Grabarka

Skurrile Reiseziele in Polen sind selten morbide. Auf Beinhäuser und Mumien standen und stehen die Polen nicht so recht – sicher aus religiösen Gründen. Dafür gibt es hier einen krummen Wald oder den Berg der Kreuze in Grabarka. Und Kreuze kann man als Gruftie ja nie genug haben.

GRABARKA

Der Name des kleinen Ortes an der östlichen Grenze zu Weißrussland inspirierte uns schon bei der Hinfahrt zu deutschen Horrorfilm-Titeln wie GRABARKA – der Todeshügel der blutigen Kreuze oder GRABARKA – im Würgegriff der gekreuzigten Seelen. Aber den Polen ist eben alles hoch und heilig. Der Berg von Grabarka hat keine blutigen Augen sondern tausende heilige Kreuze und eine Quelle, die Wunder bewirkt. Zumindest dieser Legende nach:

1710 brach in der nahegelegenen Stadt Siemiatycze die Cholera aus. Die Menschen flüchteten aus der Stadt aufs Land und in die Wälder. Einer der Flüchtlinge (dessen Name bis heute unbekannt geblieben ist) hatte nachts im Traum eine Offenbarung, dass der einzige Weg zur Rettung sei, mit einem Kreuz an die Spitze (des Berges) von Grabarka zu gehen. Er erzählte seinen Traum dem Priester seiner orthodox-christlichen Gemeinde, der ihn für eine Offenbarung Gottes hielt. Also zogen die Menschen aus der Stadt mit Kreuzen auf den Hügel von Grabarka, von dem auch ein Bach herunterfloss. Wer aus dem Bach bwz. der Quelle trank, überlebte. Die Legende besagt, dass seit diesem Ereignis und dem Aufstellen der Kreuze niemand mehr an der Krankheit gestorben sei. Im gleichen Jahr bauten die Menschen, die die Cholera überlebten, eine hölzerne Kapelle auf dem Berg von Grabarka – als Dank für das Leben.

grabarka-heiliger-berg-polen

eisenkreuz-grabarkaSeit dieser Zeit ist der Heilige Berg (Swieta Gora) von Grabarka eine Pilgerstätte für orthodoxe Christen (und neugierige Gothics :)). Meist bringen sie ein Kreuz mit, das sie mit zu den vielen anderen Büßer- und Votivkreuzen stellen, hängen oder legen und sie trinken das Wasser aus der heiligen Quelle am Fuße des Berges. Zudem befindet sich hier seit 1947 auch der einzige orthodoxe Konvent Polens. In diesem leben ca. 20 Nonnen – ich habe auch eine Leibhaftige gesehen. Vor dem 2. Weltkrieg gab es noch mehr davon in Polen, heute liegen sie auf dem Gebiet Weißrusslands und der Ukraine. Nur hier in Grabarka erlaubte der polnische Staat nach Kriegsende die Gründung eines orthodoxen Klosters.

Jedes Jahr am 19. August wird es auf dem heiligen Berg so voll wie beim Kirchentag, wenn feierlich das Fest der Verklärung Christi begangen wird.

Dann kommen tausende Pilger aus Polen, der Ukraine und Weißrussland hierher, um ihr Glaubensbekenntnis zu erneuern. Sie bringen kleine und große Kreuze mit, in die ihre Wünsche geritzt sind. Bevor sie den heiligen Berg von Grabarka besteigen, waschen sie mit einem weißen Tuch ihre Körperteile. Das Wasser der Quelle soll vor Krankheiten schützen. Im 18. Jahrhundert – weiß die Legende zu berichten – soll das Wasser der Quelle die Menschen vor der Cholera bewahrt haben. Die weißen Tücher, die das Kranke aufgenommen haben, lassen sie an der Quelle liegen oder hängen sie in die Bäume. Später verbrennen die Nonnen sie. Nach der rituellen Reinigung besteigen die Pilger – zum Teil auf Knien – den Heiligen Berg. Die ganze Nacht vom 18. auf den 19. August beten sie und singen heilige Lieder.[1]

Kreuzüberflutung

Die geballte Heiligkeit des Ortes war mir so nicht bewusst, als wir nach Grabarka fuhren. Das hätte mich aber auch nicht abgeschreckt – immerhin ist ein Berg voller Kreuze durchaus etwas Einmaliges! Und WIE.VIELE.KREUZE !!! Wirklich unfassbar. Rings um die kleine Holzkirche und an den Hängen des Hügels herunter war alles eng zugestellt mit ihnen auf einer ziemlich großen Fläche. Auf schmalen Wegen konnte man vorsichtig zwischen den Kreuzen durchgehen, wenn es denn unbedingt sein musste. Es MUSSTE!

