Leinwand sind atemberaubend, alles ist perfekt aufeinander abgestimmt. Klangflächen treffen auf Bildwelten treffen auf Bombast-Sound. Ich schwebe durch die Jarrestrische Dimension und staune stumm mehrere AH’s und OH’s vor mich hin. Am liebsten will ich gar keine Fotos und Videos machen, sondern durch Zuschauen diese musikalischen Gefühle konservieren. Etwas bemächtigt sich meiner und ich sitze da mit fassungslosem Kopfschütteln, entrückt-debilem Grinsen über diesen analogen Gott da vorn und werfe öfters mal einen Blick in das ebenfalls beseelte Gesicht meines Freundes.

Sichtbare Sound-Zauberei

Ich habe Hochachtung vor Jean Michel Jarre und seinem Werk. Er steckt mit Leib und Seele in seiner Musik. In allem was er tut ist er Perfektionist. Seine Erfolge sind nur allzu nachvollziehbar für mich. Für ihn selbst eher nicht, aber er vermutet:

„Mein Erfolg kommt vermutlich unter anderem daher, dass ich fast besessen davon bin, elektronische Musik sichtbar zu machen.“

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magic fingers and sounds

Er macht nichts anderes an diesem Abend. Er zeigt uns, was er an seinen Reglern, Synthieknöpfen und Keyboardtasten dreht und drückt. Bei „Oxygene V“ überträgt er seine Bewegungen im Soundlabor live per aufgesetzter Brille mit Kamera auf die Leinwand. Man sieht alles und trotzdem kommt es mir vor wie Zauberei. Jean Michel Jarre: le magicien électroniques. Auch wenn er mit seinen Händen über das elektronische Magnetfeld des Aetherophone / Theremin Töne erzeugt. Jarre spart an nichts. Jeder Effekt, der etwas zum Klangerlebnis beitragen kann, wird auf uns losgelassen. Alles handgemacht, analog und retro bis ins letzte Detail. Viele Musiker machen es sich viel viel einfacher. Siehe Karl Barroso. So etwas „Echtes“ wie bei Jean Michel Jarre bekommt man so gut wie nirgends mehr zu sehen. Qualität in analog.

Die Begeisterung, die Jean Michel Jarre selbst als Musiker auf der Bühne versprüht, wünscht er sich auch vom Publikum. Er blickt oft zu uns, reißt die Arme hoch, klatscht in die Hände und fordert uns einige Male zum Mitklatschen auf – was aber elektronischer Musik selten gut tut. Er wünscht sich auch, dass wir alle aufstehen – zum Glück passiert das erst gegen Ende der Show. Ich mag seine Musik und Show lieber im Sitzen genießen, dazu träumen und meine Gedanken fließen lassen. Tanzen oder Mitklatschen passt aus meiner Sicht bei Jarres Musik nicht so recht.

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Auch DU kommst zum nächsten Jarre-Konzert! 🙂

Auch wenn gegen Ende 2-3 Stücke seiner letzten Alben gespielt werden, die sehr diskopoppig sind. Aber nun ja, die Masse klatscht kräftig mit und der Gott lacht und ist glücklich. Was will man mehr? Immerhin hat er mich auch glücklich gemacht – und dieser Zustand hält immer noch an. Das hat über vier Tage auch noch kein einzelnes Konzert geschafft. Chapeau!

Fazit: Wer elektronische Musik mag oder gar selbst macht (wie und womit auch immer), muss diesen Meister und Wegbereiter der elektronischen Klänge live erleben! Koste es, was es wolle. Glaubt mir, ihr werdet es nicht bereuen. Denn weder YouTube-Videos noch Live-CDs können dieses Erlebnis und diese Eindrücke ersetzen. Bei Jean Michel Jarre macht es einen riesigen Unterschied, ob man seine Musik erlebt oder sie nur hört.

PS: Und falls er tatsächlich schon über 60 sein sollte, dann könnte es eine seiner letzten Tourneen sein. Obwohl er ganz und gar nicht danach aussah…

Jean-Michel-Jarre-live-Frankfurt-Festhalle-2011

Jean-Michel-Jarre-Band-Abschluss

Jean Michel Jarre und seine Band – good bye! Coming back soon?

 

* Als ich fest entschlossen von meinem aktuellen Vorhaben, jede Nacht 7 Stunden zu schlafen, auf Arbeit erzählte, sagte mein Kollege nur: „Oh, dann kommst Du morgen also erst um 10?!“

 

 

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5 Responses to Jean Michel Jarre: Der analoge Gott

  1. Mac 5. November 2011 zu 13:35 #

    Ich werde Dienstag mein drittes Jarre Konzert besuchen. Ich berichtete. http://spheric.de/jean-michel-jarre-world-tour-2010-berlin-concert Was mich an Jarre fasziniert, ist die Tatsache das er normal ist bzw. geblieben ist. Er ist ein netter angenehmer Mensch, der keine Allüren hat. Das merkte ich 2010 auf der IFA in Berlin, als ich zwei drei Sätze mit ihm wechselte. Er macht auf der Bühne für mich immer den Eindruck, als freue er sich diebisch, wie ein kleiner Junge, über die Klänge die er da den Kisten entlockt. Und für sein Alter ist er in der Tat bemerkenswert agil und flippig. Ich mag ihn… Und das nun auch schon seit über 30 Jahren. Anyway: Meine allererste CD war von Jarre. Oxygene. Mein Highlight ist nach wie vor ZooLook, das ich schon als LP rauf und runter spielte.

  2. r@zorbla.de 7. November 2011 zu 06:42 #

    Der Neid tropft aus meinen Augen. Die Termine sind leider irgendwie voll an mir vorbei gegangen. *schnüff*

    Und auch wenn Karl Barrosos (hr, hr) Kabelsalat vielleicht nur Show war, war es dort gar nicht mal so schlecht. Naja, wenigstens hatte Nico W. am 05.11. in Düsseldorf eine kleine Synthie-Burg statt Kabelsalat aufgebaut, und ich musste nicht ganz so oft an den zeitgleich in Köln herumhüpfenden JMJ denken 😛

  3. Ma Rode 8. November 2011 zu 13:09 #

    Deinem Beitrag ist nichts hinzuzufügen. Ich werde heute in Berlin mit Monsieur Jarre das Vergnügen haben … und dann wieder ungefähr eine Woche brauchen, um das debile Dauergrinsen loszuwerden :o)

  4. shan dark 8. November 2011 zu 14:47 #

    @Ma Rode und @Mac: Mich wundern diese Wiederholungstaten mittlerweile überhaupt nicht mehr. Ich würde auch jederzeit wieder hingehen, aber vllt. eine andere Tour abwarten, so dass sich das Set etwas abwechselt. Wünsche Euch beiden jedenfalls viel Spaß beim Konzert in Berlin! Denke an Euch…

    @r@zorbla.de: Synthie-Burg ist auch ein netter Begriff. Du meinst Nico Walker? Hab gerade mal bei ihm reingehört… nicht ganz verkehrt, aber auch nicht recht mein „Ding“.

  5. Mac 11. November 2011 zu 15:16 #

    War cool!
    Allerdings war das Publikum wieder mal total dröge. Dauerte echt wieder eine Weile bis die warm wurden. Wir haben die um uns „rumschlafenden“ erst mal zum mitmachen animiert.

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