wgt-bekleidung-hier

Von Steam Ork Punks und Tribal Goths

Vielleicht werde ich irgendwann als seltene Spezies in einem Subkultur-Museum enden. Typus „schlichter Goth“. Mehr bin ich nicht. Leider kein Waver, denn zu der Zeit habe ich noch mit Inbrunst Metal gehört und nicht wie manche/r von sich behauptet mit 4 Jahren (!) bereits The Cure gelauscht. Ich bin nicht Steampunk, nicht Barock oder Victorian Goth, schon gar nicht Gothic Lolita oder Cyberpunk. Dabei spielt das Aussehen in der schwarzen Szene eine wichtige Rolle, das sehe ich absolut genauso. Aber es ist nicht das Alleinige. Sich etwas Schwarzes anzuziehen macht noch lange keinen Grufti.

wgt-bekleidung

Bei Goth geht es darum, sich selbst zu lieben. Sich zu entdecken – von innen heraus. Man selbst zu sein, zu wissen, wer man ist und das auch nach außen zu tragen. Das ist ein großer Teil des gothischen Lebensgefühls. Bis man sein dunkles ICH entdeckt hat, dauert es sicher eine Weile – es ist ein Entwicklungsprozess, oft über Jahre. Man wird nicht „über Nacht“ zum Grufti. Es dauert, bis man entdeckt hat, welches Schwarz wie zu einem selbst passt, was man über seine Kleidung von sich preisgeben und nach außen transportieren will oder auch was nicht. Eines der besten Werbeplakate das ich je gesehen habe trug die Aussage:

Stil entwickelt sich aus einer souveränen Haltung.

Souverän bedeutet: sicher, selbstbestimmt, erhaben, überlegen. Letzteres ist nicht unbedingt gleichbedeutend mit arrogant, kann es aber. Ich habe nichts gegen Gothics, die eine gewisse Arroganz an den Tag legen, das tue ich selbst auch. Wichtig ist nur, dass die Arroganz und Überlegenheit auch berechtigt sind, auf sich selbst bezogen. Dass man sicher ist in seiner Haltung zu etwas über das man vorher auch mal nachgedacht hat; dass auch Inhalt hinter der Fassade steckt. Ob das der Fall ist merkt man schnell, sobald man dem/derjenigen Fragen stellt. Da kann es schon mal vorkommen, dass Putz aus der Fassade rieselt.

Der Italiener DjARI hat auf den letzten WGTs quer durchs schwarze Beet Besucher gefragt: What kind of Gothic subculture inspired you for your outfit? / What are the ingredients of your outfit? / How do you call your dresscode?

Die Fragen klingen erst einmal oberflächlich, denn es bezieht sich nur auf das oberflächlich Sichtbare. Die Antworten sind auch nicht von unauslotbarer Tiefe, müssen sie auch nicht sein. Aber was darin zum Vorschein kommt (nämlich oft gar nichts) hat mich – bis auf wenige Ausnahmen – schockiert. Ich wusste nicht, dass es offenbar flächendeckend so schlimm steht um die schwarze Szene. Wusste nicht, dass nur bei so wenigen noch gruftige Substanz zu finden ist, die über Party, Styling und „in eine andere Rolle schlüpfen“ hinausgeht. Mein Goth, ich bewundere mich fast schon selbst für meinen bisher erfolgreich angewendeten Ausblendmodus. Das gelingt mir wohl nur deshalb, weil beim WGT nicht alle auf einem Haufen hocken sondern sich gnädig über die ganze Stadt verteilen. Und weil ich dort bestimmte Locations meiden kann.

DjARI ist in meinen Augen jetzt auch nicht „world’s most original Goth“, sondern ein verrückter Subkulturen-Wandler. Aber er macht seine Sache sehr gut, unterhaltsam und aus dem positivem Antrieb heraus, die Vielfalt der schwarzen Szene zu zeigen. Die Frage im Video-Titel „Which is your favourite Gothic subculture?“ soll am Ende der Zuschauer beantworten, nicht die interviewten WGT-Besucher. Seine Videos haben eine erfrischende Leichtigkeit, die man heute offenbar braucht für die schwarze Szene. Ich habe herzhaft gelacht über Steam Ork Punks, Gothic Geisha Lolitas, Old School Hawaii Goth (arg diskriminierte Sub-Subkultur!), Cyber Cleopatra und solche Aussagen wie „My culture is a blood culture“ vom Zombie Combichrist Goth bis hin zum Tribal Goth „inspired by Game of Thrones and Mongolian hill tribes.“

Wenn ich nicht innerlich gefestigt und stilsicher wäre – ich würde an mir zweifeln, hätte ich doch gar nichts zu bieten. Meine schlichte Antwort auf DjARIs Frage wäre „I’m just a Goth, sorry. Classical Goth, if you want.“ Wahrscheinlich bin ich unterschwellig auch von ostdeutschen Bergvölkern inspiriert, denn ich wurde ja im Erzgebirge (Sachsen) geboren.

Stilikone und Verwandlungskünstler David Bowie sagte einmal:

Du musst deine Vergangenheit in deine Figur mit einbauen. Das hilft dir zu verstehen wer du bist.

Souveränität und Stil ist etwas, das sich erst richtig entwickelt, wenn man sich selbst verstanden hat. Das ist nicht unbedingt allen Menschen gegeben, viele suchen gar nicht in sich, weil es ihnen egal ist. Auch nicht schlimm, aber wie viele dann trotzdem in der schwarzen Szene und geballt auf dem WGT schaulaufen, finde ich wiederum schon schlimm. Nach den Videos von DjARI bin ich völlig desillusioniert. Zum Glück entdecke ich aber unter all den Rollenspielern und schwarzen Fastnachtsnasen noch ein paar schwarze Perlen – wie z.B. diese beiden faszinierenden Mexikaner hier.

Oft kommt die Souveränität mit dem Alter, manchmal aber auch schon wenn man jünger ist – dank Übung in Randständigkeit. 😀 Wer in jungen Jahren aufgrund seiner Kleidung oder sonstiger Andersartigkeit ausgegrenzt wird, legt sich irgendwann einen Panzer zu. Ich hatte schon zu Schulzeiten einen mittelstarken Panzer und so kommt es, dass ich seit vielen Jahren gar nicht mehr merke, wenn jemand guckt, weil ich etwas anders aussehe als der Durchschnitt. Wenn ich es merke, genieße ich’s. Wer will schon so aussehen wie das Gesicht und der Mensch in der Menge? Wollte ich jedenfalls nie, auch wenn ich situativ Zugeständnisse mache, z.B. werktags auf Arbeit oder in Gesellschaft, die es nicht verdient hat, dass ich mich für sie auch äußerlich öffne (z.B. bestimmte Familienfeiern, Konferenzen, Weihnachtsfeiern etc.).

Auch ich habe in den vergangenen Jahren etliche, wenn auch nicht dramatische Veränderungen im Äußeren durchlaufen, aber verkleidet habe ich mich nie. Ich trage je nach Anlass (Party, Konzert, Theaterbesuch, Urlaubsausflug…) und Gemütslage mehr oder weniger schwarz: mal elegant-schwarzromantisch, mal postpunkig-verrobbt, mal schlicht wavig. Aber nie, weil ich „in eine andere Rolle schlüpfen will“ oder damit ich „mal anders sein kann“ – wie hier die von der LVZ als „Die Generation WGT“ betitelte Familie.

Mittlerweile ist das WGT zu einem Kostümfest der Skurrilitäten verkommen. Dass dahinter eigentlich eine von der Musik initial geprägte Untergrund-Szene steckt mit geistigen, kulturellen, emotionalen Inhalten wird von außen – und oft eben auch von innen – gar nicht mehr wahrgenommen. Nonkonformität ja, aber bei manchen nur für kurze Zeit. Nur an Pfingsten. Als Außenstehender kann man gar keinen anderen Eindruck erhalten als den eines Karnevals der Randständigen, wenn man TV-Berichte, Interviews und vorgebliche Gothics sieht, die abrupt stehen bleiben oder zurückgehen, damit der Fotograf oder Kameramann noch mal eine gute Aufnahme machen kann.

Jetzt noch das Kontrastprogramm: schaut euch bitte hier die Bilder vom ersten WGT an. Da gab es noch kein Live-Rollenspiel oder Kostümball. Keiner wäre in den 80ern/frühen 90ern auf die Idee gekommen, als Snake Plissken, im Evil Dead Zombie Outfit oder als Sir Lancelot bei einem Grufti-Treffen aufzukreuzen. Damals wollte man unter sich bleiben und hat durchaus untereinander nach Anerkennung in Kleidung, bei Haaren und Optik gesucht, aber nicht bei den Medien oder gar bei Otto Normalbürger. Mögen diese Motto-Kleider aus dem Fantasy-, Steampunk-, Horrorgenre oder historischen Bereich noch so schön oder aufwändig gearbeitet sein – vieles hat mit dem, was ich persönlich unter der schwarzen Szene verstehe, nicht das Geringste zu tun. Es gibt ja für derartige Outfits auch spezielle Gelegenheiten und Festivals um sie zu tragen: Cosplay- & LARP Conventions, Steampunk-Treffen, Zombiewalks, Christopher Street Day, Maskenbälle und von mir aus auch die Leipziger Buchmesse. Das WGT wäre dann zwar nicht mehr so bunt, aber wieder geprägt von schwarzer Qualität.

I'm a Classical Goth with influences of Saxonian hill tribes ;)

I’m a Classical Goth with influences of Saxonian hill tribes 😉

Aber ich kann die Zeit nicht zurückdrehen – so wird es nicht wieder werden. Die schwarze Szene hat sich zu etwas entwickelt, womit manchmal Außenstehende mehr anfangen können als ich, die ich mich gern in ihr bewege, weil sie meinem Geschmack und Interessen am nächsten kommt. Sie hat sich vollgesogen wie ein supertoleranter Schwamm mit allem was irgendwie „anders“ war und ist. In der schwarzen Masse kann man mitschwimmen egal, welche Musik man hört, Hauptsache keinen Radio-Pop. Es ist nicht mehr wichtig, sich mit der Endlichkeit des Daseins zu beschäftigen, gewisse Literatur zu kennen, sich für Geschichte zu interessieren, das Dunkle und Morbide zu mögen. Heute kommt man nicht mehr wie früher über die Musik in die Szene sondern häufig über Styling und schräge Outfits.

Die schwarze Szene ist ein Spiegel unserer heutigen oberflächlichen und übertoleranten Gesellschaft, kein Antidotum. Das Ergebnis ist, dass man den schwarzen Kern der Szene mit der Lupe suchen muss. Ich finde ihn aber noch bei so einigen (und übrigens nicht nur älteren, sondern auch jüngeren Goths), die ihn in sich und nach außen tragen. Vielleicht ist mir deshalb die Wandlung und Aufspaltung in die vielen stylingbetonten, aber substanzlosen Auswüchse nie so augenscheinlich geworden wie jetzt in diesen bitter-süßen Videos von DjARI.

