Die Gesichter des Krampus

Was bin ich? Das heitere Beruferaten mit Robert Lembke hätte Miguel Walch garantiert gewonnen und viel Geld ins „Schweinderl“ gesammelt. Denn um den Beruf des Krampusmasken-Schnitzers zu erraten, muss man erstmal wissen, was ein Krampus ist. Ich behaupte, dass hierzulande – außer in den bayrischen Alpen und bei den Lesern des schwarzen Planeten 😉 – dieser teuflische Brauch an Nikolaus nicht bekannt ist. Wir kümmern uns einfach viel zu wenig darum, was in den Alpenregionen im verschneiten Winter so passiert. Und in Zeiten vor YouTube hatte man gar keine Vorstellung davon, dass am 5. und 6. Dezember Männer in Teufelskluft Kindern und sogar Erwachsenen gehörig Angst einjagen. Krampus, der ‚bad guy‘ zum ‚good guy‘ Nikolaus, ist vor allem in Österreich ganz groß. Ich finde diese gelebte schaurig-schöne Tradition faszinierend und bewundere jedes Jahr die teuflische Vielfalt und besonders die schreckenerregenden Krampusmasken aus Holz, die den Krampus ausmachen.

krampus

Traditioneller Krampus mit einer Maske von Miguel Walch

 

Miguel Walch ist Krampusmasken-Schnitzer in Tirol und seit 7 Jahren selbständig. Von seinen kunstvoll-grausigen „Larven“ aus dem Holz der Zirbelkiefer kann er gut leben. Dabei ist Miguel mit 34 Jahren noch recht jung für diese jahrhundertealte Tradition. Ihr zufolge dürfen aber auch nur junge, unverheiratete Männer den Krampus spielen – die Maskenschnitzer sind jedoch meinem Eindruck nach oft etwas älter.

Schon seit vielen Monaten verfolge ich Miguel Walchs Maskenkunst auf Facebook. Miguel fertigt in seinem ganz eigenen Stil sowohl schreckliche Teufelsmasken, die dem traditionellen Krampus gut stehen als auch Larven mit Elementen von modernen Horrorfiguren wie Orks, Urukhai oder Dämonen. Einige sind definitiv FSK18. Krampusmasken-Schnitzer sind eigentlich das ganze Jahr über schwer beschäftigt, denn nach Nikolaus ist schon wieder vor dem nächsten Krampus. Doch wenn man sie im Oktober und November bei der Arbeit stört, schmort man schon fast in der Hölle. Ich hatte daher höllisch Glück, denn Miguel war verteufelt gut drauf und nahm sich die Zeit zu einer „peinlichen Befragung“. So konnte ich endlich mehr über den Krampus von einem echten Insider erfahren! Und ihr im folgenen Interview somit auch. ‚°|°‘

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1. Wie bist Du zum Krampus-Brauchtum gekommen? Kennst Du den Krampus aus Deiner Kindheit & Jugend? Warst Du selbst mal in einer Pass (=Krampusgruppe) als „Tuifl“?

Bei uns in Tarrenz gibt es den Krampusbrauch schon seit vielen Generationen, sogar mein Opa war als Krampus unterwegs. Ich bin selbst etwa zehn Jahre aktiv in Tarrenz dabei gewesen.

2. Du hast bereits mit 12 Jahren „durch Zufall“ mit der Maskenschnitzerei angefangen. Warum – was hat Dich daran so fasziniert? Was hat den Impuls gegeben? Hast Du Dir alles selbst beigebracht oder gab es einen Lehrmeister?

Ich hab mir meine erste Maske (oder eigentlich „Larve“, wie sie bei uns genannt wird) mit meinem lang zusammen gesparten Taschengeld von einem örtlichen Schnitzer gekauft. Die Maske war sehr einfach gehalten und aus Spaß sagte ich meiner Mutter, dass ich mir das auch zutrauen würde. Zu Weihnachten gabs dann ein großes Stück Zirbenholz und ein paar Schnitzmesser dazu. Die Sachen sind dann noch ein paar Monate unbenutzt herumgelegen und irgendwann hab ich dann mit meinem Opa gemeinsam die erste Maske probiert und so fing alles an. Eine klassischen Schnitzausbildung hatte ich nicht, den Großteil hab ich mir durch Probieren und Bücher selbst beigebracht.

