Englisch für Grufties: dead on arrival

„This is our new product and if you ask me, I think its a dead-born child“, denglischte mein Kollege den ausländischen Gästen seine Meinung. Während die anwesenden Muttersprachler wohl nicht wussten, was er meinte, hatten wir Mühe vor Lachen Haltung zu bewahren. Nicht nur, weil der Kollege sagte, was viele von uns über das Produkt dachten, sondern auch wegen seiner wortwörtlichen Übersetzung von „die Sache ist ein totgeborenes Kind“. Dass „dead-born child“ kein korrektes Englisch war konnten wir uns denken. Aber wie sagt man es richtig?

Im Gegensatz zu den bisherigen Englisch für Grufties Artikeln geht es heute also nicht um eine englische Redewendung und deren Übersetzung ins Deutsche, sondern andersherum. Dabei ergibt die deutsche auch eine gruftig-morbide Redewendung in Englisch. Tot bleibt nun mal dead.

Zu einem tragischerweise totgeborenen Kind sagt man „stillborn child“ oder „stillborn baby“. Während im Deutschen auch eine Sache, eine Idee oder ein Produkt ein totgeborenes Kind sein kann wird der Ausdruck im Englischen nicht derart pauschalisiert, sondern wirklich nur für Lebewesen verwendet. Alles andere ist entweder „tot bei Ankunft“ oder treibt „tot im Wasser“.

Lesson 4:

dead on arrival | dead in the water

= tot bei Ankunft – wörtlich übersetzt

= bildhaft für: ohne Chance auf Erfolg, totaler Flop, Nonstarter bzw. Rohrkrepierer

= „die Sache ist ein totgeborenes Kind“ (Redewendung)

ähnlich: prefailed (zum Scheitern verurteilt), to be a dead duck (eine verlorene Sache)

Dead on arrival (auch oft abgekürzt mit D.O.A./DOA) bedeutet, dass eine Person bei Eintreffen der Rettungskräfte oder der Polizei bereits klinisch tot ist bzw. bei Ankunft im Krankenhaus nicht mehr lebt (brought in dead – B.I.D.). Ausgehend von dieser Bedeutung wird der Begriff auch auf andere, nicht-medizinische Bereiche übertragen. So sind zum Beispiel Geräte, die defekt geliefert werden „dead OR defective on arrival“ oder eben Ideen und Konzepte damit gemeint, die man als Nonstarter bzw. deutsch als ‚Rohrkrepierer‘ bezeichnet.

Wikipedia: „In another context, „dead on arrival“ may be used to describe an idea or product that is considered to be fundamentally flawed, and therefore viewed as an utter failure from the start.“

„These are among the reasons that the current crop of 7-inch tablets are going to be DOA — dead on arrival,” Steve Jobs said during the earnings call. (Quelle: wired.com)

„Five years ago the industry appeared dead on arrival.“

Dead on arrival ODER dead in the water?

Dead in the water (Foto: © drizzd - Fotolia.com)

Dead in the water (Foto: © drizzd – Fotolia.com)

Ein Freund von mir ist Engländer und würde „Das Produkt ist ein totgeborenes Kind“ eher mit „The product is dead in the water“ übersetzen. Steve Jobs war wie wir wissen Amerikaner – er verwendete jedoch „dead on arrival“. Gibt es hier einen unterschiedlichen Sprachgebrauch zwischen US und UK? Einen Beleg dafür konnte ich nicht finden, nur den einen Satz von Steve Jobs für das amerikanische DOA. Sicher wird aber „dead on arrival“ von Nicht-Muttersprachlern besser verstanden, denn die können sich unter D.O.A. mehr zusammenreimen als unter etwas, das tot im Wasser schwimmt. 😉  Laut The Free Dictionary wird „dead on arrival“ häufiger genutzt für Konzepte und Ideen, die zustimmungspflichtig sind, wie z.B. ein Gesetzesentwurf („Healthcare reform was dead on arrival.“).

Ist etwas dead in the water macht es keinerlei Fortschritte nach seinem Start – es ist doomed = so gut wie tot. Also nicht ganz so tot wie eine Sache, die totgeboren ist aber nahezu. Ich werde das Gefühl nicht los, dass eine Firma möglichst wenige derartige Produkte haben sollte.

Mein geliebtes Urban Dictionary erklärt „dead in the water“ so, wie es mein Kollege wohl tatsächlich meinte:

An idea or product that is hindered by lack of careful thought and planning and does not appeal to the masses. The fault usually falls upon the developer of the idea/product. When the product or idea is dispersed to the intended audience, the audience immediately dismisses it. The idea or product was doomed from start.

Here’s an idea that takes ‚dead in the water‘ to an epic level.

