Mit diesem Foto köderte mich Uwe ;)

Das versunkene Dorf

Wir rumpeln seit 20 min im 1. Gang über eine schmale Schotterstraße durch das siebenbürgische Erzgebirge in Rumänien. Schneller sollten wir hier besser nicht fahren mit unserem Golf. In Zeitlupe zieht die Landschaft vorbei. Da, links, ist die verlassene Arbeitersiedlung, von der Planeten-Gastautor und Rumänien-Fan Uwe[1] gesprochen hat. Hier gabelt sich die Straße und wir sollen den Weg wählen, der am befahrbarsten aussieht. Nun ja, die Qualitätsunterschiede sind nicht riesig. Wir halten uns links, danach geht es ein paar harmlose Serpentinen nach oben und dann stehen wir auf einem Staudamm mit Blick auf ↓. Ein „Uaaargh“ platzt mir heraus – das sieht ja aus wie ein ausgetrockneter Salzsee!!! Wir halten an.

„Ach, Du Scheiße!“ Normalerweise äußere ich mich nicht so ordinär beim Anblick von Naturgewaltigkeiten. Aber ich weiß, dass das hier nicht von der Natur geschaffen ist …

… sondern in diesen Stausee die chemischen Abfälle der Kupfermine Roşia Poieni fließen – der zweitgrößten in Europa. Das Graue sind die Schlämme der sogenannten „froth flotation“. Per „Schaumaufbereitung“ wird das Kupfererz aus anderen Materialien herausgetrennt – im Bergbau heißt das auch Tailing. Solche Tailing-Seen werden im Umfeld von Minen in großen, meist mit Dämmen gesicherten Becken oder Schlammteichen gelagert, was je nach Inhaltsstoffen und bei unsachgemäßer Lagerung einen hohen Gefährdungsgrad für die Umwelt bedeutet.

Das Graue zwischen dem vorderen und hinteren Berg ist die Kupfermine.

 

Ich bin fassungslos ob des Ausmaßes – und das ist erst der Anfang! 130 Hektar ist der Stausee groß, also 170 Fußballfelder passen hinein.

Besser nicht drüber nachdenken, sondern weiter mit unserer „Spritztour im 1. Gang“ (O-Ton M.Synthetic). Es ist nämlich schon später Nachmittag und wir wollen noch zu einem versunkenen Friedhof, von dem Uwe uns beeindruckende Bilder gezeigt hat. Etwas weiter den Weg entlang wird der feste Schlamm im See erst zu orange-rotem Wasser und dann zu einem leuchtenden Grün-Türkis. Faszinierend, wie schön giftiges Wasser aussehen kann! Ans Schwimmen denke ich aber nicht, will da gar nix von mir reinhalten! Es reicht, dass die abgestorbenen Bäume ihre knochigen Äste hilfesuchend oder mahnend (?) aus dem grünen Seewasser strecken.

Fast kommt Karibik-Feeling auf – wären da nicht statt Palmen diese Baumskelette.

 

Der See bei Google Maps in der Satellitenansicht. Das weiße ist die Straße rund um den See.

Unter diesem Tailing-See liegt ein einst schönes Tal und das Dorf Geamana begraben. Vor 40 Jahren, 1977, entschied die Regierung Ceaucescu den Kupferabbau in der Mine Rosia Poieni zu starten und den Stausee anzulegen. Prinzipiell fand man das gut, weil damit Arbeitsplätze in der Region geschaffen wurden, selbst wenn 300 Familien für den Stausee ihr Dorf Geamana verlassen mussten. Als Entschädigung und für den Neuanfang bekamen sie je nach Grundstücksgröße bis zu 2.000 €, was damals wie heute kaum ausreichte, sich eine neue Existenz aufzubauen. Oder gar nichts, wenn ihr Haus hoch genug am Berghang lag, wo sich die heutige Straße befindet. Die meisten Dorfbewohner zogen zu Verwandten in die umliegenden Dörfer, manche haben sich auch ein neues Haus höher auf dem Hügel gebaut. Heute leben hier noch ca. 20 Leute am Giftschlammsee, der besonders morgens arg unangenehm riechen soll.