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grabarka-meIch stand in einem Wald aus Kreuzen, gut, ab und zu war auch mal ein Baum oder Strauch dazwischen. Neue Kreuze neben alten. Die ältesten Kreuze stammen aus dem 18. Jahrhundert. Sie sind von ganz unterschiedlicher Art – es gibt ganz einfache Holzkreuze, aber auch liebevoll verzierte. Kreuze aus Eisen, aus Holz, Grabkreuze aus Sandstein. Sie liegen und stehen kreuz und quer. Manche sind mehrere Meter hoch, andere nur so groß wie ein Kettenanhänger. Die meisten Kreuze sind beschriftet mit dem Jahr ihrer Pilgerschaft, in dem sie hier aufgestellt wurden. Sie enthalten Namen, Wünsche oder Segenssprüche – oft in kyrillischer Schrift. Es gibt auch Kreuze, die in Gruppen stehen – vermutlich von orthodoxen Gemeindeverbänden, die sie hier am 19. August aufstellten. Faszinierend fand ich auch einige Kreuze mit Fotos oder die vielen Rosenkränze und Kreuzkettchen. Auch Jesus hing zahlreich gekreuzigt herum. Nur ein Kreuz gibt es hier nicht: das Anti-Kreuz. 😉

In diesem Video seht ihr meine erste Minute „im Bann der Kreuze“:

Meine gruselig-heilige Stimmung wurde allerdings etwas durch die Kreissäge-Arbeiten und Baumaßnahmen getrübt, die rings um die Holzkirche stattfanden. Sie wurde repariert und mit einem Pavillon davor erweitert. Es ist nicht mehr die ursprüngliche Kapelle aus dem 18. Jhd., denn diese fiel 1990 einem Brandstifter zum Opfer – „Brandwunden“ sind auch noch an einigen Kreuzen zu sehen, die schwarz angeschmort sind.

Das Wasserhäuschen der heiligen Quelle am Fuße der Bergtreppe

Das Wasserhäuschen der heiligen Quelle am Fuße der Bergtreppe

Wer gläubig ist – oder auch wer sich das noch zu einem etwas rituellerem Event hochstilisieren möchte, sollte ein selbstgezimmertes Kreuz nach Grabarka mitnehmen oder zumindest einen kleinen Kreuz-Kettenanhänger dort lassen. Sicher bringt es Glück und bewahrt euch vor jedweder Pest. Auch Wasser aus der wundertätigen Quelle am Fuße des Berges kann helfen – ich habe ausreichend davon zu mir genommen, es war äußerst lecker und erfrischend. Das Wasserhäuschen ist in himmelblau gestrichen, was bei den Christen als heilige Farbe gilt, die für Transparenz und Klarheit des Denkens steht. Wobei ich ja letzteres als Atheistin immer bezweifle. An der weißrussischen Grenze Polens sieht man jedenfalls oft Wegekreuze in himmelblau und auch komplett blau gestrichene orthodoxe Kirchen mit Zwiebeltürmchen sind keine Seltenheit.

kreuz-grabarka-baumstumpf

Knapp zwei Stunden hielt uns der Kreuzwald in seinem Bann. Er war viel besser als jeder polnische Friedhof, die meist außerhalb der Ortschaften liegen und eben typisch katholisch mit normalen Steingräbern und vielen Grablichtern bestückt sind. Außerdem sind die Menschen ja nicht so reich, Statuen sieht man daher auf den Friedhöfen gar nicht – ist wohl auch keine Sitte hier in Polen. Viel fürs Auge oder die Kamera gab es auch nicht auf dem Friedhof in Grabarka, der sich im Schatten der Kreuze zwischen Kirche und Konvent versteckt.