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Krampus-Ork-Mischung 😉 (Foto: Willi Höbert)

3. Ich mag an Deinen Masken den Mix aus traditioneller Teufelslarve mit modernen Horrorelementen, die sehen schon sehr creepy aus. Zudem fertigst Du ja auch noch „extremere Masken“, die wirklich direkt aus einem Horrorfilm stammen könnten. Bist Du ein großer Horrorfilm-Fan oder was inspiriert Dich dazu? Ich hoffe, es sind nicht Alpträume. 🙂

Masken aus Filmen sind natürlich oft Vorlagen. Speziell „Herr der Ringe“ hatte einen großen Einfluß auf die Krampusszene. Aber auch aus diversen anderen Filmen kommen Inspirationen. Einen Alptraum hatte ich deswegen noch nie, ich kann da sehr gut abschalten.

4. Was sind Deine Top5 Filme aus dem Horror- und Grusel-Genre?

  1. Der Exorzist
  2. Saw
  3. Alien
  4. The Others
  5. The Blair Witch Project

5. Gibt es in Österreich eigentlich Kurse, in denen man speziell das traditionelle Krampus- und Perchten-Maskenschnitzen erlernen kann?

Ja, es gibt mehrere Möglichkeiten das Maskenschnitzen zu erlernen. Für professionelle Ambitionen bietet sich die mehrjährige Bildhauerausbildung an und für Hobbyschnitzer gibt es oft Wochenkurse speziell zum Thema Maskenschnitzen von mehreren Schnitzschulen.

6. Wie stellst Du die Masken her? Schnitzt du immer aus dem Holzblock heraus und/oder hast du Profile? Modellierst Du auch, z.B. mit Latex?

Ja, die Masken werden alle in Handarbeit direkt aus dem Holzblock geschnitzt. Ich zeichne mir ein paar Markierungen und Abstände aufs Holz und los gehts. Mit Latex habe ich auch schon gearbeitet und eine Holzmaske mit beweglichem Unterkiefer überzogen, das war aber eine Ausnahme.

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7. Wie lange dauert es, bis Du eine Maske fertig hast – mit allem drum und dran?

Im Schnitt brauche ich eine Woche vom Holzblock bis zur fix und fertigen Maske mit Hörnern und Fell, wobei das natürlich auch auch von der Art und Ausstattung der Maske abhängt.

8. Bitte mal für unerfahrene Deutsche: Was ist der genaue Unterschied zwischen einer Perchtenmaske und einer Krampusmaske? Gibt es einen?

Ursprünglich hat der Perchtenbrauch mit dem Krampusbrauch eigentlich nichts zu tun.
Perchten vertreiben den Winter und kommen vor allem in den Rauhnächten. Der Krampus ist der Begleiter des Nikolaus und soll böse Kinder bestrafen. Die klassische Perchtenmaske ist oft überdimensional groß geschnitzt, mit mehreren Paar Hörnern. Die Krampusmaske hat in der Regel nur ein Paar Hörner und ist meist etwas feiner ausgearbeitet. Mittlerweile wird der Begriff Krampus und Percht aber fast synonym verwendet.

krampus-maske9. Stellst Du eine Veränderung bei den Motiven im Laufe der Jahre bis heute fest?

Seit ca. 15 Jahren gibt es wieder einen Krampusboom und jede Menge neue Vereine. Die Masken wurden immer extravaganter. Viele Vereine möchten den Zuschauern jedes Jahr etwas neues präsentieren und lassen sich von Filmen und aktuellen Trends inspirieren. Die Masken werden heute oft von hauptberuflichen Schnitzern geschnitzt, im Gegensatz zu früher, wo noch der örtliche Hobbyschnitzer die Masken angefertigt hat.

10. Wie schwer ist so eine Larve überhaupt? Wie hält sie auf dem Kopf, damit sie nicht verrutscht? Wie atmet man?

Das Gewicht ist sehr unterschiedlich und hängt vor allem von den Hörnern ab. Die Masken haben im Schnitt zwei bis drei Kilogramm, wobei große Perchtenmasken mit vielen Hörnern auch schon 10 kg und mehr haben können. Die Masken wurden früher mit einem Lederriemen befestigt, heute werden oft Snowboardbindungen verwendet. Zum Atmen werden Löcher in Mund und Nase freigelassen.