Noch bewohnt. (Foto: Uwe Kolb)

Nicht mehr bewohnt. (Foto: Uwe)

 

Ich rieche nichts, aber die Farbgebung finde ich beeindruckend – auch wenn ich sie mir zu dem Zeitpunkt noch nicht erklären kann. Das ist aber eher förderlich für das gesamte Unterfangen, denn so bin ich einfach nur fasziniert und kann die leise Stimme in meinem Kopf („Umweltsünde! Umweltsünde!“) hervorragend ausblenden. Und die Landschaft und Natur, die keinen direkten Kontakt mit dem See hatte, ist oberflächlich betrachtet durchaus idyllisch. Nur ist es totenstill rund um den See. Keine Vögel, keine Mücken. So Giftbrühe hat auch was für sich. 😉

Foto: Uwe

 

Der alte Russen-Jeep (Foto: Uwe)

Der See ist groß, wir schnecken weiter auf der ehemaligen Bergstraße entlang. Einmal kommt uns ein Auto entgegen. Das ist beruhigend. Und endlich steht rechts an der Straße „so ein alter Russen-Jeep“, wie Uwe ihn nannte. Dann ein Holzstapel und HUCH, dahinter liegt ein alter Mann auf dem Boden! Auf dem Bauch. An der Straße! Gut, so wenig wie hier los ist … Ist er tot? Oder ohnmächtig? Es ist in Rumänien zwar üblich, dass Tiere in allen Variationen am Straßenrand liegen, aber keine alten Männer! Doch er hebt zum Glück langsam den Kopf und blinzelt uns entgegen. Hat wohl ein Nickerchen gemacht. Kurz nach dem untoten alten Mann sehen wir durch die Bäume den schwarzen Turm einer Kirche durchblitzen. Und genau wie es Uwe beschrieben hat ist da auch ein Haus, in dem eine alte Frau mit ihrem großen Hund leben soll. Hier sind wir richtig, wir haben es gefunden. Das ist noch nicht Geamana, sondern ein anderer Ort (Holobani?), dessen Kirche, Friedhof und Schule verlassen am Giftsee ihrem Schicksal harren.

Rechts die alte Schule & die blitzweiße Kirche. Toxische Idylle pur … (Foto: Uwe)

 

Es geht zu Fuß weiter. Ich ziehe mir das erste Mal in diesem Urlaub Wanderschuhe und lange Hosen an, denn ich will keinen Hautkontakt mit gar nichts. Die Kirche am See liegt hinter dem Grundstück der alten Frau mit Hund. Da müssen wir jetzt durch. Wir laufen erst wieder ein Stück auf der Straße entlang und sehen nach wie vor den untoten alten Mann da liegen. Mittlerweile hat er sich aufgestützt und schaut uns müde-grinsend entgegen. Wir grüßen und ich frage, ob es darunter zum „Cimitir“ geht. Jaja, nickt er. Wir bedanken uns freundlich und wagen uns auf das Territorium des Hauses. Und zack, schon kommt von unten ein wirklich großer (!) weißer Schäfer-Hüte-Hund angeschossen. Aber der Alte ruft und beruhigt ihn. Puh!!! Danke. 😉

 

Unbehelligt laufen wir jetzt zur Kirche runter, vorbei an Kühen, die auch dem alten Mann und seiner Frau gehören, vorbei an einer alten kleinen Dorfschule. Neben der Kirche sehen wir die ersten Grabkreuze im Wasser: der versinkende Friedhof. Wahnsinn! Viele Gräber sind schon ertrunken im grünen Wasser, andere haben „nasse Füße“. Wasserleichen sind nicht zu sehen, aber es gibt sie. Ich finde es einfach nur krass! Und faszinierend. Zeitweise mischt sich auch ein umweltbewusstes Unbehagen ein. Bis die Denkmaschine abstürzt und ich nur noch schaue, fotografiere und diese Seltenheit genieße. Diese Farben, Spiegelungen im Wasser, die Stille. Nur die Kuhglocken schellen, denn einige Tiere weiden ebenfalls auf dem Friedhof. Irgendwann hallt mit starkem Echo der Ruf des alten Mannes herunter zu uns – er ruft seine Kühe und sie begeben sich behäbig zum Haus rüber.

Mit diesem Wahnsinns-Foto köderte mich Uwe 😉 – da will man/frau natürlich hin!!

Hat schon nasse Füße …

Mal andächtig innehalten.

Wo sind die Wasserleichen? (Foto: Uwe)

 

So etwas habe ich noch nie gesehen und werde ich wohl nicht mehr sehen. In 2-3 Jahren ist von dem Friedhof nicht mehr viel übrig, denn der See steigt durch die ständige Schlammzufuhr etwa 90cm pro Jahr an. Bei Uwe’s Besuch hier im Jahr zuvor waren einige der Gräber noch nicht im See versunken, von denen jetzt nur noch die Spitzen der Grabkreuze herausragen. Der Giftsee bringt also sogar den Toten noch den Tod. Ist das nicht paradox?