Ich wünsche mir eine intensivere Besinnung auf das Untergrundige, auf Themen aus der Kultur, Literatur und Kunst. Auf die dunkle Seite, was das Abwenden und Zurückziehen aus der Öffentlichkeit beinhaltet. Wir sind „wegen uns“ auf dem WGT und nicht um in fremde Kameras zu lächeln, Kostüme zu tragen oder ständig Außenstehenden zu erklären, wer wir sind. Oder was meint ihr?

 

4.64 avg. rating (92% score) - 11 votes

Einfach Dranbleiben!

Skurriles, Düsteres, Morbides im Abo! Vernetze Dich mit dem schwarzen Planeten & Shan Dark:

,

42 Responses to Von Steam Ork Punks und Tribal Goths

  1. orphi 10. April 2015 zu 08:08 #

    Ich würde gerne ausführlich kommentieren, aber Du hast schon alles gesagt, was mir auch zu diesem Thema durch den Kopf geht. Mittlerweile überlege ich immer öfter, ob das noch „meine“ Szene ist. Ich fühle mich zunehmend unwohl, auch wenn die Musik auf Veranstaltungen „innere Heimat“ verspricht.

  2. Andreas 10. April 2015 zu 08:50 #

    Ich denke, dass die Oberflächlichkeit ein Phänomen ist, die alle Bereiche der Gesellschaft und Kultur / Subkultur durchzieht. Meines Erachtens entsteht sie durch Zugänglichkeit des Konsums. Durch die Medien und insbesondere das Internet sind Stile und Kulturen zugänglich geworden, die vorher nur einem geschlossenen Kreis zugänglich waren. Damals wurde man nur ein Teil davon, wenn man es ernst gemeint hat. Heute kann sich jeder über alles informieren und zu eigen machen. Dadurch entsteht Freiheit. Aber auch die Freiheit der Fehlinformationen und Oberflächlichkeiten. Alles kann etwas Gutes und etwas Schlechtes inne haben. Wenn man seinen eigenen Weg geht, wird man sich aber nicht verlaufen. Und dieses Fazit habe ich auch aus deinem Beitrag heraus gelesen.

  3. Mone vom Rabenhorst 10. April 2015 zu 09:38 #

    Großartiger Artikel!
    Nichts hinzuzufügen!

  4. Scarabea Enigma 10. April 2015 zu 10:27 #

    Besser hätte ich es nicht ausdrücken können !

  5. Robert 10. April 2015 zu 10:30 #

    Ich stimme zu. Nicke wohlwollend. Das war vermutlich nicht immer so. Gerade der Aspekt, sich jedem zu erklären unterliegt einer Entwicklung. Mit dem Wiedereinstieg in die schwarze Szene habe ich mich intensiv mit Büchern über die schwarze Szene beschäftigt und schließlich gesehen, wohin uns jahrelanges erklären, relativieren und beschreiben uns (oder die Szene) geführt hat. Selbst Paula Schmidt (rein Fikitv) findet es ganz spannend, aus ihrer heilen Welt einmal auszubrechen, sich in schwarze Fummel zu werfen und durch Leipzig zu stolzieren, sie fühlt sich schön, besonders und „böse“. Den Tipp hatte sie von einer Frau beim Tupperabend und auch Heike, die Sitznachbarin aus dem Strickclub hat sich jetzt schwarzen Lippenstift besorgt.

    Das kann es nicht sein! Ein Gefühl, dass sich mir aufgedrängt hat und mit dem ich offensichtlich nicht alleine bin, wie mir dein großartiger Artikel beweist. Nein, ich muss niemandem erklären, was die schwarze Szene ist und eigentlich will es auch niemand wissen. Die Journalisten und Redaktionen, die wirklich an der „Szene“ interessiert sind, gibt es nicht. Eine Illusion. Berichte wie der von der LVZ verschärfen das Problem, weil immer mehr von denen, von den wir uns eigentlich abgrenzen wollten, in die Refugien unserer Szene stürzen.

    @Andreas: Es ist gut, das es alle Informationen über alle möglichen Kulturen im Internet zu finden gibt. Ehrlich. Doch durch informieren allein wird man nicht ein Teil einer Kultur, das steht leider nirgendwo beschrieben oder meistens in dem Teil, den eh keiner mehr liest. Ich denke für die meisten Gothics des „Kerns“ geht es auch um „fühlen“ und „empfinden“. Du hast geschrieben: „Wenn man seinen eigenen Weg geht, wird man sich aber nicht verlaufen.“ Ich denke schon, dass man sich verlaufen kann. Ich finde es ebenso wichtig, die eigene Arroganz immer dann zu überwinden, wenn es sich lohnt jemanden den „schwarzen Weg“ zu zeigen, der auf der Suche nach Tiefe nicht vermag, durch die glänzende Oberfläche zu tauchen.

    Zurück zum Artikel: Ein Fazit hätte ich dann auch. Gothic ist mehr als Styling, keine Frage. Solange man sich mit Äußerlichkeiten beschäftigt, wird man nie zum Kern vordringen. Die Lupe, um den schwarzen Kern zu finden, muss durch die Äußerlichkeiten dringen können. Auch unter so manchen viktorianischen Outfit oder und unter einem olivgrünen Flattop stecken waschechte Grufties, die sich sehr für die Bereiche interessieren, die du ansprichst und der Öffentlichkeit dann doch eher aus dem Weg gehen, als sich ihr zu präsentieren.

  6. Schulterdrache 10. April 2015 zu 10:50 #

    Ein sehr schöner Artikel, danke für die ausführlichen Einblicke in deine Gedanken. 🙂
    Auch wenn ich, zugegeben, nicht ganz dieser Meinung bin und die Dinge längst nicht so *schwarz* sehe (haha… ok, der war flach, entschuldigt).

    Ich habe nun nur einige Ausschnitte aus den Videos gesehen, die meisten Reaktionen fand ich nachvollziehbar. Wenn auf mich jemand eine Kamera richten und fragen würde, von welcher Subkultur mein derzeitiges Outfit inspiriert ist… wäre ich wohl völlig überfordert und würde auch erstmal das Naheliegenste von mir geben. „Heute keine Ahnung was und sonst ein Metalgruftirockerwavegoth mit Aszendent Mittelalterfetischkuschelding, der auch gerne mal zu Elektro tanzt..“ Eher, als einem Wildfremden mit Kamera spontan meine inneren Gedanken zu öffnen. Gut, ich würde mich nicht filmen/interviewen lassen, aber das ist etwas anderes.

    Wie jemand tatsächlich tickt, wie es „in der Tiefe“ aussieht, kann ich nicht immer durch ein paar kurze Fragen feststellen, nichtmal immer durch ein längeres Gespräch, manchmal erst nach Jahren. Einige können es besser vor der Kamera zum Ausdruck bringen, einige schlechter.

    Ich will nicht abstreiten, dass es beim WGT das große Schaulaufen gibt und dort einiges rumläuft, um bei Fotografen aufzufallen oder es als Wochenend-Kostümfest für die ganze Familie nutzt. Das KANN man gar nicht abstreiten. Diese würde ich aber auch noch einmal unterscheiden von den „Normalgrufties“, die das WGT nutzen um sich herauszuputzen und ihre Lieblingsstücke tragen, ohne die Absicht damit aufzufallen.

    Und wenn man genau hin sieht… es sind gar nicht so viele Faschingskostümäffchen wie es manchmal scheint. Vielleicht 5-10% der Besucher würde ich schätzen, die meisten Leute die ich auf dem WGT sehe sind ganz „normal“ schwarz. Nur 10 schwarz gekleidete Personen verschwinden einfach in den Hintergrund, wenn vor Ihnen eine halbnackte Trollelfenfee steht. Steam Ork Punks, Gothic Geisha Lolitas, Old School Hawaii Goths (geil!), Cyber Cleopatras und Zombie Combichrist Goths stechen hervor, werden entsprechend oft angeschaut und fotografiert und hinterlassen ggf. einen verfälschten Eindruck über das Publikum. Von den wahnsinns TV-Reportagen wie “Die Generation WGT” muss man gar nicht erst sprechen.

    Umso größer eine „Szene“ wird, desto mehr (auch negative) Querschläger gibt es, das ist nur menschlich. Auch wenn es mehr bunte Cybers und weniger Kultur werden- Ich mag deinen Beitrag „10 Gründe Gothic zu sein“, wenn auch schon einen Tag älter, bringt er mich immer wieder zum Lächeln und ich denke „ja, so ist es“. Und ich fühle mich auch schwarz, wenn ich im Kostümchen auf einer Messe bin oder im weiß-rot karierten Kuschelschlafanzug Milchkaffee schlürfend in der Sonne sitze.

    Auf dann- ein schönes Wochenende. 🙂

  7. Aristides Steele 10. April 2015 zu 12:31 #

    Ich behaupte mal, das Thema ist schwieriger als es auf den ersten Blick den Anschein haben mag, klar denkt man bei sowas wie „Styling“ immer erstmal an das Oberflächliche, aber Du sagst ja durchaus selbst daß sowas auch eben eine ganz andere Komponente haben kann, und das sehe ich auch so.

    Ich finde Inspiration garnicht so oberflächlich, ganz im Gegenteil, wenn man sich von etwas inspirieren lässt, dann macht man sich ja doch Gedanken drüber und sagt nicht einfach nur – ach mir gefällt das, das will ich jetzt auch anziehen. Das wäre für mich wirklich oberflächlich.
    Aber zum Thema passend – ja genau den Typus sehe ich gerade am WGT aber auch. Und eben leider besonders oft die Leute im historisch aussehenden Fummel. Die Reenacter sagen dazu „Prinzessinnen-Syndrom“ – was genau das besagt – Leute die in der Materie nicht drinstecken sehen eine Nische wo Leute so rumrennen, finden das schön und ziehen mit, um sich auch mal als Prinzessin zu fühlen.
    Was mich daran wirklich sehr aufregt ist die Tatsache daß man selbst einfach ohne Nachfrage in die gleiche Kiste mit reingesteckt wird.

    Vor einigen Jahren trieben sich Leute von so einem komischen Lolita-Magazin auf der Agra rum, und in die sind wir auch schonmal reingestolpert, da wurde auch gefragt was wir darstellen würden, oder wahlweise was uns inspiriert hat.
    Die erste Frage finde ich kacke. Kommt aber leider oft, auch wenn man mal durch die Knippser-Ansammlungspunkte durchmuss.
    Schönes Kostüm, was soll das darstellen.
    Gut daß man mit Kalk im Gesicht den Wechsel der Gesichtsfarbe nicht sehen kann.
    Das verleitets einem auch, ich will sowas nicht gefragt werden weil ich das scheiße finde wenn man annimmt, es wäre eine Verkleidung.

    Die Frage nach der Inspiration finde ich hingegen ist was anderes. Jeder lässt sich inspirieren wenn man sich zum Ausgehen oder Festivals was schönes zusammenstellt. Und das wovon man sich inspirieren lässt, ist ja auch irgendwo was was aus den eigenen Interessen kommt.
    Für mich hat der Begriff der Inspiration da einfach auch eine tiefere Bedeutung, ein Musikstück gibt mir eine Idee, oder ein Buch oder ein Film, drehe es im Geiste weiter und mache was neues, eigenes draus. Das ist Inspiration.
    Das andere schnödes Kopieren.