polen-kreuze-grabarka

Solch einen Berg der Kreuze > Hill of Crosses gibt es noch in Litauen in Siauliai. Es ist ebenfalls ein heiliger Wallfahrtsort aber ganz anders als der Kreuzhügel in Grabarka, wenn ich mir die Bilder davon so ansehe. Grabarka ist weniger touristisch, viel verwunschener durch den Wald und eine heilige Quelle hat Siauliai auch nicht. Irgendwie hat Grabarka mehr düsteres Potenzial. Also auf nach Polen, Kreuze gucken!

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Ein Katzensprung von Deutschland aus ist Grabarka natürlich nicht. Am besten ihr verbindet das mit einem Urlaub durch den Norden von Polen: der krumme Wald bei Stettin, die baltische Ostsee, Danzig, viele schöne Seen, Unmengen Störche, das ehemalige Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ in den Masuren – es lohnt sich sehr! Ideal ist als Ausgangspunkt Berlin und bei Frankfurt an der Oder über die Grenze nach Polen. Von der westlichen Grenze bis nach Grabarka sind es ca. 650km, für die man aber schon mal so 7-8 Stunden Autofahrt einplanen sollte. Grabarka liegt ca. 2,5 Stunden hinter Warschau. Der „Swieta Gora“ ist ausnahmsweise mal gut ausgeschildert und befindet sich etwas außerhalb des kleinen Ortes.

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  1. [1]Quelle: Kloster Grabarka – der bedeutendste orthodoxe Wallfahrtsort in Polen

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6 Responses to Grabarka

  1. stoffel 24. September 2014 zu 07:54 #

    Toller Bericht, der wirklich neugierig auf diesen (und die anderen von Dir empfohlenen Orte) macht … ich glaub mich packt gerade das Reisefieber 😉

  2. Marcus 24. September 2014 zu 10:56 #

    Wieder einmal ein spannender Ort, den Du uns Lesern näher gebracht hast. Im Gegensatz zum Berg der Kreuze in Litauen war mir Grabarka bisher unbekannt. Danke für die ausführliche Beschreibung dieses interessanten Reiseziels.

  3. Shan Dark 24. September 2014 zu 14:56 #

    Danke Euch beiden, das freut mich! Trotz der geballten Heiligkeit ist dieser Ort doch durchaus was für ‚unsereins‘.

    Liebe stoffel: Von Dir aus dürfte es auch ein klein wenig kürzer sein – bist ja schon im Norden. Also dann mach mal Urlaubsplanung für 2015 🙂 über die anderen Reiseziele in Polen folgen hier auch noch Berichte.

    Lieber Marcus: Mir war irgendwie so, als hätte ich schon mal einen Beitrag von Dir über den Kreuzberg in Litauen gelesen – oder war es ein Friedhof? Wenn zum Kreuzberg in Siauliai, dann poste doch hier bitte noch mal den Link.

  4. Wotan 26. September 2014 zu 07:07 #

    Sollte es mich mal in die Gegend verschlagen, mache ich auf jeden Fall einen Umweg dahin! Alle Kreuze auf den Kopf stellen! Nein! Spaß muß sein! 😉 Deine Reiseberichte wecken immer wieder Reisefieber und sind so gut, daß man zumindest den ersten Fieberschub gelindert bekommt. 🙂 5 Sterne!

  5. Marcus 27. September 2014 zu 18:57 #

    @Shan Dark: Bis jetzt ist der Berg der Kreuze in Litauen einzig ein Punkt auf meiner persönlichen Weltkarte mit potentiellen Reisezielen. Allerdings sind in meiner Prioritätenliste andere Länder deutlich höher eingestuft, weswegen sich daran wohl auch so schnell nichts ändern dürfte. Darüber hinaus erscheint mir der von Dir beschriebene Berg der Kreuze in Polen deutlich spannender.

  6. Mandy 15. Februar 2015 zu 22:50 #

    Danke für deinen wirklich interessanten und ausführlichen Bericht. Ich habe von diesem Ort bisher nie etwas gehört oder gelesen.

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