„Früher“ war mehr Friedhof. (Foto: Uwe, 2016)

 

Als wir zurück über das Anwesen des alten Ehepaares laufen, bereite ich mich auf den Hund vor und gehe tapfer voran. Mit Hunden kann ich generell etwas besser als mein Freund und habe schon mit 10 Jahren ungewollt ein paar Abwehrtechniken an einem Bernhardiner üben dürfen. Und was so ein guter rumänischer Wachhund ist … es dauert nicht lange, bis er von oben zähnefletschend auf mich zugerannt kommt. Ich zucke heftig zusammen, gehe in Abwehr. Aber der alte untote Mann, der immer noch oben am Wegesrand  s i t z t, rettet uns ein weiteres Mal und pfeift ihn energisch zurück. Hund ist immer noch auf 180, aber wir atmen durch. Wir bedanken uns beim alten Herrn und versuchen eine kleine Hände-und-Füße-rumänisch-Konversation. Da sage ich doch tatsächlich – wohl noch im Affekt – dass der Friedhof schön („frumos“) ist 🙄 … äh, traurig *reibe mit den Händen in den Augen* und schaue betroffen. Der Mann zuckt nur mit den Schultern und erzählt (sinngemäß), dass man eh nichts machen kann und er sei ja schon 76. Sicher, an diesem See sind seine Tage schneller gezählt. Einen alten Baum verpflanzt man nicht mehr. Sie haben gelernt damit zu leben und werden wohl mit ihrem Haus, was leider schon nah am Ufer des Sees liegt, untergehen. Wie die Gräber.

Im Hintergrund ist das Haus des untoten alten Mannes und seiner Frau zu sehen.

 

Ich könnte das nicht – jeden Morgen neben dieser Brühe aufwachen! Die Milch der Kühe trinken. Und was ist mit dem Grundwasser? Angeblich wäre das Grundwasser noch gut liest man in einem Artikel aus dem Jahre 2012. Falls das überhaupt jemals gestimmt hat, kann es sich in 5 Jahren erheblich verändert haben. Im Boden hier wurde Cadmium in 10-fach erhöhtem Wert gemessen. Cadmium führt zu vorzeitiger Alterung der menschlichen Zellen, zu Leber-, Nieren-, Lungen-Schäden und steht im Verdacht Krebs zu erzeugen. Ich glaube, für die noch verbliebenen Menschen hier ist das Nicht-Wissen(-Wollen) um chemische und ökologische Zustände und deren medizinische Folgen lebenswichtig.

Foto: Uwe

 

Wir fahren weiter immer links vom See entlang. Das Wasser ändert seine Farbe wie ein Chamäleon. Jetzt kommen wir an mehreren Hütten vorbei und unser Auto wird von Hunden angekläfft, flankiert, verfolgt. M.Synthetic hat die hervorragende Idee zur Abschreckung demnächst Löwengebrüll aufzunehmen und bei Hundekontakt das Fenster herunter und den Volumenregler bis zum Anschlag aufzudrehen. :mrgreen: Ich zähle circa 6 alte Menschen, an denen wir vorbeifahren. Meist sitzen sie, geschafft vom Tagwerk, irgendwo in der Nähe ihres Hofes in der schönen Abendsonne.

Kirchturm von Geamana 2015 (Uwe)

Endlich sind wir im gefluteten Geamana angekommen – das sehen wir am Kirchturm im Wasser. Viel schaut nicht mehr heraus. Vor zwei Jahren sah man noch das Dach des Kirchenschiffes – Uwe hat es fotografisch festgehalten (rechts). Nichts vom einstigen Dorf ist mehr übrig, der Kirchturm ist die letzte Erinnerung. Alles verschüttet. Hier atmet nichts mehr.

Kirchturm Geamana 2016 (Uwe)

Kirchturm Geamana 2017

Eine beeindruckende Tragik. Der Schlamm schillert in der Abendsonne bizarr wie eine Plastikplane. Als wären wir auf einem fremden Planeten mit toxischer Atmosphäre gelandet. Es ist unwirklich. Ihr müsst dort gewesen sein, um eure eigenen eigenartigen Gefühle entwickeln zu können. Aber ihr solltet euch beeilen. In 1,5 Jahren wird nur noch das blecherne Kirchendach herausschauen. Dann ist das Dorf Geamana endgültig verstorben.

Ein Stück weiter dann wieder dörfliche Bauernromantik. Wenn man nicht im Hintergrund den farbigen See mit dem  Kirchturm von Geamana sehen würde … Dass Natur überhaupt noch so schön sein kann, mit einem toxischen See als Nachbarn. Hochachtung! Tut mir ja leid, aber ich bin fasziniert.

Abendsonne weg, sonniger Tag her … von dem Blick habe ich auch ein Foto gemacht, nur das von Uwe ist besser.

 

Warum ist der See grün oder rostrot? Warum sind die Schlämme orange?
Ich, das Chemie-Schaf, habe mich jetzt beim Schreiben des Artikels aufgeschlaut. Oftmals enthalten die Aufbereitungsrückstände Metallsulfide. Bei Kontakt mit Sauerstoff und meteorischem Wasser oxidieren die Sulfide, wodurch saures, schwermetallhaltiges Sickerwasser entsteht.