    Ich hab mich von Tim Burton Inspirieren lassen (war damals ein schwarzweißer Rock mit sehr breiten Streifen – Beetlejuice – und eine Jacke mit gezacktem Kragen – Jack Skellington) oder Adam Ant .. lange Liste, ich finds schöner wenn man bei sowas auch irgendwie eine kleine Geschichte dahinter hat, wie man genau zu der Idee gekommen ist. Für mich ist das eigentlich nicht oberflächlich, aber wenn mich jemand fragen würde, was meine Inspiration wäre, ich müsste das wahrheitsgemäß ja auch so sagen. Denke nicht daß das dann eine Stilrichtung wäre, sondern eben nur meine eigene Inspiration.
    Auch meine Alltagsklamotten sind entsprechend inspiriert, nur eben alltagstauglich. Wobei, bei 5 Meter Schal am Stück würden mir da auch einige Leute widersprechen 😉

    Es ist dann eben nur die Frage welche Inspiration in die Szene passt, und ich würde sagen daß da die Grenzen nicht immer einfach zu definieren sind. Irgendwo ist es schön daß sich so eine Szene entwickelt hat und damit ja am Leben geblieben ist, aber man kann nicht wahllos alles reinstopfen.
    Toleranz ist gut, man sollte jeden Menschen so leben lassen wie er es möchte, nur nicht alles das passt immer in genau diese Szene, ich finde das garnicht intolerant, sondern einfach nur konsequent zu sagen daß manche Sachen nunmal keinen Bezug dazu haben, egal wie man sich auf den Kopf stellen mag.

  8. orphi 10. April 2015 zu 12:45 #

    Mir erschien dieser Teil von Shan Darks Aussagen als Kern und nicht so sehr, welche Kleidung geduldet wird und welche nicht:

    „In der schwarzen Masse kann man mitschwimmen egal, welche Musik man hört, Hauptsache keinen Radio-Pop. Es ist nicht mehr wichtig, sich mit der Endlichkeit des Daseins zu beschäftigen, gewisse Literatur zu kennen, sich für Geschichte zu interessieren, das Dunkle und Morbide zu mögen.“

    Die Oberflächlichkeit, die mittlerweile herrscht, macht die Atmosphäre kaputt – nicht so sehr die Optik, wie ich finde. Saufen, grölen, beim Konzert laut rumquatschen oder die Künstler ausbuhen…mittlerweile auch rempeln und vordrängeln… alles Verhaltensweisen, die nicht mit der Kleidung im Zusammenhang stehen, sondern mit der Einstellung. „Wes Geistes Kind“ man ist, merkt man am Verhalten. Und der Geist, der da durch die Szene weht, ist nicht (mehr) meiner. Natürlich immer mit Ausnahme der kleinen persönlichen Bereiche, die man sich mit Freunden und ausgesuchten Partys schafft.

  9. Ariada Maledica 10. April 2015 zu 19:29 #

    Meine liebe Shan,
    nun hat es Dich wohl auch erwischt 😉
    Ich sehe mich noch laut vor mich hinschimpfend vom WGT zurückfahren „Lauter Pseudos! Nur noch Pseudos unterwegs!“
    Was gingen mir die Leute auf den Wecker!

    Nun, weitere zehn Jahre der Szene zugehörig, trage ich es mit Humor. Es war mir schon immer egal wie die Leute zu schwarzen Veranstaltungen kommen. Gerne auch mit blauen Jeans, orangefarbenem T-Shirt und Turnschuhen, wenn ich das Gefühl habe sie fühlen sich wohl und benehmen sich. Die sind mir hundertmal lieber als die, bei denen man deutlich sieht sie haben irgendetwas schwarzes aus der hintersten Ecke des Kleiderschranks gezogen um nicht aufzufallen aber eigentlich nur zum gaffen da sind.

    Heute grinse ich mir eins oder muss auch mal laut (aus)lachen wenn mir z.B. ein „verkleideter“ Szeneneuling der sich ach so obergruftig findet, erklären will wie die schwarze Szene funktioniert. Warum das passiert? Weil ich nicht immer supergedressed ausgehen muss. Mal machts Spaß sich rauszuputzen, mal ist einfach wenig Zeit oder weniger Lust dazu. Aber ausgehen will ich ja trotzdem.
    Es ist mir auch egal ob ich gerade irgendein mittelalterlich angehauchtes Kleidchen trage und auf Elektro tanzen will. Wobei mir gerade auffällt, das mir da schon lange nicht mehr die Frage gestellt wurde wie das zusammenpasst. Ob sich das allgemein geändert hat oder an meiner Ausstrahlung liegt weiß ich nicht.
    Und schwupps da ist es wieder. Man denkt über einen Punkt nach. Nicht im Sinne von „wie wirke ich auf andere um toll da zu stehen“ sondern einfach weil man feststellt es hat sich etwas geändert.
    Diese Reflektion ist mitunter das, was für mich die schwarze Szene ausmacht. Und zum Glück gibt es von den Leuten auch noch genug. Auch wenn ich den Eindruck habe das es heute der geringere Anteil der Masse ist. Aber früher war die Masse ja auch deutlich kleiner.

    Und um den Bogen zu spannen, ich denke jeder der lange genug dabei ist kommt irgendwann an den Punkt genervt zu sein von dem was gemacht wird aus „unserer Szene“ in der man sich so heimisch fühlt.
    Meine Beobachtung ist aber, dass jeder der durch diese Phase durch ist noch gelassener durch die schwarzen Reihen zieht. Weiß er doch, wo seine Prioritäten liegen und wo man einfach drüber hinwegsehen muss. Es gab schon so viele Strömungen, und die Subkultur der Subkultur einer Subkultur ist ja eigentlich schon wieder Mainstream. Das haben die, die darauf soviel Wert legen offensichtlich nur nicht durchschaut 😉

    Ach ja. Für die Blicke brauchts in der Tat einen Panzer. Oder einen grimmigen Blick. Und in ganz schlimmen Krisen auch mal eine bunte Verkleidung um „draußen“ nicht aufzufallen.
    Arbeitskleidung muss sowieso angepasst sein. Ob beruflich oder zu Hause. Heute habe ich im Garten gewerkelt. Nicht in schwarzem Samt weil sich der Staub immer so in die Fasern setzt.
    Bin ich nun untrue? *fg* – Nein, über diesen Punkt muss ich nicht nachdenken. Aber ihr dürft es gerne tun.

  10. solitary_core 11. April 2015 zu 02:32 #

    hm Shan hatte also doch Recht mit meinen dunklen Kern 😀

    großes Schaulaufen und und Goth als Maskerade … könnte da nun einige Parallelen ziehen zu einigen Livestreamern und gewissen RTS bzw MOBA-Games … aber das führt zu weit denke ich ^^
    Nur soviel : auch da gibt es einen Verfall der einstigen Werte, anfangs war Twitch als Plattform für Spieler gedacht die eben dort ihr Können zeigen mögen, einige haben diese Möglichkeit genutzt um ihre Fanbase aufzubauen und zu vergrößern …

    Allerdings gibt es immer Leute die dann versuchen Kapital daraus zu schlagen, in welcher Form auch immer, ganz konkret gibt es bei Twitch immer mal wieder kuriose Sachen zu sehen, wo dann das Spiel ansich nie im Vordergrund stand sondern um die Präsentation des eignen Selbst im Rampenlicht stand/steht …

    Zitat Orphi : „Die Oberflächlichkeit, die mittlerweile herrscht, macht die Atmosphäre kaputt – nicht so sehr die Optik, wie ich finde. Saufen, grölen, beim Konzert laut rumquatschen oder die Künstler ausbuhen…mittlerweile auch rempeln und vordrängeln… “

    das ist meist meist auch der Grund weshalb ich ungerne einige Chaträume besuche und oder gewisse Streamer meide auch wenn es beim Chat immernoch einige Aufpasser gibt das es nicht komplett in Anarchie ausartet, im realen schlecht umzusetzen
    … aber sone Goth-Polizei hätte doch auch was ^^°,..,°^^

    derzeit bin ich als Gamer in „Bloodborne“ unterwegs, eine wunderschöne gothisch victorianisch angehauchte Spielwelt mit allerlei Monster und Gezeugs (die Palette reicht von Riesenratten über Werwölfe bis hin zu von C’thulu inspirierten Wesen ), die eigene Ausrüstung und Kleidung hatt einen Hauch von Steampunk und es ist recht blutig. das alles Verpackt im ‚Souls‘-artigen Gameplay

    … bin ein „technoid GothGamer“ *lach*

  11. ((tim)) 12. April 2015 zu 23:21 #

    Danke, auf den Punkt! Empfinde ich ganz genauso. Styling war mal ein wichtiger Aspekt von Gothic, weil er Teil einer Aussage war. Die Oberfläche, die man über einer Tiefe gespannt hat. Die Folge des aktuellen WGT-Karnevals ist allerdings nicht, dass es die Beschäftigung mit der dunklen Seite nicht mehr gibt – sie findet eben nur nicht mehr vorrangig unter den Szene-Insignien statt. Was Styling angeht habe ich mich z.B. irgendwie ziemlich zurückgezogen. Ist mir lieber, als Grufti nicht erkannt zu werden – am Ende wird man noch mit den Verkleidern verwechselt. Mir genügt es zu wissen, dass ich einer bin. All stick together to increase the darkness!

  12. lenelein 13. April 2015 zu 22:23 #

    Aber wer sagt euch eigentlich, dass diese Leute „Verkleider“ sind? Ich spreche nicht von den pöbelnden, suafenden Idioten; die gibt es in jeder Szene und sie werden mMn auf dem WGT immer mehr. Mir geht es mehr um die historischen „Verkleider“.

    Habt ihr mit denen gesprochen? Kennt ihr sie und haben sie im Gespräch euren Gruftstandards nicht standgehalten? Was muss man eigentlich erfüllen um Grufti zu sein? Ich bin seit 15 Jahren der Szene zugehörig. Ich besuche Konzerte, Clubs, treffe mich mit anderen Gleichgesinnten – wenn auch nicht unbedingt auf dem Friedhof. Ich trage gern schwarz, auch wenn meine Arbeit das nicht immer erlaubt. Und ich trage auf dem WGT gerne auffällige Kleidung. Nicht nackt, aber ich denke ihr würdet mich zu den 5-10% „Verkleidern“ zählen.

    Weil meine historischen Outfits nicht schwarz sind *gasp*. Weil ich nicht kalke *oh graus*. Und weil ich befreundete Fotografen dort treffe und Fotos von mir machen lasse. Na und? Das hat nichts mit meinem Grufti sein zu tun. Es gibt nunmal nur eine begrenzte Anzahl von Veranstaltungen, bei denen man solche Kleidung tragen kann. Für mich gehört das WGT dazu, ihr mögt es anders sehen. Ich gehe dann eben im Gewand zum Picknick oder zu gewissen Forentreffen und ziehe mich nachher um, um Konzerte zu besuchen. Macht mich das zu einem schlechten Grufti?