11. Wie lange muss ein Teufel sie im Schnitt tragen bei einem Krampuslauf z.B.?

Das hängt in erster Linie von der Länge des Umzuges ab, aber im Schnitt ca. eine Stunde.

12. Muss man zum Anprobieren kommen – oder gibt es auch ‚unisex’-Larven, die jedem irgendwie passen?

Die Masken haben bei mir ein Normmaß, das fast allen passt. Frauen- und Kindermasken werden in der Regel etwas kleiner geschnitzt.

13. Wann gehen die ersten Bestellungen ein und wann ist die Hauptsaison für Dich?

Normalerweise kommen die Kunden direkt nach der Saison und bestellen schon die Masken für das nächste Jahr. Ich schnitze das ganze Jahr über hauptsächlich Krampusmasken, vereinzelt auch Faschings- und Fastnachtsmasken. Im Oktober und November ist die stressigste Zeit für mich.

krampusmasken-kaufen-miguel-walch14. Gibt es Kunden, die genau beschreiben, was sie für Masken haben wollen oder werden die meisten in deinem vorhandenen Sortiment fündig?

Der Großteil meiner Masken sind Auftragsmasken, die ein Kunde bzw. eine Krampusgruppe so bestellt hat.

15. Sind Deine Kunden vorwiegend Gruppen (Passe) oder öfters auch Einzelpersonen oder Sammler, die eine skurrile Maske haben wollen? Hast du hauptsächlich Kunden in Österreich oder auch einige (viele?) im Ausland?

Zu mir kommen hauptsächlich Gruppen, aber auch die ein oder andere Einzelmaske wird angefragt. Der Großteil ist aus Österreich, aber auch aus Deutschland, Schweiz und Italien (Südtirol). Ich erhalte auch Anfragen aus den USA oder Australien, aber da ist der Transport mit den Zollbestimmungen oft nicht so einfach.

16. Gibt es so etwas wie eine „Krampus-(Schnitzer)-Szene“ in Österreich, d.h. kennen und treffen sich die Schnitzer und Händler zum Austausch?

Man trifft sich manchmal bei Ausstellungen, manche sind befreundet und tauschen sich aus.

17. Was macht für Dich persönlich einen richtig guten Krampus aus?

Mir persönlich gefallen die traditionellen Masken sehr gut, eine braun/schwarze Maske, markante Gesichtszüge, mit einem Paar Bockhörner und Ziegenfell. Und dann als Begleitung vom Nikolaus von Haus zu Haus gehen und Hausbesuche machen – das ist für mich der traditionelle Krampus.

18. Was war die schrägste Geschichte in Deiner Krampus-(Masken-)Zeit, die Du erlebt hast?

Einmal hat eine Gruppe um 2 Uhr nachts acht Masken abgeholt, da sie eine 6 stündige Anfahrt hatten und die Masken unbedingt sofort holen wollten. Es fuhr dann ein winziger VW Polo vor, aus dem 5 Erwachsene ausgestiegen sind. Meine Frage, wo sie jetzt die Masken noch verstauen wollen, führte zu hochgezogenen Augenbrauen. Schlussendlich nahm jeder zwei Masken auf den Schoß und so fuhren sie dann wieder 6 Stunden nachts Richtung Heimat.

Krampusgruppe (eine "Pass") mit den Masken von Miguel Walch (Foto: www.miguelwalch.com)

Krampusgruppe mit den Masken von Miguel Walch (Foto: Schnapslochgeister Welschenrohr)

 

Riesigen DANK, Miguel, für Deine Zeit und das sehr interessante Interview. Ich wünsche Dir einen teuflisch guten Krampus 2014!

Mehr über Miguel Walchs Masken erfahrt ihr auf seine Homepage www.miguelwalch.com oder immer aktuell bei Facebook!

