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B-MOVIE Lust & Sound

Mark Reeder, sie werden dich lieben! So wie ich – seit dieser Doku über „Musik, Kunst und Chaos im wilden West-Berlin der 80er Jahre“. Auch wenn es immerhin das erste vollständig durchlebte Jahrzehnt meiner Jugend war – ich erlebte es im braven, sozialistischen Osten. Bands wie Einstürzende Neubauten, Malaria!, Ideal und Joy Division hatte ich bis zur Wende nie gehört. Über die Mauer schwappten nur die ganz Großen, die so ein Airplay hatten, dass selbst die Ostsender sie im Radio spielen mussten (so hatte man das Gefühl): Depeche Mode und Nena. Immerhin.

westberlin-80erJa Mark, alle werden dich lieben, nachdem du sie in „B-MOVIE – Lust & Sound“ durch die West-Berliner Nächte geschliffen hast. Alle DDR-Jungs & Mädchen, die an der 80er Musikszene interessiert sind. Alle Zuspätgeborenen (nach 1980). Alle glühenden Liebhaber des Underground-Sounds. Alle (Ex-)Anhänger der damaligen Subkulturen wie New Wave, Dark Wave, Punk. Alle „ewigen 80er“. Und vielleicht sogar alle Berliner!?

Mark Reeder

Mark Reeder – frisch in West-Berlin

Mark Reeder, du stecktest ganz schön tief drin! Du, der Vinyljunkie aus Manchester mit den Uniformfetisch – tief im kreativen Sumpf Westberlins: als Musiker, Promoter, Manager (u.a. von Malaria!), Tontechniker, Produzent, Berlinberichterstatter und als Schauspieler. Als Letzterem begegnete ich dir zum ersten Mal und wusste noch nicht, was für einen Tausendsassa ich da vor mir habe! In Jörg Buttgereits „Nekromantik 2“ warst du einer leichenlüsternen Frau bis zum Verderb ausgeliefert, musstest für Fotos nackt kopfüber von der Decke hängen und erlebtest das Filmende nicht ganz „am Stück“. Ein armes Opfer, obwohl du eigentlich ein „Täter“ bist. Was die B-MOVIE-Doku deutlich zeigt, denn es ist dein Lebensfilm, der parallel läuft zum Szeneleben West-Berlins, mit Ironie, Ehrlichkeit und Leichtfüßigkeit erzählt. Deine Erinnerungen lassen das wohl kreativste Jahrzehnt, das Berlin jemals hatte, mit seinen (späteren) Idolen wie Ideal, Nick Cave, Gudrun Gut und den Einstürzenden Neubauten wieder auferstehen.

West-Berlin – die Stadt mit den ewigen Nächten

Die Nächte dauerten in Berlin fast länger als die Tage, zumindest in den 80ern. Hedonismus, Hausbesetzer, Musik, Drogen, Kunst und Antikultur, Exzesse und Sex. Kneipen, die nie schließen, Läden, die nachmittags öffnen, weil ihre Besitzer bis zum Vormittag im „Risiko“ versackt sind. West-Berlin ist ein Schmelztiegel von (Überlebens-)Künstlern jeglicher Art, die in den 80ern von West-Berlin angezogen wurden wie die Fliegen. Weil Berlin keine Industrie hatte, keine richtige Arbeiterkultur, dafür aber verrückte Lebensformen auf günstigstem Niveau ermöglichte.

Es gab keine Leidenschaft, die West-Berlin nicht befriedigte. Die Stadt erfüllt Dir jeden Wunsch. Einfach alles und immer exzessiv. Am Ende stürzte man dann wieder im „Risiko“ ab… just where the living dead hung out… those certain beings…

Im S.O.36 spielten die wildesten Bands. Wenn man hier war (…) spürte man, wie hart am Rand sich die Künstler nicht nur mit ihrer Musik, sondern mit ihrer ganzen Existenz bewegten.
(Mark Reeder)

Nicht am Bahnhof Zoo, sondern im Club getroffen: Christiane F.

Nicht am Bahnhof Zoo, sondern im Club getroffen: die hübsche Christiane F.

Anders als heute lebte die Jugend für den Moment, ohne Plan B für die Zukunft. Grenzen setzte nur der Berliner Senat oder seine Polizei und die Mauer. Ost-Berlin war eine Selbstverständlichkeit, die viele noch nicht mal interessierte. Ian Curtis allerdings schon. Er wollte nach Joy Divisions einzigem Konzert in Berlin im „Kant Kino“ unbedingt das Brandenburger Tor sehen. So besuchte er zusammen mit Mark Reeder die DDR. Einige Monate später koordinierte Mark auch das einzige DDR-Konzert der Toten Hosen in Berlin-Rummelsburg, denen übrigens die späteren Rammstein-Musiker ihre Gitarren ausliehen. Manchmal bin ich baff, wie doch alles irgendwie zusammenhängt.