    Ich trage diese Sachen nicht, um Beachtung zu finden oder von Otto Normalmensch fotografiert zu werden. Im Gegenteil, mich nerven die ganzen Muschiknipser und Amateure unglaublich. Bei befreundeten Leuten, bei denen ich die Bilder kriege mache ich eine Ausnahme. Ich ziehe mich so _für mich_ an. _Ich_ trage das gerne! Und wenn ich deswegen nicht zu eurem elitären Klub gehöre, sei’s drum. Meinen Freunden bin ich „gothic“ genug!

  13. Haui 13. April 2015 zu 23:44 #

    Also mal ehrlich, ja, das WGT ist immer größer geworden und die „schwarze Szene“ hat sich im Lauf der Jahre auch vergrößert. Aber wer ist an sich auf die Idee gekommen, das es in dieser Szene um einen gewissen Hintergrund geht?????

    Die ersten „Gruftis“ die ich kennen gelernt habe, habe ich noch als „Edelpunks“ bezeichnet. Das waren nämlich Leute aus der Punkszene, die nicht mehr so zerfetzt und verlodert rumlaufen wollten. Und dann ergab es sich, dass die eine etwas „dunklere“ Musik hörten. Und zumindest in meiner Heimatstadt hat sich dann daraus eine Gothicszene entwickelt. Ja, einige haben sich mit kulturellen, künstlerischen und literarischen Sachen beschäftigt, aber bei weitem nicht alle! Waren auch eher die Minderheit.

    Und jetzt hat sich das Ganze immer weiter entwickelt und sich auch in weitere Subkulturen der Subkultur geteilt. Ich finde das nicht schlimm! Schlimmer wäre, wenn es einen Stillstand gegeben hätte. Man muss auch nicht alles gut finden, was es da so an Auswüchsen gibt bzw. gegeben hat. (Ich persönlich habe nie viel von den Cybers gehalten.) Aber diese ganzen Entwicklungen haben ihre Berechtigung und sollten deswegen von den anderen zumindest toleriert werden!

    Und der Grund, warum ich mich in dieser Szene auch noch nach ca. 20 Jahren rumtreibe, ist ganz einfach der, dass es hier immmer noch verhältnismäßig viele Leute gibt, die Hirn im Kopf haben und es auch noch benutzen! Dadurch treffe ich immer wieder viele interessante Leute (auch wenn ich zum Teil mit deren Musik oder deren Outfit nix anfangen kann). Und vor allem stelle ich mich nicht hin und versuche irgendwem zu erklären, was denn nun Gothic ist. Das ist nun einmal für jeden etwas anderes und das sollte es auch sein. Und ich maße mir nicht an zu sagen, wer nun „true“ oder „untrue“ ist. Ich sage nur, was mir gefällt und was nicht!

    Das heißt, ich kann den Artikel zum Teil nachvollziehen, aber er ist mir dann doch wieder zu einschränkend und will festlegen, was denn nun Goth ist! Und das geht einfach nicht und wird eben immer nur für einige passen! Aber lasst uns ruhig mal drüber reden, denn das macht es dann wieder interessant, wenn man seine Standpunkte austauscht, ohne dabei dem Gegenüber irgendetwas zu unterstellen!

  14. Shan Dark 13. April 2015 zu 23:53 #

    Ihr habt für vieles, was ich denke, noch mal bessere Worte gefunden. Danke SEHR für euer Feedback, Gedanken und Ansichten per Kommentar hier im Blog – ich weiß es sehr zu schätzen.

    ((tim)) Jawohl, das ist genau das, was ich sagen wollte: „Styling war mal ein wichtiger Aspekt von Gothic, weil er Teil einer Aussage war. Die Oberfläche, die man über einer Tiefe gespannt hat.“ Heute fehlt mir bei vielen einfach diese Tiefe, dieses Wissen, warum sie sich wie kleiden und dort auf dem WGT aufkreuzen. Zu seiner schwarzen Ausgehkleidung sollte man schon a) einen inneren Bezug haben und b) sollte auch irgendwo ein Bezug zur schwarzen Szene bestehen. Mir ist es dabei egal, ob der/diejenige aufgerüscht oder schlicht ist. Die Inspiration ist so eine Sache, da gebe ich Dir recht, Aristides Steele, das ist ein schmaler Grat und die Grenzen sind eine Frage der persönlichen, geistigen und szenigen Herkunft. Ein Junggoth wird mehr zur schwarzen Szene dazu zählen als ich oder jemand, der noch die schwarzpunkigen Anfänge kennt. Eine Goth-Polizei oder Szeneklischee-Beauftragten würde ich erst recht nicht einführen 😉 – das führt nur zur Gleichschaltung.

    Schulterdrache, vielleicht „sind es gar nicht so viele Faschingskostümäffchen wie es manchmal scheint. Vielleicht 5-10% der Besucher würde ich schätzen, die meisten Leute die ich auf dem WGT sehe sind ganz “normal” schwarz.“
    Ja, keiner weiß es so genau – Kostümäffchen sind es nicht mehr als 10%, könnte ich mir auch so vorstellen. Die sieht man dann auch abends nicht mehr auf Parties oder Konzerten, da sind sie alle weg. Aber die von Robert erfundene „Paula Schmidt“ wäre hier nicht, sondern unter den Normalen dabei, und eine von denen, die mal so schnuppern oder mal was Außergewöhnliches an Pfingsten erleben wollen. Du hast recht, direkt auf den Kopf zu gefragt und dann noch in Englisch, wirkt wohl schon der ein oder andere im Video etwas sprach- und inhaltsloser als er es vielleicht ist. Aber dann würde ich mich genau wie Du eben auch nicht filmen/interviewen lassen. Mache ich sowieso nicht – außer von Freunden, die ich gut kenne. Denn es ist wie Robert sagt, seitens der Medien (oder DjARI ☺) ist kein ernsthaftes Interesse am WGT und den Hintergründen der Szene zu erwarten. Es ist ja deren Absicht das WGT als „Kostümball, offen für alle“ zu verkaufen. Das bringt mehr Besucher, gute Stories, krasse Fotos von einem Haufen Freaks (der nicht mal sagen kann, was er eigentlich ist).

    Aber ich finde es wichtig, dass man diese um sich greifenden Auswüchse mal thematisiert und laut darüber nachdenkt, was wir hier teilweise für ein bunter, lustiger Karnevalsverein geworden sind ohne das so zu wollen. Ohne es vllt. in der Entwicklung gemerkt zu haben…? Wie ist es dazu gekommen?
    Darüber muss ich noch etwas länger nachdenken – es sind viele Einflüsse, natürlich ist nicht nur das Internet ‚schuld’, aber wohl schon zu einem ordentlich Teil. Andreas, Du hast einen sehr guten Anstoß dazu gegeben – dazu kommt vielleicht noch mal was hier auf dem Planeten.

    Ariada Maledica „Meine Beobachtung ist aber, dass jeder der durch diese Phase durch ist noch gelassener durch die schwarzen Reihen zieht. Weiß er doch, wo seine Prioritäten liegen und wo man einfach drüber hinwegsehen muss.“

    Ich musste lächeln, denn meiner Selbstwahrnehmung nach zu urteilen, befinde ich mich schon in der Post-Phase zu der von Dir beschriebenen Phase. Ich habe die letzten 5 Jahre gelassen auf alles geblickt, mache das auch heute noch, war tolerant und habe viel ausgeblendet – Du kennst mich, ich kann da schon über vieles lachen oder habe Verständnis entwickelt. Was hat es mir gebracht? Es wird nur immer schlimmer. Man muss immer mehr tolerieren, wird „am Ende noch mit den Verkleidern verwechselt“ (köstlich, Danke, Tim) und muss sich ständig fragen lassen, „ob man auch so schöne Kostüme da auf dem WGT trägt.“ Ich kann es den Normalos nicht übel nehmen, sondern mir selbst und uns. Diese Egal-Haltung trägt auch ihr Stück mit dazu bei. Viel kann man aber eh nicht tun, daher bleibt oft nur der Rückzug in seinen eigenen schwarzen Kern und den geschätzten Freundeskreis – und ab und zu vielleicht der ein oder andere Artikel über meine Beobachtungen.

    solitary_core – „Technoid GothGamer“ 🙂 du schreibst, auch in der Gamer-Szene „gibt es einen Verfall der einstigen Werte (…) gibt es immer Leute die dann versuchen Kapital daraus zu schlagen… “

    Stimmt, dieser Verfall betrifft nicht nur die Gothic-Szene. Es betrifft eigentlich alle Szenen, sobald sie von der Masse überschwemmt und Mode werden. Sobald Konsum und Kapital eine Rolle spielen. Sobald „jeder mitmachen kann“. Einige Subkulturen/Szenen sind daran gestorben (Punk), andere ziemlich verkommen – der Kern und die Älteren distanzieren sich (Techno, HipHop). Nur dem Metal ist soweit ich es aktuell beurteilen kann noch nichts „passiert“, aber das sehen manche sicher auch anders.

    Vielleicht erleben wir gerade ohne es richtig zu realisieren den Anfang vom Ende einer schwarzen Szene, die sich in ihre vielen einzelnen Subkultur-Bestandteile auflöst. Irgendwann wird aus den Überbleibseln etwas Neues, Zeitgenössisches erwachsen – erhaben und losgelöst von den ewigen Vergleichen mit früher.

  15. Shan Dark 14. April 2015 zu 00:13 #

    @lenelein: Meine „Gruftstandards“ habe ich oben ausreichend dargestellt, bin ich der Meinung. Grufties waren übrigens schon immer ein elitärer Haufen, zumindest ganz früher und bei einigen Parties ist das auch wieder der Fall. Gerade die viktorianischen Picknicks und Treffen sind ja nun auch nicht gerade für ‚jedermann‘, der sich mal schnell ein Kostüm überwirft. Also auch durchaus elitär und das ist gut so. Ich mag nicht die Touristen, nicht diese „Generation WGT“ wie oben im Beitrag. Mir bist Du auch „Gothic“ genug, da Du ja das ganze Jahr über Gruftie bist und das Dunkle magst und dich mit Szene, Kultur und Literatur auseinandersetzt. Sicher ist das WGT das Event im Jahr, wo man mal seine Gewänder austragen kann, an denen man in Vorfreude darauf das ganze Jahr feilt/näht/pimped. Dafür ist es ja auch gemacht, wie ich schrob, dass wir uns untereinander gefallen, fotografieren und bewundern. Aber die schwarze Szene und das WGT sind keine öffentliche Messeveranstaltung, bei der wir uns selbst ausstellen wie Schaufensterpuppen, manche innen hohl und leer.

    PS: Über „Muschiknipser“ musste ich sehr schmunzeln. Ja, die gibt es leider auch, sie werden von irgendwas angezogen, was auch mit all dem zu tun hat…

  16. Melle Noire 15. April 2015 zu 20:27 #

    Hi!