Übersetzung: Eine Idee oder Produkt, dass sich aufgrund mangelnder Sorgfalt bei Konzeption und Planung bei der Masse nicht durchsetzen kann. Schuld daran ist häufig die Produktentwicklung. Sobald das Produkt auf die Zielgruppe losgelassen wird, nimmt diese es nicht an. Die Idee oder das Produkt sind also von Beginn an zum Scheitern verurteilt.

Ich musste sehr lachen über den zynischen Beispielsatz Here’s an idea that takes ‚dead in the water‘ to an epic level. Wir wissen alle, was gemeint ist, aber ich kann ihn nur schwer ähnlich treffend ins Deutsche übersetzen. Habt ihr geschmeidige Vorschläge?

Um die volle Show zu geben, müsste mein Kollege nächstes Mal also sagen:

Its a product that takes ‚dead in the water‘ to an epic level.

Sollten diese offenen Worte in die Gehörgänge des Produktmanagers oder dessen Boss‘ gelangen, stehen die Chancen gut, dass er des Englischen nicht so mächtig ist und nur sein Produkt in Verbindung mit „epic level“ versteht. 😆 Falls er besser Englisch kann, dann… nun, dem oben erwähnten Kollegen ist es egal. Er arbeitet sowieso mit aller Kraft auf seinen (wohlverdienten) Ruhestand hin. Da kann man auch mal offen seine Meinung sagen – ohne im nächsten Atemzug tot durchs Wasser zu treiben. Be Punk! Wie die Hardcore-Punk-Legende D.O.A. aus Vancouver…

 

(c) Artikelfoto: Fotolia.de – Eric Simard

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8 Responses to Englisch für Grufties: dead on arrival

  1. Schatten 30. Juli 2013 zu 17:08 #

    Das deutsche Wort Rohrkrepierer könnte man vielleicht übertragen als
    „dead in pipe“ ? Oder entspricht das wiederum der abschätzigen Bemerkung: Das kannste in der Pfeife rauchen!
    Doch ein Rohrkepierer ist das Letzte was ich rauchen möchte !!

    Aber bei den schönen Beispielen fiel mir ein alter Zwiebelfisch ein, und den habe ich grad reinkopiert.

    Frohe Düstergrüße
    vom Schatten

    —————-.——————–
    Zwiebelfisch: Leichensäcke aus dem Supermarkt

    Von Bastian Sick

    Eine wahrhaft gruselige Geschichte erlebte ein Student aus Oldenburg. Als er gedankenverloren in der Mensa speiste, wurde er plötzlich auf eine Gruppe von amerikanischen Austauschstudenten aufmerksam, die sich am Nebentisch erregt über einen Werbeprospekt einer Supermarktkette unterhielten. Es ging um irgendein supertolles Angebot, doch ganz offensichtlich war es nicht der günstige Preis, der die Amerikaner in Erstaunen versetzte, sondern der angepriesene Artikel selbst. W. stellte die Lauscher auf und verstand irgendetwas mit „bag“. Er konnte sich zunächst noch keinen Reim drauf machen und aß daher sein gar köstliches Mensa-Menü in Ruhe zu Ende.

    Als der Student anderntags zum Einkaufen ging, prallte er im Supermarkt gegen eine Werbetafel, auf der „body bags“ angeboten wurden. Tatsächlich handelte es sich dabei um mehr oder weniger modische Rucksäcke. Nachdenklich blieb der Student vor dem Angebot stehen und kramte in seiner Erinnerung: „Hmm … body bags? Da war doch was!“ Kein Zweifel, er hatte den Begriff schon mal gehört, aber in einem anderen Zusammenhang. Und dann fiel es ihm wieder ein: Ein Kinofilm war’s. Einer über den Vietnam-Krieg. Mit viel Blut und vielen Toten. Eine ungute Ahnung beschlich ihn. Sowie er zurück in seiner Wohnung war, griff er nach dem Englisch-Wörterbuch und schlug nach. Und da stand es, Schwarz auf Weiß: „body bag“ bedeutet Leichensack! Nun verstand der junge Mann, was die Gemüter der amerikanischen Austauschstudenten so erregt hatte: Leichensäcke im Supermarkt. Und dann auch noch im Sonderangebot!

    Wer sich die Mühe macht und ein bisschen recherchiert, der wird feststellen, dass es in deutschen Verkaufsangeboten von Leichensäcken nur so wimmelt. Allein bei eBay finden sich Dutzende von „body bags“, in allen Größen und Farben. Die Interpretation, was genau ein solcher sei, geht da von Bauchtäschchen über Umhängetasche bis hin zum Tornister.

    Auf internationalen Flügen der Lufthansa soll es schon vorgekommen sein, dass das Bordpersonal den Reisenden „body bags“ zum Verkauf angeboten hat. Gemeint waren damit diese praktischen Sets mit Augenklappen, Pantoffeln und Ohrstöpseln. Über dadurch ausgelöste Fälle von Massenhysterie oder gehäufter Ohnmacht unter den englischsprachigen Passagieren ist zum Glück bislang nichts bekannt.