Foto: Uwe

Hier im Stausee von Geamana kommt es zu dieser starken Sauerwasserbildung. Das Wasser mit einem teils stark sauren pH Wert von 1,5-2 enthält (nicht nur die Farben der) Schwermetalle Cu (Kupfer), Fe (Eisen), Cr (Chrom), Zn (Zink), As (Arsen), Mn (Mangan) u.a. Um diese Schwermetalle etwas zu neutralisieren wird den Abwässern Kalkstein beigemischt. Wir sind fast bis um den See gefahren und haben auch die Stelle gesehen, wo das Wasser eingeleitet wird. Dort ist der Wald ringsum grau vom beigemischten Kalk. Außerdem hört man deutlich wie die graue Schlacke in den Stausee hineinploppt – so still ist es im Tal. Und sie wird weiter hineinfließen, auch wenn mittlerweile weniger abgebaut wird in der Kupfermine. Für den staatlichen Betrieb wird seit Jahren ein privater Investor gesucht, allerdings scheuen die meisten Unternehmen vor den hohen Umweltinvestitionen zurück, die zur Erneuerung der längst abgelaufenen Umweltgenehmigung nach EU-Vorgaben notwendig sind.

Gegen halb neun abends fahren wir den ganzen Weg wieder zurück. Wir sind sehr erschöpft von 5 Stunden tragisch-beeindruckender Vergänglichkeit für Umwelt und Mensch. Von Menschen zerstört. Alles wie immer.

R.I.P. Geamana

Rette sich wer kann … (Foto: Uwe)

 

Lieber Uwe: wir sind dir zutiefst dankbar für den Tipp, die weltbeste Wegbeschreibung, die tollen Fotos & dieses unvergessliche Erlebnis!

————————————–

Quellen und weitere lesenswerte Artikel

Ein Dorf, im Schlamm versunken (deutsch, ADZ Online)

Geamana – the village flooded by a toxic lake (primanatura.ro)

The village that drowned (Daily Mail Online)

10 versunkene Städte (weather.com)

 

 

5.00 avg. rating (97% score) - 3 votes
  1. [1]Die wahre Burg Draculas und Ceaucescus Hinrichtungsort

Einfach Dranbleiben!

Skurriles, Düsteres, Morbides im Abo! Vernetze Dich mit dem schwarzen Planeten & Shan Dark:

, ,

4 Responses to Das versunkene Dorf

  1. Alexandra 29. September 2017 zu 10:33 #

    Wow, das ist ja wirklich beeindruckend – und unsäglich traurig, was da mit der Natur (und den Menschen) passiert. Danke für diesen Einblick, Dina!

  2. Uwe 29. September 2017 zu 14:22 #

    Einen wirklich lesenswerten und schönen Bericht hast Du da gemacht!
    Ja, es ist schwierig diese eigenartige Mischung zwischen Staunen, Faszination und Unbehagen, aber auch Ärger und Wut, zu beschreiben die man dort empfindet. Aber das hast Du toll hinbekommen.
    Mich lässt dieser Ort irgendwie nicht mehr los, und ich werde ihm wohl weiterhin jedes Mal einen Besuch abstatten wenn ich in der Gegend bin.
    Ich freue mich jedenfalls sehr darüber, dass sich mein Tipp für Euch gelohnt hat und dass ich mich so für Deine zahlreichen Reisetipps, von denen ich ja zum Teil auch schon profitiert habe, ein wenig revanchieren konnte.

  3. Andreas 30. September 2017 zu 09:02 #

    Ein toller Bericht zu einem krassen Verbrechen. Anders kann ich es nicht bezeichnen, als ein Verbrechen an Natur und Mensch.

  4. Shan Dark 3. Oktober 2017 zu 15:35 #

    @Andreas: Ja, ein Verbrechen ist es wohl. Tailing-Seen gibt es auch woanders, aber da wird offenbar stärker darauf geachtet, dass die Umwelt weitestgehend geschützt wird. Alles was hier getan wird ist ein bisschen Kalk dem Schlamm beizumischen, was aber nicht viel hilft. Ansonsten ist das alles unkontrolliert aus meiner Sicht und ja, die Umweltzulassung ist auch schon längst abgelaufen. Trotzdem wird fröhlich weiterproduziert.

    @Uwe: Ich bin gespannt, was Du nächstes Jahr erzählst und wie weit der Kirchturm dann versunken ist. Und ob der untote alte Mann und seine Frau noch in ihrem Haus wohnen können…

    @Alexandra: Traurig, allerdings. Aber eben auch beeindruckend. Ich war so zwiegespalten. Sowas sieht man eben auch nicht oft. (zum Glück!)

Schreibe einen Kommentar