    Ich selbst habe mich früher gern als „Universal-Gruftie“ bezeichnet, weil ich einfach alle musikalischen Richtungen innerhalb der Szene mag und mein Ausgehstyling mal so, mal so ausfällt. Je nachdem, wie die Veranstaltung thematisch ausgerichtet ist. Sicherlich bin ich auch ein Stück weit Goth-Girlie mit meinen zerrissenen Strümpfen im Alltag, meiner großen Jack Skellington-Tasche, meinem Totenkopfschweißband und meinen klobigen Boots. Mein Style darf durchaus auch Richtung Comiczeichnung gehen, vor allem in der warmen Jahreszeit, meine neue Ponyfrisur haut optisch noch in die selbe Kerbe (wobei ich privat nicht geschminkt bin ). innerlich habe ich mir zu einem guten Stück mein Kind bewahrt. Bei mir gibt es allerdings schon auch einen tieferen Background, Gothic ist für mich seit 1998 pures Lebensgefühl, schwarz gehört zu mir wie Käse zur Pizza.

    Am Festivalschaulaufen nehme ich dennoch gern teil, einfach weil ich Model bin und generell sehr gerne fotografiert werde. Für solche Anlässe muss mein Styling natürlich PERFEKT sein (und wenn das noch so ewig dauert). Und es gehört mit dazu, ein wenig Imagepflege zu betreiben, man will den eigenen Fotos ja auch in natura gerecht werden hinterher. Außerdem ist die Szene doch eigentlich dafür bekannt, sich bei Events gern groß rauszuputzen und viel Wert auf Outfit und Make-up zu legen (sie beherbergt aber auch ganz schön viele Lästerschwestern und -brüder). Selbst bei ganz normalen Clubabenden dresse ich mich gern maximal auf. Schaulaufen ist eigentlich gar nichts Neues.

    Nur sollte das Ganze nicht mit einer Art Fasching verwechselt werden (von der inneren Einstellung her). Aufwändige Stylings finde ich großartig, auch so manches Fantasykostüm. Aber wenn man das nur tut, um 1-2x im Jahr groß aufzufallen und privat mit der Szene gar nichts am Hut hat, dann ist man auf dem WGT oder sonstwo eigentlich fehl am Platz. Da fehlt dann einfach der entsprechende Bezug zur eigentlichen Subkultur.

    Dunkle Grüße! 🙂
    Melle

  17. Shan Dark 16. April 2015 zu 19:54 #

    Danke Melle, genau darum ging es mir, es muss eben auch Gothic drin sein wo Gothic drauf steht. Ganz plump gesagt. Und auch als Gothic Model kommt man nur authentisch und ehrlich rüber, wenn man es auch „ist“. Das der Inhalt bei jedem etwas anders ist, sich der eine mehr für Musik interessant, der andere stark für Literatur, Dritte für Fotografie und der Vierte mehr für Geschichte ist ja völlig normal.

    @Haui:
    „Und vor allem stelle ich mich nicht hin und versuche irgendwem zu erklären, was denn nun Gothic ist. Das ist nun einmal für jeden etwas anderes und das sollte es auch sein. Und ich maße mir nicht an zu sagen, wer nun “true” oder “untrue” ist. Ich sage nur, was mir gefällt und was nicht!

    Das heißt, ich kann den Artikel zum Teil nachvollziehen, aber er ist mir dann doch wieder zu einschränkend und will festlegen, was denn nun Goth ist!“

    Es ist immer gut zu bestimmten Themen eine eigene Meinung zu haben. Ich habe nichts vorgeschrieben, sondern meine persönliche Meinung kundgetan, wie es auf mich wirkt. Tust Du ja auch mit Deinem Kommentar, danke! Mich würde aber interessieren, wo habe ich im Artikel festgelegt, was „true“ und „untrue“ ist?

    Die schwarze Szene war früher Abgrenzung und Distanz zum Rest der Gesellschaft. Das ist in den letzten Jahren so gut wie verloren gegangen und diese Entwicklung finde ich persönlich schade.

    Toleranz dem einzelnen Menschen gegenüber ist wichtig, bin ich bei Dir. Toleranz gegenüber ganzen Strömungen und Stilen ist etwas anderes. Sie können das Bestehende selbst wenn sie es in irgendeiner Hinsicht bereichern auch verwässern, verweichlichen und so verändern, dass vom Ursprung nur noch wenig übrig ist. Das ist die Entwicklung, die ich momentan beobachte und die ich ansprechen möchte. Ändern kann man es wohl sowieso nicht mehr, sondern sich nur in sich selbst und seinen Freundeskreis zurückziehen.

    Zum Abschluss ein Zitat, was mMn auf die heutige Szene und eben auch Gesellschaft zutrifft:
    Toleranz macht das Leben bequemer. Auslese macht es besser. Waltraud Puzicha (1925 – 2013)

  18. Haui 16. April 2015 zu 21:29 #

    Na da werde ich doch gleich mal drauf reagieren!

    Toleranz heißt nicht kritiklos zu sein und eine Auslese bewertet andere und geht bis zur Ausgrenzung!

    Sprich wenn ich nur „auswähle“ mit wem ich mich umgebe ok, Abwertung eines anderen sehr schlecht! Das zum Zitat!

    Ja es stimmt das andere Strömungen die ursprüngliche Richtung verwässern können. Aber (wie bei den Cybers zu sehen) wenn etwas nicht gut ankommt verschwindet es auch wieder! Von daher sehe ich neue Entwicklungen eher als Chance, etwas weiter zu entwickeln und es besser bzw. interessanter zu machen! Und man selbst bleibt dabei auch gleich gedanklich fit!

    Du hast auch gar nix von „True“ oder „Untrue“ geschrieben. Der Begriff kam später mal und ich habe ihn aufgegriffen. Aber in gewisser Weise legst Du Deine Sicht der Dinge hin und es wirkt auf mich dabei schon etwas absolut! Sprich Deine Ansicht der „Schwarzen Szene“ ist korrekt! Und ich wiederspreche Dir auch in der Abgrenzung und Distanz zur Gesellschaft. Habe ich nie so gesehen und auch nicht so empfunden. Die meisten Leute die ich in der Szene kennen gelernt habe, haben sich nicht distanziert sondern einfach nur ihr Ding durchgezogen und ihnen war die Gesellschaft egal!

    Dadurch haben sich sicherlich Leute mit ähnlichem Denken zusammen gefunden, aber eine bewußte Distanzierung hat da nur partiell statt gefunden. Und das man mit einigen anderen, den sogenannten „Normalos“ nicht soviel zu tun haben wollte, hatte wohl eher damit zu tun, das die einen immer so komisch angesehen haben! Sprich man wurde eher vom Rest der Gesellschaft ausgegrenzt wie umgedreht!

    Und wie gesagt, zum Teil stimme ich Dir sogar zu. Allerdings bin ich eben (genau wie Du) nur für mich selbst der Maßstab und nicht für andere! Und wie schon in den Kommentaren zu sehen hat da jeder auch eine etwas andere Definition von der Szene. Und das man das haben kann macht für mich eben auch diese Szene so interessant!

  19. Shan Dark 17. April 2015 zu 00:13 #

    Also ich finde Auslese nach wie vor besser als alles zu tolerieren, was gern mal „auf dark gehen“ will. Das meine ich nicht gegen Leute, die gerade erst hier ankommen und „neu in der Szene“ sind, sondern gegen diejenigen, die mal so am Wochenende oder bei Festivals dabei sind, weil die Szene doch so schön offen und tolerant ist. In der Hinsicht ändere ich meine Meinung auch nicht mehr. Weiterhin sind für mich meist nur diejenigen interessant, die auch irgendwie einen inneren Bezug zur schwarzen Szene haben. Nur mit denen habe ich wirklich etwas gemeinsam, was entdeckt werden kann.

    Mit „Distanz und Abgrenzung zur Gesellschaft“ habe ich nicht gemeint, dass Goth früher eine Gegenkultur war, wie etwa die Punks. Das war Goth nie. Nie öffentlich oder laut „gegen“ irgendwas. Aber aus meinen Erfahrungen waren sie anders als die „Normalos“, schon allein vom Geschmack/der Ästhetik her, von den Interessen, auch der Selbstwahrnehmung, manchen Lebensmodellen und auch in non-konfessioneller Hinsicht fand eine Abgrenzung statt. Die war durchaus bewusst. Ich würde nicht sagen, dass diese Leute unbedingt gleich gedacht haben. Aber man hatte mehr gemeinsame Themen, und zwar auch solche, die man bei Normalo nur selten gefunden hat und mit ihnen teilen konnte. Man war nicht wie Normalo oder wollte nicht so sein, was aber nicht heißt, dass man keine Normalo-Freunde hatte. Natürlich hatte man die. Es war schon eine bewusste Abgrenzung auch optisch krasse Distanzierung zu dem was der Normalbürger so schön findet. Ich kenne einige Grufties die stolz waren, wenn Leute die Straßenseite gewechselt haben, sobald sie kamen. Das passiert heute in unserer Zeit nicht mehr, schon klar. Viele wissen das nicht mehr und kennen die Goth-Szene nur noch als schwarzgefärbtes Stylingparadies. Heute haben wir Anbiederung statt Abgrenzung. Viele sind froh, wenn Szenefremde toll finden was sie tragen und sich auch so anziehen wie sie, und wenn sie auf fremden Internetseiten bewundert werden. Etwas, dass sich mir nicht erschließt, weil ich es anders kenne und anders hineingewachsen bin. Das liegt sicher auch an der heutigen Zeit und vor allem dem Zeitgeist.

    Gedanklich fit halte ich mich auch, in dem ich mir z.B. DjARI Videos anschaue und etwas für mich Interessantes herausfiltere. Ja, „filtere“. Ist es das, was Du mir vorwirfst? Ich finde das nur menschlich, wenn man sich ein Video mit verschiedenen Leuten und Interviews ansieht. Dann bewertet man. Ich habe eben meine Gedanken dazu aufgeschrieben ohne groß rumzueiern. Das mag absolut klingen, aber es ist mir nun mal nicht gegeben zu sagen: „Ich finde es toll, wie sich die Stile so vermischen, dass man gar keine schwarze Farbe (=düsteren Geist dahinter) mehr erkennt.“

    In den Videos gibt auch vieles, was mir gefällt optisch oder wo ich durchaus den Aufwand bewundere, der in das Styling gesteckt wird. Aber Styling ist eben nicht alles. Und da geht es mir wie Dir: ich schätze die Gespräche mit den Leuten in der Szene und habe auch nur hier viele Menschen gefunden, bei denen ich mich verstanden fühle und umgekehrt.

  20. Heidi 17. April 2015 zu 09:09 #

    Ich bin gar kein Goth, aber DAS verstehe ich! Immer mehr Menschen versuchen von außen nach innen eine Identität zu bekommen statt andersherum. Wundert mich nicht, dass auf diese Weise auch Subkulturen okkupiert werden, zumal wenn mediale Aufmerksamkeit drauf liegt. Das ist unser Zeitgeist und ich fürchte, die Entwicklung wird sich nicht mehr zurückdrehen lassen.