    Meistens soll „body bag“ wohl aber nichts anderes als Rucksack bedeuten. Das Wort Rucksack scheint jedoch völlig aus der Mode gekommen zu sein. Vermutlich klingt es zu deutsch, zu sehr nach Bergwandern, nach Matterhorn und Kuhglockengeläut. Das schreckt die Jugend ab, die schließlich Englisch gewöhnt ist, auch wenn sie es gar nicht immer versteht. Fazit: Kein Verkaufsschlager ohne englisches Etikett (cooler: Label). Aber wenn „body bag“ nun gar nicht das bedeutet, was die Anbieter meinen, was heißt „Rucksack“ dann tatsächlich auf Englisch? Machen wir rasch die Gegenprobe im Englisch-Wörterbuch. Da steht zum einen backpack, als Bezeichnung für die großen Wanderrucksäcke, aber noch davor, gleich an erster Stelle, steht zu lesen, man glaubt es kaum: rucksack.

    So weit ist es also schon gekommen, dass deutsche Werbemacher und Marketingstrategen sich neue englische Begriffe ausdenken müssen, weil das englische Wort zu deutsch klingt. Mit lawn mower und outdoor grill wird sich dann wohl bald auch nichts mehr verdienen lassen. Wie wär’s also mit lawn shaver und outdoor roast? Wie bitte, Sie haben noch keinen? Dann aber nix wie los!

  2. Shan Dark 31. Juli 2013 zu 00:59 #

    Hehe, „dead in pipe“ finde ich gut. 😉 Danke für den Zwiebelfisch – so ist es tatsächlich und traurig auch. Diese vielen dummen englischen Begriffe, nur damit es sich besser verkauft.
    Erinnerte mich an „public viewing“, was die „öffentliche Aufbahrung von Toten“ bezeichnet. Möchte mal wissen, wer das erfunden hat…

  3. clerique noire 2. August 2013 zu 02:11 #

    Wieder sehr schön und sehr interessant.
    Mein amerik. Mitarbeiter bot noch „set out to fail“ an, aber klingt natürlich nicht so gruftig.

  4. Shan Dark 4. August 2013 zu 21:16 #

    Danke Dir bzw. Deinem Kollegen für die Ergänzung! Ist halt etwas seriöser formuliert, ähnlich wie „prefailed“, aber sehr gut zu wissen. Vielleicht kannst ihn noch mal fragen, ob er eher „dead on arrival“ oder eher „dead in the water“ sagen würde. Um zu klären, ob es zwischen AE und BE Unterschiede gibt im Sprachgebrauch oder eher ein Unterschied in der Bedeutung beider Redewendungen besteht. Vorab schon mal danke, falls Du ihn noch mal erwischst!

  5. clerique noire 11. August 2013 zu 21:20 #

    Letzendlich hätte er die Formulierung nicht so gewählt, aber als semi-ami würde er eher DOA sagen.

  6. Wotan 14. August 2013 zu 08:47 #

    So! Die ersten 5 Sterne von mir ;o)

    Beim Lesen ging es mir wie dem Schatten, mir fielen sofort die „body bags“ von Bastian Sick ein.

    Und dann gab es irgendwo noch die Geschichte mit dem Grenzfluß…
    Leider ist mir entfallen, wo das passiert sein soll, jedenfalls gab es da diesen Fluß als natürliche Grenze zwischen 2 Staaten. Und gelegentlich wurde eine Leiche an das eine oder andere Ufer gespült. Angeblich haben die Grenzposten, in einem unbeobachteten Augenblick, den Körper dann zurück ins Wasser und in Richtung gegenüberliegendes Ufer geschoben, um das „Problem“ loszuwerden.
    Witzigerweise kam es vor, daß die Posten des Nachbarlandes es genauso praktizierten. Angeblich kam es vor, daß eine Leiche mehrmals illegal ein- und ausreisen mußte, bis sich jemand der Angelegenheit annahm.

    Man liest sich 😉
    Wotan.

  7. clerique noire 14. August 2013 zu 22:18 #

    @wotan: eine Leiche am Bein zu haben ist echt ein problem. Von daher ist es zwar nicht schön, aber durchaus menschlich.
    Warum nehmen sonst REttungswagen keine Leichen mit?????

  8. V. 20. November 2013 zu 22:26 #

    Man lernt nie aus.

    „dead in pipe“ gefällt mir aber auch und über die „body bags“ musste ich sofort lachen.

    Mich regt es immer auf, wenn alles so ins Englische gezogen werden muss, damit es modern klingt und sich besser verkauft. Letztlich versteht es kaum jemand oder (s. body bags) es sorgt für Emotionen. Wobei letzteres lustig sein kann … sobald man selbst versteht, worum es geht.

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