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8 Responses to Die Gesichter des Krampus

  1. Johanna 27. November 2014 zu 13:16 #

    Schön, dass du noch einmal einen Artikel zum Krampus geschrieben hast! Den letzten habe ich nämlich sehr gerne gelesen und jetzt weiß ich auch endlich mal, wie diese Masken hergestellt werden.
    Schade, dass es so etwas bei uns nicht gibt, da würde der Advent so einen netten gruseligen Beigeschmack bekommen… 🙂

  2. Dunkelelb 1. Dezember 2014 zu 13:47 #

    Super Artikel, also eigentlich eh wie immer. Der Krampus ist hier bei uns wirklich eine große Sache und auch jetzt gerade sind so viele unterwegs. Ich finde es großartig, dass diese geniale Tradition einfach nicht ausstirbt. Ich persönlich bin sehr stolz auf meine geschnitzte Larve und weiß wie viel arbeit in so einem Teil steckt. Ich muss aber leider zugeben, dass mein Ergebnis mit dem von Herrn Walch nicht konkurieren kann. Dafür habe ich mich ja auf einen anderen Zweig spezialisiert. Vielleicht interviewst du mich ja auch mal eines Tages. 😉

    Ganz liebe Grüße aus dem Alpenraum

    Der Elb

  3. Leo 23. Februar 2015 zu 17:51 #

    Großartige Teile, sieht super aus!
    Habe dem Miguel gleich mal ein fettes Kompliment auf die Seite gepackt.
    Dieser Blog hier ist auch nicht schlecht, werde mich mal ein wenig umschauen..;o))

    Liebe Grüße,

    die Leo.

  4. Shan Dark 24. Februar 2015 zu 22:04 #

    Danke Dir, Leo! Da haben sich gleich zwei gefreut – der Miguel und ich. 😉

  5. Ogami 30. April 2015 zu 00:11 #

    Ich komme aus Mc Pom & kannte den Krampus gar nicht. Meine Freundin aus Wien erzählte mal was. Da dachte ich mir, ein putzliges Männlein zur Weihnachtszeit…

    Bis meine Freundin mir eine Jimmy-Fallon-Sendung mit Christoph Waltz zeigte. Da wurde das Thema Krampus angesprochen und der Moderator hielt zunächst einen süßen Weihnachtself in die Kamera und präsentierte anschließend eine „grauslige“ Krampus-Figur. Das machte mich natürlich neugierig.
    Ich schaute mir Fotos im Netz an und war begeistert. Seitdem bin ich Krampus-Fan. Und wirklich tolle Masken!!!
    Schade, bei uns im Norden gif dat sowat nich.

    Übrigens: feiner Blog. Ich kenn nicht alles, aber nachdem ich mir hier Tipps & Tricks für mein erstes WGT geholt hab, hat’s mich doch schon irgendwie ein paar Mal hier her verschlagen.

    Danke 🙂

  6. Hansjörg Gstrein 24. Mai 2016 zu 20:17 #

    Sehr interessantes Interview mit Miguel Walch. Ich selber bin ja auch Maskenschnitzer und für mich ist unser Brauchtum nicht mehr wegzudenken. In den letzten Jahren hat sich das Ganze stark verbreitet. Bei uns im Tiroler Oberland gab es vor 20 Jahren nur vereinzelt offizielle Vereine, heute gibt es die fast in jeder Gemeinde. Es gab allerdings das von Haus zu Haus gehen was bei uns in der Gemeinde immer noch die Basis des Krampusbrauchtums ist.

    LG aus Ötz

  7. Shan Dark 5. Juni 2016 zu 11:21 #

    Danke, Hansjörg, für Deinen Kommentar. Deine Masken gefallen mir auch sehr gut.
    Da der Krampus ja ein Brauchtum ist, finde ich es wohl allgemein schöner, wenn auch noch die alten Riten, also das von dir beschriebene „von Haus zu Haus gehen“ (mit dem Nikolaus?) gelebt wird. Die Krampusläufe sind zwar ganz nett für Besucher und die Jugend, aber geben dem Ganzen auch einen arg kommerziellen Touch.
    Liebe Grusels
    Shan Dark

  8. Morktral 17. November 2016 zu 23:12 #

    Hi,

    vielleicht hast du auch an anderen Ritualen im Winter Interesse, die in gewisser weise etwas mit Winter und „Krampus“zu tun haben. Im Allgäu gibt es erstens das sogenannte „Klausentreiben“(https://youtu.be/Qecg9CjkCIM)

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