  21. Curlz 17. April 2015 zu 11:51 #

    /sign
    Sprichst mir aus der Seele! Danke für den Artikel

    Eigentlich nix hinzuzufügen!

    Und uneigentlich .
    ich kenne die „arg diskriminierte Sub-Subkultur „Old School Hawaii Goth““ gar nicht *lach* klingt spannend….

  22. Philipp Schaab 17. April 2015 zu 22:27 #

    Hmmm, ich finde du hast recht mit dem, was du schreibst, aber ich finde auch, dass dieser Typ keine besonders tiefgründigen Fragen stellt. Er will ja primär wissen, wie sie ihren style definieren und sie geben die entsprechenden Antworten. Er hätte ja mal interessante Fragen stellen können, dann hätte er vielleicht auch spannendere Antworten erhalten. 😉

    Trotzdem, dieser buntschwarze Karneval ist schon sehr bizarr…

  23. MM 17. April 2015 zu 22:35 #

    das wurde alles schon vor 15 jahren gesagt und festgestellt…ist also nichts neues und nicht verwundernd

  24. solitary_core 18. April 2015 zu 05:16 #

    @MM dann besteht ja noch Hoffnung das die schwarze Szene noch ne Weile erhalten bleibt 😀

    Auch wenn jegliche Entwicklung immer mit einem drohenden Ende versehen ist wenn die ‚Idee‘ ansich verworfen wird …

    insofern fällt mir nur „der Verfall – der Verfall“ dazu ein …

    „jeden Tag beginnt der Verfall ein bißchen früher
    damals wusste ich nicht was mit mir geschieht
    doch jetzt wo ich hier bin weiß ich wo ich hingehöre:
    ich gehöre zum Verfall
    und der Verfall gehört zu mir
    wie das Tageslicht zur Sonne
    wir werden sehen wo die ganze Fahrt hinführt
    doch ich bin mir ziemlich sicher das wir bald ankommen … “

    gut an sich kein Liedtext im allgemeinen aber Trance war ja eh nie für Lyric bekannt …oder berühmt, von den Samples mal abgesehen 😀

    edit, kinda:

    25GB als Systempartition ist etwas knapp wenn Windoof7 allein schon 20 GB vereinnahmt o.O, in Sachen Computerei ist Speicherkapazität heute wohl eher einen solchen Prozess unterlegen …. oder versuch heute mal mit nen 128MB großen USBStick noch was zu machen Abseitz von gelegentlich Dokumenten zu sichern, geschweige denn einen solchen beim Supermarkt deiner Wahl zu finden ^^

    nen neues System aufsetzen ist kein Problem, die ganzen Updates und der ganze Kram im Moment schon da mein Inet-zugang derzeit ‚etwas‘ spinnt dank der Fusion 2er Telekommunkationsriesen … gut mit Kabel wäre das sicher kein Problem hoffe ich aber eigentlich genieße ich die Freiheit nur für die Zeit aktiv zu zahlen die ich online bin mit Dayflats

  25. MM 18. April 2015 zu 16:15 #

    am lautesten klagen jedes jahr die teilnehmer der selbstinszinierung über den bunten karneval..so war es vermutlich immer schon, so wird es immer bleiben…in den frühen 80ern war es übrigens auch nicht besser….es war nur noch nicht so omnipräsent in den medien und nicht jeder konnte sich mit smartfone jederzeit und überall selbstdarstellen können…

  26. solitary_core 19. April 2015 zu 02:43 #

    da ist schon was dran das unser neues mediales Bewusstsein unser Weltbild prägt, beeinflußt und ortsfremden näher bringt was vorher eher als Randgruppe herumgeisterte, andererseits möchte man inzwischen so liebgewonnen Sachen wie den TechnoViking oder unser allerliebste Katzenvideos eben nicht mehr missen 😀

    hoffe nur das WGT eben nicht das selbe Muster verfällt wie die Loveparade oder die orginale GamesCom (auch wenn bei letzteren Köln wohl eher eine besser Wahl ist; das von vornherrein schon mehr Stadt drumrum ist, bessere Infrastruktur mit Hotels und son kram halt, finds halt nur schade für die Region um Leipzig das sie damit ein großes Event verloren hatt )

    wobei wenn ich an „Wacken“ denke sehe ich auch das es eben doch traditionelle Veranstaltungen gibt die sich und ihren Fans treu bleiben indem sie eben nicht den Standort wechseln … mehr oder weniger halt. Dem Dorf selber bringt das Festival ja jährlich nen Riesenumsatz dafür müßen sie aber mit den Nachwirkungen leben zwecks Müllbeseitigung und so, andererseitz kann ich mir ein „Wacken“ aufn Alexanderplatz auch kaum vorstellen o.O

    edit: coresystem is wieder online, av-scan und „spybot search&destroy“ ohne Befund yeah me ^^°,…,°^^

  27. mm 19. April 2015 zu 11:35 #

    ums wgt wäre es nur noch schade, weil ich dann da kein geld mehr verdienen kann..ideel und von den besuchern her geht mir das wgt nur noch auf den nerv..und das schon seit mindestens 10 Jahren…

  28. Schwarzer Nieswurz 23. April 2015 zu 13:08 #

    Ich freu mich drauf später (vielleicht heute abend) Zeit zum Mitkommentieren zu finden. Ein großartiger Artikel und viele sehr interessante Kommentare. Aber bei einem bin ich gedrängt, mich sofort zu äußern. Das ist die Formulierung: „Menschen versuchen von außen nach innen eine Identität zu bekommen statt andersherum. “ (Heidi)

    Seit mehr als zwei Jahren befasse ich mich im Selbststudium intensiv mit der Frage was die menschliche Identität ausmacht, laut Norbert Bischof die „permanente personale Ich-Identität“. Siehe auch Erikson und Marcia et. al.

    N. Bischof nennt die menschliche Identität das Lebenselexier, ohne welches ein Mensch eine unsichere schwache Kümmerform seiner Existenz bleibt.

    Diese Formulierung von Heidi ist außerordentlich auf den Punkt gebracht; ist kurz und doch steckt viel drin! Paßt auch perfekt zu der Fragestellung des Artikels.

    Und erinnert übrigens an zwei der vier Formen des Identitätsstatus nach Marcia, nämlich ‚erarbeitete Identität‘ und ‚übernommene Identität‘.

    Siehe auch:
    http://paedpsych.jku.at/wiki/Identit%C3%A4t

    Selbstverständlich sind die Fragen „Wer bin ich?“, „Bin ich ein Goth?“, „Wer sind die Anderen?“ … allesamt Fragen nach (der) Identität.

    Hinweis an Haui: Identität ist nur mit Ausgrenzung/Abgrenzung möglich. Die verminderte Fähigkeit sich abzugrenzen ist oft die Grundlage lebenslanger psychischer Leiden.

  29. Shan Dark 26. April 2015 zu 14:48 #

    @Schwarzer Nieswurz: Interessant, die Sache mit der Identität, ich habe mir den Wiki-Artikel mal durchgelesen. Demnach ist es doch nicht so einfach, wie ich das dachte – viele haben eben noch keine erarbeitete Identität, sondern eine übernommene, andere wohl auch eine diffuse Identität a la wir wissen nicht so genau, was wir sind, machen aber mal mit.

    Ja, Heidi, das hast Du wirklich gut gesagt – so empfinde ich das auch bei einigen. Wie viele es sind kann ich nicht sagen, das kommt beim WGT auch immer darauf an, wo man sich gerade befindet. Fleißige WGT-Gänger wissen, was ich damit meine.

    Ich beobachte allerdings schon länger eine zurückgehende Identitätsstiftung in der scharzen Szene, vermutlich passt die frühere von vielen gleich empfundene Identität, was man ausdrücken bzw. warum/wie man sich abgrenzen wollte nicht mehr in diese Zeit. Wir leben in einer ‚glatten Zeit‘, Abgrenzung ist nicht mehr das Thema für viele.

    @solitary_core und @MM: Soweit sind wir noch lange nicht, dass das WGT nicht mehr (in Leipzig) stattfinden wird. Meine persönliche Meinung ist, dass es sich zu einem „Freak Festival“ weiterentwickeln wird, bei dem sich alle möglichen Subkulturen treffen, die Schnittmengen haben mit Themen wie Fantasy, Historie, Mystik & Ghostery, Horror.
    (solitary, Du hast übrigens für lustige Bilder in meinem Kopf gesorgt mit Deinem Wacken aufm Alexanderplatz :D)

  30. Schwarzer Nieswurz 27. April 2015 zu 16:55 #

    Dem Adversus verdanke ich eine Einsicht die mich verblüfft hat: er brachte auf den Punkt was (Schwarz)Romantiker verschiedener Fakultäten (von steampunk über folk und wave bis metal … ) verbindet und sie authentisch macht: das ist ein Gefühl der Sehnsucht. Das ist da drin, in ungleichen Ausdrucksformen, aber es ist da. Und das kommt von Innen; das hat etwas mit der eigenen persönlichen Identität zu tun.

    „Sich zu entdecken – von innen heraus.“ So lese ich es bei Shan Dark und Heidi. Andreas und orphi bedauern Oberflächlichkeit – und das ist ja der Gegenpol zu „von Innen heraus“.

    So wie bei Robert zu lesen es geht um ‚fühlen und empfinden‘ und nicht um Äußerlichkeiten‘.

    Bei den „Faschingskostümäffchen“ (Schulterdrache) und den bunten Cybers ist – zumindest für mich – von Sehnsucht und Innerlichkeit absolut nichts mehr erkennbar.

    Für einen fruchtbaren Gedanken halte ich von Aristides Steele die Unterscheidung von sich- inspirieren-lassen versus Kopieren. Wie auch von ((tim)) „Styling war mal ein wichtiger Aspekt von Gothic, weil er Teil einer Aussage war. Die Oberfläche, die man über einer Tiefe gespannt hat.“

    Als ich vor vielen Jahren ganz plötzlich die Schwarze Szene fand, die Dunkelseite wie ich sie schwärmerisch nannte, da waren es nicht zuletzt die äußeren Ausdrucksformen die mir sagten worum es geht.

    Ein wenig verwundert bin ich, was lenelein so geärgert hat. Aber wenn das mit der Sehnsucht tatsächlich als Unterscheidungskriterium taugt, dann kann sie vielleicht selber feststellen ob ich sie als Gleichgesinnte erleben würde oder nicht – ?

    Der Begriff ‚elitärer Club’ trifft nicht was ich in Leipzig kenne, aber ich habe so einen ‚Club‘ mal früher in Wien angetroffen. Das war kein Vergnügen – und ich selber wurde als Pseudo bezeichnet ! Jene die das sagte, sie ist seit vielen Jahren nicht mehr Schwarz oder gothic, oder was man so nennen könnte …

    Zu der Frage von Haui: „Aber wer ist an sich auf die Idee gekommen, das es in dieser Szene um einen gewissen Hintergrund geht?“ meine persönliche Antwort: ICH war das! ICH bin auf diese Idee gekommen, und zwar sofort als ich erstmals diesen Schwarzen begegnete. Ich sah „Die Oberfläche, die … über einer Tiefe gespannt“ erschien. Übrigens wurde ich damals nicht enttäuscht, wenn man von dem 6-tägigen Besuch in Wien absieht.