Oft dachte ich: Das kann doch alles nicht wahr sein! Doch meine Recherchen ergaben: Mark Reeders Leben war wirklich so aufregend! 😉 Zum Beispiel lernte er Nick Cave bei einem Konzert mit Malaria! kennen. Nick hing mächtig durch zu der Zeit und Mark überredete ihn zu Berlin. Anfangs lebte Nick Cave in Marks Wohnung. Nick zeigt uns sein „Schlafzimmer“ mit der „collection of German Gothic paintings“ über dem Bett. Die 3 Jahre in West-Berlin fühlte sich Nick Cave, als bekäme er seine Jugend zurück. Mit Blixa Bargeld u.a. gründete er hier The Bad Seeds und machte die Nächte durch.

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Blixa ist für mich persönlich ein Highlight in der Doku, besonders wenn er erklärt, warum er nicht daran interessiert ist, Ost-Berlin zu besuchen. 😛

Ich sehe einfach keinen Sinn darin, eine Grenze zu passieren, um Berlin zu besuchen. Außerdem lebe ich gern in einer Stadt, von der ich die andere Hälfte nicht kenne.
(Blixa Bargeld, Einstürzende Neubauten)

Von Gudrun Gut – Sängerin von Malaria! – erfahren wir, dass sie Joy Division nicht mehr hören konnte, als sie damals im Plattenladen „Zensor“ arbeitete.

„Da war Joy Division natürlich DER Superhit. Es war fast wie Madonna. (…) Viel zu hittig. Aber es waren natürlich schon die Helden der Szene damals.“

West-Berlin existiert nicht mehr. Deshalb nicht traurig sein, dass man’s verpasst hat, sondern freuen, dass Mark Reeder dabei war! 😉 Und sein Leben noch mal zurückspult. Rewind wie in einer Zeitmaschine und man sieht all das sehr nah, wovon man vorher nur gehört oder noch nie gehört hat. Eine Doku, die niemals enden könnte. Aber sie tut es leider > 1989 mit Techno und der ersten Loveparade. Dann steigt man wieder aus der Zeitmaschine mit dem Gefühl „irgendwie“ dabei gewesen zu sein und hat einen neuen Ohrwurm „You need the drugs“ (Westbam feat. Richard Butler). Ihr werdet schon sehen!

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Musiker Mark Reeder – wer ist der Typ überhaupt? (Artikel von Deutschlandradio Kultur)

PS: Dickes Danke an ProtoVision für diesen Doku-Film-Tipp. 😉

 

(c) Copyright der Screenshots aus dem Film: DEF Media, Edel Germany GmbH

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3 Responses to B-MOVIE Lust & Sound

  1. Pooly 9. Januar 2016 zu 21:48 #

    Die Doku kam vor einigen Monaten (oder Wochen?) auf ARTE. Habe ich mir natürlich angeschaut und fand den Film sehr… interessant und gut gemacht. Ich mag es ja wenn jemand so aus dem Off von früher erzählt.

    Die Musik ist vielleicht nicht so ganz mein Geschmack, aber mich interessiert das ganze drumherum, das Flair von Berlin in den 80er Jahren und warum es die Leute in diese doch recht graue und raue Stadt gezogen hat.
    Während Berlin heute eher so ein Hippster Hotspot ist, war es früher wohl eher eine Stadt der verlorenen Seelen; ich weiss noch wie „Die Kinder von Bahnhof Zoo“ damals in aller Munde war.

  2. Shan Dark 10. Januar 2016 zu 19:08 #

    Hallo @Pooly,
    von der ARTE-Ausstrahlung wusste ich nichts, aber mit Monaten lagst du richtig, sie war schon am 3. Oktober http://www.arte.tv/guide/de/051383-000/b-movie-das-wilde-west-berlin-der-80er-jahre .
    Klar, Deine Musik ist es sicher nicht 😉 aber schon ein interessantes Zeitdokument! Und ich habe einige Zusammenhänge besser verstanden. Und man hat gesehen: Alles hat seine Zeit, ist im Fluß, verändert sich. Ein Film wie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ würde heute wohl nicht mehr so ankommen wie damals. Die Kids würden gähnen.

  3. Marcus 11. Januar 2016 zu 11:18 #

    Gerade weil ich bei meinen ersten Berlinbesuchen Mitte der 80er-Jahre noch nicht in die subkulturellen „Tiefen“ eintauchen konnte, hat auch mir der Film viel Freude bereitet. Wie Du schon sagst: Es ist ein spannendes Zeitdokument, welches interessante Zusammenhänge zu Tage fördert und den damals gewonnenen Eindruck, an jeder Stelle in dieser Stadt die Einzigartigkeit West-Berlins zu spüren, untermauert bzw. nachvollziehbarer macht.

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