    Als ich irgendwann merkte, daß diese Schwarze Szene „zu einer Minderheit von vielleicht 80%“ aus Leuten bestand mit denen ich mich (und meine Vorstellungen) gar nicht identifizieren konnte, da kam mir der Gedanke: Aber bloß gut, daß es sie gibt, denn sonst gäbe es fast keine Veranstaltungen wie das WGT oder eine Party wie am kommenden 2. Mai in Bad Homburg im Gambrinus, denn es wären einfach stets zu wenige Gäste !

  31. Schwarzer Nieswurz 4. Mai 2015 zu 12:55 #

    Während des WGT 2015 gibt es das „Viona’s Victorian Village“ (eine Art bessere Alternative zum Victorianischen Picknick im Park) und dazu kommentiert Viona selbst ein einem Gespräch mit dem MDR:
    „Statt eines Picknicks gibt es nun einen Marktplatz, historischen Tanz, ein Bankett, eine „Tea Dance Party“, ein Kostüm-Wettbewerb und Musik.“

    Beim Worte ‚Kostümwettbewerb‘ ist mir zumute als hätte ich mir einen Splitter eingezogen.

    Weiter ist zu lesen: “ … freuen uns auf hunderte kostümierte Besucher! Es immer eine Freude zu sehen, wie viel Mühe die Leute in ihre Outfits stecken. Das macht uns glücklich.“
    Ja, die netten Viona und Dirk meinen es ernst mit dem Wort ‚Kostümieren‘.
    Ach was für ein Spaß !
    *seufz*

    Siehe hier:
    http://www.mdr.de/kultur/wgt-leipzig-victorian-market-interview100.html

  32. Vioblack 8. Mai 2015 zu 10:45 #

    Hallo,

    leider bin ich etwas verspätet auf diesen Artikel gestoßen, aber – Chapeau!
    Sehr gut beobachtet und treffend Beschrieben.
    Das WGT hat zum Glück immer (noch) den Vorteil das man den „Karnevalszug“ vermeiden kann.
    Es gibt immer noch „kleine und sehr, sehr feine Parties“ wo man den „Sprit“ finden kann.

    @ Schwarzer Nieswurz
    Mich hat es zuerst auch „durchzuckt“. Wenn man diese Debatte dann allerdings weiter verfolgt hat, merkte man schnell, das es sich tatsächlich um einen „Übersetzungsfehler“ handelt! Das englische „Custume“ hat nämlich nichts, aber auch gar nichts mit dem deutschen Kostüm zu tun! Ein „Custume“ ist in der Regel eine „eleganteres Kleidungsstück“, unser „Kostüm“ ist für Clowns und Karneval. Das man gerade in der Innenstadt viele Kostüme sieht streite ich nicht ab. Und auch über das Für und Wider eines „Wettbewerbes des schönsten Outfits“ kann man sicher streiten.

  33. 5facesfor1 8. Mai 2015 zu 11:09 #

    „Viona’s Victorian Village“ ist Kommerz pur, das WGT ist es schon seit 2002, so wie alles (Ausnahmen bestätigen nur die Regel) Kommerz ist, was heute unter dem Begriff „Gothic“ fällt…vom Gothic-Porno bis zur Gothic-Hochzeit ist alles verfügbar, vermarktbar und so lange es Abnehmer für diesen Konsum gibt, wird es sich nicht ändern…Elemente aus den Anfängen der Gothicszene findet man heute in anderen Subkulturen und Musikstilen wesentlich mehr inzwischen.umso mehr kostümiert ein Gothic heute auftritt, desto oberflächiger ist er, das sagt mindestens meine Erfahrung aus..SMler.Multitoleranz,Partypeople…alle diese und noch viele mehr haben zu der Entwicklung beigetragen

  34. Ariada Maledica 8. Mai 2015 zu 11:48 #

    @Shan
    „Vielleicht erleben wir gerade ohne es richtig zu realisieren den Anfang vom Ende einer schwarzen Szene, die sich in ihre vielen einzelnen Subkultur-Bestandteile auflöst. Irgendwann wird aus den Überbleibseln etwas Neues, Zeitgenössisches erwachsen – erhaben und losgelöst von den ewigen Vergleichen mit früher.“

    Nur Stillstand ist der Tod.

    Solange es „Neue“ in der Szene gibt wird es sich weiterentwickeln.
    Und ich meine nicht die „Wochenend- bzw. Saisonneulinge“ die ich als Pseudos bezeichne sondern die, die mehr oder weniger schnell in die Szene reinwachsen.

    Und die Vergleiche zu früher sind sicherlich nicht immer unpassend. Aber man sollte auch nicht glorifizieren! Auch da war nicht alles gut und richtig. Nur eben anders.
    Deinen Gedanken das es nicht mehr in den heutigen Zeitgeist passt muss ich mal aufgreifen. Eventuell könnte mir das so manches erklären 😉

    @ Nieswurz

    Ganz meine Worte: Nur wer seine Identität gefunden hat kann authentisch sein. – Und das in jedem Lebensbereich

  35. ~ Nyctal ~ 11. Mai 2015 zu 05:22 #

    Vom Grund her betrachtet ist es doch so: Der wahre Schwarze ist ein Kind der Dunkelheit. Ihm fehlt nichts, er fühlt sich wohl, wenn er sich mit Gleichgesinnten im Dunkel oder Halbdunkel trifft. Das schwarze Äußere ist sekundär und aus der Not geboren. Es kann nicht immer dunkel sein, z.Bsp. am Tag. (Ich denke hier an das Seufzen von Novalis in seinen Hymnen an die Nacht: „Muß immer der Morgen wiederkommen?“)

    So tragen wir eben die Dunkelheit in Form von Kleidung auch im Hellen um uns herum. Und drücken damit eben jene Sehnsucht aus, dass die Nacht wiederkommen möge, um uns einzuhüllen und zu befreien. Zu befreien von der Notwendigkeit des Äußeren.

    Und nun noch etwas Lustiges aber Ernstgemeintes. Meine Aufgabe für Euch zum WGT: Findet den Gothic! Eine Gruppe von Menschen unterhält sich. Ihr kommt dazu und Augen zu! Nicht sehen, nur zuhören! Ihr werdet erstaunt sein über Eure Entdeckungen. In diesem Sinne: Es lebe die Nacht!

  36. Kante 10. Juni 2015 zu 08:44 #

    Sehr guter Artikel, selbes hab ich schleichend über die Jahre leider auch merken müssen… Es ist durchaus angebracht sich auch mal passend oder schicker aufzubrezeln auf gewissen Anlässen (ob am WGT oder konkreten Partys), aber als Ork oder Elfen, komplette Steam Roboter oder einem Halloween-makeup-zombie finde ich es nachwievor unangebracht.
    Ein paar Fotos später im Netz wiederzufinden ist klasse aber so wie man punktuell von den Fotografen bedrängt wird ist leider (für mich) furchtbar. Der Tagesinhalt der meisten Besucher definiert sich (leider) daraus die Meile rauf und wieder runter zu laufen um hunderte von sehr ähnlichen Fotos zu sammeln aber ich finde, dass man so das Festival nicht wirklich erlebt hat. Ein Kostümfest oder ein Fotoshooting mit ess- und trinkgelage hat den Selben Charakter.
    Nicht enmal auf Larps sind die Leute so Fotogeil, da es dort um das Rollenspiel als solches geht. Und wenn ich eine Ork etc. Maske auf hab, egal wie schön es aussehen mag kann ich nicht behaupten „Ich“ zu sein.
    WGT ist leider das neue Halloween oder alternativ Karneval. Ich finde furchtbar wenn Leute sagen „ohh das sind aber schöne Kostüme“ dabei haben sie leider oftmals recht. Dort geht es nur noch um auffallen. Ich ziehe selbst gern schöne/genähte/verranzte/etc Klamoten an und das auch natürlich krasser, als ich beispielsweise im Büro sitze aber hat das eher was damit zu tun sich schick zu machen, da meine Alltagskleidung auch (bis auf den Job natürlich) die selbe ist. Es darf auf einer Party oder einem Festival natürlich gern „mehr“ sein. Mehr Gehängsel, mehr Makeup, mehr Haarstyling, mehr an klamotten, aber doch bitte immer noch in einem gewissen Rahmen.
    Ich könnte höchstens sagen dass man so, wie alle (oder leider nur noch einige) einfach nen Gruftie bin, der sich über Ansichten, Art, Stil und Musik aber auch so vielen anderen Dingen definiert. Meine Klamotten, was ich gerade mal An-lässig einer Party oder einer Laune lieber trage macht mich nicht zu einer völlig neuen Art. Ich mag so viele Bands und Arten der Musik. Wenn ich gerade eine andere Playlist habe als gestern werde ich auch nicht vom Waver zum EBMer oder ähnliches.
    Zum Glück sehe ich immer noch, dass viele Leute trotzdem „Gruftie“ bleiben und wegen der Leute, der Musik und dem Beisammensein kommen und nicht um ein paar Schnappschüsse zu erhalten. Die eigentlichen Grufties und Zielgruppe dieses Festivals bleiben sich treu. Die anderen sind nur Teilnehmer, die den Sinn dieses Festivals missverstehen.

  37. Ariada Maledica 10. Juni 2015 zu 11:33 #

    Realsatire beim WGT 2015

    Ich saß gerade in der Fußgängerzone beim verspäteten Mittag- oder verfrühten Abendessen, und schaute kritisch den zwar meist schick zurechtgemachten, aber offensichtlich nicht der schwarzen Szene zuzuordnenden Menschen zu, die stehenblieben um sich fotografieren zu lassen.

    Noch in Gedanken versunken kam eine (es sollte wohl viktorianisch sein) gekleidete Frau an, und fragte ob an meinem Tisch noch zwei Plätze frei seien. Ich bejahte, und kurz darauf kam auch der galant gekleidete Herr mit Zylinder und Gehstock dazu.

    Beim nicht von mir forcierten Smalltalk wurde mir mitgeteilt, dass die beiden ja an diesem Tag so gar nicht vorankamen in der Stadt,weil sie ständig stehen bleiben mussten wegen der Fotografen.
    Weiterhin, mit deutlichem Stolz in der Stimme, das sie sogar für die Leipziger Volkszeitung fotografiert wurden und das sie da auch gefragt wurden was Gothic ist.
    Mich durchzuckte es.
    Mir war schon auf den ersten Blick klar das die beiden nur WGT-Touristen sind.
    Ich vermutete, sie gehören zu jenen die, um bei Konfrontation mit ebensolchen Fragen nicht hoffnungslos aufzufallen, sich vorab eingelesen haben in das Thema.
    Eben diese Gruppe empfinde ich aber als besonders gefährlich. Aufgewärmtes, angelesenes, oft nicht verstandenes oder zumindest Missverstandenes wird als bare Münze oder eigene Erfahrung weitergegeben. Meiner Meinung nach ein nicht unerheblicher Faktor der zu diversen Strömungen innerhalb der Szene beitrug. Sehr beruhigt war ich daher, als die altbekannte Antwort „Gothic kann ich ihnen nicht erklären, über Gotik könnte ich Ihnen etwas erzählen.“ genannt wurde.
    Nun endlich neugierig, und ausgesprochen wach und aufmerksam geworden, versuchte ich die Informationsfreude des Herrn aufrecht zu erhalten mit den Worten: “Naja, das kommt ja auch immer darauf an aus welchem Hintergrund man Schwarz wurde“
    Erstaunte Blicke kamen zurück, der Hauptredner hielt inne, ich sah mich endgültig bestätigt. „Definitiv keine Gruftis“
    Ein Themenwechsel wurde angestrebt: „Es sind ja heute so viele Karnevalisten unterwegs“ Mit vollem Mund kam ein Nicken meinerseits, das mein Grinsen hoffentlich versteckte. Wo hatte ich nur diese Kombination des Insidervokabulars schon gehört bzw. gelesen?
    Und zum krönenden Abschluss wurde ich noch informiert: „Nächstes Jahr kommen wir als Steam Punk. Die Kostüme waren noch nicht fertig“

  38. Shan Dark 10. Juni 2015 zu 12:48 #

    @Kante: Danke Dir für Deine Sichtweise – ich finde mich darin 100% wieder. Gut gesagt und formuliert. Ich kenne durchaus noch viele, die es so sehen und das gibt Hoffnung. Auch wenn ich das Gefühl habe, dass „die Teilnehmer, die den Sinn dieses Festivals missverstehen“ immer mehr werden. Das liegt aber vielleicht auch an deren übermäßig medialer Präsenz oder fast schon an der ausschließlichen Präsenz solcher Teilnehmer in den Medien, denn so Leute wie wir begeben sich ja selten vor ein Mikro oder Kamera. Und schwupps hat man das Gefühl, die WGT-Touristen und Halloween-Karnevalisten sind in der Überzahl. Aber dieses Jahr hab ich bei den Konzerten und Parties fast nur „normale/echte“ Grufties gesehen und getroffen, daher kann der Eindruck eben auch trügen.

    @Ariada Maledica: Unfassbar und gleichzeitig musste ich lachen! Danke für das Teilen dieses Erlebnisses.

  39. Elmer Fudd 11. Juni 2015 zu 11:01 #

    Nachdem ich mich durch den Artikel und die Kommentare gegraben habe, drängt sich mir ein Gedanke auf: Hier spricht die Angst, nicht mehr als „anders“ wahrgenommen zu werden, gepaart mit der elitär-arroganten Einstellung dass alles was nicht dem Standard entspricht (also nicht „trve“ ist), nicht in die Szene gehört.

    Auf der einen Seite die Betonung, dass man ja so tolerant ist, andererseits die Abgrenzung gegen (und damit auch Inteloranz gegenüber und Ausgrenzung von) „Abweichler/Querschläger“.
    Da wird auf die Touristen und den Kommerz geschimpft, ohne zu realisieren, dass es ohne genau diese Leute, die eine Unmenge Geld in ihren Auftritt versenken, und ohne den damit verbundenen Kommerz, das WGT und ähnliche Festivals vielleicht gar nicht mehr gäbe.

    Nicht umsonst gibt es ein „Grufti-Disko-Sterben“, weil die meisten Szeneangehörigen eben nicht zu jeder Veranstaltung der Szene rennen. Kein Wunder, denn die Szene bzw. Subkultur als solche ist mittlerweile arg zersplittert und diversifiziert, so dass immer mehr Nischenveranstaltungen entstehen, die sich langfristig aber nicht selbst tragen und wieder verschwinden.

    Ich habe den Eindruck, dass hier viele „der Szene“ als kleiner, geschlossener Veranstaltung nachweinen, sich jeder selbst aber für die Elite dierser Gruppe hält, und sich um Abgrenzung gegenüber dem „Fußvolk“ bemüht. Jeder möchte möglichst individuell sein und lehnt Uniformität, aber gleichzeitig auch solche szenefremden Einflüße ab. Dabei sind es diese Einflüsse, die die Subkultur überhaupt erst am Leben erhalten.

    Eine Subkultur ensteht durch gemeinsame Interessen und Codes (in der Kleidung, im Aussehen etc.), also eben NICHT durch möglichst individuelles Auftreten, sondern durch Uniformität. Langfristig kann eine Subkultur aber nicht darauf beschränkt bleiben, wenn sie überleben will. Sie muss sich weiterentwickeln und Einflüsse zulassen.

    Ich glaube Adorno hat gesagt, dass eine Gesellschaft sich an fremde Dinge annähert und sie sich einverleibt, um die Angst davor zu verlieren. Wenn sie sich diese Dinge nicht einverleiben kann, vernichtet sie sie, um die Bedrohung zu beseitigen. Das funktioniert aber in beide Richtungen.

    Und genau das ist, was hier passiert: Menschen, die nicht „in der Szene“ sind, nähern sich ihr an, und gehen zu Veranstaltungen wie dem WGT, und machen sie so „gesellschaftsfähig“. Für die Szene selbst mag das befremdlich sein, aber langfristig muss sie diese Leute integrieren, um nicht unterzugehen. Das bedeutet auch einen Wandel der Codes und Geisteshaltung (wobei Wandel ja nicht notwendigerweise bedeutet, dass irgendwann alle Flachzangen sind, die glauben,es wäre Karneval).

    Und mal ehrlich: nicht jeder von Euch denkt den ganzen Tag und immerzu nur tiefschürfende Gedanken über Literatur, Tod und Weltschmerz. Das gilt für die gesamte Subkultur. Das war nie so und wird auch nie so sein. Das ist eine rein idealistische Vorstellung, die nichts mit der Realität zu tun, denn sonst könntet Ihr nicht in dieser Gesellschaft (über-)leben.

    Man muss es nicht gut finden, sondern sich nur damit abfinden, dass es eben Verkleider, Idioten usw gibt, denn wie will man sie davon abhalten, in die Szene zu kommen? Dresscodes bei allen Veranstaltungen, vorgeschriebene Gesprächsthemen und Interessen, absolute Uniformität und Gleichschaltung? Orwell, Big Brother, anyone?

    Ich selbst bin seit etwa 19 Jahren in der Szene und auch erst als quasi „Erwachsener“ dazu gekommen. Ich habe den Wandel seit den späten 90ern mitbekommen, ich war 2001 bei meinem ersten WGT und nach einigen Jahren Unterbrechung seit 2011 bei allen. Ich mache viele meiner Outfits selbst (und damit meine ich nicht, dass ich sie nur selbst kaufe und zusammenstelle), doch schimpfe ich nicht auf den Kommerz, weil ich selbst eben auch davon profitiere oder zumindest häufig inpiriert werde.

    Ich habe die Szene nie als die von allen beschworene „kleine Familie“ erlebt, sondern schon immer als bunten Haufen verschiedener Leute, die sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner Musik geeinigt haben. Als eher introvertierter Mensch habe ich auch nicht sooo viele andere Szenemitglieder persönlich kennengelernt, die wenigen aber sind sowohl in ihrer Persönlichkeit als auch in ihrern Interessen äußerst divers. Ich halte die Szene daher nicht für den kleinen, eng verbundenen Club, den viele gern hätten.

    Ich denke auch, dass viele „Verkleider“ gar nicht so anders ticken als der Rest der Szene. Auch sie suchen sicherlich das Gefühl der Zugehörigkeit und Anerkennung, nur ist ihr Weg eben der, dass sie (bewusst oder unbewusst) die althergebrachten Codes der Szene brechen, um ihre Individualität innerhalb der Gruppe zu zeigen.Damit nähern sie sich aber gleichzeitig auch der Szene bzw. der Subkultur an, udn ich denke, darin liegt die auch die Hoffnung, dass sie vielleicht ganz eintauchen und irgendwann zu einem echten Teil der Szene werde.

    Eine kleine Beobachtung zum Schluß: ich hatte dieses Jahr beim WGT den Eindruck, dass es generell weniger Cyber-Outfits gab. Die Flügel und Geweihe, die noch vorletztes und letztes Jahr sehr häufig zu sehen waren, scheinen auch fast komplett wieder verschwunden zu sein. Vielleicht muss man also einfach nur etwas abwarten, und die schlimmsten Auswüchse erledigen sich irgendwann von selbst… 😉

  40. Ariada Maledica 15. Juni 2015 zu 21:53 #

    @ Elmer Fudd

    merkwürdig, dass Du beim durchgraben durch den Artikel und die Kommentare nicht bemerkt hast, dass der mehrheitliche Tenor ist, dass man eben kein Problem damit hat das sich Leute erst einmal annähern.

    Als Du Mitte der 90er dazugestoßen bist, gab es schon den ersten großen Wandel. Es ist somit kein Wunder, dass Du die Szene als bunten Haufen kennengelernt hast. Und im Übrigen war es schon zu der Zeit gesellschaftsfähig, in schwarz rumzulaufen.

    Du meinst eine Subkultur entsteht durch Uniformität und kann nur überleben, wenn sie auch andere Einflüsse zulässt, nennst die Cyber Gothics aber Auswüchse und scheinst es gut zu finden, dass dieses Jahr weniger da waren. Das passt nicht so ganz zusammen.

    Dann noch Deine provokative Eingangsthese, dass man hier wohl Angst habe, nicht mehr in seiner Andersartigkeit wahrgenommen zu werden.
    Ich vermute, jeder der in schwarz rumläuft wird von der Gesellschaft als „anders“ wahrgenommen.

    Und wie kommst Du darauf, dass das WGT nicht bestehen könnte, wenn die Karnevalisten nicht da wären?
    Sicher der Break-Even-Point sollte so liegen, dass auch ein Gewinn abfällt (ansonsten ist keine Motivation es weiterzubetreiben) Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass der prozentual doch geringe Anteil dieser Leute dabei monetär so ins Gewicht fällt.

  41. Bella Black 23. Februar 2016 zu 12:14 #

    Liebe Shan Dark,

    mir hat dein Beitrag hier sehr gut gefallen. du sprichst mir aus der Seele.
    Die Szene ist nicht mehr das was sie einmal vor Jahren war.

    Das sie nun so ist wie sie ist denke ich müssen wir akzeptieren.
    Es gibt die Urgoths immer noch auch wenn nicht mehr so viele wie es früher einmal waren.

    Ich selbst gehöre zu den Urgoths und meine Einstellung und meine Art zu Leben kann mir niemand nehmen.

    Aber du sprichst sehr wahre Worte.

  42. Shan Dark 23. Februar 2016 zu 19:29 #

    Danke Dir, Bella Black. Es ging mir mit dem Artikel auch vor allem darum mal zum Nachdenken anzuregen – über das eigene Selbst und das, was man nach außen trägt. Die Szene ist kein Karnevalsverein bzw. möchte ich nicht, dass sie mehrheitlich zu einem wird.

Schreibe einen Kommentar